67

Brief an eine freundin in New York von Isabelle Graw

Emily Roysdon, „The Piers Untitled (#5)“, 2010

Emily Roysdon, „The Piers Untitled (#5)“, 2010

Der Brief dient, von Virginia Woolf bis zu Chris Kraus, in der Literatur als Mittel einer längeren gedanklichen Auseinandersetzung, das Persönliches und Zeitgeschehen ineinander verwebt und Politisches im privaten Ton nach außen kommuniziert. Isabelle Graw nutzt jene Form, um ihre Reflexionen über die verheerenden Auswirkungen der US-amerikanischen Politik und des Neoliberalismus auf die Kunstwelt mit einer New Yorker Freundin zu teilen.

Nach einer nicht lange zurückliegenden Reise in die USA reflektiert Graw die vorherrschende Stimmung in der New Yorker Kunstwelt und weist auf wichtige Parallelen zwischen den Entwicklungen in den USA und ihrem Heimatland Deutschland hin. Durch die Korres­pondenz beginnt sich die Diskussion um den aktuellen Stand der Dinge für weitere Analysen schrittweise zu öffnen.

Berlin den 11.7.2018

Liebe Marianne,

Ich bin gut angekommen und wollte dir gleich nach meiner Rückkehr ausführlich schreiben. Meine Zeit in New York war dieses Mal leider äußerst knapp bemessen, sodass wir gar nicht ausführlich sprechen konnten, was ich sehr bedaure. Ich wollte dir nun wenigstens auf diesem Wege meine New-York-Eindrücke schildern. Es kann allerdings sein, dass sie von meiner labilen Verfassung, deren Gründe du ja kennst, ein wenig eingetrübt werden. In Hannah Arendts Korrespondenz mit einer ihrer Freundinnen habe ich eben passenderweise gelesen, dass auch sie befürchtete, dass sich ihre schlechte Stimmung während einer Israelreise auf ihren Eindruck vom gesamten Land ausgedehnt habe. Aber vielleicht kann man eine solche Entsprechung zwischen Privatem und Politischem auch als Beleg dafür lesen, dass Privates und Politisches grundsätzlich in einem beweglichen Verhältnis zueinander stehen?

New York ist ja immer, das habe ich dir oft gesagt, mein absoluter Sehnsuchtsort gewesen. Doch dieses Mal war es anders – ich erlebte die Stadt vielmehr als düstere Zukunftsversion dessen, was uns hier in Berlin möglicherweise bevorsteht. Denn auch in Berlin geht inzwischen die Angst vor Wohnungsverlust und exorbitanten Mieterhöhungen um, was sich in einer angespannteren Grundstimmung niederschlägt, die ich zunehmend auch im Alltag registriere. In letzter Zeit höre ich z. B. auch von zahlreichen Künstler*innen aus unserem Freundeskreis, dass ihnen ihr Atelier gekündigt wurde oder dass sie sich mit einer unbezahlbaren Mieterhöhung konfrontiert sehen. Glücklicherweise gibt es Proteste gegen diese Entwicklung, wie zuletzt von den Nutzer*innen der Kunst-und Gewerbehöfe in der Muskauer Straße. Ich fürchte dennoch, dass jene Kulturschaffenden, die keine Topverdiener sind (also die meisten), langfristig, wie in Manhattan längst geschehen, aus der Innenstadt verdrängt werden.

In New York kann man seit einigen Jahren sehen, wohin es führt, wenn einer hochspekulativen Investitionskultur keine Grenzen mehr gesetzt werden. Für mich waren die überall aus dem Boden schießenden Hochhäuser mit Luxuswohnungen dieses Mal Sinnbilder dafür, dass es eine windige Immobilientype ist, die das Land regiert. Vor allem in Midtown schienen mir die Bauaktivitäten geradezu entfesselte Züge anzunehmen. Es entstehen dort Glastürme, die dieselbe deprimierende Corporate-Ästhetik aufweisen, wie ich sie zuletzt in Städten wie Dubai oder Downtown Vancouver gesehen habe. Da die Wohnungen in diesen Hochhäusern zumeist leer bleiben, kommt das städtische Leben um sie herum nahezu vollständig zum Erliegen. Entsprechend erzählte man mir in New York, dass vor allem die Einzelhandelsgeschäfte wie Reinigungen oder Lebensmittelläden vermehrt schließen müssen, weil es schlicht niemanden mehr gibt, der sie nutzt. Zeichnet sich eine solche Entwicklung eigentlich auch in deiner Gegend ab?

