Kofferleben, Gunnar Reski
 
  • 350. Stunde im July 2010

    Nach dem Feierabend der Abstraktion

    08.05 - 27.06.10 / INTERIEUR - WERKSCHAU ANDREAS SCHULZE / SAMMLUNG FALCKENBERG / PHOENIX ART / HAMBURG

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    ANDREAS SCHULZE / OHNE TITEL (BLUMEN IN DER STADT) / 1997 / 180x300 CM

    Andreas Schulzes Malerei hat vermeintlich viel mit naivem Charme zu tun. Der kommt mit einer verblüffenden Nonchalance daher. Andreas Schulze ist wahrscheinlich einer der wenigen, die per amüsiertem Achselzucken malen können. Sehr einfach und sehr lässig. So ein bisschen wie die fröhliche Pubertät auf dem Weg zur Abstraktion oder auch beim angeschickerten Nachhauseweg von dort zurück. Und wer wem zuerst einen Korb gegeben hat, ist dann auch wieder längst egal. Charme hat man oder eben nicht, je nach Tagesform. Naivität muss man sich eher stets mühsam zurückerobern, wenn man kontinuierlich damit arbeiten will. Mit solchen Formulierungen gerät man leider sofort in des Teufels Küche.

    Andreas Schulze war der wahrscheinlich einzig echte Neue Deutsche Welle-Maler in den Achtzigern inmitten dieser neuwilden BRD-Malerei. Deren heftige NeoExpress-Vertreter aber nicht mit wahrhaftigen Punk-Entsprechungen verwechselt werden sollten. Es gab natürlich solche Missverständnisse, wahrscheinlich nicht nur bei mir. Will man den Vergleich weiterspinnen, dann war Middendorf damals Extrabreit, Elvira Bach eventuell Nena, und Andreas Schulze könnte dementsprechend die dankbare Rolle des Charme-Prinzen Andreas Dorau gehabt haben. Falls sich jemand noch an einen bezaubernden Song wie „Fred vom Jupiter“ erinnert. Trio wäre als Infantildada auch eine passende mögliche Entsprechung gewesen. Walter Dahn und Jiri Dokupil hatten auch einige NDW-Tendenzen in petto, waren aber frühreif stilistisch zu versiert.

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    ANDREAS SCHULZE / OHNE TITEL / INSTALLATIONSSANSICHT / SAMMLUNG FALCKENBERG

    Seinen ultimativen Stil hat Andreas Schulze schon zu Studentenzeiten aus dem Hut gezaubert und ist ihm einfach konsequent treu geblieben. Bezaubernd abstrahierende Vereinfachungen der Alltagswelt, die weder den metaphysischen Hoch- noch Tiefbau in der bildlichen Repräsentation bemühen müssen. Ich habe ihn irrtümlich einfach nur für den weltbesten Erbsenmaler gehalten. In der Sammlung Falckenberg gab es jetzt im Frühjahr in einer umfassenden Werkschau annähernd sein Gesamtwerk zu begutachten. Mit dieser Show wird Andreas Schulze als einer der wenigen interessanten Maler der 80er Jahre neu positioniert. Wenn denn genug die Ausstellung gesehen haben.

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    ANDREAS SCHULZE / OHNE TITEL / 170 x 410 CM / 2002

    Auch schon vor Polkes Tod war immer offensichtlich, dass Schulze einer der wenigen Maler ist, der Polkes piefig-pfiffige sechziger Jahre-Humorigkeit fortführen können. Dessen lustige Tendenzen sind ja später schnell versiegt. War es bei Sigmar Polke die Verhohnepipelung des kriegstraumatisierten (?) Adenauer-Spießbürgertums, hat Schulze eine Entsprechung der ähnlich muffigen Wende-BRD von Kanzler Kohl in den 80ern kreiert. Die kurvigen 50er Nierentisch-Formen mutieren hier zu abstrakten Kurvenböllern, die frei schwebend oder sitzend als Abstraktionsamöben im möblierten Bildraum auch schon mal kommendes Gendesign ankündigen. Menschendarstellungen kommen nicht vor. Es sind Anmutungen von hübsch entkernten Lebensräumen a la broken home stories, deren nicht gezeigte Bewohner vielleicht ähnlich viele Handicaps und Leerstellen aufweisen, so dass man sie lieber gar nicht erst zeigen mag. Dagegen dürfen Marsriegel, Obst, Pflastersteine, Solarien, Geschirr, und jede Menge flott schattierte geometrische Grundformen seine geschmackig sphärischen Farbverläufe im Hintergrund bevölkern.

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    ANDREAS SCHULZE / OHNE TITEL / 200 x 400 CM / 1985

    Die radikale Simplizität dieser Bildsettings ist nach wie vor erfrischend. Schulzes befreiende Veralberung eines letztlich klerikalen Reduktionismus, nicht nur aus Amerika, hat die Stärke, dass seine essentiellen Albernheiten nicht im flachen Fahrtwasser der Parodie oder Scharade baden gehen. Schwer zu sagen, wie er das hinbekommt. Auf alle Fälle tauchen in seinen besten Bildern wieder so etwas wie bezaubernde Unschuldsmomente auf, wobei man sich auch fragt, warum das als Kriterium eigentlich so ultimativ sein soll. Unschuld kommt hier angenehmerweise sogar ohne moralische Attitüden aus.

    Keithstraße 10


  • 612. Stunde im April 2010

    Smart Brut

    21.01 - 25.04.2010 / BJARNE MELGAARD / „JEALOUS" / ASTRUP FEARNLEY MUSEUM / OSLO

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    Bjarne Melgaard / Untitled / 240 x 300 cm / 2009

    Norwegen hat eher wenig zeitgenössische Konsenskünstler mit internationalem Renommee. Bjarne Melgaard ist einer von ihnen. Seine allgemeine Anerkennung und Rolle als Identifikationsfigur auch für nachfolgende Generationen hat er eher trotz der Tatsache erlangt, dass er eigentlich Maler ist oder sich der Malerei bedient. Melgaards Arbeitsweise bedient viele Klischees des ruppigen Badpaintings oder Neo-Gothic. Unter allen lebenden Künstlern hat er mit Sicherheit am häufigsten das Wort „FUCK" auf die Leinwand gebracht. Munch würde heute vielleicht so ähnlich malen. Aber das ist ein anderes norwegisches Problem. Hierzu muss man auch wissen, dass in Norwegen der sogenannte Malereiboom wie in Mitteleuropa (oder auch nur in Leipzig) Anfang/Mitte der Nuller Jahre einfach nicht stattgefunden hat. Eine kategorische Mediendiskussion mit Ausschlusscharakter gibt es zwar nicht, aber latent verschleppte Moderne-Ressentiments gegenüber Malerei fühlen sich hier noch an wie in Deutschland Anfang der neunziger Jahre. Sagt ja keiner, dass sie viel verpasst hätten, aber irgendwas verpasst haben sie schon. Ein junger norwegischer Künstler sagte mir mal, als er vom realistischen Abbildungsgrad her einfach von Malerei zu Zeichnung übergewechselt sei, gab es plötzlich überhaupt keine Probleme mehr in punkto Akzeptanz an der dortigen Kunsthochschule.

    Ein zentrales Stichwort bei Melgaard ist eigentlich „Spatial Novel". Schönes Stichwort. Besser ein angetäuschtes Versprechen als gar keins. Das bezieht sich auf seine geschickt vollgekramsten Allover-Installationen, die gekonnt alles eingemeinden können, was ihm grad so vor die Füße fällt. In der einzigen raumgreifenden Installation ist das unter anderem auch eine von Anselm Kiefers Bleibuchregalskulpturen, die dort sonst als ständiger Bestandteil der Sammlung präsent sind. Als vereinnahmtes Bestandteil von Melgaards Installation bekommt selbst diese Arbeit wieder eine Art frische Patina.

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    Bjarne Melgaard / Untitled / 300 x 240 cm / 2009 (jeweils)

    Bjarne Melgaards Ausstellung „Jealous" im Astrup Fearnley Museum macht einiges her. Wenn auch als seine erste Retrospektive angekündigt, ist ein Großteil der Arbeiten neu für diese Show entstanden. Das Astrup Fearnley Museum ist eine wenigen großen Ausstellungssorte in Oslo, das sich adäquat um zeitgenössische Kunst kümmert. Die Crux dabei ist, es wird von einem privaten Sammler betrieben. Indirekt heißt das, der durchaus immense Kulturetat Norwegens ist nicht in der Lage, ein relevant funktionierendes Museum für Gegenwartskunst auf die Beine zu stellen.

    Bjarne Melgaard hat circa fünfundzwanzig großformatige Leinwände von Assistenten fotorealistisch vollmalern lassen, um diese dann in seiner typisch signifikanten Art mit mehreren hundert XXL- Old Hollandtuben direkt auf die Leinwand voll zu schlenkern. Die Farbwürste lagern zum Teil in drei Schichten übereinander. Wenn auch mit etwas weniger obsessivem Schwung als sonst auf dem Bildträger angebracht. Vielleicht hat die durchweg ordentlich gemachte Fotopeinture doch etwas hemmenden Respekt verursacht. Die Motive dieser fotografische Hintergrundmusik haben einen privaten unspezifischen Touch. Melgaard selbst ist auch in würdiger Grandseigneur-Pose mit Spazierstock zu sehen. Er sieht gut aus. Die handschriftlich entsprechend gekrakelten Zeilen auf all diesen Garagentorformaten stehen unter dem Motto „Chemical Diary". Dort ist durchweg die Rede von Lovern und grenzwertigen Sexpraktiken: Muss weder alles lesen noch nachmachen. Es geht wohl explizit um einen impertinenten Sound von Pseudo-Privatheit in Text und Bild, die einen in eine ungefragte Zeugenschaft mit hineinzieht, aber eben nur prototypisch und in der Hauptsache penetrant.

