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Martin Conrads

Öffentlichkeit und Erfahrung Über die Konjunktur von Kunst-und-Gossip-Blogs

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Verglichen mit der Hölle unüberprüfbaren Faktenwissens, die sich mit der Kommunikation in Blogs eingestellt hat, haben sich die Formalisierungen von Kunstbetriebs-klatsch bislang eher in Grenzen gehalten. Oft mussten sich selbst gemachte Fanzines oder Newsletters - man denke etwa an "Coagula" oder "Dank" - der wichtigsten Gossipverpflichtungen annehmen.

Der Kunstmarkt ist inzwischen nicht nur zur Massenunterhaltung geworden, er wird darüber hinaus zu einem Markt wie andere auch. Martin Conrads untersucht, wie sich das auf die User spezialisierter Kunst-Blogs auswirkt.

Der späteste Zeitpunkt, an dem man selbst als gemeiner Tagesthemen-Zuschauer kaum noch umhin kam, die Blogosphäre nicht mehr für eine Erfindung Teilhard de Chardins zu halten, dürfte mit dem us-Wahlkampf im Herbst 2004 zusammengefallen sein. Nicht zuletzt der amerikanische Präsident selbst war es, der dem Thema Weblogs und den mit der Bedeutung dieser Zeiterscheinung verbundenen Zweifeln eine größere Durchschlagkraft verpasste: George W. Bush musste davon erfahren haben, dass im Internet - und dort wohl vornehmlich auf den den Wahlkampf erstmals begleitenden und beeinflussenden Blogs - Gerüchte kursieren. Das Neue daran war allerdings nicht nur die Tatsache selbst, sondern auch der Umstand, dass ihm diese Gerüchte gleich in mehreren "Internets" zu Ohren gekommen sein wollten: Ein damals im Netz kursierender Filmclip zeigte eine Szene aus dem zweiten tv-Duell zwischen Kerry und Bush, bei welcher Letzterer gesagt hatte: "I hear these rumors on the Internets." Wie um diese Aussage zu bestätigen, kursierten seinerzeit unterschiedliche Interpretationen darüber, was Bush tatsächlich meinte. Nach einer anderen über Blogs verbreiteten Auslegung nämlich sagte der an dieser Stelle nur undeutlich zu verstehende Präsident in Wirklichkeit: "I hear there's rumors on the Internets" - womit sich Bushs Einschätzung geradezu selbsterfüllend bewahrheitet hätte.

Hat man im letzten Jahr einige Bookmarks nicht mehr aufgesucht, sein Betriebssystem nicht rechtzeitig upgedated oder sich schlichtweg, was die Zustellung mehr oder weniger seriöser Informationen und Gerüchte über das Internet betrifft, allzu lange auf die Mailinglisten seiner Wahl verlassen, findet man sich plötzlich dieser Tage auf Eröffnungsgesellschaften wieder, die sich in jene Raumecken aufteilen, in denen man sich stante pede gar auf einzelne Diskussionsstränge und Querverweise spezifischer Blogs einigen kann, und in jene, in der man dem Thema mindestens distanziert bis indifferent gegenübersteht. Es sollen bei diesen Gesprächen sogar schon einzelne Moblogger gesichtet worden sein, mit dem Effekt, dass sich die Eröffnungsgesellschaft selbst, nebst irgendeinem Blogeintrag über Eröffnungsgesellschaften oder Bloggespräche, in einem nächstbesten Flickr-Pool wiederfindet.