Der Berliner Senat ergreift hier im Moment zwar zögerliche Maßnahmen, um einen vergleichbaren Umschlag von Kiezkultur in eine tote Investorenstadt zu verhindern, etwa durch Ausweitung des „Milieuschutzes“, was in Amerika undenkbar wäre, dennoch fürchte ich, wenn ich mir nur die Effekte der Gentrifizierung in meiner eigenen Straße in Berlin vor Augen führe – Wegzug von zahlreichen Kulturschaffenden, Schließung sämtlicher Geschäfte vom Kiosk und Blumenladen bis hin zum Lieblingscafé zugunsten von Boutiquen –, dass Berlin in Zukunft von jungen Künstler*innen eher gemieden werden wird, weil sie sich das Leben hier schlicht nicht mehr leisten können.

Womöglich war es meiner erhöhten Sensibilität geschuldet, aber dieses Mal schien mir der ohnehin beträchtliche Lärmpegel New Yorks durch die allgegenwärtigen Bauaktivitäten noch zugenommen zu haben. Geht es dir eigentlich auch so, dass du den Donner jedes vorbeifahrenden Lasters sowie den ohrenbetäubenden Lärm der Ambulanzsirenen wie einen körperlichen Angriff erlebst, der dir unmittelbar in die Glieder fährt? Ist das ein Altersphänomen? Oder ist es die von der Trump-Administration ausgehende Bedrohung, die sich – auf diese Weise verschoben – in einer körperlichen Reaktion bemerkbar macht?

Proteste des Atelier- und Gewerbehofs / protests in front of the Artist Complex at Muskauer Straße, Berlin, 2018

Proteste des Atelier- und Gewerbehofs / protests in front of the Artist Complex at Muskauer Straße, Berlin, 2018

Übrigens hat sich nach meinem Empfinden die Frequenz der Rettungswägen in den letzten Jahren auch in Berlin beträchtlich erhöht. Man hat das Gefühl, dass es den Menschen spürbar schlechter geht. Durch die vielen Noteinsätze, etwa auf der Torstraße, wo sie mittlerweile im Minutentakt erfolgen, sehe ich mich jedenfalls auch in Berlin in einen Zustand der ständigen Alarmbereitschaft versetzt, der gut zu dem Schrecken passt, der von dem zunehmenden Rechtsruck auch in diesem Land samt rasant gestiegenem Fremdenhass ausgeht.

Bedroht und diskriminiert werden vor allem Migrant*innen und Nicht-Weiße, und nicht privilegierte Menschen wie wir. Man beginnt sich fast für seinen deutschen Pass zu schämen, der mit so vielen unverdienten Privilegien wie etwa Mobilität einhergeht, von denen die in den Ländern des „Travel Ban“ Lebenden nur träumen können. In den linken Medien ist ja der Befund erhoben worden, dass die Trump-Administration den Umbau eines demokratischen Systems in eine Autarkie mit plutokratischen Zügen vorantreibt. Zuletzt war es die Neubesetzung des Supreme Court durch einen Trump-freundlichen Richter, in der sich dieses beängstigende Szenario bestätigte. Dass sowohl die Rhetorik dieser Regierung, die gekennzeichnet ist durch Lügen, rassistische Diskriminierung und Dehumanisierung von Migrant*innen, als auch ihre Methoden, so etwa die Ablenkung vom Wesentlichen durch Überrumplung, Nutzung der avancierten Kommunikationsmittel (Twitter) und systematische Angriffe auf die freie Presse, an vergangene Geburtsstunden grausamer Diktaturen erinnern – auch das ist in den Medien längst festgehalten worden. Trumps erratische Pressekonferenzen habe ich vor diesem Hintergrund mit Entsetzen verfolgt, wenn er beispielsweise in der Manier eines narzisstisch gestörten Alleinherrschers die Journalist*innen nachdrücklich dazu auffordert, nett zu ihm zu sein.