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    Bjarne Melgaard / Untitled / 240 x 300 cm / 2009

    Obsession und Opfer sind sozusagen die zwei mentalen Standbeine, von denen Melgaard in seiner Künstlerrolle augenscheinlich aus operiert. Er inszeniert sich nach wie vor als zu Unrecht abgewiesener Outlaw, der seiner versammelten Umwelt hauptsächlich einen vor den ästhetischen Latz knallen möchte. Als mittlerweile international wohlhabender Konsenskünstler entbehrt das nicht einer gewissen Koketterie. Irritierender in der Show bleibt das Duell von Fotorealismus und Melgaards Farbwurstattacken, die versiert selbst jegliches embryonales Stilbewusstsein unterbieten. Melgaards präfantile Antigestaltung gegen das Summen der breiten visuellen Masse funktioniert als maximal feindliche Gegenüberstellung im Kontrast sehr gut. Er hat vielleicht etwas zu pflichtschuldigst alle potentiell leeren Museumswände zugepflastert. Da riecht es dann leicht nach überinszenierter Anti-Salonkunst im Stadionrockformat. Und es bleibt der Beigeschmack, dass es das dekadent aufwendig hergestellte Malereihandwerk unbedingt braucht, um seinen Stilkanon noch mal etwas zuzuspitzen. Sein De-Skilling gegen das zeitgenössische gerade wieder abgeschmackte Re-Skilling fährt hier einen etwas zu leichten Sieg ein. Trotzdem hat er im Vergleich zu andern Smart-Brut-Künstler noch mal recht schlau auf die Tube gedrückt.


    PETER SAUL / „SHEER TERROR" / NOLAN JUDIN BERLIN / 13.05 - 24.04.2010

    „I was surprised by Minimalism. It had never occurred to me that viewers would want less to look at. Finally, I realized it gives the spectator a chance to be more interesting than the picture."

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    Ausstellungsansicht / Peter Saul / "Sheer Terror" / Nolan Judin Berlin

    Comic und Malerei kennzeichnet ein eigenartiges Nichtverhältnis. Beide kulturellen Subsysteme hocken recht selbstbezüglich in ihren gemütlich ausgebauten Ghettos, haben eine vage Ahnung voneinander und ab und zu wird wohl mal was über den Zaun geschmissen. Ob als Angriff oder Angebot bleibt unklar, bei zwei bedingt ähnlich veranlagte Kulturkräften, die noch nicht mal verfeindet sein können. Vielleicht weil eines mal als Überbau und das andere als Unterbau veranlagt war. Das war ohne weitere Wertung gemeint. Von Konkurrenz kann man auch nicht wirklich sprechen, dazu sind schon die Preisstrukturen und Käuferschichten zu unterschiedlich. Das eine hat Vorteile, die das andere auf Teufel komm raus absolut nicht braucht. Und umgekehrt.

    Peter Saul ist ein verdienter wie unterschätzter Pionier in dieser schlecht besuchten Comic& Malerei Begegnungsstätte. Sein Kulturaustausch betreibt dort Konfliktverschärfung- und bereinigung gleichzeitig. Jede Menge gängige Zeitgenossenkunst mit Subkulturtouch wäre ohne ihn kaum denkbar. Maler wie Caroll Dunham und Elisabeth Murray haben sich ausdrücklich auf ihn berufen. In Europa hat er bisher nicht annähernd die Aufmerksamkeit wie Philip Guston bekommen, auch wenn sein Einfluss auf jüngere Künstler allmählich wächst. Immerhin hatte er vergangenes Jahr drei Retrospektiven in Amerika, wenn auch eher dezentral platziert. Er ist einer der wenigen Maler, der es am ehesten schafft, aus diesen beiden kulturellen Subsystemen zugleich etwas herauszuholen, sozusagen mit punktuell interessanten Synergieeffekten. Das unterscheidet ihn von Künstlern wie Roy Lichtenstein, Keith Haring oder Raymond Pettibon, die eher einen erfolgreichen stilistischen Oneway- Importhandel von der Comic- in die Kunstwelt durchgeführt haben. Für den „New Yorker" ist er einer der wenigen relevanten lebenden amerikanischen Historienmaler. Mit Mitte siebzig ist er 2008 noch mal nach New York gezogen, hat ein Ein-Zimmer-Appartment und teilt sich mit sechs anderen Künstlern ein Studio. Man hätte vielleicht einen etwas gehobeneren Lebensstil erwartet.

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    Cold Sweat / 1999 / Acryl auf Leinwand / 140×170 cm

    Einfach gesagt, verbindet er die feste Konturierung und grafische Grundkomposition eines Comiceinzelbildes mit raffiniert gemalten Flächenfüllungen. Hier sind präzise gearbeiteten kurvigen Farbschattierungen ausschlaggebend. Outlines kommen in den letzten Jahren kaum noch vor. Ebenso wenig wie beherzte Pinselstriche mit gestischem Farbschmelz. Die fertigen Bilder wirken insgesamt sehr kalkuliert und nahezu steif durcharrangiert. Das tut ihren erstaunlich frischen aggressiven Prop-Qualitäten jedoch keinen Abbruch. Die Kompositionen haben sich tendenziell eher auf ein bildfüllendes Motiv hin vereinfacht. Bekannt wurde Peter Saul in den Sechzigern mit psychedelisch multiplexer Hippiepopart, mit verwirrenden Kompositionen ein wenig wie postsurrealistisch flach gelutschte Flowcharts. Die Bilder der letzten Jahre zeigen jetzt mal einfach ein lustig mit Angstschweiß geflutetes Konterfei oder historische Sujets des zweiten Weltkrieg mit Stalin und Mao vereint im Kampf gegen deutsche Nazis. Die haben laut Peter Saul noch lange nicht genug auf den Deckel gekriegt. Innerhalb der erwähnten Hauptmotive ringen nach wie vor sehr vielteilig und amorph diverse Körperteiligkeiten und andere Symbolträger miteinander um den besten Platz im Bild beziehungsweise sorgen für interessant changierende Lesweisen des komplexen Bildgefüges.

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    Sardanapalus / 2005 / Acryl und Öl auf Leinwand / 198×244 cm



  • 732. Stunde im November 2009

    NEUE TROMPE L´OEIL-TENDENZEN (I)

    Haben David Thorpe, Thomas Demand, Kira Wager und Sebastian Hammwöhner etwas gemeinsam? Eher bedingt, jedenfalls nicht denselben Galeristen, der unterm Schreibtisch dezent mit der zu schnell vergessenen Krise kämpft. Auch wenn man nicht unbedingt alle diese Künstlernamen kennt, verbindet diese ein kleines Stichwort der Kunstgeschichte: den Trompe l´oeil-Effekt. Täuschend echt oder echter als echt, schwer zu beschreiben, man muss es sehen, bzw. gerade auf solch visuellen Trickbetrug hereingefallen sein. In geschriebener Sprache gibt es keine Entsprechung, was auch aufschlussreich ist. Wenn schon Realismus, dann nur in gesteigerter Form, ist vielleicht die abstrahierte Quersumme dieser Künstler mit sonst geringen Gemeinsamkeiten. So ähnlich wie Alltag noch am ehesten in komprimierter Form erträglich ist. Na, dann nehme ich doch einen doppelten Novembermontag diese Woche, dann hab ich nächste keine Wetterdepression.

    David Thorpe erreicht mit seinen Materialassemblagen einen verblüffenden Grad an Photorealismus,  wenn er aus zusammengeklebten Borkenstückchen die perfekte Anmutung eines fabelhaft  dargestellten Baumstammes erzeugt. Entfernt kommt auch die in Vergessenheit geratene Fraktaltheorie ins Spiel. Im Kleinen steckt in beliebiger Hoch- oder Runterskalierung und Wiederkehr das entsprechend Große. Sebastian Hammwöhners gezeichnete Teppiche benutzen virtuos Trompe l´oeil-Effekte in klassischer Manier. Es scheint wahrhaftig geknüpftes Teppichgut hinter Glas zu hängen, bis man etwas näher tritt. Sein vermeintlich antikes Bildgut liest sich unterschwellig wie ein Kommentar über all die zeitgenössische Kunst, die immer noch selig in der Vergangenheit baden geht. Wenn schon im Rückwärtsschritt, dann immer von ganz weit hinten kommen. Kira Wagers Malerei deutet Trompe l´oeil eher nur an. Sie ist eine der wenigen die Pinselschwünge mit Topsspin oder unterschnitten einsetzen können. So entsteht ein wirklich einzigartiger Phototouch. Mehr davon im zweiten Teil.

