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Brigitte Weingart

Groß & klein

Mir hat die große Geste gefallen: 25 Jahre, 100. Heft, Festspiele – KANON. Deshalb habe ich die Einladung angenommen, auch wenn ich mir noch im selben Moment über die Anmaßung im Klaren war, die das bedeutet: Wer bin ich denn, dass ich über kanonische Positionen befinden könnte? Offenbar doch hinreichend geltungsbedürftig (als Autorität adressiert zu werden – wer kann dazu schon Nein sagen?), habe ich zugesagt – in der Zuversicht, dass ich mich mit einer gewitzten Wendung der Fragestellung schon würde in eine Schreibposition bringen können, von der aus ich am Jubiläumskuchen teilhaben könnte, ohne dabei die in jahrzehntelangen Kanondebatten erarbeiteten Einwände gegen das Konzept mitschlucken zu müssen. Vielleicht ein schriftliches Äquivalent der Kanonattrappe, als die Sigmar Polke „Goethes Werke“ 1963 in den Blick gerückt hat. (Das war mehrere Monate vor dem Abgabetermin, also in der subjektiv erfüllendsten Phase der Textproduktion, in der sich das Phantasma des Sagenwollens noch nicht an der schriftlichen Ausführung beweisen muss.) Und eine erste Einsicht hatte ich ja schon im Selbst­experiment gewonnen: Kanonisierung ist schon in Ordnung, wenn man selbst mitmachen darf. (Von innen fühlen sich exklusive Verhältnisse immer besser an. Gut genug jedenfalls, um das schlechte Gewissen über die eigene Inkonsequenz in Schach zu halten.)

Ich wollte, so fällt mir im Nachhinein auf, im Kleinen meines Beitrags das praktizieren, was ich in die große Geste der Heft- und Festidee hineininterpretiert hatte: die Aneignung eines zu Recht in Verruf geratenen Konzepts, um es nach ausgiebigem Hin-und-her-Denken für die eigenen Zwecke umzubesetzen und produktiv zu machen. Wobei die Kanonskepsis natürlich keineswegs als durchgesetzter Standard gelten kann; im Gegenteil wird ja gerade in notorisch unübersichtlichen, instabilen Zeiten häufig an der vermeintlichen Notwendigkeit von verbindlichen Kanons festgehalten, obwohl man sich der unhintergehbaren Relativität der Kriterien bewusst ist. Eine Zeitschrift wie Texte zur Kunst hat nun aber – anders als viele ihrer Autoren und Autorinnen, die in akademischen Zusammenhängen lehren und lernen – eigentlich das Privileg, sich von solcherlei Sachzwängen distanzieren zu können. Und das Heft hat sich ja in der Vergangenheit u. a. einen Namen damit gemacht, die Bedingungen von Kanonisierung zu analysieren (Stichwort „Bourdieu“) bzw. Kunst zu featuren, die dies tut (Stichwort „Institutional Critique“).

Man kann dem Seitenwechsel nun den Charme der subversiven Affirmation unterstellen, wie ich das zunächst reflexhaft getan habe. Schließlich hat sich die Aneignung von Kanonbehauptungen als strategisches Tool der Ausgeschlossenen bestens bewährt, wenn man etwa an die feministisch, postkolonialistisch oder subkulturtheoretisch motivierten Setzungen von Gegenkanons denkt. Als Mimesis an die Machtspiele, die jedem Kanon zugrunde liegen, funktioniert die Idee des „anderen“ Kanons aber nur, wenn den Komplizenschaften mit dem, wovon man sich eigentlich absetzt, erkennbar entgegengearbeitet und das eigene Exklusivitätsgebaren überdeutlich markiert wird. In den Bestenlisten der Fans am Jahresende z. B., wenn durch die ausgestellte Willkür und Subjektivität, vor allem aber durch Vervielfältigung von Autorschaft das Autoritäts­gehabe und die Anmaßung von Kanonisierung als Setzung unterlaufen wird. Es geht also nicht nur um alternative Inhalte, sondern auch um alternative Gesten und Schreibweisen: Kleine Literatur, Minoritär-Werden, Mikropolitik, vielleicht auch Micro Celebrities vs. Mega Stardom.

In ihrer Aufforderung zur Kanonsetzung beruft sich die Redaktion zu Recht darauf, dass Texte zur Kunst ohnehin an der Kanonisierung künstlerischer Positionen beteiligt sei, also keine minoritäre Position (mehr) hat. Es geht demnach auch in dieser Ausgabe um Transparenz, um das Offenlegen und nicht zuletzt die Begründung der Ein- und Ausschlusskriterien, die ansonsten mehr oder weniger implizit am Werk sind. Und kurz soll es auch sein. Trotzdem potenziert der Appell an eine exklusive Auswahl bewährter Autoren/Autorinnen zur nachträglichen Reflexion ihrer Setzungsmacht letztlich einen Autoritätsanspruch, der sich für die Leser/innen der Zeitschrift durchaus auch mit Blick auf das unübersehbar Cliquenhafte ihrer Entstehungsbedingungen ohnehin relativiert hat. Als Objektivierung von Vorlieben, die man bis dato wohl auch als nicht Eingeweihte/r als Resultat einer Mischung von „liking things“ (Warhol, Facebook), persönlichen Befangenheiten und eben guten Gründen erkennen konnte, verleiht dies dem TzK-Kanon eine unnötige gravitas, die auch dieser Beitrag in seinem wichtigtuerischen Schlingern zwischen Trotzdem und Scheitern beerbt. Am Ende ist vielleicht gerade das Große der Geste (KANON!) dann doch das Problem, das seine Aneignung nicht loswird – nicht zuletzt wegen der Größe, die Texte zur Kunst als Player im Feld der Kunstkritik und der (auch ökonomischen) Wertschöpfungsprozesse des Kunstsystems eben hat und ist.

Notes

[1]Sigmar Polke, "Goethes Werke," 1963