Zum Thema „Trump“ fiel mir in New York allerdings auf, dass sein Name unter befreundeten Künstler*innen und Galerist*innen kaum noch fällt. Teilst du diesen Eindruck? Die Trump-Realität schien mir weitgehend verdrängt zu werden, so als beträfe sie die Kunstproduzent*innen gar nicht, was ein Trugschluss ist. Vielleicht versucht man, sich auf diese Weise einen letzten Funken Optimismus zu bewahren? Auch die nahezu aggressive Verstrickung in Micropolitics, die man überall in New York beobachten kann, geht häufig mit einer Ausblendung der Trump-Realität einher. Nur wirkt sich diese neue Realität eines quasifaschistischen Amerikas natürlich in Wahrheit durchaus auf die künstlerische Produktion aus, oder genauer: auf das Bewusstsein der Kulturschaffenden. Ich habe Freund*innen in New York getroffen, die wie unter Schock zu stehen schienen und zugleich obsessiv in ihre jeweiligen Arbeitssysteme vertieft und damit beschäftigt waren, ihr künstlerisches (und natürlich auch ökonomisches) Überleben zu sichern. Der generelle Vorwurf gegen das linksliberale Milieu, dass es in erster Linie seine Privilegien verteidige und sich nicht über Symbolpolitik hinaus engagiere, ist offenkundig nicht ganz von der Hand zu weisen. Nur haben die meisten Kulturproduzent*innen angesichts eines enormen finanziellen- und Konkurrenzdrucks tatsächlich genug damit zu tun, ihr eigenes Leben, ihre eigene Arbeit zu regeln. Mehr ist oft nicht zu leis­ten. In einer solchen Situation, und das sehen wir auch hier, schaffen es nur einige Künstler*innen und Theoretiker*innen, sich z. B. für Geflüchtete und gegen den immer salonfähiger werdenden Rassismus politisch zu engagieren.

Ich kann aber auch nachvollziehen, dass es auf die Dauer einfach zu deprimierend ist, sich auf Leute wie Trump und dessen White-Supremacy-Ideologie zu fixieren. Denn damit einher geht immer auch das Bewusstsein von der eigenen Ohnmacht wie auch das Eingeständnis der momentanen Ohnmacht der Kulturlinken generell.

Bau des / Construction of „Four World Trade Center“, New York, 2012

Bau des / Construction of „Four World Trade Center“, New York, 2012

Jetzt wirst du mir vielleicht entgegenhalten, dass die New Yorker Kunstwelt durchaus, und zwar vor allem auf das rassistische Programm der Trump-Administration reagiert, indem sie z. B. den wichtigsten Protest gegen Trump – anti-rassistische Kämpfe – unterstützt, verstärkt für Diversity sorgt und nicht weiße Künstler*innen in Galerie- und Museumsausstellungen präsentiert. Und ich würde dir in dieser Hinsicht zustimmen: Dass es heute nahezu undenkbar erscheint, eine Gruppenausstellung mit nur weißen westlichen Künstler*innen zu machen, ist eine wichtige Errungenschaft der aktuellen Debatten um Postkolonialismus und Globalität, hinter die hoffentlich nicht wieder (wie so oft) zurückgefallen werden wird. Schwierig finde ich hingegen nur, dass die berechtigte Kritik an weißen Privilegien und am Ausschluss Schwarzer Künstler*innen oft neoessenzialistisch argumentiert, so als wären „Schwarz“ oder „Weiß“ die Essenz von Identitäten, die doch seit den identitätspolitischen Diskussionen der 1990er Jahren eher als in sich widersprüchlich und mehrdimensional aufgefasst wurden. Stichwort „plurale Identitäten“. Zugleich ist es aber auch schwierig, aus pluralen Identitäten konkrete politische Forderungen abzuleiten, weshalb man schon in den 1990er Jahren für einen „strategischen Essenzialismus“ plädierte, der heute ein Revival zu erleben scheint, das jedoch die damaligen Diskussionen, die natürlich seither auf vielfältige Art weiterentwickelt wurden, weitestgehend unberücksichtigt lässt.

