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Ilka Becker

Peter Scheiffele (1971–2015)

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In der Zeit, als Peter sich intensiv mit der Geschichte der frühen Arbeiterbewegung und dem italienischen Operaismus auseinandersetzte, das war um 2006, legte er im Kölner Stadt Venlo mit Vorliebe einen bekannten Folksong auf, der angeblich aus der Gewerkschaft der Wobblies – der Industrial Workers of the World – hervorgegangen sein soll. „Hallelujah, I’m a Bum“ ist eine ironische Polemik, mit der ein Hobo um 1900 seine wechselhafte und von Armut geprägte Arbeiterexistenz zwischen Tun und Nichtstun kommentiert. Oft hat Peter die Inhalte der Arbeiterlieder, mit denen er sich wirklich gut auskannte, als Folie benutzt, um über unsere eigenen Lebens- und Selbstverhältnisse zu reflektieren. Theoriebildung war für ihn nie abstrakt, abgelöst, sondern musste sich immer an den existenziellen, alltäglichen und ganz konkreten Fragen messen, die ihn und uns umtrieben. Sind wir selbstbestimmt oder selbstausbeutend? Wie sich verhalten, wenn die prekären Arbeitsverhältnisse in Kunstbetrieb, Kulturindustrie und Academia locken und abstoßen, wenn Inklusion Unterwerfung und Exklusion den Verzicht auf symbolisches Kapital und Anerkennung bedeuten mögen? Und sollen wir noch weiter trinken, rauchen, über Liebe – Arbeit – Politik diskutieren und Musik hören, oder müssen wir ausgeschlafen sein für den nächsten Tag, das nächste Projekt, die nächste Anstrengung? Meistens wurde es spät, und dafür bin ich dankbar.

Ich habe Peter immer als einen Menschen wahrgenommen, der eine ambivalente Haltung zu den Anerkennungsprozessen und -ritualen der Institutionen und Peer Groups pflegte und der diesem Widerstreit auch sein intellektuelles und politisches Denken widmete. Das galt für seine journalistische Arbeit bis hin zu seiner Lehre und Forschung an der Universität, wo er später sein Buch über NGOs in Haiti begann. Wir hatten uns 1998 in der Redaktion von Texte zur Kunst kennengelernt. Dort bildete sich im Laufe der Zeit ein Freundeskreis heraus, der sich teilweise mit dem Kosmos des Spex-Magazins überschnitt, das er mit Beiträgen belieferte. Für uns war er ein enger, ein warmherziger und störrischer Freund, ein überzeugter Marxist, leidenschaftlicher Plattenaufleger und Liebhaber von Folk, Blues und Bluegrass, Mitbegründer der Arbeitsgruppe „Making of“, Veranstalter bald auch von Konzerten, Lesungen, Diskussionen und Vorträgen im King Georg. Das alles hat er Schritt für Schritt aufgebaut, hat Musiker/innen, Künstler/innen, Autoren und Autorinnen eingeladen, neue Allianzen gestiftet, unermüdlich Netze und Freundschaften gesponnen.

Er verstand es, die nach dem Weggang von Texte zur Kunst und Spex aus Köln entstandenen Lücken als Freiräume zu begreifen. Als die linken und kritischen Debatten nach neuen Akteuren/ Akteurinnen und Plattformen verlangten, intensivierte er seine Aktivitäten. Für das intellektuelle und politische Feld in Köln hat er damit eine unverzichtbare und wertvolle Arbeit geleistet, und es fällt schwer, sich dieses nun ohne ihn vorstellen zu müssen. Peter brauchte keine Institution. Er wurde selbst zu einer. Das bin ich versucht zu sagen, wenn ich an die Präsenz denke, mit der er sein Feld bespielte. Eine solche Zuschreibung würde aber verkennen, dass es ihm um offene und nichthierarchische Prozesse der Instituierung ging, er im Modus der Kollektivierung und der Kollaboration und nicht in dem des Machterhalts dachte.

Die Kunst betrachtete er lange Zeit mit einem äußerst skeptischen, wenn auch neugierigen Blick. Oft hat er mich danach gefragt, was mich gerade interessiert, mit mir etwa über die Relevanz ästhetischer Autonomie gestritten und die Verbindungen zu seiner Arbeit gesucht. Seinen Zugang fand er jedoch weniger über Werke als über die Beobachtung und Kritik des künstlerischen Feldes und seiner Kultur der Selbstverwertung“. Zuletzt war er kuratorischer Assistent an der Akademie der Künste der Welt. Ich hatte den Eindruck, dass er dort mit seinen Überlegungen zu Migration und postkolonialer Theorie, aber auch in der konkreten Zusammenarbeit mit den ausstellenden Künstlern und Künstlerinnen eine größere Nähe zu den Kunstwerken selbst entwickeln konnte.

Peter hat dem Interesse für die Krise und das Scheitern immer den Vorrang gegeben vor dem Gelingen. Verausgabung war ihm nicht nur leidenschaftliche Hingabe an die Arbeit und das Leben, sondern bedeutete oft, gnadenlos offen, geradezu rücksichtslos gegen sich selbst, aber auch gegen andere zu sein. Es waren zuweilen die wunden Punkte, die er instinktiv aufspürte und benannte, nicht selten aber auch seine eigenen Dämonen, die er an den anderen wahrzunehmen glaubte und austreiben wollte. Zugleich konnte er unglaublich sensibel und empfänglich sein, und es gab viele Situationen, in denen seine warme, umarmende Art Trost gespendet hat, manchmal mittels eines kämpferischen oder berührenden musikalischen Absackers, mit dem er uns in die Nacht entließ. Jetzt haben wir ihn verabschiedet. Er fehlt uns so sehr.

Notes

[1]Foto: Alfred Jansen, Köln