    Thomas Demand, „Klause II", C-Print/Diasec, 2006

    18.09.2009 - 17.01.2010 / THOMAS DEMAND / „NATIONALGALERIE" / NEUE NATIONALGALERIE / BERLIN

    Kittelmanns Presseabteilung muss man noch mal nachträglich gratulieren. In den Tagen um die Eröffnung war es schlichtweg unmöglich eine Zeitung aufzuschlagen ohne Doppelseite über Demands „Nationalgalerie". Es ist immer lobenswert, wenn sich um echte Nischen gekümmert wird. Bei einer derart effizienten Verwertung einer überschaubaren Bildmethode wird natürlich jeder neidisch. Es geht wohl um Memorial-Realismus oder womöglich etwas namens Memorialismus, auch wenn es aus Pappe ist oder gerade weil? Und wie gern sich das menschliche Auge Realitäten vorgaukeln lässt. Falls es jemand wirklich noch nicht weiß: Thomas Demand baut in bravouröser Akribie Pappmodelle nach zeitgeschichtlich relevanten Fotografien, die wiederum highend-mäßig abfotografiert werden. Wie eine Fake auf Grundlage fotografischer Oberflächen funktioniert, abstrahiert mittlerweile jeder Dreijährige mit treuherzigem Augenaufschlag weg. Oder auch interessant, wie blitzartig man zwischen photorealistischen Looks von VHS-Video, Polaroid, You-Tube- oder HDTV unterscheiden kann. Natürlich kann man auch aus abgeschnittenen Fingernägeln einen anscheinend funktionstüchtigen BMW zusammenbasteln. Anscheinend ist hier das Schlüsselwort. Die Grenzen von Demands Arbeitsmethode liegen in der Limitierung des Ausgangsmaterials ´Pappe´. Man bekommt eben nie zu Gesicht, was sich damit nicht so täuschend echt basteln lässt. Menschen oder Flüssigkeiten? Fehlanzeige. So gesehen steht Thomas Demand das Abbildungsvokabular direkt nach Abwurf einer Neutronenbombe zur Verfügung. Interessante Selbstbeschränkung vermeintlich umfassender fotografischer Abbildungskraft. Insofern ist es naheliegend, auch öfters prominente Todesfälle (Uwe Barschel, Lady Diana) als Ausgangsmaterial zu verwenden. In der Regel geht es jedoch mehr um historische Schauplätze wie die alte Innenausstattung des Parlaments oder ein frisch gefleddertes Stasibüro. Halb vergessene Hotspots im kollektiven Gedächtnis einer Staatsgemeinschaft werden als Mimikryrealität noch mal aus dem Hut gezaubert. Ohne Titelinformation hat man eine blasse Ahnung, woher man es noch kennen müsste. Achsoja, Robert Lembkes „Was bin ich?" - Fernsehstudio. Kunst beschränkt sich hier auf eine Memorial-Funktion vergleichbar mit Gedenk- und Todestagen. Während Kunst ja auch so etwas wie eine modifizierte Geschichtsschreibung ausprobieren oder vorschlagen könnte, unterscheidet sich Demands zeitgeschichtliche Bildauswahl in keiner Weise vom Mainstreamkonsensraster eines ZDF-Jahres- oder Dekadenrückblicks. Die vierzig gezeigten Arbeiten in der Neuen Nationalgalerie sind denn auch eine bewusste Auswahl anlässlich des zwanzigjährigen Mauerfall sowie zum vergessenen kulturpolitischen Tagesgeschäft dieses Landes.

    Der Erfolg Demands mag auch auf unterdrückter wertkonservativer Sehnsucht beim neuen wie alten Bürgertum nach gekonnter Handwerklichkeit zusammenzuhängen. Und je weniger eine durchdefinierte Könnerschaft zum Vorschein kommt, umso besser. Man will ja auch nicht unbedingt die minusbezahlten Hände in Fernost sehen, die die gerade frisch erstandene It-Bag hergestellt haben.

    Am interessantesten bleibt noch jener Mimikry- oder Trompe l'oeil-Effekt, der das Betrachterauge wahrnehmungstechnisch nachhaltig in einen irritierten Zwiespalt bringt. Das Auge - wie erwähnt seit den Sechzigern nahezu automatisch auf das Erkennen von Fotos getrimmt -, verhakt sich immerzu beim Einsortieren dieser Photoschimären, weil allzu viele kleine beabsichtigte Unstimmigkeiten gegen prototypische Fotowirklichkeit sprechen. In etwa so, wie wenn zu viele Unschärfen ein Scharfstellen des Objektivs unmöglich machen und der Autofokus verzweifelt endlos vor- und zurückzoomt ohne verlässlichen Halt zu finden .

    "Das Volk wurde nicht 'verführt' - es verführte seinen Verführer" und wurde so gleichsam "dazu verurteilt, in der Geschichte als Verbrecher, Wahnsinnige und Unmenschen zu enden". So etwas fällt Botho Strauß zu Demands Wolfsschanzen-Bild ein. Insgesamt eine eigenartige Idee des Text-Support, für den natürlich Botho Strauß eingeladen wurde. Wirkt insgeheim schwächelnd schutzbedürftig. Warum nicht Rainald Götz oder Christian Kracht? Fast schlimmer noch als viele Zeilen, in denen Botho Strauß seine endlos essentielle Pathosschleuder anschmeißt, sind die überinszenierten Stützvitrinen, die sehr installativ, das doch rechte entrische Bildgeschehen inhaltlich hochhalten sollen.

    Eine Freundin meinte mal angesichts meiner Vorliebe für die Holzskulpturen Balkenhols, mit meinem Menschenbild könne etwas grundsätzlich nicht stimmen, wenn ich den Dinger etwas abgewinnen könnte. (Ja, die sehen eben aus wie x-beliebige Nachbarn.) Soviel Zuspruch wie die Arbeiten Demands gerade bekommen, kann die deutsche Seele eigentlich nur aus Pappmachee bestehen, um abschließend auf den müde kecken Nationalcharakter der Ausstellung einzugehen. Vielleicht ja nur vorübergehend, und wenigstens nicht aus Stahl, diese Seele gerade.



  • 490. Stunde im September 2009

    DDR-Postmoderne als Einzelschicksal

    14.06 - 13.09.2009 / WERNER TÜBKE /  DIE RETROSPEKTIVE ZUM 80.GEBURTSTAG / MUSEUM DER BILDENDEN KÜNSTE LEIPIZIG
    30.09 - 03.01.2009 / STIFTUNG KUNSTFORUM DER BERLINER VOLKSBANK

    SOZIALISTISCHE JUGENDBRIGADE / 1964 / MISCHTECHNIK AUF LEINWAND AUF HOLZ / 95 X 133 CM

    Wurde die Leipziger Schule nur darum mit so offenen Armen empfangen, zumindest von mancher Stelle, damit man sich nicht länger mit den sogenannten relevanten DDR-Staatsmalern beschäftigen musste? Um eine gewisse Quote Neue-Bundesländer-Kunst kam man schon Anfang der Nuller-Jahre kaum herum, also wenn schon, dann sollte diese bitte auch leichter händelbar sein. Insofern wurden eventuell einfach Quotenvertreter ausgetauscht. Auch wenn von den jüngeren Vertretern der Leipziger Schule kaum einer eine DDR-Jugend aufzuweisen hat, egal, so was geht eben schnell nachhaltig unter. Bernhard Heisig, Willi Sitte oder Wolfgang Mattheuer kommen eher nur noch in Gedächtnisausstellungen vor. Gemein ist allen sogenannten DDR-Staatsmalern ein rückgewandter stilistischer Sonderweg oft via expressiver Anleihen dem kulturpolitischen Realismusdiktat scharmützelartig zu entkommen. Das gilt weniger für Tübke und Mattheuer.

    LEBENSERINNERUNGEN DES DR.JUR. SCHULZE VII (AUSSCHNITT) /
    1966/67

    Mit Werner Tübke verhält es sich etwas komplizierter. Nicht nur weil das Leipziger Museum der bildenden Künste ihm eine große Retrospektive gewidmet hat. Vielleicht war er einer der ersten echten Posthistoire-Künstler, ohne je das Wort gehört zu haben. Dass die Ausstellung im Anschluss nach Berlin eher nur in eine gehobene Sparkassenadresse wandert, verdeutlicht das West-Ost-Akzeptanzgefälle. Wenn die Neue Nationalgalerie jemanden wie Imi Knoebel als routinierten Verwalter der europäischen Sekundärmoderne zeigt, wäre mindestens auch ein ostdeutsches Stilphänomen wie Tübke dort angebracht.

    Hier hat sich jemand sozusagen im isolierten Eigenbau eine DDR-Postmoderne gebastelt. Tübke war schon zu DDR-Zeiten ein Spezialfall. Richtig gelungen ist die Ausstellung als Gesamtübersicht. Eine überraschende Neubewertung von Tübkes Werk drängt sich jedoch nicht auf, soweit meine BRD-Indoktrination eine angemessene Beurteilung zulässt. Die Geschichte kann immer noch nicht umgeschrieben werden. Sein Werk kennzeichnet in jedem Fall eine überaus beachtliche Hartnäckigkeit, die es ja nicht nur durch die Mauer mitten ins Herz von Herrn Beaucamp geschafft hat. Gewissermaßen ist er vorab einer der ersten gesamtdeutschen Staatskünstler der Wiedervereinigung. Kalter Emocore wie aus einem gutsortierten Devotionalienhandel der Malereigeschichte. Jemand, der sich allen Ernstes um das geballte Menschenleid kümmert. Das aber immer nur mit frisch vereister Pinselspitze. Seinem unbedingten Willen nach formaler Könnerschaft haftet immer etwas Gefriergetrocknetes an. Grob geschätzt zeigt die Ausstellung wahrscheinlich an die dreitausend Gesichter. Ein Lächeln kann man nicht öfter als zehnmal entdecken. Linientreue SED-Funktionäre hätten ihm am liebsten verboten, überhaupt Kataloge alter Meister anzuschauen. Dass Tübke mit seinem ausschließlich rückwärtsgewandten Bild- und Stilrepertoire in der DDR immer noch als linientreu und staatsdienlich durchging, überrascht im nachhinein schon etwas. Einzig und allein in seiner Titelgebung („Sizilianischer Großgrundbesitzer", „Bauernmarkt in Suchumi", „Nationalkomitee Freies Deutschland", ... ) taucht prototypisch staatstragender DDR-Jargon auf. Also muss wohl seinerseits immenses Verhandlungsgeschick im Spiel gewesen sein. Oder seine Massenchoreographien ließen sich notdürftig mit der sozialistisch neu mobilisierte Gesellschaftsmasse in Einklang bringen. Kollege Heisig meinte, Tübke wäre eigentlich ausschließlich daran interessiert gewesen, barockes Menschengewimmel zu malen, in welchem Staatswesen auch immer, so lange das ihn nur gebührend gewähren ließ. Eckard Gillen beschreibt Tübkes Position treffend als a-historisch und a-politisch zugleich.