Andere Frage: Was ist deiner Meinung nach eigentlich der Grund dafür, dass sich in der Kunstwelt (sowohl in New York als auch in Berlin) derzeit jenseits von Spendenaktivitäten, Petitionen, Konferenzen und gelegentlichen Demonstrationen wenig Protest gegen die Politik von Trump (oder gegen die AfD und Seehofers fremdenfeindliche Abschottungspolitik) regt? Ich denke oft, dass diese Zurückhaltung mit dem weit verbreiteten Glauben zu tun hat, dass man qua Kunst gleichsam automatisch auf der „richtigen“ Seite der emanzipatorischen, antirassistischen oder antikapitalistischen Kämpfe steht. Der Kunst wird zudem oft die Fähigkeit zugesprochen, das Bestehende zu transzendieren, über konkrete gesellschaftliche Bedingungen hinauszugehen. Hast du das in diesem Zusammenhang recht aufschlussreiche Zitat von Gerhard Richter aus dem Jahre 1982 gesehen, das er Hans Ulrich Obrist anlässlich seines Interviews noch mal aufgeschrieben hat? Obrist hat es kürzlich auf seinem Instagram-Account gepostet: „Kunst ist die höchste Form von Hoffnung.“ Kunst wird hier zum Hoffnungsträger par excellence erklärt, wobei es im Jahre 1982 für Hoffnungslosigkeit wahrscheinlich andere Gründe gab als heute. Was auf Richter damals wie heute persönlich zutreffen mag – dass ihm seine Kunstproduktion Hoffnung verschafft –, läuft jedoch, zum universalen Prinzip erhoben, auf eine Mystifizierung der Kunst hinaus, die in Wahrheit zugleich auch einen „Problemzusammenhang“ (Adorno) darstellt.

Angesichts der Unerträglichkeit und Unaushaltbarkeit von Hoffnungslosigkeit, die schon Ernst Bloch in „Das Prinzip Hoffnung“ feststellte, finde ich es zwar nachvollziehbar, wenn ein Künstler alle Hoffnung auf seine Kunst richtet. Nur blendet eine solche Realitätsflucht eben auch die sozialen Bezüge der Kunst aus, so etwa ihre Zugehörigkeit zur Sphäre des Geldes und der Macht. Ich habe den Begriff „Kunst“ ja immer als einen Wertbegriff aufgefasst und mich für die vielfältigen Werttypen interessiert, zwischen denen sich Kunstwerke aufspalten. Diese Wertdimension (und damit auch ihre Fähigkeit zur Generierung von Hoffnung!) der Kunst macht sie für reiche Oligarchen und politisch konservative Sammler*innen so attraktiv. Die Sphäre der Kunst war ja immer schon, seit der frühen Neuzeit, auf je spezifische Weise mit konservativen Milieus assoziiert, die sie finanzieren. Diese Bedingung ihrer grundlegenden Kompromittiertheit muss meines Erachtens berücksichtigt werden, wenn sie denn Anlass zu Hoffnung geben soll.

In dem neuen Buch von Andrea Fraser, das ich dir dringend empfehle, werden die aktuellen personellen Überschneidungen zwischen Museum Trustees und Trump-Supportern aufgedeckt. Das scheint mir ein Schritt in die richtige Richtung zu sein, zumal sich Fraser aus diesen Zusammenhängen nicht herausnimmt. Sie verweist darauf, dass sie selbst auch in Museen ausgestellt habe, in deren Vorständen Trump-Unterstützer*innen sitzen.

Fraser zufolge haben zahlreiche Museum Trus­tees und Sammler (32%) Trumps Wahlkampagne finanziert. Bei meinem Aufenthalt in New York kam diese Überlappung zwischen Kunst- und Trump-Welt allerdings kaum zur Sprache, einmal abgesehen von der Erwähnung der Tatsache, dass das aus Trumps Steuererleichterungen resultierende Mehr-Geld der Reichen unmittelbar in das obere Segment des Kunstmarkts fließt, dem es deshalb ökonomisch so gut geht. Nur scheint niemand Konsequenzen aus diesem engmaschig gestrickten Band zu ziehen, von dem die Trump-Welt und Teile der Kunstwelt zusammengehalten werden. Man kappt nicht die eigene Lebensader.

