Landpartie II Ein Interview mit Lynn Cooke, Kuratorin der Dia Art Foundation in New York, von Markus Müller

Markus Müller: Die triumphale Eröffnung des Dia: Beacon liegt nun schon einige Zeit zurück. Lässt sich inzwischen sagen, was das neue Haus für das Dia insgesamt bedeutet? Und welche möglichen Konsequenzen ziehen Sie daraus für das Haus in Chelsea?

Lynne Cooke: Ich denke, dass die Eröffnung dieses neuen Außenpostens in Beacon die Wahrnehmung der Institution Dia sehr weitgehend, sehr umfassend verändert hat. Zum Beispiel wussten viele einfach nicht dass wir über eine große Sammlung verfügen, oder sie hatten sie nur bei den Präsentationen kleinerer Bruchteile davon wahrgenommen - etwa anlässlich der Ausstellungen zu Fred Sandback oder Joseph Beuys, die wir hier in Chelsea hatten. Die neue Situation erlaubt den Leuten, eine Ahnung vom Ausmaß unserer Sammlungen zu gewinnen, oder auch sich darüber klar zu werden, dass wir wahrlich nicht nur Minimal Art oder Land Art sammeln. Die Sammlung ist viel breiter und vielseitiger angelegt, auch wenn es natürlich gemeinsame Züge gibt, durch die die gesammelten Werke zueinander in Beziehung stehen: Die vertretenen Künstler/innen gehören alle in etwa der gleichen Generation an und gleichen sich manchmal in ihrer künstlerischen Haltung, wenngleich nicht im Sinne einer stilistischen Kohärenz. Ich denke, die augenblickliche Verfassung legt einen stärkeren Schwerpunkt auf die durchaus eigentümliche und idiosynkratische Geschichte dieser Institution. Diese Seite wird durch die temporäre Schließung des Hauses in Chelsea noch verstärkt. Wenn wir Ende 2006 wiedereröffnen, dann kommen die beiden genannten Aspekte hoffentlich in ein ausgewogenes Verhältnis - so dass die aktuellen Kunstprojekte auch als Möglichkeiten der Relektüre zeitlich weiter zurückliegender Kunst gesehen werden kann, wie das gute zeitgenössische Kunst übrigens immer tut.

Müller: Aber wird sich Chelsea weiter wie zuvor auf die Inszenierung von - ortsspezifisch gedachten - Projekten konzentrieren, in dem für das Dia typisch gewordenen Zeitzyklen?

Cooke: Ja. Wir wollen dieses Programm mit Einzelprojekten in Chelsea aufrecht erhalten. Das Dia hat als Auftraggeber-Institution in Zusammenarbeit mit jungen oder schon erfolgreichen Künstler/innen angefangen, und so soll es auch weiterhin bleiben. Was nicht bedeutet, dass wir nicht ab und an auch einmal wieder eine gewöhnliche Ausstellung präsentieren werden. Sehr spezifische Ausstellungen sollen in Beacon stattfinden. Im Mai dieses Jahres eröffnen wir eine Ausstellung in einer dritten Halle, die zum Zeitpunkt unseres Gesprächs noch fertiggestellt wird: "Going into unknown territory... 1957-67" von Agnes Martin, wo, zum Teil erstmalig, neun Bilder aus dem Zeitraum zwischen 1957 und 1959 zu sehen sein werden. Wir werden sie im Kontext ihrer Arbeiten der frühen Sechziger zeigen - das heißt, dass wir die Bilder der jüngsten Zeit abnehmen und die Präsentation ihrer Arbeiten auf drei Säle über die Zeit zwischen 1957 und 1967 verteilen. Es wird dann mit der Zeit eigene Ausstellungen in Beacon geben, aber sobald das Dia Chelsea wieder geöffnet ist, wird es dort Ausstellungen mit jüngeren Künstler/innen geben.

Müller: Wie sehen Sie zurzeit die Stellung New Yorks Im Verhältnis zum Rest der Vereinigten Staaten und zu Europa?