    Tübkes unterschiedliche Stilphasen wirken im Überblick sprunghaft und eher divers. Immer auf Stippvisite mal mit dieser oder jener historischen Periode, aber wenig zielorientiert. Nach seinem erstem Italienaufenthalt in den 70er war die Renaissance dran. Es hält sich immer die Waage. Der aktuell antizipierte Stil ist sehr deutlich erkennbar, Tübkes ursprünglicher Duktus bleibt präsent, wirkt keinesfalls epigonal, aber sein Stilmanagement gewinnt nie völlig die vereinnahmende Oberhand. Ressource und Anverwandlung führen eine verblüffend friedliche Koexistenz. Eine Art Leibl-Realismus, politisierter Surrealismus, die klassizistische Italienphase, fast so etwas wie RealSoz-Jugendstil ... Am ehesten typisch erscheinen im Überblick diese Art sehr zeichnerischem Breughelpastische, mit kleinteiligst raffiniert getupften Weisshöhungen.

    AM STRAND VON ROMA OSTIA II / 1973 / MISCHTECHNIK AUF HOLZ / 90 X 65 CM

    Bei einem so großen Malerego, wie seine Selbstportraits nahe legen, hätte man imperialistischere Importtechniken erwartet. Es mag aber auch einfach Tübkes Respekt vor seinen historischen Quellen gewesen sein, der seinen Stilbeutezug in abgebremster Version stattfinden ließ. Insofern bleibt die mannigfaltige Einverleibung auf halber Fairtrade-Stecke stecken. Das wäre dann ein wesentlicher Unterschied zu westdeutschen PoMo-Vereinnahmungstechniken. Diese gehen grundsätzlich eher immer von Antimomenten aus. Hehe, hoho, da schau, jetzt hab ich diesen alten Pinsellumpen an der Kandare.Das kann bekanntlich eine Art Stilleichenfledderei wie bei Michel Majerus gewesen sein, Anselm Reyles Glauben an die bessere Karaoke-Version bei zweitklassigem Ausgangsmaterial, Anselm Reyle oder Jonathan Monks kommentierte Re-Inszenierungen und so fort. Um nur wenige zu nennen. Ich war letztlich etwas enttäuscht, weil ich mir von Tübke eventuell mehr überzeugende Stilsynergien als z.B. bei Glenn Brown erwartet hatte. Ist natürlich alles ein Missverständnis. Zum Beispiel die „Weihnachtsnacht 1524" (Große Fassung) ist ein Spitzenbild.



  • 112. Stunde im August 2009

    Der gute Kern hat keine Nachbarn gern

    23.06 - 01.08.09 / MARKUS SELG / DIE HÄUTUNG - MUSKEL DER MENSCHHEIT II / GALERIE GUIDO W. BAUDACH / BERLIN

    Austellungsansicht

    Aha, komisch. warum macht Markus Selg jetzt Arche Noah-Kunst? Die Überraschung ist ihm jedenfalls gelungen. Zumindest mal für eine Ausstellung. Im Prinzip nur noch Skulpturen, über die jeder Kirchentag in Verzückung geraten muss. Allesamt sehr existentielle Leiblichkeiten, die sich vor Authentizität kaum auf ihren Sockeln halten können. Die Sockel selber wiederum sind auch alle diffizil gelungene Einzelstücke. Was Markus Selg auch macht, macht er erstaunlich gut. Es geht ja nicht ums Mögen, insbesondere wenn es laut Pressetext um „die Unausweichlichkeit des Todes bei gleichzeitiger Hoffnung auf Erlösung in einem umfassenden Spektrum" aufs Korn genommen wird.

    Sehr ordentlich geschundene und geschredderte Oberflächen haben diese figürlichen Restwesen. Vielleicht besorgt denkt man an Kiki Smith und Lehmbruck. Oder wer böses will, kommt fast auf Namen wie Gunter von Hagen. Hierfür sorgt eher noch der martialische Ausstellungstitel „Die Häutung - Die Muskel der Menschheit II". Allen Ausstellungsstücken wurde vermutlich nicht nur einmal die Haut vom Leib gezogen. Die Posen der knapp zehn Skulpturen verharren in geschundener Demut, und schüchterner Anrufung nach mehr Strafe. Also gut gemachte Innerlichkeitsskulptur, erstaunlich klassisch, nach dem x-ten Verlust der Mitte zurück in dieselbige Goldene? Die vermeintlich gewagte Abwegigkeit in Bezug auf Selgs sonstiger sehr interessanter Digitalmalerei wirkt dann isoliert betrachtet fast akademisch. Die neuen High-Tech-Schwimmanzüge aus Polyurethan kommen einem auch in den Sinn. Die sitzen auch so eng auf der Haut, dass sie sich fast unter der Körperoberfläche zu spannen scheinen.

    20.06 - 26.07.09 / THOMAS KILPPER / STATE OF CONTROL / EHEMALIGES MINISTERIUM FÜR STAATSSICHERHEIT / NORMANNENSTR. / BERLIN

    Thomas Kilpper / State of Control / Ausstellungsansicht /Ehem. MfS, Normannenbstr.

    Auf den ersten Blick wirkte Thomas Kilppers Show im Ex-Stasi Headquarter in der Normannenstr imposant. Man ist sowieso sehr gespannt, wie es sich anfühlt in dem ominösen Gebäude. Spüren tut man natürlich überhaupt nix, was ja wohl auch sehr stasi-typisch ist. Auch auf den zweiten Blick prima Inszenierung, insbesondere der Fußboden, der als überdimensionale Druckplatte dient bzw. „interventionistisch zweckentfremdet wurde". Thomas Kilpper hat hier neunzig aus seiner Sicht relevante Personen und Momentaufnahmen des historischen deutschen Zeitgeschehens verewigt. Hinten in der Ecke steht noch eine wuchtige Tennisrasenwalze, mit der Kilpper seine großformatigen Drucke bewerkstelligt hat. Die verschiedenen Tools u.a. auch diverses Gravur- und Zahnarzt-Equipment liegen in einer offenen Werkstattecke herum. Der Fußboden ist aus PVC, und kein Linoleum.

    So eine Art gesamtdeutsche Ahnengalerie der letzten Jahrzehnte inklusive Nazizeit hängt  flaggenartig - dicht gestaffelt - von der Decke. Also sehr viel historische Konterfeis. Mit beflissener Mainstreambildung sind auf Anhieb circa 20 Prozent erkennbar. Gute und böse, aber eher die guten. Man kennt natürlich mehr die guten. Das eine solche eindeutige Zuordnung möglich ist, wirkt in sich auch schon sehr historisch. Wer wären z.B. die letzten wirklich besten zehn Gerechten der Nuller Jahre? Dies überdimensionale Album deutsch-deutscher Zeitgeschichte will eine andere Lesart der verbockten historischen Vorgänge aufzeigen: „Kilpper wird mit dieser Arbeit im ehemaligen MfS zum Chronisten beider deutscher Staaten und den Ereignissen um 1989/90 bis heute ... geschichtliche Rückschau auf verschiedene staatliche Konzepte von Überwachung und Repression - vom Nationalsozialismus bis zur digitalen Gegenwart" (Pressetext)  Die Auswahl, wenn auch natürlich sympathisierend tendenziös, wirkt irgendwie zu breit gestreut, warum sich auch der erste gute Eindruck dann ins Eindimensionale verflüchtigt. Hinzu kommen klassische Realismusmankos. Die Drucke duplizieren zu gekonnt ihre fotografische Vorlagen. Stellt man sich all diese Gesichter als klein gerahmte Foto-Show vor ... Gesichter sind immer Betroffenheitsakkus. Ihre Befindlichkeiten erzählen aber keine Geschichte, bzw. funktioniert Kilppers Geschichtsausleuchtung nur bedingt, wie es hier möglicherweise impliziert war. Eine speziellere Auswahl und Setzung wie sie Hans-Peter Feldmann mal mit den Toten der politischen Bewegungen in der BRD inszeniert hat, war da trotz größerer ´Hilflosigkeit´ deutlich prägnanter. Eigentlich trotzdem ein prima Vorschlag für das avancierte Einheitsdenkmal.

    SCHEINKOMPLEXITÄTEN
    25.04 -
    30.08.09 / CECILY BROWN / DEICHTORHALLEN HAMBURG

    Cecily Brown / Crapolette /  2003 / Oil on canvas / 183 x 244 cm

    Stern und Spiegel fanden´s prima und bestätigten den selbst eingeredeten Hype um Cecily Brown. Die ehemaligen Leitmedien tun sich zunehmend schwer mit zielsicheren Setzungen. Tja, und die Fachpresse, falls sie denn existiert, kann dem nicht ganz folgen, wobei ich mich gern anschließe. Frisch angestaubte Salonpeinture begegnet einem gerade immer öfter. Was im nachhinein vor zehn Jahren als eine Art abwegig lustig-dekadenter Trend, - New Yorker Erotikmalerei mit John Currin, Richard Phillips und Lisa Yuskavage - noch einen gewissen Kitzel besaß, bekommt hier den Muff von abgetakelter Postkoitustristesse, wenn man denn unbedingt auf einen vermeintlichen Lustfaktor in ihren Malerei eingehen will. Ein junge Frau malt Beischlafszenen in eher ruppig hingebürstetem Manier. Ja nun, ist Adenauer oder Helmut Schmidt immer noch Kanzler? Manchmal auch nicht unbedingt leicht zu erkennen. Schwer nachvollziehbar, was hier den Trubel ausgelöst haben mag oder soll, wenn es denn nicht die Künstlerin selbst bzw. ihr Erscheinungsbild war. Die britische Künstlerin aus New York - Tochter des renommierten Kunstkritikers David Sylvester - zeigt zum ersten Mal eine umfassende Übersichtsshow in Europa. In der recht lieblos hingehängten Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen sind besagte Pärchenaktionen und abstraktere anverwandte Bildwelten zu sehen. Ein vermeintlich interessanter Wimmelfaktor kennzeichnet fast alle Bilder. Meistens ist das Bildgeschehen der neueren Bilder auch outdoor angesiedelt, löst sich jedoch zunehmend in kleinteilige abstrakte Fleckenwelten auf. Hier und da sind noch Gegenstandsreste zu erahnen, was aber mehr auf kontemplative Ostereisuche hinausläuft. Formal ist Brown kompositorische Versuchsanordnung durchaus nicht uninteressant. Maximalismus, gesteigerte Bildkomplexität, visuelle Informationskomprimierung oder Blickverdichtung sind Stichworte, die immer noch auf eine erhellende Entsprechung und Materialisierung nicht nur im Malereiformat warten.