Was war eigentlich passiert? Schmiedeten hier durch rss-Feeds, Podcast-Abos und Flickr-Galerien endlich zu ihrem publizistischen Recht gelangte emanzipationstrunkene Netzbürger postmediale Allianzen gegen die Definitionsmacht bürgerlicher Medien? Setzte sich hier, noch früh genug zur Durchsetzung des zur anlaufenden Börsenmobilisierung propagierten Marketingbegriffs "Web 2.0" eine Ideologie durch, die das kalifornische Magazin Wired bereits 1997 mit der seinerzeit viel diskutierten "Push Media"-Ausgabe lanciert hatte ("Push media will penetrate environments that have, in the past, been media-free - work, school, church, the solitude of a country walk.")? Oder stellt der cms-Füller "Gerücht" - jene "tägliche Ration Wahnsinn" (so die Selbstbeschreibung eines der in den Printmedien meistzitierten deutschsprachigen Blogs) - vielmehr ein billiges Werkzeug zur Optimierung von Leserprofilen dar ("Jeder Journalist kann über Blogs herausfinden, was die Menschen wirklich bewegt und interessiert"; Hubert Burda in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 30.1.2006)?

Der Split in der Einschätzung der gesellschaftlichen Relevanz des Trends erstreckt sich dabei längst nicht nur auf Partys, sondern seit diesem Jahr auch auf die Feuilletons: Während etwa Alex Rühle in der Süddeutschen Zeitung mit den Schlagwörtern "Ritter der Schwafelrunde" und "Anschwellender Blogsgesang" die angeblichen Versprechungen des bloggenden "Web 2.0" als "algebraische Scharlatanerie" abtat (3.2.2006), sieht Stefan Niggemeier auf faz.net ("Medienrevolution. Das Publikum an der Macht", 29.1.2006) - nicht ohne sich dabei über die hauseigenen Blogs der Süddeutschen Zeitung auszulassen - endlich jene techno-emanzipative Revolution am Werk, die vor wenigen Jahren mit dem Ende des Dotcom-Hypes eine unverdient frühes Ende gefunden habe.

Übersprungshandlungen von den Feuilletons in die Think Tanks der kunstverarbeitenden Industrie haben dabei längst stattgefunden: Weit entfernt von einer Reflexion über die Bloginhalte scheint es nicht weit hin, in den entsprechenden Gazetten neben der Rede von der Biennalisierung auch auf jene der Bloggisierung der Kunst zu warten. Wenn der kalifornische Galerist Jack Hanley kürzlich Blogs als künstlerisches Branding-Werkzeug in einen direkten Zusammenhang mit der Hausse von Biennalen, Kunstmessen und Billigfluglinien [1]. brachte, befreit zumindest die Einstufung von Kunstszene-immanenten Blogs als bloßer Effekt eines No-Frill-Schicks von der gespielt- kulturpessimistischen Angst davor, wer das denn alles lesen soll. Denn tatsächlich scheinen die in den Blogs der Kunstszene kursierenden Informationen vor allem nur dann von Wichtigkeit, wenn sie entweder die Maschine ölen oder, keinesfalls im Gegenteil zu Ersterem, dem Bedürfnis nach Gerüchten Genüge tun - "Kunstkritik" jedenfalls ist bislang eine Kategorie, die dabei eher als Mittel zum Zweck fungiert. Symptomatisch sind so zwei der "Predictions for 2006", die im Januar auf der auch dem Celebrity-Gossip von jeher zugeneigten Online-Plattform artnet.com publiziert wurden [2].: Der Kunsthändler Barry Neuman wettet dort darauf, "that there will be 50 to 60 new and bona fide (i. e., seriously authored by qualified people) art world blogs by the end of the year. Why is this significant? In some cases, the blogs may speed up the infotainment machine that's impacting the actual, hands-on, real-world art scene, locally and internationally." Und der selbst bloggende Künstler Cory Arcangel bemerkt an gleicher Stelle: "i am still waiting for art's answer to pink is the new blog, the new celebrity blog, or gawker or even slashdot.org. let me know when it exists, i'll prolly hit reload like 400,000 times a day."