Cooke: Alle kennen die Nachkriegsgeschichte von New York. Nach dem ... nein, ich möchte lieber einen anderen Punkt in der Geschichte wählen, sagen wir, nach der Jahrtausendwende spielt New York eine ganz andere Rolle. Wir leben heute wirklich in einer Welt, die eine Vielzahl künstlerischer Zentren hat, und Kunst wird auch überall auf der ganzen Welt hergestellt. Was die Produktion betrifft, hat New York sicherlich keine Vorreiterrolle mehr. Das liegt natürlich in erster Linie an der Explosion der Immobilienpreise und der Lebenshaltungskosten in der Stadt - sicher kein sehr günstiges Überlebensklima für die jüngeren Künstlern und auch die jüngeren Galerien. In den vergangenen Jahren war eine gewaltige Zunahme von Produktionen aus Los Angeles zu bemerken, was wahrscheinlich mit den dortigen wichtigen Kunstschulen und einer für junge Künstler günstigen Infrastruktur zu tun hat. Ich glaube, New York ist in keiner dieser Fragen mehr eine Spitzenrolle zuzuschreiben. Wahr bleibt natürlich, dass es hier große Institutionen gibt, die junge Kunst ausstellen, und dass die Stadt das Zentrum des Kunstmarkts bleibt. Auch wenn die Produktion hier insgesamt stark zurückgegangen ist, kann man allerdings immer wieder Künstler/innen sehen, die hierher ziehen, so dass ein gewisser Teil des Produktionsorts noch immer erhalten zu sein scheint.

Müller: Als sich herumgesprochen hatte, dass Chelsea aus Renovierungsgründen geschlossen würde, wurde das zumindest in Europa von vielen als Anzeichen ökonomischer Probleme in den USA, vor allem in New York, interpretiert. Aus dem, was Sie gerade sagten, schließe ich nun eher, dass es sich wirklich um eine Renovierungsphase gehandelt hat und dass die Ausstellungsplanung für 2006 sich im Aufbau befindet...

Cooke: Ja, wir planen natürlich schon jetzt Ausstellungen und Ereignisse für die Wiedereröffnung und für die Zeit danach. Aber die Schließung des Gebäudes hatte tatsächlich auch wirtschaftliche Gründe. Wie viele andere Institutionen in diesem Land hatten auch wir sehr mit der allgemeinen ökonomischen Flaute zu kämpfen. Andererseits gab es auch Gründe, die mit dem Gebäude selbst zu tun hatten: Es gab so große Schwierigkeiten mit niedrigen Außentemperaturen, dass wir jederzeit hätten schließen können, es gab ein undichtes Dach, keine Heizung im Erdgeschoss, und außerdem auch keine Klimaanlage auf zwei oder drei Geschossen. Es musste etwas geschehen. Nach fünfzehn Jahren gab es die erste kostspielige Erneuerungsaktion, und das bedeutete zusammen mit der wirtschaftlichen Lage, dass es ein günstiger Zeitpunkt für eine Schließung war. Unsere Fundraising-Bemühungen laufen auf vollen Touren, mit einigem Erfolg übrigens, so dass wir sicher sind, dass wir 2006 wiedereröffnen können.

Müller: Zumindest in meiner Wahrnehmung zieht das Dia: Beacon ein ganz anderes Publikum an als das Dia in Chelsea. Zunächst einmal kann ich dazu sagen, dass ich noch nie so viele Menschen in einer zeitgenössischen Kunstausstellung gesehen habe wie in Beacon. Welche Erfahrungen haben Sie bis jetzt mit Ihrer neuen Zielgruppe sammeln können?

Cooke: Es stimmt - das Publikum ist tatsächlich ein ganz anderes: Sehr viele Familien, das heißt Gruppen, die sich normalerweise nicht so sehr für zeitgenössische Kunst interessieren, die solche Kunst als extrem und avantgardistisch wahrnehmen. Wir haben auch hier versucht, möglichst wenige Hindernisse zwischen Betrachtern und Werken stehen zu lassen, wobei natürlich klar ist, dass jedes Museum seine eigenen Rahmenbedingungen, seine eigene Infrastruktur mit ins Spiel bringt. Insgesamt scheinen die Leute hier allerdings keine großen Schwellenängste zu haben. Es scheint, als könnte sie sich direkt zu den gezeigten Werken verhalten. Es gibt einige wenige Verständnishilfen, Prospekte oder Textblätter, aber insgesamt scheinen die Leute wenig Schwierigkeiten zu haben, und sie kommen auch wieder, sowohl solche, die aus der Gegend sind als auch ein Fachpublikum von außerhalb. Auch die Verweildauer ist sehr ansehnlich. Klar, wir wussten zu Beginn nicht, wie viele Leute kommen würden, wir hatten auch nicht damit gerechnet, dass die Presse so positiv reagieren würde. Ein wichtiger Faktor ist wahrscheinlich auch das Gebäude, das über eine fantastische Lichtregie verfügt. Es wirkt großzügig und macht gute Laune. Man bewegt sich leicht hindurch. Wir wollten alles, nur nicht dass diese gewisse Art Karnickelbau mit geschlossenen Türen entstünde. Dazu gehörte für uns auch, dass es den Leuten leicht fallen sollte, sich im Gebäude von allein zurecht zu finden.

(Übersetzung: Clemens Krümmel)