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Vorwort

Am Anfang der Planung dieser Ausgabe stand die— auch intuitive tung, dass sich in letzter zeit nicht nur politische, sondern auch kulturelle Hervorbringungen häufen, die man unter dem Begriff fassen könnte. Das mag zunächst vereinfachend klingen, handelt es sich doch bei jenem Phänomen, von dem hier die Rede ist, um eine diffuse Mischung unterschiedlicher Phänomene und Programme. Einige Erfahrungsanlässe für diese Ausgabe waren Feuilletonartikel über die Krise der Kunstkritik, bio-grafistische Vergewisserungsliteratur, elektronisch designte Verausgabungs-Rockmusik, ein neuer Familiendiskurs, impressionistischer Musikjournalismus, die Rückkehr des Sofabilds -— aber auch mehr oder weniger nahe stehende Ausgeh-Bekannte, die nach dem dritten „Beck's Gold" unvermittelt in ein friedrichmerziges „In Deutschland wird zu wenig gearbeitet"-Lamento verfallen. In manchen Momenten schien „der Ñeokon" überall zu sein; das verführte einige Autoren und Planer dieser Ausgabe zu dem beliebten Inflationshumor, sich plötzlich von einer Horde umstellt zu meinen: „Gehen wir heute in die Neokon-Bar?" — „Ich höre gerade diese Neokon-Musik" — „Heute abend ist so eine Neokon-Ëröffnung" . . . 'Man kennt diese die Kommunikation befeuernde Hineinsteigerungsfreude von Wörtern wie „sozialdemokratisch" (in den Achtzigern) oder „faschistoid" (in den Neunzigern) — auch solche Attribute mussten einst für alles Mögliche herhalten. In diesem Sinne ist der Neokonservatismus ein mobiles Modul — kein in der Ferne geschmiedetes Komplott, sondern ein Kontinuum, das alle möglichen Fugen auszufüllen vermag. Wegen der daraus resultierenden institutionellen, persönlichen und psychischen Verwicklungen darf der Habitus dieser Ausgabe nicht als plumpe Denunziation missverstanden werden. Doch obgleich sich die Grenze zwischen einem neokonservativen Außen und einem „korrekten" Innen also nie zweifelsfrei angeben lässt, erschien uns die paranoide Konstruktion strategisch brauchbar und für gegenwartsdiagnostische Zwecke produktiv. Als analytisches Kontrastmittel macht der Begriff des Neokonservatismus viele derzeit stattfindende Grenzverhandlungen beschreibbar: Wie hältst du es mit der Avantgarde? Wie denkst du über Identitätspolitik? Hast du ein Problem mit 68? In der Kneipe, im Feuilleton, in der Kunstkritik und im offiziellen politischen Diskurs spielen solche und verwandte Fragen eine wichtige Rolle -— sei es implizit oder explizit. Und in diesen Grenzverhandlungen lässt sich ohne weiteres eine Tendenz erkennen: Hinter so unterschiedlichen Forderungen wie der nach mehr „Sinnlichkeit" in der Kunst oder jener, das „Anspruchsdenken" der Minderheiten in der so genannten „Ego-Gesellschaft" einzuhegen, steht der Wunsch, die kompliziert gewordenen Verhältnisse zu entmischen und die Drift ins „Beliebige" aufzuhalten. Gouvernementales Maßhalten und Entlastung des Staates (in der Politik) sowie handwerkliche Fitness (in der Kunst) sollen wieder zählen -- aus Komplexitätsphobie sehnt man sich zurück zur Tagesordnung. Die echten Phänomene und wahren menschlichen Probleme sollen wieder im Mittelpunkt stehen.

MODERNE, WAS NUN?

