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Vorwort

"Berlin" gilt - spätestens seit der sogenannten Wiedervereinigung – als Metapher für unterschiedlichste Erwartungen: als politische und kulturelle Hauptstadt, als Ort der Konstruktion nationaler Identität, als wirtschaftliches Zentrum und als Schnittstelle gegenkultureller Bewegungen. Auch im Kunstbetrieb kreisen derzeit viele Gespräche um den Topos Berlin. Die Konstruktion Berlins als “Kultur-Hauptstadt” ist im Gange. Und der Prozess des bürgerlich-kapitalistischen Umbaus zeigt sich hier besonders deutlich. In der Metapher “Berlin” sind unterschiedliche Macht- und Herrschaftspraktiken fokussiert. “Berlin” steht hier nicht nur für die hegemoniale Umstrukturierung der Gesellschaft, sondern immer auch für die Hoffnung auf eine Repolisitisierung künstlerischer Praxen seitens derjenigen, die diesem Umbau kritisch gegenüberstehen. Wenn wir nach künstlerischen und politischen und politisch künstlerischen Handlungsstrategien fragen, geht es uns deshalb nie allein um den Ort Berlin.

Wir diskutieren verschiedene Handlungsstrategien: die von Gayatri Spivak, deren intellektuelle Arbeit interventionistischen Praktiken verpflichtet ist; oder Stuart Halls Position zu Konzeptionen von Identitätspolitik und Cultural Studies. Die Möglichkeiten, aber auch Schwierigkeiten einer dezidiert interventionistischen kuratorischen Arbeit, wie sie in der Shedhalle Zürich verfolgt wird, und die damit verbundene Verschiebung des Begriffes “Kunst” erörtern Renate Lorenz und Juliane Rebentisch. Anläßlich der Pariser Ausstellung „L'informe, mode d'emploi" wird die Diskussion über das Form-Inhalt-Verhältnis anhand von Konzeptionen des Abjekten analysiert. Werden künstlerische von politischen Fragen getrennt, so können kritisch intendierte Konzepte leicht zu einer Affirmation und Akklamation des Bestehenden werden. Eine solche Verschiebung zeichnet Oliver Elser in seinem Beitrag zur diskursiven Rechtfertigung des Berliner Baugeschehens nach.

Das, was man ändern will, konstruiert man unweigerlich gleichzeitig mit. Trotzdem: Texte zur Kunst geht im Sommer 1997 nach Berlin.

STEFAN GERMER/ISABELLE GRAW/ ISABELL LOREY/ASTRID WEGE