Als typische "Gossip Blogs" liefern Gawker oder pink is the new blog - meist auf Paparazzibasis ("The Gossip Blogads Network taps into Hollywood and New York celebrity and entertainment headlines, personalities, scandals and industry buzz") - tatsächlich eine Vorlage für einen Trend, der derzeit auch von Kunstzeitschriften aufgegriffen wird: Während artnet.com bereits seit 1996 mit untertitelten Vernissagenfotos ("Out With Mary", "Out In London", "Beautiful In Brooklyn", "Out At Berlin Art Forum", "Madonna Of The Moment" etc.) Gesichtern gequält lächelnder Akteure des Geschehens Glamour abverlangt, ziehen seit einiger Zeit auch Magazine wie Artforum mit eigenen, in diesem Fall als "Diary" konzipierten Blogs nach ("Scene and Herd"). Der Zwang zur Blogproduktion als Marketingmaßnahme griff dabei in den usa inzwischen auch auf Galerien und auf Institutionen wie das Walker Art Center über. In Bezug auf die erwähnten Voraussagen für 2006 orakelt ein Autor im Blog des Smithsonian American Art Museums dabei: "By the end of the year, every visual arts museum in the nation will be operating or encouraging some form of podcast."

Mehr als ein Gerücht dürfte dementsprechend sein, dass die Versprechungen des "Web 2.0" auch in der Kunst mittlerweile zum ökonomischen Faktor, etwa für Anzeigenkunden, geworden sind - zum Beispiel dann, wenn das Wirtschaftsmagazin Forbes inzwischen "Art Blogs" listet und wertet. Zum "Artforum Diary" heißt es dort empfehlend: "Breathless, gossipy and illustrated with people pics torn right out of the social pages (and commentary on which curator is wearing the fetishistic black patent leather boots). This blog of the venerable art rag puts you right on the scene in art world hot spots, from London to Los Angeles, from Miami to Mexico City, and of course New York. Whether it's a performance of the ultra-hip art duo Los Super Elegantes, a fashion-show event at Jeffrey Deitch Gallery or the wild party scene during Art Basel Miami, the diary serves it up in vivid and dogged detail. […] Monumentality and gaudiness, baby." [3].;

Tatsächlich täuscht sich Forbes gerade im Fall der aus Miami verfassten Blog-Reportagen des Artforum nicht im Tagebuchcharakter, durch den vor allem auf imminente Miniereignisse ("Lunch was next") und eminente Großdeals ("I ducked into a taxi and headed back to Miami Beach: $ 47.") fixierte Autor/innen-Ichs ungefragt selbstattestierte in-crowd feels produzieren möchten, die sich meist (aufgespritzt mit einer Mischung aus eingestreuten Zitaten mit dem Charakter zufällig mitgeschnittener O-Töne) in der blitzkolportierenden Aufzählung dessen erschöpfen, wer mit wem bei welcher Party poolside an welchem Tisch saß. Dabei jedoch handelt es sich nicht unbedingt um eine Form des behauptenden Schreibens, die an anderer Stelle einmal als das "Ableiten von allgemeinen Zeitdiagnosen aus Mikroereignissen oder eigenwillige Analogiebildungen" beschrieben wurde. Vielmehr können derlei Blogs als genuines publizistisches Produkt des Kunstmarktes gelten: Das journalistische Bedürfnis nach Anschmiegsamkeit an den Gegenstand der Beschreibung ist jedenfalls ebenso beachtlich wie der Fluss der Wörter, Namen, Orte, Bilder, Mutmaßungen und Behauptungen, der, da selbst schon als Gerücht proklamiert, dazu dient, die Techniken der operativen Schließung des Marktes im Sinne eines "Ondit für alle" zu optimieren.

Anmerkungen

[1]Jack Hanley, "How has art changed?", in: frieze, Nr. 94, Oktober 2005, S. 164.
[2]http://www.artnet.de/magazine/usa/features/predictions01-12-06.asp.
[3]http://www.forbes.com/bow/b2c/review.jhtml?id=7854.