Anja Dorn

Youngamblinguy Ferdinand Kriwet in der Galerie BQ, Köln

"Ferdinand Kriwet", Galerie BQ, Köln, bis 20. März 2004 "Ferdinand Kriwet", Galerie BQ, Köln, bis 20. März 2004.

Die aktuelle Ausstellung von Ferdinand Kriwet baute das Konzept der veranstaltenden Galerie BQ weiter aus. Das sieht nämlich vor, dass neben dem relativ reduzierten Programm galerieeigener Künstler auch durch historische künstlerische Positionen wie Peter Roehr und Reinhard Voigt inhaltlich vertieft werden.

Im Gegensatz zu den Letzteren wurde Kriwet, Jahrgang 1942, aufgrund seiner Arbeiten der sechziger und siebziger Jahre in erster Linie besonders stark im Bereich der experimentellen Literatur rezipiert.

Das besondere Interesse des Galeristenpaares Bötnagel und Quirmbach am Crossover mag sich von Beginn durch die Verbindung mit Yvonne Quirmbachs Arbeit als Grafikerin erklären lassen. Noch fast zu jeder Ausstellung ist bisher eine eigene Publikation entstanden, und diese Bücher stellen meistens eher eine eigenständige Arbeit als einen unterstützenden Katalog dar. So wurde auch bei Ferdinand Kriwet das Interesse der beiden durch ein Buch und insbesondere durch seine Art des Umgangs mit Typografie geweckt - nämlich den Ausstellungskatalog der Kunstvereine in Stuttgart und Düsseldorf von 1975. Dennoch kann man die Arbeit mit einem Künstler aus dem Bereich der Literatur an sich schon für durchaus bemerkenswert halten - denn in der aktuellen Praxis der Kunstinstitutionen versteht hierzulande unter "spartenübergreifender Arbeit" eigentlich fast ausschließlich die Zusammenführung von Architektur, elektronischer Musik und Film.

Während sich Kriwets frühe Werke an die Konkrete Poesie der fünfziger Jahre anschließen, die Worte, Buchstaben, Satzzeichen als Material nutzte, entfernte sich Kriwet schnell von dieser eher bürgerlichen literarischen Form, er erweiterte sein Spektrum und nutzte die Sprache, wie sie ihm im Alltag erschien. Bereits von seinen in den frühen sechziger Jahren für den WDR produzierten "Hörtexten" samplete er vorhandene Radiosprechtexte, Sendegeräusche und Rauschen. Daneben entstanden die ersten "Sehtexte", in denen er die gewohnte optische Erscheinungsweise von Text verarbeitete, indem er sie als gegebene Praxis bewusst machte. Die Konzentration sollte sich dabei vom Inhaltlichen auf den Wahrnehmungsprozess verlagern: "Der Leser versenkt sich heute nicht mehr in den Text, er tritt vor ihn hin, er geht an ihm vorbei oder lehnt sich an ihn, ohne ihn zu lesen."

"Ferdinand Kriwet", Galerie BQ, Köln, bis 20. März 2004 "Ferdinand Kriwet", Galerie BQ, Köln, bis 20. März 2004.

In der Ausstellung bei BQ wurden nun - neben einigen Buch- und Schallplattenpublikationen - eine Auswahl eben dieser Sehtexte präsentiert, zum Beispiel eine drei Meter lange Leinwand, auf der man in zackig verzerrten Buchstaben "BEAT" und darunter ein emblemhaftes "US" lesen kann - wobei Komposition und Grafik dieses "Bildes" von 1964 an die grafischen Arbeiten des russischen Konstruktivismus erinnern. Gezeigt wurden fünf von eigentlich zehn kreisrunden Textbildern, die Kriwet 1961 in einer Sonderanfertigung bei DuMont-Schauberg in Köln veröffentlicht hat. Die Offsetdruck-Serie wurde im Original mit einem Stempelset angefertigt, wie man es im Laden kaufen konnte. Unter den im Kreis aufgetragenen Buchstaben erkennt man Wörter wie "IMMUNWIDERSTEHLICH" oder "MUSKULÖSEN GESUCHTEST". Als Betrachter versucht man die Tafeln zu entziffern, was einige Mühe kostet - als versuchte man, der Rille einer Schallplatte zu folgen - und so verhakt man sich doch immer wieder, denn der Wortfluss wird durch sich überlappende oder nur angeschnittene Buchstaben unterbrochen. Auf einer Tafel, die man als einen in Hamburg beginnenden Reisebericht bezeichnen könnte, ist der konzentrisch verlaufende Text relativ leicht zu entziffern: "VON BLAK TO NAESSE TO ALL TON ADAMM TOR AUS HUMBURG (...)".

