Mein Yoga
Madonna auf der Bühne Yoga machend
Vor ein paar Jahren sah ich eine junge Frau auf der Bleecker Street in New York, die ein T-Shirt mit der Aufschrift „Fuck Yoga“ trug. Wie ein einsamer Rufer im Wald schien sie sich gegen den sich schon damals abzeichnenden Konsens stemmen zu wollen, der besagt, dass Yoga ein Muss für jeden gestressten urban professional ist. Zugleich verwies diese Beschimpfung des allgemein für gut Befundenen aber auch auf die Übermacht von Yoga, das einem Anrufungssystem gleicht, dessen Appellen kaum jemand entkommt. Ich spreche hier gleichsam aus eigener Erfahrung und möchte mich auf diesem Wege als langjähriger Yogi outen! Als Yogi jedoch, der die zentralen Ideologeme dieser Praxis durchaus fragwürdig findet und dies trotz meiner Begeisterung für ihre wohltuenden Effekte! Es sind letztlich zwei dem Hang des Neoliberalismus zur Individualisierung sämtlicher Probleme entsprechende Aufforderungen, die im Yoga zusammenfließen – die Aufforderung „bei sich zu bleiben“, sowie die Aufforderung, über seine Grenzen hinauszugehen. Diese Mixtur aus Voluntarismus (Du schaffst es, wenn Du nur willst) und Gelassenheit (Lass es geschehen) ist es meines Erachtens, die den aktuellen Yoga-Boom erklärt. Das ideale Subjekt soll dran bleiben und nicht aufgeben und zugleich dazu in der Lage sein, locker zu lassen. Im Yoga verdichtet sich das gängige Anforderungsprofil. Es ist deshalb kaum verwunderlich, dass die yogatypischen Stellungen und Bewegungsabfolgen, die zwar ausgesprochen herausfordernd und anstrengend sind, aber eben auch qua begleitender Atmung Entspannung bringen, längst ihren Siegeszug durch die Fitnessstudios angetreten haben. Neben Pilates, war es Yoga, das zu der sportlichen Betätigung schlechthin avancierte, was nebenbei bemerkt das noch in den 1980er Jahren kollektiv praktizierte Aerobics zu einer Fußnote in der Geschichte der Sporthysterien werden ließ. Noch die vielbeschworene Wirtschaftskrise trägt dem Yoga neue Adepten zu, die sich jetzt erst Recht die Sinnfrage stellen und sich zugleich körperlich besser fühlen wollen. Yoga gehört, anders gesagt, zu einer der wenigen krisenresistenten Wachstumsbranchen – je prekärer, unvorhersehbarer und kraftraubender die kapitalistischen Verhältnisse, desto größer scheint das Verlangen nach einer Betätigung zu sein, die sich im überschaubaren Rahmen der eigenen Yogamatte abspielt und die Möglichkeit eines „zu sich Kommens“ verheißt. Gerade in dem Moment jedoch, wo man – etwa in der finalen Entspannungsphase beim Yoga – einfach nur daliegen und „loslassen“ soll, stürzen meiner Erfahrung nach die eigenen und die Probleme der Welt erst Recht auf einen ein. „Bei sich sein“ bedeutet folglich bei genauerer Betrachtung, dass das Andere einen durchquert. Wenn der Yogalehrer dann noch regelmäßig dazu auffordert, an etwas zu denken, das „größer ist als wir selbst“, womit er eine gottähnliche Kraft meint, fällt mir entsprechend stets das Bild der Gesellschaft ein. Denn obwohl im Yoga die gesellschaftlichen Verhältnisse tendenziell ausgeblendet bleiben sollen, sind sie in dieser Praxis doch überaus präsent. Der offiziellen Yoga-Doktrin zufolge soll man es zwar tunlichst unterlassen, zu urteilen oder sich in Konkurrenz zu den anderen zu begeben. Es gibt jedoch kaum konkurrenziellere Ereignisse als fortgeschrittene Yogastunden, wo sich die Schüler ehrgeizig aneinander messen und ihr Können oder ihr Yogaoutfit gegenseitig mit einem durchaus klassifizierendem – sprich urteilendem – Blick begutachten. Yoga ist aus dieser Sicht betrachtet die ideale sportliche Betätigungsform in einer Wettbewerbsgesellschaft und dies nicht zuletzt