Nicht nur die an Trump-Supporter verkaufenden Galerien haben jedoch ein Problem. Ich glaube, dass wir alle, in dem wir beispielsweise „Bedeutung“ in Form von Diskurs oder Kunst produzieren, zur Generierung eines glaubwürdigen Nachschubs beitragen. Ich würde sogar noch weitergehen und sagen, dass das Kultivieren eines bohemistisch-transgressiven Lebensstils, wie er immer noch von zahlreichen Künstler*innen zwischen New York und Berlin gepflegt wird, spätestens in Trump-Zeiten sein widerständiges Potenzial verloren hat. Denn mit einer Figur wie Trump ist eine Type in das Weiße Haus einzogen, deren Verhaltensweisen mir nur allzu bekannt vorkommen. Der Vergleich mag etwas zu weit gehen, aber Trump legt aus meiner Sicht eine Neigung zu Regelbruch, Intransparenz, Lüge und Sexismus an den Tag, die im Kunstmilieu der 1980er und 1990er Jahre auch aufgrund seines informellen Charakters vor allem bei einigen seiner heterosexuellen, männlichen Protagonisten durchaus gängig war. Was unter dem Banner der Kunst in einem bohemistischen Milieu als interessantes Abweichen von der Norm empfunden werden konnte (obwohl natürlich in Wahrheit vor allem für Frauen unerträglich), wird in dem Moment gänzlich inakzeptabel, wo der US-amerikanische Präsident ein solches Verhalten propagiert. Auch unter #MeToo-Vorzeichen hat sich berechtigter Protest gegen den naturalisierten Sexismus im Kunstbetrieb geregt, sodass Verhaltensweisen, die noch in den 1980er Jahren ertragen werden mussten, inzwischen gar nicht mehr gehen und sogleich offen abgelehnt und sanktioniert werden können.

Peter Eisenberg, Wenn das Genus mit dem Sexus, F.A.Z. vom 28.02.2018, Screenshot

Peter Eisenberg, Wenn das Genus mit dem Sexus, F.A.Z. vom 28.02.2018, Screenshot

Spürst du auch an allen Ecken und Enden, dass sich der Backlash gegen diese erhöhte Sensibilität für Sexismus bereits regt, etwa im Feuilleton der FAZ , wo männliche Netzwerke ihre Reihen schließen und sich fasziniert vom George-Kreis zeigen? Kürzlich wurde dort auf der ersten Seite argumentiert, dass gendersensibles Sprechen gegen die Grammatik der deutschen Sprache verstößt. Zwar trifft es zu, dass das generische Sprechen grammatisch gesehen auch das weibliche Geschlecht einschließt, nur: Was heißt das politisch, welcher Ausschluss ist damit impliziert? Die politische Dimension im generischen Geschlecht wurde symptomatischerweise übersehen.

Auch die Anziehungskraft des Kunstmilieus scheint in den letzten Jahren erheblich gesunken zu sein, da zahlreiche unserer Freund*innen aus anderen Kultursparten ihm inzwischen wieder den Rücken zukehren. Hast du dies auch bemerkt? Ich glaube, dass dieser Attraktivitätsverlust mit zwei Faktoren zusammenhängt: Erstens steht die Boheme-Verheißung des Kunstbetriebs in Trump-Zeiten, wie bereits erwähnt, in einem anderen (fragwürdigen) Licht, und zweitens hat sich der Kunstbetrieb, dessen Freigeistigkeit vom Neoliberalismus großer Galerien und Messen ver­schlungen wurde, partiell in eine konservative VIP-Sphäre verwandelt, die auf viele nicht besonders anziehend wirkt. Daraus resultiert eine Glaubwürdigkeitskrise, von der nicht nur das Milieu selbst, sondern auch die in ihm zirkulierenden Produkte erfasst werden.