    Bei Brown ist das Versprechen eines komplex angereicherten Bildraumes lediglich geschickt angetäuscht. Es bleibt letztlich in der Regel bei einer additiv vollgestrickten Bildfläche. Bei näherer Betrachtung stellen sich keine changierenden Umkippmomente oder gehen andere Türen im Bildraum auf, die denselbigen als gesamtes neu definieren. Die besseren Bilder sind die früheren und profitieren von beherzt durchgefurchten malerische Oberflächen.



  • 709. Stunde im June 2009

    Der Hang der Abstraktion zum Verkehrsschild (II)

    02.05.- 26.06.2009 / Georg Karl Pfahler / Galerie Crone, Berlin

    Georg Karl Pfahler / Samson II, 200x200 cm, 1972 / Orlando Nr.VI, 200x200 cm, 1971

    Ein ultimativer Abstraktmaler Richtung Verkehrsschild war wohl Georg Karl Pfahler. (Mal abgesehen von Peter Halley. Zu ihm an anderer Stelle später mehr.) Bei Pfahler funktioniert das Bild als Schild  in einem eigenartig meditativen Sinn, trotz all der scharfen Kanten, die so gut gesetzt präzise ausgewuchtete Farbflächen sortieren. In den sechziger Jahren galt er als einziger deutschsprachiger Hardedge-Maler, freilich ohne den geistigen Überbau der amerikanischen Kollegen. In der Ausstellung waren ausschließlich Bilder der sechziger und siebziger Jahre zu sehen. Seine Bildwelt zielt mehr auf das nackte Konkrete. Es schaut immer etwas aus wie eine perfekt gelöste Rechenaufgabe mit mindestens zwei, drei Unbekannten, die aber schon länger an unserem Tisch saßen. Die Galerie Crone hat ein ganz gutes Händchen für sogenannte Wiederentdeckungen, wie beispielsweise bei Almut Heise geschehen. Bei Pfahler bin ich mir nicht ganz so sicher. Es gäbe sicher weniger - oder gerade mehr? - Staus, wenn Georg Karl Pfahlers Bilder in regelmäßigen Abständen an Autobahnen platziert wären. Wenn man eines gesehen hat, kann man sich gut ausmalen wie die nächsten zwanzig gemacht sind, was ihrer Qualität keinen Abbruch tut. Autobahnen tendieren auch zur Überlänge. Ach, immer dieser Unikatswille. Viele Sätze hat jeder schon hundertfach durchformuliert. Ich habe Hunger! Und die beste Betonungsvariante hängt für immer gerahmt überm Kühlschrank. Oder einmal ultimativ perfekt ausgesprochen, ist man für immer satt. Georg Karl Pfahler konfigurierte in gewisser Weise algorithmische visuelle Systeme, die sich ab einer bestimmten Komplexität wie von selber multiplizieren. Es wirkt weniger als ein Arbeiten in Serien als in fortlaufenden Versuchsanordnungen, dem Materialwillen untergeordnet. Hier darf der Maler dann mehr die runtergedimmte Rolle eines ausführenden Organs spielen. "Das Befreiende ist, dass seine Bilder oberflächlich betrachtet, wenig wollen." Aber immer etwas zu komplex, um als schnöde Dekoration durchzugehen. Diese Befreiungsmomente des Unterbietens haben stiltechnisch die Popart komplett übersprungen, und sind in ihrer perfekten Ausführung später symptomatisch für eine verkrustet sozial-demokratische Ausschmückung des verwaisten öffentlichen Raumes geworden. Das war natürlich nicht der Plan.

    02.05.- 13.06.2009 / Zum Gegenstand / Amy Sillman / Carlier Gebauer, Berlin

    "The best description I ever read of existentialism was that no one else can take a bath for you."

    Amy Sillman / Ausstellungsansicht "Zum Gegenstand" / Galerie Carlier Gebauer

    Insgeheim ist Amy Sillman wahrscheinlich eine jüngere Schwester von Maria Lassnig. Oder auf dem Weg eine solche zu werden, was Qualitäten und Reputation betrifft. Das gut gemalte abstrakte Bild kommt hier zu seinem vollen Recht. Überhaupt nicht unbekannt, aber dafür erstaunlich interessant. Energetische Kraftfelder in Farbe und Form sehr überzeugend von jemandem inszeniert, der mit Haut und Haar in den Malprozess abtauchen kann. Besonders dann, wenn oft gewinnbringend die Farbe von der Leinwand wieder runtergespachtelt wird. Was bei Maria Lassnig die spezielle Begrifflichkeit der Körperbewusstseinsmalerei ist, sind bei Amy Sillman eher diagrammatische Bildfaktoren. In beiden Fällen schwer nachvollziehbar, aber als Behauptungsmoment schon mal herausfordernd. Überraschend in der Ausstellung bei Carlier-Gebauer waren auch ein von ihr publiziertes charmantes wie aufschlussreiches Fanzine sowie diagrammartige Zeichnungen, die Gäste und Sitzordnung beim Ausstellungsdinner charakterisieren und kommentieren. Ihre entdeckte Faszination für Diagramme generell, - wie im Fanzine anschaulich verhandelt wird - macht auch Sinn für aufgefrischte Erklärungsmodelle einer solchen weitgehend abstrakten Malerei. Ihre eigene Positionsbeschreibung lautet „realistisch zur Welt, wenn auch abstrakt." Ist das Diagramm nicht auch der Uronkel des Comics? Ein Meister der Gesichtsabstraktion wie Michael Jackson ist leider vor ein paar Tagen gestorben. In das Diagramm als Bildmoment setzt Sillman beträchtliche Hoffnungen. Das ist kein verbales Standardtänzchen. Es ermöglicht mehrere simultane Sichtungen, wobei die Leserichtung nach Belieben wechseln kann. Beinhaltet also sozusagen nonlineare zeitbasierte Kapazitäten. Abstraktionsmomente sind hier ausschließlich zweckdienlich bedingt zwecks Informationsabkürzung, damit sind schon mal jede Menge Referenzbremsen abgeschüttelt. Aber eigentlich erscheint diese Art Informationsverdichtung nur möglich, weil auf weitergehende Ausformulierungen rabiat verzichtet wird. Ein Piktogramm kann nur dann mit sich zufrieden sein, wenn seine Betrachter es kurzmöglichst anschauen müssen. Diese Antikontemplation steht auch im Widerspruch zu einem überaus ausdifferenziertem Formalrepertoire, wie es eben auch Amy Sillmans Malerei betreibt. Oder mir ist da was entgangen.

    02.05.- 20.06.2009 / Shards and Skywindows / Rebecca Morris / Galerie Barbara Weiss, Berlin

    DAS PUZZLE GEHT NIE AUF UND SIEHT SO BESSER AUS

    Rebecca Morris Malerei kennzeichnet ein eigenartiger Keramikflair. Ein Art von vielversprechendem Puzzle wird da in ihren Bildern oft neu zusammengesetzt, ohne dass je ein rekonstruierter Gesamtkörper als Auflösung gezeigt würde. Dieser Chor von Bruchstücken braucht keine Rampensau. Das vage Versprechen ist prickelnder. Das liegt zum einen an ihren patchworkartigen und scherbenhaften Kompositionen, zum andern an gekonnt durchgespielten verschiedenen Stil- und Schärfegeraden, mit denen ihr abstrakter Zeichenapparat auf einen zukommt. Schwer zu sagen, was die Bilder einem eigentlich zeigen möchten. Irritierendes Potpourri abstrakter Pinselspuren immer kurz vor der Musterbildung. Das Puzzle geht nie auf und sieht so besser aus. Und garantiert absolut figurationsfrei. Aufrichtige Suchmomente beim Machen sind unbedingt vorhanden. Ich habe eine bestimmte Faszination, die von Mary Heilman auszugehen scheint, auch nie ganz nachvollziehen können. Außer, dass sie Finger zum Malen benutzt hat, als selbst schon die Verwendung normaler Pinsel ein Kapitalverbrechen war. Rebecca Morris Malerei praktiziert und propagiert ‚coolen'  Formalismus mit erfrischender Handwerklichkeit. Die kleinen Formate sind eindeutiger im Hinblick auf verbindliche Stilmixturen. Dreieckige Bilder mit der Spitze nach oben sind immer sehr mutig. Die Dreiecksbilder in der Show benutzten als einzige affirmative Antimomente in retrograder Manier. Igittibääh, so bemalte Teetassen hatte meine zu spät befreite Tante auch im Schrank. In einem älteren kleinen runden Format gelingt einwandfrei eine Symbiose zwischen Airbrushstyle und kubistischer Bildkomplexität. Diedrich Diedrichsen hat in einem lesenswerten Text über Rebecca Morris diagnostiziert, um eine Positionierung zur Moderne als letzte normative Kraft käme nach wie vor niemand drumherum. Das Dilemma sei wie bei Weltreligionen auch, es gebe nur linientreue Gefolgschaft, bedingungslose Ablehnung oder eine ironische Anverwandlung gegenüber diesem kulturhistorischem Diktum. Rebecca Morris spezielle Qualität sei nun, dass es ihr gelingt sich zu positionieren, ohne auf eine dieser drei Rollenangebote oder Reaktionsmuster zurückgreifen zu müssen. Hier wäre eine Art vierte Kraft der Moderne abzusehen, weder bekennerhaft noch antizyklisch und dazu völlig ironiefrei. Diese Haltung - mit dem leichten Beigeschmack ph-neutraler Seife - einzunehmen, sei ja ohnehin von verblüffender Einfachheit, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die gesamte Moderne tatsächlich ein undurchschaubares Bündel verschiedenster konträrer Kunstansätze und Lebensentwürfe gewesen sei. Das klingt dann fast, als sei der Modernismus des 20. Jahrhunderts eigentlich die konsequentere Postmoderne gewesen. Mit dem kleinen Unterschied sozusagen Utopiezwang hier und utopiefrei da.



