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Vorwort

Heute sind nahezu alle Menschen in Deutschland mehr oder minder massiv in rassistische Diskurse verstrickt." (Siegfried Jäger)

Die für diese Nummer ausgegebene Losung „Auslandsjournal" hat sich mit der Zeit zunehmend verkompliziert. Dabei war die Idee so einfach: Blickpunkt verlagern, das Außen ins Spiel bringen, objektivierend-irritierende Effekte schaffen. Der Studie „Rassismus in den Medien" des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung ist zu entnehmen, daß der Begriff „Rassismus" in der ausländischen Presse viel häufiger benutzt wird: „für die bei uns so gerne verharmlosend als 'Krawalle' bezeichneten Angriffe auf das Leben ausländischer Mitbürger." Wir gingen davon aus, daß der Blick von außen Analysen und auch produktive Mißverständnisse bringen könnte, die von innen nicht zu erwarten sind. So zieht etwa der Text von Eric Santner Verbindungen von Hölderlin zu Syberberg/Kiefer, die hier kein linker Theoretiker mehr zu ziehen bereit wäre. Das als reaktionär identifizierte Material wird von Santner anders ernstgenommen, in einer Weise ausführlich untersucht, daß einem das Fehlen vergleichbarer Studien hierzulande besonders auffällt. Liegt es daran, daß der Druck für jemanden, der im Ausland arbeitet und sich nicht historisch verantwortlich und verpflichtet fühlt, weniger groß ist? Daß die Orientierung am Gegenstand nicht geleitet ist von Identifikation oder Distanzierung?

Anschaungsmaterialien zur Beantwortung dieser Fragen konnten jedoch nur in begrenzter Menge für diese Ausgabe organisiert werden. Ergänzend zu Santners betont abwägendem Aufsatz lassen sich die Äußerungen von Sylvère Lotringer lesen. Aus New York kam sein telefonischer Kommentar über das Konzept der „German Issue" der Zeitschrift Semiotext(e), die 1984 erschienen ist und uns damals durch Interviews mit Fritz Teufel oder Rainer Kunzelmann überraschte. Wie würde eine neue Ausgabe vom „German Issue" heute aussehen, ohne die Teilung Deutschlands als konstituierendes Element?

Hans Ulrich Gumbrecht spricht aus der umgekehrten Perspektive — in welche Fallen läuft der Exildeutsche, der sich in seiner Funktion als Professor in Stanford einen Spaß daraus macht, deutsche Touristen im Flugzeug zu identifizieren? Deutsche Intellektuelle, die im Ausland leben, sind oft anfällig für die Konstruktion eines deuschen Nationalcharakters. Vielleicht liegt es daran, daß sie, wie Gumbrecht, mit deutschen Besuchern konfrontiert werden, die sich auf der Durchreise befinden und auf sie geworfene Projektionen umgehend zurücksenden. Der deutsche „akademische Tourist" wird gerade seinen deutschen Kollegen gegenüber ein Denken an den Tag legen, daß deren schlimmste Befürchtungen bestätigt. Das als typisch deutsch beobachtete Verhalten ist von ihrem Beobachter nicht zu trennen. Letzterem scheint sich eine Verallgemeinerung zu bestätigen, von der er sich distanzieren muß.

Es gibt auch Meinungen, die innerhalb Deutschlands wie exotische Merkwürdigkeiten gehandelt werden und für die sich die Medien dann früher oder später interessieren.

Unser Interview mit Klaus Croissant, dem früheren RAFAnwalt und Stasi-Mitarbeiter, fiel in eine Zeit, da sich „Der Spiegel", RTL, „Premiere" usw. auch auf das Thema stürzten. Je seltener illegitime Uberzeugungen werden, desto mehr Interesse wird ihnen entgegengebracht. Croissant eignet sich als allegorische Figur. Marginalisiert und inkriminiert in der alten BRD, willkommen in der DDR, nach der Ubernahme erneut vor Gericht gebracht, können an seiner Person jede Menge Opfer-Täter-Theorien durchgespielt werden, ohne daß 1 für die Medien von dem PDS-Mitglied die Gefahr einer übermäßigen Popularität ausginge.

Im Gegensatz zum vielfältig verortbaren Croissant ist der Essayist Lothar Baier keiner festen institutionellen oder feuilletonistischen Fraktion zuzurechnen. Wie beurteilt der klassische Intellektuelle das von ihm so genannte „Reich der Mitte" zwischen den Extremen? Baier nimmt für sich eine kritische, engagierte Position in Anspruch, ohne daß diese von einer wie auch immer imaginären Gemeinschaft getragen oder durch die Identifikation mit einer Gruppe legitimiert wäre. Beim Künstler Sigmar Polke findet sich ein anderes Muster: Bis Ende der Siebziger ließ er sich auf zahlreiche Kooperationen ein und führte ein Leben im Kollektiv ohne Signatur. Dem folgte der obligatorische Rückzug. Heute signiert Polke nur seine eigenen Arbeiten. Kann die ausufernd ästhetizistische Praxis eines Künstlers politisch sein? Vielleicht ist Polkes unbeirrtes Ausschöpfen von künstlerischen Optionen eine Möglichkeit, mit der er sich engagiert zeigen kann. Polke hat es immer wieder geschafft, das politische Unbewußte in Bilder zu überführen. Seine Arbeiten haben ein Gespür für kollektive Unterströme und atmosphärische Veränderungen. Und davon gibt es ja derzeit eine ganze Menge.

ISABELLE GRAW / TOM HOLERT