Kriwet veröffentlichte bereits 1965 eine fast zweihundert Seiten starke Anleitung, wie diese Rundscheiben gelesen werden könnten. Das Beispiel eines solchen "Sehtextkommentars" wurde von BQ wiederveröffentlicht. Durch die Vergrößerung auf die Größe eines Plattencovers verstärken sich die typografischen Qualitäten der Erstpublikation. Vollständige Sätze oder gar ein narrativer Inhalt ergeben sich aber auch hier kaum. Die Buchstabenbilder erzeugen eher einen "Klang", der sich aus ihrer grafischen Komplexität speist.

In Kommentaren seiner eigenen Arbeit hat sich Kriwet oft auf Mallarmé und Benjamin bezogen, aber in seiner Arbeit zeigt sich auch sehr deutlich der Einfluss der amerikanischen Beat Generation, der nicht nur für Kollegen wie Rolf Dieter Brinkmann oder Arno Schmidt entscheidend war. Insbesondere Kriwets Materialsammlung "Apollo, Amerika" scheint den Prinzipien der von William S. Burroughs und Brion Gysin entwickelte Cut-Up-Technik zu folgen. Textfragmente, Zeitungsausschnitte und Bildmaterial wurden zu einem Buch zusammengefügt, aus dem sich ein offener Text zur ersten Begehung des Mondes ergibt. Auf ein ähnliches Prinzip greift er in "Campaign" zurück, einer Publikation dreier Schallplatten mit Tonmaterial vom amerikanischen Wahlkampf zwischen McGovern und Nixon. Hier liegt ein interessanter Anknüpfungspunkt: Während der Einfluss der Beat Generation auf Literatur und Subkultur sicherlich mehr als zur Genüge ausgebreitet wurde, findet er in kunsthistorischen Texten zur Pop Art erstaunlicherweise kaum Erwähnung.

Für Kriwet kann man diese Art des Zugangs zur Pop Art sicherlich geltend machen. Warum seine "Text-Signs" nicht längst stärker in Pop Art-Sammlungen Eingang gefunden haben, ist unverständlich. Es handelt sich dabei um geprägte Aluminiumschilder, die an übergroße, leuchtend gelbe oder rote TÜV-Plaketten erinnern. Die in Serie neben und übereinander gehängten Tafeln weisen alle kreisförmig verlaufende Texte und eine Signatur in der Mitte auf. Mit Wörtern wie "HOMODELIGHT" oder "PHALLICANDY" thematisiert Kriwet hier - übrigens ganz im Sinne der Inszenierung der eigenen Außenseiterposition im Beat - seine eigene Homosexualität. Im Vergleich mit den Leinwandarbeiten Robert Indianas ist Kriwets Entscheidung, direkt mit Aluminium zu arbeiten und echte Schilder zu produzieren, jedenfalls wesentlich radikaler. In der Art und Weise wie er bei den "Text-Signs", ihren unmittelbaren Vorläufern, den Buttons aus Karton, aber auch in später entstandenen Lauftexten, Werbegrafik zur Vermittlung politischer Inhalte verwendet, greift er andererseits den Positionen Jenny Holzers und Barbara Krugers vor.

In der Ausstellung bei BQ wurde die Arbeit Kriwets eher von der formal-ästhetischen Seite her reflektiert als in Hinsicht auf Ihren demokratischen Anspruch oder inhaltliche Kohärenz. In Anbetracht seines unglaublich vielfältigen formalen Repertoires, das er in den siebziger Jahren auf Multimediainstallationen und "Kunst am Bau"-Projekte ausgeweitete hat, scheint es vor diesem Hintergrund wenig erstaunlich, dass er seine künstlerische Arbeit Ende der siebziger Jahre beendete. Dennoch tun sich gerade aus dieser Perspektive zahlreiche Parallelen zu zeitgenössischen Künstlern und insbesondere zu den von BQ vertretenen Künstlern auf. Offensichtlich ist das wohl im Zusammenhang mit der Arbeit von Matti Braun. Aber auch Richard Wright oder Bojan Sarcevic bieten sich mit ihren je eigenen Interpretationen des Lesens zu Vergleichen an.

"Ferdinand Kriwet", Galerie BQ, Köln, bis 20. März 2004.