deshalb, weil sie auf einen Wettbewerb vorbereitet, wo nicht mit offenem Visier gekämpft wird. Man konkurriert ja heute eher verdeckt miteinander, zumal Kooperation in einem vernetzten Kapitalismus groß geschrieben wird. Dieser latent bleibende und dennoch stattfindende Wettbewerb hat auch in Yogastunden seinen Ort. In einer Stadt wie Berlin konnte man die Popularität des Yoga in den letzten Monaten an immer wieder neu eröffnenden Yoga-Studios ablesen. Allein im Stadtteil Mitte sind mittlerweile sämtliche Yoga-Richtungen vertreten und man kann morgens überlegen, ob man lieber Mantren singen, bei Gluthitze die immer gleiche Bewegungsabfolge absolvieren oder sich mit Power-Yoga zur Erschöpfung bringen möchte. Noch jene, die sich in den 1980er Jahren gegen die Idee, dass es so etwas wie ein authentisches Selbst geben könne, mit Händen und Füßen wehrten und dies mit dem berechtigten Verweis auf die Konstruiertheit von Identität, finden sich plötzlich im „Hund“ auf der Matte wieder, wo sie von ihrem Yogalehrer dazu aufgefordert werden, mit ihrem tiefsten Inneren in Kontakt zu treten. Womöglich ist es ein direkter Weg, der vom überzogenen Anti-Essentialismus zum Rückfall in Essentialismen führt? Eben weil schon der bloße Gedanke an Authentitzität und essentialisierenden Identitätsvorstellungen in den 1980er und 1990er Jahren so anrüchig war, melden sich diese womöglich mit Wucht spätestens in dem Moment zurück, da sich dieselben Akteure auf die Suche nach dem begeben, was sie „eigentlich“ ausmacht. Und bei aller Kritik an den essentialistischen Implikationen von „Eigentlichkeit“ muss man doch einräumen, dass man sich nach jeder Yogastunde innerlich ruhiger oder „geerdeter“ fühlt, wie die Yogas sagen. Bin ich folglich selbst der Yoga-Ideologie vollständig erlegen? Ja und Nein. Einerseits denke ich tatsächlich, dass man für die extreme Ablehnung von allem vermeintlich Authentischen einen Preis zahlt – man geht gewissermaßen über sich und die Frage, wie es einem geht, hinweg. Andererseits versuche ich mir noch während meiner Yoga-Praxis eine Art analytische Distanz zu ihrem Authentizititätsgebot zu wahren. Wie weit ich in den Yoga-Kosmos schon eingestiegen bin, lässt sich jedoch daran ermessen, dass ich augenblicklich mit dem Gedanken an einen Aufenthalt in einem „Yoga-Retreat“ spiele. Ich hätte nie gedacht, dass es mit mir einmal so weit kommen würde.

2 Kommentare. Kommentar hinzufügen
CharLi, 19.07.2009 17:41
Sehr geehrte Frau Graw:
Stimmt. Die Frage nach den emanzipativen oder sedierenden Aspekten von Hathayoga im Zeitalter seiner leistungssteigernden Anwendbarkeit hat sich tatsächlich verschärft, seit Rahimo Täube 1977 unter dem Titel "Die Lotusblüte bekommt Stacheln" die psychophysischen Wirkungen des Hathayoga mit denen der damals gebräuchlichen Körpertherapien und den Erkenntnissen der Frankfurter Schule verglichen hat.
Ihre - verglichen damit - aktualisierte Reflexion ist nachvollziehbar, ähnelt Täubes damaliger allerdings in der Hinsicht, dass auch Sie eine Perspektive von außen einnehmen, wenn Sie als "zentrales Ideologem" einen "Hang des Neoliberalismus zur Individualisierung" ausmachen. (Allein der Ausdruck "Yoga-Ideologie" erinnert tatsächlich ein wenig an den 1977 noch herrschenden flächendeckenden Ideologieverdacht, der auch Täubes Dissertation ziert.)
Als "langjährig Praktizierende" wissen Sie, dass die "Idee, dass es so etwas wie ein authentisches Selbst geben könne", bzw. "Authentitzität und essentialisierende Identitätsvorstellungen" in den diversen Philosophien der Yogas so nicht vorkommen, und Letztere vielmehr hinsichtlich der "Konstruiertheit von Identität" übereinstimmen.