  • 120. Stunde im June 2009

    Der Hang der Abstraktion zum Verkehrsschild (I)

    Wer sich für reduziert abstrakte Positionen interessiert, wird in den letzten Wochen in Berlin außerordentlich gut bedient. Zum Beispiel mit Ernst Wilhelm Nay, Peter Halley, Amy Silman, Karl Georg Pfahler, Imi Knoebel, Rebecca Morris und Sergej Jensen. All diese Positionen haben zumindest eine vage Gemeinsamkeit: eine latente Sehnsucht der Abstraktion in Richtung Verkehrsschild. Das derlei Positionen jetzt gerade soviel Aufmerksamkeit geschenkt wird, könnte man auch als Pausen- oder Krisenspielung interpretieren. Der Kunstmarkt im Standbymodus lässt sich wohl am besten mit solchen Gütern bewerkstelligen. Es ist, was es ist, und sieht manchmal sehr gut aus. Ohne große Hintergedanken. Bzw. waren da mal ja sehr große am Start, nur dass diese bedingt durch kompletten Utopieverlust überhaupt nicht mehr verfügbar sind. Das wirft zumindest bei einigen der genannten Namen Fragen auf. Ohne idealistischen oder ideologisches Sendungsbewusstsein kann vergleichbar formaler Essentialismus nur mit radikaler Leere und/oder Bedeutungsverweigerung argumentieren. Oder noch weiter mit weniger als nichts auftrumpfen. Das muss dann immer Schönheit sein.

    [ Aus abgelegten Dokumenten:

    Das Abstrakte als überraschende Momente der Wiederauferstehung zu zelebrieren scheint erst mal besonders schwierig zu bewältigen. Ein interessantes Gesicht zu malen, nachdem erst mal bestimmte Figurationstabus und Vorbehalte aufgeweicht worden waren, ist dagegen vergleichsweise ein vermeintliches Kinderspiel. Natürlich nur bedingt. Aber noch mal ein monochromes Bild zu malen, das wirklich irritiertes Stirnrunzeln hervorruft, scheint kaum machbar. Das grundsätzliche Problem hier mag an linearen modernistischen Optimierungsutopien und entscheidenden Wesenszügen eines finalen Reduktionismus liegen. Aus der Ferne erscheinen bestimmte Avantgardebewegungen von herrlich naiven Glaubenskraft betrieben mit echtem analytischen Forschergeist. War erst mal eine bestimmte formale Fragestellung herauskristallisiert - wobei diese Arbeitsgrundlage, dass es sich überhaupt um formale Fragestellungen handeln muss / kann, ein echter Quantensprung war - wurden innerhalb weniger Jahre Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts jeweils bestimmte Lösungen für essentielle Bildformulierungen ultimativ ins diskursive Gefecht geworfen. Diese oder jene Rätsels Lösung ( Bild nur aus Farbe, Bilder nur aus einer Farbe, Bewegungsdarstellungen, polyfokale Darstellungsformate ...) waren all diese von einem Glauben befeuert, der an generelle einbahnstraßenartige Verbesserungen glaubte. Glauben klingt hier noch viel zu wankelmütig. Überzeugung zu beischlafartig. Das Wort Zweifel existierte phasenweise schlichtweg nicht mehr in bestimmten Wortschätzen. Der Weg zum ultimativ letzten Bild erscheint im nachhinein immer mehr wie simples Computerspiel, wo es linear darum ging von einem Level zum nächsten, zum Pudels Kern vorzustoßen. Der war so simpel wie möglich imaginiert. Mancherlei Zwischenresultate waren demnach aufgebrochene Türen, durch die man mutmaßlich nur ein einziges Mal durchschritten haben muss. Ohne sich auch noch mal umzudrehen.

    Die heutige Lage stellt sich leider so dar, dass man vielleicht durch einige interessante bis dato zuvor verschlossene Türen eindringen konnte, aber die Türen oder auch deren Rahmen blieben / bleiben einfach an einem kleben, kommen mit einem mit oder man schleppt sie anfangs vielleicht unmerklich weiter mit sich rum, auch wenn man sie passiert hat. Und im Laufe der ausformulierten Postmoderne oder wieder auch der zweiten Moderne spürt man bestimmte solche unmerklich mitgeschleppten Türen zunehmend deutlicher. Natürlich muss nicht jeder alle dieser Öffnungsphantasien gewichtig weiterhin aus- und herumtragen. Jeder, der das erste Mal ein Tor schießt, muss wahrscheinlich denken, er habe hiermit auch das Tor erfunden oder sogar den Ball. Bei Befreiungsamnesien nachfolgender Generationen ist so ein typisches bedenkliches Wissen um Greenberg-Positionen möglicherweise genauso überflüssig wie ein latent schlechtes Gewissen deutsch zu sein? ]

    08.05.- 09.08.2009 / E.W.Nay und die Farbe - Bilder der 60er Jahre / Haus am Waldsee, Berlin

    Ernst Wilhelm Nays Spätwerk Ende der sechziger Jahre im Hinblick auf sein Hauptwerk ist durchaus bemerkenswert. Mehr aber eher nicht. Problem ist hier, dass sein abstraktes  Hauptwerk sehr repräsentativ war bezüglich eines selbst verursacht schwächelnden Kulturklimas im Nachkriegsdeutschland Adenauers. Er und andere westdeutschen Zeitgenossen konnte gegen die heiligen internationalen Standards nicht wirklich anstinken. D.h. nicht dass er in seinem Wirkungskreis außerordentlich wichtig gewesen wäre. Der deutsche Weg der Abstraktion – das riecht schon nach Regionalexpress - wäre ohne ihn ein anderer geworden. Allerdings seine typische per Pinselstrich-durchfurchten Maloberflächen aus den 50ern gespickt mit diesen impertinenten augenartigen Gebilden erinnert immer sehr auch an zweitklassige deutsche Fußballkultur. Blutgrätsche und so, um etwas dramatischer zu werden. Die Arbeit nach innen hin erscheint hier immer zu sehr an Knochen orientiert anstelle auch einer möglichen körperlosen Innerlichkeit nachzugehen.

    All das fehlt in seinem Spätwerk. Anscheinend hat er die Palette weggeschmissen und die meisten Farbtöpfe auch. Die Bilder sind in radikaler Anstreicherlogistik gemacht. Meisten zwei bis vier klare Primartöne. Mischen war anscheinend dann verboten. Der simple deckende Farbauftrag vermeidet Pinselgesten. Die dabei entstandenen Formengebilden sind gekennzeichnet von spitzen Winkeln und eher grafisch gestauchten Rundungen. Eine untypische Kombination zugespitzt konstruktivistischer Anleihen und bauschigem Kurveneinsatz, der eher durch die Entstehungszeit der sechziger Jahre stimuliert zu sein scheint. Die Moderne hat in sich genug Irritationen produziert, hier schwingt aber eine zersetzende Komponente in mangelnder Stringenz mit herum. Jedes Wohnzimmer freut sich nach wie vor auf solche Bilder. Auffällig ist die Binnenspannung, die zwischen seinen positiv-negativen Bildräumlichkeiten zustande kommt. Also eher die Bildspannung an der Wand lang. Vorder- und Hintergrundfragen sind nicht existent. Der leidige Vergleich mit den Scherenschnitten von Matisse erübrigt sich, weil Nay nicht annähernd die Präzision von Matisse´ Farb- und Flächenauswuchtungen erreicht.

    01.05.- 15.07.2009 / Eric Fischl / Jablonka Galerie, Berlin

    Eric Fischl ist einer der achtziger Jahre Maler, bei dem es sich meistens lohnt hinzuschauen. Jedenfalls wenn man mal einen seiner dicken Kataloge durchblättert. So häufig ergibt sich die Gelegenheit in Deutschland nicht, seine Originalbilder zu sehen. Bei Jablonka gibt es leider eher nur ein Beispiel effiziente Einfallslosigkeit zu sehen, mit einer Serie über Stierkämpfer. Da les ich lieber Hemingway. Wenn man schon unbedingt Blut malen will, ist das dunkle Fell der Stiere ein denkbar schlechter Hintergrund für erkennbar eloquentes Blutgespritze. Was Eric Fischl als eine Art malender Updike über mentale Schieflagen der amerikanischen Suburbs auszeichnete, fehlt hier vollkommen. Das Drama des offensichtlichen Kampfes Mensch gegen Tier hat wenig Unterschwelliges zu bieten. Höchstens wenn der Torero dem sterbenden Stier die Hand auflegt. Nichts gegen sportive Motive, aber dann doch lieber Formel1-Boxenstopps oder Karnickelrennen.