Nun fielen die eben genannten Fragen natürlich nicht vom Himmel. Schon vor gut zwanzig Jahren spielte der Begriff „Neokonservatismus" seine Rolle als Kampfbegriff: Im Nachgang zu Jürgen Habermas' 1980 gehaltener Rede „Die Moderne ein unvollendetes Projekt" [1] entfachte sich eine Kontroverse über das neokonservative Verhältnis zur Moderne. Habermas machte an Autoren wie Joachim Ritter, Ernst Forsthoff und Arnold Gehlen ein gespaltenes Bewusstsein ausfindig. [2] Während sie die gesellschaftliche und ökonomische Moderne bejahten, werteten sie die kulturelle Moderne ab. Deren „explosive Gehalte" und „unbeabsichtigte Nebenfolgen" möchte der Neokonservative entschärfen — allerdings nicht durch politische Steuerung, sondern durch das Anzapfen organisch-familiärer, emotionaler und moralischer Ressourcen. Diese bedürfen dann keiner weiteren Rechtfertigung. Das derzeit notorisch erklingende Gerede von „Eigenverantwortung" und „Verantwortungskultur" ist eine ideologische Filiale dieser Kompensationsidee. Die neokonservative Ambivalenzbeziehung zur Moderne lebt heute unter anderem bei dem Historiker Paul Nolte fort. Von Nolte, der durch eine immense Publikationstätigkeit auffällt, handelt denn auch der Artikel von Richard Gebhardt in dieser Ausgabe. Gerade an Paul Nolte lässt sich aufzeigen, dass wir es mit einer erneuerten, gleichsam gelockerten Form des Neokonservatismus zu tun haben: Weil Noltes Konservatismus weitgehend entkernt, d. h. ohne klassisch nationalistische und patriarchalische Ideologeme auftritt, wird seine Gesellschafts- und Kulturkritik für unterschiedlichste intellektuelle und politische Milieus anschlussfähig.

DAS ENDE DER FAHNENSTANGE

Einer der anspruchsvollsten Ideen- und Stichwortgeber der Neokons ist sicherlich der von Habermas zitierte Philosoph und Soziologe Arnold Gehlen. Sein Begriff der „kulturellen Kristallisation" beschreibt ein Stadium kulturel1er Posthistoire: Er meint damit „denjenigen Zustand auf irgendeinem kulturellen Gebiet [. . . ], der eintritt, wenn die darin angelegten Möglichkeiten in ihren grundsätzlichen Beständen alle entwickelt sind. " [3] In dem 1961 erschienenen Text „Über kulturelle Kristallisation" behauptet Gehlen diese Vollendung der Möglichkeiten anhand moderner Malerei. Die Mission ist erfüllt — auch dieses Pathos der Nachgeschichtlichkeit, mit dem ein Status quo festgeschriebenen werden soll, hat heute Konjunktur. Schaut man in sich gegenwartsdiagnostisch dünkende Feuilleton-Texte, dann ist ja ohne Ende vom Ende von irgendwas die Rede: das Ende der Kritik, das Ende der Kunst, das Ende der Utopien etc. etc. Zwar wird eine Finalität festgesschrieben, zugleich verspricht diese Rhetorik, dass sich der Sprecher auf dem Wissensstand der Zeit bewegt. Darin unterscheidet sich der Neokonservatismus auch darauf hat schon Habermas hingewiesen — vom klassischen Konservatismus: Er will nicht vor die Moderne zurück, sondern steht mitten in der Moderne hat deren Errungenschaften akzeptiert. Der Neokonservative ist nicht schlicht reaktionär, doch sieht er das „Ende der Fahnenstange" gekommen. Im Gegensatz zu den Utopisten und Avantgardisten will er die Sackgassen und Missverständnisse des kulturellen Fortschrittsoptimismus durchschaut haben Deshalb müsse jetzt Schluss sein mit den „Maßlosigkeiten" von bohemistischer Faulenzerei, avantgardistischem Formenbruch etc. Mit den Komplexitäten der ökonomischen Modernisierung hat der Neokon solche Probleme allerdings nicht. Hier ist Freisetzung ausdrücklich erwünscht... (siehe hierzu Ulrich Gutmairs Besprechung des Bandes „Aufwärts bitte! ")

Die neokonservative Gegenwartsdiagnostik zehrt dabei von jenem Konkretismus, den der Wissenssoziologe Karl Mannheim LI 92S in seinem Buch über den „Konservatismus" ausmachte: „Einer der wesentlichen Charakterzüge dieses konservativen Erlebens und Denkens scheint uns das Sichklammern an das unmittelbar Vorhandene, praktisch Konkrete zu sein", so Mannheim, [4] Der Neokon will nah dran sein an den Phänomenen, weil er meint, der empirischen Komplexität damit gerechter zu werden als mit Abstraktion Spekulation und Dialektik. Dieser latent intellektualitätsfeindliche Gestus wuchert heute „modular" in den Sinnlichkeitsappellen in der Kunstkritik ebenso wie in einem erlebnisfixierten Pop (musik)journalismus (siehe hierzu den Text von Harun Maye in dieser Ausgabe). Denn, so der Politologe Peter Weber-Schäfer: -„Die allgemeingültige theoretische Analyse wird durch das obsessive Verharren im Detail, die fetischistische Liebe des Konservativen zu jeweils Konkretem, als einzelnes Erfassbarem verhindert." [5]

