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Vorwort

Künstlerische Praktiken werden ihren theoretischen Prinzipien (Ortspezifizität, Kritik, Ambivalenz, Überschreitung, feministische Grundsätze) früher oder später untreu, oder sie legten diese Prinzipien schon immer anders aus, was zu Überprüfungen sowohl der theoretischen Prämissen als auch der Praxis führt. In diese Verstrickung haben sich die Autorlnnen dieser Ausgabe hineinbegeben. Wie kann man über Praktiken schreiben, die von Theorien gesättigt sind (Klossowski, Vanalyne Green, sogenannte Kontext-Kunst) oder die eine Rezeptionsgeschichte zur theoretischen Unternehmung erklären (Cindy Sherman), ohne die Theorien nur zu reproduzieren? Wie läßt sich berücksichtigen, daß Theorien ihrerseits Praktiken produzieren können, mit diesen Praktiken am Ende identisch sind? Man kann dies tun, indem man die widersprüchlichen Anforderungen von Kunst- und Theoriekonventionen zusammendenkt und sich dem Double-bind, der Beziehungsfalle aussetzt, statt sie zu umgehen.

Jane Gaines nimmt Filme, die feministisch deklariert sind, zum Anlaß, um über das Verhältnis des Feminismus zur Heterosexualität nachzudenken. Ihre Analyse eines Videos der Künstlerin Vanalyne Green zeigt, daß es eine Möglichkeit gibt, die rigide, lusfeindliche und moralische Reaktion von Feministinnen auf politisch „inkorrekte", heterosexuelle Wünsche zu korrigieren. Die Zusammenarbeit von Künstlern und Theoretikern/Kritikern ist besonders ausgeprägt, wenn beide Parteien an der Möglichkeit von Gesellschaftskritik interessiert sind. Im Falle von ortsbezogen arbeitenden Künstlern haben die Kritiker einen politischen Anspruch aufgegriffen, den diese Künstler ihrer Meinung nach formulierten. Währenddessen modifizierten die Künstler ihre Techniken. Verlassen die Künstler das von Kritikern umrissene Gebiet, so kann daraus Enttäuschung resultieren oder eine Anderung der einst aufgestellten Regeln. Stefan Germer bringt mit seinem Text einen Stein ins Rollen — weitere Verarbeitungen der Geschichten, die zur „Kontext-Kunst" führten, werden folgen. Die Unvereinbarkeiten von Kunst und Theorie werden den Rezipienten aufgebürdet.

STEFAN GERMER / ISABELLE GRAW / TOM HOLERT / ASTRID WEGE