    Eric Fischl, Corrida in Ronda No.1, 2008

    30.04.- 06.06.2009 / Wir verbessern Ihre Arbeit / Institutio Divorciado / Sandra Bürgel, Berlin

    Und warum kommt einem die folgende Ausstellungsidee doch leicht blöde vor? Unter dem Titel „Wir verbessern ihre Arbeit“ haben Institutio Divorciado eine geschmackvolle Namensliste zusammengestellt. Die Künstler wurden eingeladen unter der Bedingung, dass die eingereichten Kunstwerke von den Ausrichtern nach deren Gutdünken bearbeitet oder verändert werden dürften. Ihr Eingriff beschränkte sich auf eine monochrome Übermalung aller Ausstellungsstücke mit jeweils einem unterschiedlichen hübschen Farbton aus dem gedeckten Ostereifarbspektrum. Ikonoklasmus um der guten Sache willen? Endlich hat monochrome Malerei mal wieder einen Bestimmungszweck. Der gute Zweck wäre also dem Zwangsindividualismus, kleinbürgerlicher Kunstattitüden den Spiegel vorzuhalten? Klingt nach niedlichem Naivmarxismus der 90er Jahre. Also der und der Künstler in lindgrün optimiert, ist da ein Subcode versteckt, und ein Schritt weiter sind die Farbigkeiten schon wieder piepegal. Mutig oder bemühte Aufmerksamkeitshascherei? Man sollte im Prinzip jede Bemühung massiv unterstützen, die gängige Ausstellungsformate aufzulockern versucht. Nur Pech, wenn letztlich eine blöde und eine langweilige Show zugleich dabei herauskommt.

    Poster zur Ausstellung  „Wir verbessern Ihre Arbeit" (Ausschnitt) - Exponate vor der Verbesserung









  • 168. Stunde im May 2009

    Niemand muß schöne Worte benutzen

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    NIEMAND MUSS SCHÖNE WORTE BENUTZEN

    10.04-14.06.2009 / Katharina Grosse / Shadowbox / Temporäre Kunsthalle Berlin

    Katharina Grosse ist schon länger in Sachen Ehrenrettung rein abstrakter Malerei unterwegs. Und das recht erfolgreich. Warum man sich unbedingt einen so schwierigen Job aussuchen muss, ist eine andere Frage. Echte Abstraktion macht mich schon länger ratlos. Innerhalb solch vermeintlich recht strikten Eckdaten gelingt ihr das mittels einer Mischung aus raumgreifender Architekturattacke und befreit verwaschenen Graffitianklängen. Sie selbst spricht von Möglichkeitsräumen. Niemand muss schöne Wörter benutzen. Auch wenn auf der Eröffnung die meisten Stimmen eher von horizontalen Ostereiern, Farbraummuzak bis hin zu ‚keine echte Abstraktion' reichten, ist hier auf alle Fälle die bislang eindrucksvollste Präsentation in der temporären Kunsthalle gelungen. Das mögliche Potential von falscher Abstraktion klingt eigentlich sehr verlockend. Überraschungsmoment der Show ist Grosses Verzicht auf entgrenzte Wandmalerei sowie sonstig besprühtes Mobiliar und Objekten. Die Ausstellung geht eher in umgekehrter Logik vor. Es gibt wieder ein hermetisch definierten Bildraum in Form besagter leicht gewölbten Elipsen. Vier Stück jeweils circa acht Meter hoch, leicht schräg an die Wand gelehnt. Diese Bildfläche ist aber meist großzügig punktuell durchlocht und/oder durch simpel grafische Aussparungen von außen her deutlich unterminiert bzw. aufgelöst. Könnte gut sein, dass mit „Shadowbox" ein neuer Abschnitt in Katharina Grosses stringenter künstlerischer Arbeitsweise begonnen hat.

     

    27.03-26.04.2009 / Ode an die Zweifel / Irene Hug, Margareth Kammerer, Tatjana Turanskyj, Claudia Zweifel / Gmür - Christburger Strasse 29 10405 Berlin

    Der Pixel in der Malerei als medialer Hoffnungsträger hat seine Potential vermutlich noch nicht annähernd ausgeschöpft. Auf alle Fälle ist da eine Nische mit Platz, auch weil sie eher noch nicht mal als solche definiert ist. Aus dem Kurzzeitgedächtnis purzeln auf Anhieb wenige Namen wie Markus Selg, Michel Hakimi und mit Einschränkung Albert Oehlen heraus. Die Vorteile digitaler Pinselkraft liegen bedingt offen auf der Hand: verwirrende Umkrempelung des herkömmlichen Malprozesses, keine Unikatsprobleme und nie wieder schmutzige Finger und keine Ölfarbe auf dem Pausenbrot. Nachteile? Natürlich überhaupt keine. Kompletter Verzicht auf einen wesentlichen Trumpf real bemalter Oberflächen: die überaus prägnante Körperhaftigkeit. Etwas, das jeder digital eingeschmolzenen Bildanmutung stets schmerzlich abgeht. Lass zum Beispiel ein Stück echte Menschenhaut aus nächster Nähe auf der Ntzhaut zergehen und versuch dann dasselbe mit einem Foto oder per Flatscreen; hier kommt eine beträchtliche einschneidende Differenz zum Tragen, die sich leider sprachlicher Beschreibungskraft diskret entzieht. Wirkliches Seherlebnis und digitaler Beschreibungsmodus sind in etwa auch die Kontrastpärchen, wobei analoge Malerei das wahrhaftige Seherlebnis ebenfalls nur vorgaukelt. Zumindest aber lockt an der Eingangsschneise ins Blickfeld reale Oberflächenspannung.

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    Claudia Zweifel / Bamboo.tif  /  6101 x 7795 Pixel / 2009

    Von Claudia Zweifel waren bei Maurus Gmür eine Art Sortiment digitaler Peinture zu sehen, weitgehend abstrakt ausformuliert. Mit Ausnahme eines Art Referenzbildes in fotorealistischer Manier, aber ebenfalls digital hergestellt. In Erwartung echter analoger Malerei kann das erst mal leicht irritieren. Nach einer Weile fühlte man sich in dieser Unbequemlichkeit ganz gut aufgehoben. Ach so, der Teppich, wo man steht, ist zwar gar kein Teppich, aber dafür eine Art Rettungsboot. Ihr abstraktes Bildvokabular erscheint nicht unbekannt, ist aber auch nicht von der unangenehmsten Art. Spricht nichts dagegen, das noch mal durchzuinszenieren. Hier ist ja schon länger eine Parallele zum Opernrepertoire augenfällig. Vielleicht ist da doch die Ursuppe allen menschlichen Formungswillens versteckt. Am Computer entstandene Arbeiten qualifizieren sich mutmaßlich noch mehr durch gezielte Unterlassungen. Was man alles in dem Filter- und Effektdschungel tunlichst nicht gemacht hat. Sowie die totale Entscheidungsreversibilität eben. Das abstrakte Kunstangebote kaum mit konkreter Bedeutung belästigen können, kann auch ein Vorteil sein. Claudia Zweifel geht auch ohnehin doppelbödiger vor. Insbesondere, wenn einige der Digitalausdrucke trompe l´oeil-artige Fensterrahmen aufweisen, die wie frisch eingescannt ausschauen, bei näherem Hinschauen jedoch ebenfalls ihre gepixelte Entstehungsweise preisgeben. Hier sind dann wie im Pflichtenheft die Abbildungsgrade eins bis drei im Spiel.

    Die Ausstellung „Ode an die Zweifel" war darüber hinaus als untypische Gruppenausstellung inszeniert: Der Künstlerin im Zentrum der Show arbeiteten alle übrigen Ausstellungsteilnehmerinnen unterstützerartig zu. Ein hymnisches Textkonvolut von Tatjana Turanskyj schlug pamphlet-artige Töne an, ohne bestgemeinte Peinlichkeiten zu scheuen. "Echt und authentisch muss es sein. Aber nie gefährlich. Gefährich das sind allein die Zweifel." Als weiterer Flankierungsmoment fungierten ladenschilderartige Sloganbilder („Die Eingeweihten grüßen Dich") von Irene Hug. Zum Abschluss der Ausstellung gab es eine Performance von Margareth Kammerer. Ich war leider nicht da.

     

    RENEGNADÉ

    28.02.- 25.04.2006 / George Grosz / The Years in America 1933 - 1958 / Nolan Judin Berlin

    Eigentlich komisch, dass es immer noch keine große Übersichtsshow gab mit allen versammelten Verräter und temporären Abtrünnigen der Moderne: Picabia, Magritte, Guston, Lichtenstein (m.E.), de Kooning (m.E.), Malcolm Morley, Alice Neel, Stella, Buffet... wer fehlt noch? Würde ich mir gern anschauen. Gerhard Richter hat seine präzis geplante Aussetzerphase bestimmt schon längst abholbereit rumstehn, obwohl dieser Werkabschnitt nicht so einfach zu konfigurieren sein dürfte, wenn man so im diametralen Sortiment arbeitet.

    George Grosz wäre freilich nur bedingt ein typischer Ausstellungsteilnehmer eines solchen Renegaten-Schaulaufens. Kennzeichnen seine späten Arbeiten doch nur eine leicht entglittene Kontinuität seines markanten Frühwerkes. Vielleicht mal ausgenommen seine „Stickmen", die als eine debil-furiose Version des Menschheitsthemas 'Strichmännchen' immer wieder neu überraschen. Je älter, umso zeitgenössischer, wenn das noch ein Vorteil ist.

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    George Grosz / Der graue Mann tanzt / 1949

    In der Berliner Galerie Nolan Judin gab es eine kleine exquisite Übersicht von George Grosz Spätwerk zu bewundern. Absolute Museumsqualität, mal angenommen es gebe so einen hehren definierten Standard. Weiter auch erstaunlich, wie viele seiner prägnanten Spätwerke mit Stellenwert erhältlich waren und das auch noch in fast beschämend günstigen Preislagen. Vielleicht ist das inzwischen einer Institution vor Ort auch schon aufgefallen und die Berlinische Galerie hat ihre Portokasse mal vorbeigeschickt.