Natürlich ist dies nicht der Ort, den Begriff von Selbst oder Nicht-Selbst in Patanjalis oder verwandten Lehren zu erörtern - wohl aber, dass der Kontakt mit unterdrückten, abgespaltenen oder sonstwie narkotisierten Impulsen nur bedingt zur Leistungsoptimierung taugt. Denn die "wohltuenden Wirkungen", das "ruhiger und geerdeter" Fühlen ist ein erfreuliches, aber sekundäres Resultat.
Hinzu kommen eine Schärfung aller Sinneswahrnehmungen, die damit einhergehende Wahrnehmung von Konditionierungen und die daraus resultierende "analytische Distanz", die Sie selbst erwähnen.
Von daher scheint mir "die extreme Ablehnung von allem vermeintlich Authentischen" ein Missverständnis der mir bekannten Yogalehren, und der von Ihnen gezahlte "Preis" eine unnötige Investition - ist doch Ziel des Hathayoga eben NICHT, "über sich und die Frage, wie es einem geht, hinweg" zu gehen. Im Gegenteil ermöglicht Yogapraxis erst den Kontakt zu betäubten Teilen der Persönlichkeit.
Kurz: Sollten Sie noch immer mit dem Gedanken ans Retreat spielen, lassen Sie es ruhig "so weit kommen" und GEHEN SIE. Denn die Intensität einer derart verdichteten Praxisphase ist durch Einzelstunden nicht zu ersetzen und stärkt die Widerstandskräfte ganz ungemein.
Z, 03.09.2009 15:44
Yoga teachers bent on no regulations
article from 'Marketplace' written by Lisa Napoli
The ancient practice of yoga has grown into a multi-billion dollar industry, so a growing number of states are trying to regulate it. But that's leaving some yoga teachers in a twist.
Kai Ryssdal: I'm a day late on this one, but welcome to National Yoga Awareness Month everybody. You may not need a reminder that yoga is a $6-billion industry in this country. Maybe you're one of the 16 million Americans with a yoga mat tucked under your desk.
For the rest of us, it's worth noting that yoga has become an exercise in very big business. And with that comes something that leaves many devotees in a twist: A growing number of states are trying to regulate the yoga industry. Lisa Napoli reports.
LISA NAPOLI: Becca Hughes fell in love with yoga eight years ago. Now, she runs her own studio in Oklahoma. Hughes says there used to be one path to get to teach yoga.
BECCA HUGHES: Years ago you would have had to have worked with your guru or your teacher for many, many years until they finally told you, OK, you're ready now.
Today, if you want to make yoga your profession, you pay to take a teacher training class. Courses can last from a few days to a few weeks, and cover topics from anatomy to meditation.
Here in California's Pacific Palisades, a few dozen would-be instructors are huddled over thick textbooks. They're analyzing illustrations of yoga poses. This 200-hour course costs over $3,000.
Mark Davis is president of the industry trade group Yoga Alliance, which is based in Arlington, Va.
Davis says the Alliance has been trying to professionalize the business of yoga for 10 years.
Mark Davis: There was concern that there were people out there charging a lot of money, students were getting hurt because of inappropriate training of the teachers...
Now, educational laws that have been on the books for decades are being used to clamp down on yoga teacher training schools. About a dozen states have started scrutinizing curriculum, and imposing licensing fees. Wisconsin was among the first.
Pat Sweeney is with the state's Educational Approval Board.
Pat Sweeney: We want to make sure if somebody signs up to go to a school that the program is good, and they get their money's worth.
Sweeney says his job isn't to regulate yoga. It's to make sure the schools are legit.
Sweeney: What happens if somebody doesn't show up, what happens if somebody drops out after the second week, how much of a refund do they get? We want all of those things spelled out.
The same kinds of regulations that govern other vocational schools, like those that teach pet grooming and truck driving. Fees for licensing vary state by state, from a few hundred dollars to several thousand.
Yoga teacher Becca Hughes paid $1,200 to get licensed by Oklahoma. She says many of her fellow yogis around the nation have been balking at not just the cost of licensing, but at the very idea of interference.
Hughes: Yoga is supposed to be about peace and love and everyone getting along. Right? We don't need rules, we don't need the government.
And yet governments are stretching their reach ever more into yoga. Earlier this year, yoga studios in Michigan were given a week to undergo state certification.
And in New York, the state tried to shut down 80 yoga teacher-training programs. The New York effort's been pushed back for now. But those who watch the industry say regulation of yoga across the country is inevitable.