STABILISIERENDE ERLEBNISEFFEKTE

Der Interessengegenstand dieser Ausgabe ist die aus älteren Ideologemen und modernisierter Gegenwartsdiagnostik gespeiste „neokonservative Situation" von heute. Neben historischen Tiefenschichten und aktuellen Verlautbarungen interessierte uns dabei vor allem die neokonservative Gestalt bestimmter Styles und Oberflächen. Denn eine neue Qualität des heutigen Kultur-Neokonservatismus ist wohl, dass hier popkulturelles Wissen Eingang gefunden hat und beflissen prozessiert wird. In einer Talkrunde von Kulturproduzent/innen und Publizist/innen, die wir als „Neokonservative Warenkunde" inszenierten, sollte dem nachgegangen werden. Ein schwieriges Unterfangen, denn selbstverständlich manifestieren sich Inhalte und Ideologien nicht eins zu eins in ästhetischer Form. Dennoch wurden in diesem Gespräch einige „neokonservative Erlebniseffekte" (Judith Hopf) in Film, Musik, Kunst, Literatur und Publizistik zur Sprache gebracht. Zentral scheint eine Verallgemeinerung des „Generation Golf'-Syndroms zu sein: biografische Selbstvergewisserung anhand von eindeutig-konkretistischen Waren und Erlebnissen, kanonische Stabilisierung, Abbildung statt Verfremdung -- die neokonservative Welterfahrung will am Ende stets bei einem stabilen Selbst Unterschlupf finden und es sieh in den „kristallisierten" Verhältnissen gemütlich machen.

Es versteht sich von selbst, dass über die neokonservative Situation nicht nachgedacht werden kann, ohne auch über neoliberale Ökonomisierungsschöbe zu sprechen, Schließlich verlaufen viele der aktuellen politischen Auseinandersetzungen entlang der Linie (abstrakte) „Solidarität" vs. (konkrete) „Eigenverantwortung", Die stabilisierenden Funktionen der neokonservativen Kompensationsangebote (Moral, Familie, „Verantwortungskultur", Kanon) lassen sich als „weiche" Stabilisierungsfaktoren in den Freisetzungsexzessen des Ökonomischen verstehen wobei der neokonservative Konkretismus dabei auf einen abstrakten Solidaritätsgedanken verzichten kann, Der Text von Anthony Davies und auch Viola Schmitts dichte Lektüre der Agenda 2010 widmen sich der ökonomischen Seite des Neokonservatismus. Wichtig war uns immer eine lebensweltliche und kulturbetriebliche Verortung des Begriffs; dies ist auch einer der Gründe, weshalb die Debatte um die US-amerikanischen Neoconservatives in diesem Heft keine herausgehobene Rolle spielt.

ARAM LINTZEL

[1] Vgl. Jürgen Habermas, „Die Moderne — ein unvollendetes Projekt", in: ders., Die Moderne — ein unvollendetes Projekt, Philosophisch-politische Aufsätze 977—1990, Leipzig t 990, S. 32—54.

[2] Vgl. Jürgen Habermas, Die Kulturkritik der Neokonservativen in den USA und in der Bundesrepublik, in ders., Die Moderne — ein unvollendetes Projekt, a. a. O., S. 75--104. [3] Arnold Gehlen, „Über kulturelle Kristallisation", in: Ralf Konersmann (Hg.), Kulturphilosophie, Leipzig 1996, S. 222—242.

[4] Karl Mannheim, Konservatismus. Ein Beitrag zur Soziologie des Wissens, Frankfurt/M. 1984, S. 111.

[5] Peter Weber-Schäfer, „Wie destruktiv sind die Konservativen? Oder Was gibt es eigentlich zu bewahren", in: „Was heißt konservativ heute? Eine undogmatische Bestandsaufnahme", Der Monat, neue Folge 29 1, Weinheim/Basel 1 984, S. 12—28, hier S. 16.