    Zu George Grosz Spätwerk wird immer gelangweilt krittelnd angemerkt, puuh, kein Biss, kein Saft mehr. Amerika hat ihn geschafft oder typisch entkerntes Exilantenschicksal halt. Falls es überhaupt zur Kenntnis genommen wird. Diese Ausstellung zeigt zum ersten Mal überhaupt sein Spätwerk im Überblick. Nimm dem Agitateur sein feindliches Gegenüber, und er wird zum Lämmchen, das an seiner schrumpfenden Zunge erstickt. Abgesehen von einer deutlich reduzierten eher sporadischen Produktivität, ist Grosz' gnadenlose Desillusionierung erschütternd, die einen aus all diesen späten Bildern anspringt. Die Menschheit hat gerade den letzten Bissen ihrer selbst zu sich genommen. Ach, das waren nur die vierziger, fünfziger Jahre. So riechen echte Kannibalismusrülpser. Leicht angegriffen schleicht man aus der Ausstellung, in der Hoffnung, das waren alles nur Spätschäden einer typischen Promille-Depression. Die psychotisierende Wirkung von Alkohol wird deutlich unterschätzt.



  • 84. Stunde im April 2009

    Fotografie mit anderen Mitteln

    07.03-10.05.09 / Picturing America: Photorealism in the 1970s /
    Deutsche Guggenheim Berlin

    Beeindruckend und noch einmal beeindruckend. Alle paar Jahre wieder taucht da diese leise Neugier auf, noch mal Nachzuschauen beim Fotorealismus, ob sich nicht doch etwas in der Wahrnehmung grundlegend zum Besseren verschoben hat. Vielleicht wurde eben Jahrzehnte lang das entscheidende Etwas übersehen. Robert Bechtle hat 1963 das erste sogenannte fotorealistische Bild gemalt. Auf den ersten Blick sind diese Bilder immer wieder imposant. Nur der zweite Blick bleibt nach wie vor im ersten stecken. Man kommt da nicht weiter außer dieser beträchtlich hübschen Blendung, wowwh, sieht wirklich aus wie echter Fotoschmelz. Man klopft an eine Tür, die geht auch freundlich lächelnd auf, nur dass dahinter wieder nur eine weitere Tür vor sich hin grinst und so fort. Beim dritten Blick bemerkt man schon genauer, wo wie was in harter Stundenarbeit auch nur dreiviertel gekonnt hin gemurkelt wurde. Soviel technische Fertigkeit und Können braucht eigentlich keine Kunst. Irgendwie so, als ob alle Partnerporen einzeln nacheinander berühren muss, damit der Orgasmus auch wirklich klappt. Da atmet sofort auch das Bewertungsdilemma erleichtert auf. Andersrum: die zeitgenössische Fotokunst müsste sich bei diesen Fleißextremisten wirklich mal ordentlich bedanken. Letztlich wurde die museale Akzeptanz der repräsentativen XXL-Fotografie, wenn auch unbeabsichtigt, durch diese fotorealistischen Positionen entscheidend mit vorbereitet.

    John Blackwell, Richard Estes


    Im ersten Raum der Ausstellung hängen die Ausstellungstücke mit den höchsten maltechnischen Schwierigkeitsgraden. Die Spiegelung der Spiegelung in einer Spiegelung der Spiegelung. Ausgehend von einer polierten Radkappe oder über Bande von blitzblank geputzten Chrom-Telefonzellen bieten diese raffinierten Ineinanderblendungen am ehesten noch übersehene inhaltliche Relevanzmomente. Wie kann man aus einem bestimmten Blickwinkel, mindestens zwei, drei Geschehen im selben Moment verfolgen und einfangen. Simultanität, die beschleunigte Malfläche und gesteigerte Bildkomplexität sind Stichworte, die auch Futurismus und Kubismus mit anderem Stilinstrumentarium bearbeitet haben. Diese virtuosen hyperrealen Spiegelfechtereien lassen sich etwas bemüht auch als eine Art runter gekochter Kommentar zu den bahnbrechenden, exaltierten Stilkonvoluten der Frühmoderne lesen. Schaut her, es geht auch, ohne die neu erweiterten Wahrnehmungswelten immer in solch asymmetrische Kreuzworträtselgebilde verhackstücken zu müssen. Sah ja ohnehin immer leicht unschön aus.

  • 357. Stunde im March 2009

    This User pays for Images

    03.03-18.04.09 / Harun Farocki / Galerie Barbara Weiss

    Wenn für jemanden das leicht dämliche Label „FilmFilm" erfunden wurde, könnte das eventuell Harun Farocki gewesen sein, der kommenden Herbst eine Retrospektive in der Tate-Gallery haben wird. In der Galerie Barbara Weiss sind jetzt drei Filminstallationen der letzten Jahre zu sehen, die zeigen wie schlau und verführerisch man Medienreflexion und/oder bewegte Bilddidaktik benutzen kann, ohne dass derlei zähe Begrifflichkeiten beim Betrachten in den Schuhen und Augen kratzen. Alexander Kluge, Chris Marker, Hartmut Bitomsky sind Namen & Arbeitsweisen, zu denen Harun Farockis Methoden der Bildforschung passende, aber auch sehr eigenständige Positionen liefern. Zwei Filminstallationen arbeiten mit Farockis typischem Doublescreening. Der Mensch hat zwei Augen, also braucht er auch zwei Blickpunkte gleichzeitig zum Fixieren und Betrachten. Welch beträchtliches bildnerisches Potential man aus Statistiken und Infografiken ‚in motion' herauskitzeln kann, demonstrieren insbesondere zwei Filminstallationen der Ausstellung, beide jeweils als Auftragsarbeiten entstanden, auf sehr unterschiedliche Weise: Gegen-Musik (2004) versucht eine Art Tagesprotokoll einer Großstadt wie Lille mit Hilfe städtischer Überwachungs- und Kontrolltechnologien zu remixen: Infrarottechnologien zur Zählung des Passantenaufkommens in der U-Bahn oder eine Art filmischer Anti-Bewegungsmelder, der verhaltensauffällig unbewegte Passanten herausfiltert .... In dem bedeutungsoffenen Filmessay wird all das wird mannigfaltig sinfonisch verquickt - auch mit Bildmaterial der historischen Begründer des Großstadtfilms Dziga Vertov (Der Mann mit der Kamera, 1929) und Walter Ruttmann (Berlin - Die Sinfonie einer Großstadt, 1927).

    Auch wenn sich mittlerweile in puncto Überwachungssoftware einiges getan haben dürfte, entsteht hier nach wie vor der Reiz, den jede neue Technologie en passant mit sich bringt. Gewissermaßen ist da immer irgendwo eine neue Ästhetik im Handschuhfach versteckt. Die frei zu schalten oder abzukoppeln, bedarf es entsprechender Qualitäten. Farocki bezeichnet seinen Schnittplatz wahlweise als Geheimschreiber, was zur wuselig-schwebende Komplexität von Gegen-Musik gut passt, oder als Dechriffiermaschine. Das gelingt mit verblüffend simpler Beredtheit in der Filminstallation Aufstellung (2005). Hier fährt die Kamera einfach über grobgerasterte Piktogramme und Infografiken der fünfziger und sechziger Jahre zu Immigrationsfragen und anderen belasteten Gesellschaftsthemen hinweg. Da springt ohne weiteres Zutun das Entlarvungsteufelchen über Fremdenangst im Adenauermuff zum Gruseln auch noch aus dem kleinsten grafischen Detail.

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    291.Stunde im März 2009
    Der Taschenbart

    Tagesthema ist auch immer noch der Bart von Bonnie Prince Billy. Dieser sprießt bekanntlich seit seiner Umbenennung 1998 unverdrossen vor sich hin. Das Gewächs an seiner Kinnpartie hat wohl inzwischen bestürzende Dimensionen angenommen. Es geht sogar soweit, dass er damit ganz nebenbei und sehr souverän das Männerhandtaschenproblem gelöst hat. Was auch immer man so an Kleinigkeiten für den Tagesbedarf braucht - ipod, Taschenkamm, Kabelkram, Kaugummi, Visacard usw. -, all das lässt sich dort prima diebstahlsicher verstauen. Wenn er morgens von der einen Seite des Berges auf die andere ins Studio wandert, ist das da alles drin. Ähnliche Gründe mögen ja auch schon zum Afrolook geführt haben. Sah jedoch zu bekloppt aus, wenn die Hände beim Suchvorgang immer dort oben am Kopf rumwuselten. Hände in der Nähe des Barts dagegen unterstreichen lässig den Eindruck eines zielstrebigen Denkprozesses.

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    168.Stunde im März 2009
    Leicht reduziertes Shoppingvakuum

    MOTTO Bookshop / Skalitzer Str.68 (Hinterhof)
    Open Thursday - Saturday 12.00-20.00
    www.mottodistribution.com

    Kunstbuchhandlungen kann es nie genug geben. Auch wenn einem manchmal in Anbetracht unzähliger Walther-König-Shops in Berlin etwas bange wird. Noch schöner, wenn plötzlich im Kreuzberger Hinterhof nebenan ein erstaunlich gut sortierter Kunstbuchladen von unbekannter Hand aufmacht. Mit MOTTO ist jetzt eine der schönsten und bestsortiertesten Kunstbuchhandlungen der Stadt hier platziert. Unbedingt erwähnen muss man auch das bezaubernde holzvertäfelte Ladendesign. Kreuzberg ist ohnehin immer noch eine erstaunliche Einkaufwüste. Ansonsten tauchen in der Gegend plötzlich überall Skaterboutiquen auf. Skater sind im Straßenbild aber unsichtbar. Sehr unpraktisch, dieser gelebte Antikapitalismus, falls man denn mal Geld hat. Bier, Kebab, Aspirin und andere Substanzen .... Komatouristen brauchen halt nix anderes. Und nach wie vor werden Neubauten aus alten Dönern fabriziert, denken manche Menschen hier in Oslo und kaufen wieder weniger Berliner Eigentumswohnungen.


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