Vor diesem Hintergrund wollte ich dich fragen, ob du die ganzen Entwicklungen bei artforum mitverfolgt hast? In seinem ersten Interview inszeniert sich der neue Chefredakteur David Velasco als ein „Bohemien“, der einen grenzenlos romantischen Glauben an incredible art an den Tag legt, für die er, O-Ton, sein „Leben“ geben würde. In seiner pathetischen Bereitschaft, für die Kunst zu sterben, wird diese zu etwas erklärt, für das sich das Opfer des eigenen Lebens lohnt: über jeden Zweifel erhaben. Die innere Verwobenheit zwischen Kunst- und Trump-Welt kommt bei ihm nicht zur Sprache, und der #MeToo-Skandal im eigenen Haus wird mit den Worten relativiert, dass Knight Landesman nicht artforum sei. In diesem denkwürdigen Gespräch, bei dem er die Arbeit seiner Vorgängerin Michelle Kuo mit keinem Wort würdigt, gibt Velasco auch seine Präferenz für Lifestyle-Autor*innen wie Rhonda Lieberman bekannt, um im selben Atemzug die Bedeutung von kunsthistorischer „Expertise“ zu relativieren, die er nicht so interessant findet. Dabei wäre es gerade im Moment fatal, sich von einem Expertenwissen zu verabschieden, das Kunst in gesellschaftlichen Zusammenhängen denkt. Erschwerend kommt meines Erachtens hinzu, dass diese Abkehr vom Expertenwissen strukturelle Ähnlichkeiten zur Haltung Trumps aufweist. Trump hat schließlich die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung zum Klimawandel mit Füßen getreten, um sich in seiner Regierung systematisch der Experten zu entledigen, wie man in „Fire und Fury“ nachlesen kann.

Großdemonstration „#ausgehetzt“ / Mass demonstration „#ausgehetzt“, München / Munich, 2018

Großdemonstration „#ausgehetzt“ / Mass demonstration „#ausgehetzt“, München / Munich, 2018

Dass sich Kunst- und Trump-Welt auf zahlreichen Ebenen – personell, finanziell und inhaltlich – überlappen, war mir zwar schon vor meiner New-York-Reise klar gewesen. In New York habe ich jedoch erst realisiert, welche Verheerungen die Trump-Ära nicht nur im städtischen Leben, sondern auch im Denken und Handeln der New Yorker Kulturproduzent*innen anrichtet. Es ist wie von Bloch in den 1930er Jahren beschrieben (dessen raunendes Schreiben ich ansonsten zwar nicht so schätze, aber hier ist sein Befund recht treffend und überaus aktuell): „Viele fühlen sich nur als verwirrt. Der Boden wankt, sie wissen nicht, warum und von was. Dieser ihr Zustand ist Angst …“ Diese Angst, Bloch hat sie auch „Lebensangst“ genannt, ist im New Yorker Kunstbetrieb latent spürbar. Statt ihr jedoch wie Bloch (und Richter via Obrist) mit dem „Prinzip Hoffnung“ (der Kunst) zu begegnen, würde ich eher für eine genauere Analyse der fließenden Übergänge zwischen Kunst- und Trump-Welt plädieren. Denn Angst ist, das weiß ich aus eigener schmerzlicher Erfahrung, nie ein guter Berater im Leben. Vielleicht ist es jetzt wirklich an der Zeit, auch angesichts einer europaweit gescheiterten linken Politik, die ja zu Recht von Leuten wie Didier Eribon für die Abschaffung sozialer Rechte und Absicherungen von Arbeitnehmer*innen zwischen 1998 und 2005 verantwortlich gemacht wurde, dass wir uns politisch verstärkt engagieren? Ich weiß, dass viele in unserem Künstler*innenfreundeskreis seit Trumps Amtseinsetzung und der letzten Bundestageswahl (mit dem Einzug der AfD ins Parlament) mit dem Gedanken, in die Politik zu gehen, spielen. Aber seither ist wenig passiert und die Energie oft wieder verpufft. Deshalb wollte ich dich fragen, ob wir nicht gemeinsam endlich etwas gegen diesen Irrsinn unternehmen wollen.

Alles Liebe dir, Isabelle

PS. Ich habe diesen Brief übrigens auch Sabeth und Beate gezeigt, die einige sehr hilfreiche Kommentare hatten, die in ihn eingeflossen sind. Sie lassen dich beide herzlich grüßen!