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Betrachter- und Formschicksale in Kassel – Berichte von der documenta 12 Renée Green / Sebastian Egenhofer / Juliane Rebentisch / Christian Kravagna /Viktoria Schmidt-Linsenhoff / Oliver Marchart

Aue-Pavillon, documenta 12 Aue-Pavillon, documenta 12

Renée Green

Jetzt wirkt es wie ein Traum.
Du versuchst Dich zu erinnern.

In strömendem Regen erreichst du einen Bahnhof. Vorher bist du am Flughafen Frankfurt angekommen. Viele Stunden zuvor warst du am Flughafen Newark. Am vorangegangenen Tag hattest du den Flughafen San Francisco verlassen. Du bist da. Du kaufst im Bahnhof einen Regenschirm und wartest drinnen, bis der Regen nachlässt, um dann ein Taxi zu nehmen. Als du ins Taxi steigst, bemerkst du ein Banner über dir. Es zeigt das Bild eines braungebrannten Mannes, neben ihm vielfarbige Schrift mit merkwürdigen Zwischenräumen. „Los geht’s, das muss Teil der Ausstellung sein“, denkst du. Du siehst die Straßen vorbeiziehen und beginnst dich daran zu erinnern, wo du bist.

Das Taxi erreicht die Documentahalle. Es regnet immer noch. Du wartest unter einem Vordach, während dein Partner sich an jemanden vom Personal wendet, um die Unterlagen für die Unterkunft, das Registrierungspaket sowie die Reisekostenrückerstattung zu erhalten. Drinnen siehst du mit Zeitschriften bedeckte Tische. Es wird Zeit genug geben, sich das anzuschauen, sagst du dir. Du weißt, dass du eine Woche in Kassel sein wirst. Du bist eingeladen worden, um eine kritische Funktion zu übernehmen. [1]

Du fragst dich, warum dir so viele Situationen wie stumpfsinnige Wiederholungen vorkommen. Du verbindest diesen Zustand mit dem wachen Leben unter Menschen. Die Begegnungen, die du an unzähligen Örtlichkeiten hast, scheinen sich nun ebenso wie die Funktionen dieser Orte zu vermischen: Museen, Einkaufszentren, FNAC, weltweit übergangsweise genutzte Räume für globale Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen, Autoshows, Tagungen, Einkaufsstraßen in europäischen Städten, Flughafenterminals mit von Museen ausgestatteten Schaukästen, umgebaute Fabrikgebäude, die zu Museen oder Kunst- und Architekturinstitutionen geworden sind, alte Schulhäuser, die zu Museen zeitgenössischer Kunst geworden sind, Kirchen, die zu Clubs oder Künstlerateliers geworden sind, luxuriöse Hochhäuser, die ebenfalls Museen und Feinschmeckersupermärkte sind, Häuser mit Sammlungen, die zu Museen werden, und Kunstmessen mit Vorträgen und Konferenzen wie Universitäten. Das Wort, das dir vorschwebt, lautet „Mart“. Mart = Massenhaftes Merchandising + „Art“ und deren Distributionskreisläufe.

Was treibt dich an und bringt dich dazu, dich nach etwas zu sehnen, das über diese Begegnungen hinausgeht? Während du dich über dieses vielgestaltige Gelände bewegst, prüfst du deine Eindrücke, Gefühle und Gedanken. Du fragst dich, was dir Freude bereitet. Ist Freude ein wichtiger Faktor im Leben? Sich daran zu erinnern, ist nicht leicht, wenn du dich an den oben genannten Orten befindest. Gibt es neue Freuden? Muss man sie erlernen? Du denkst darüber nach, was Unterschied bedeutet. Kann er eine andere Bedeutung haben als diejenige, die sich auf den Marktindex bezieht? Hat er mit Freude zu tun? Dein Traum geht weiter.

Während du dich durch die verschiedenen der Ausstellung gewidmeten Gebäude bewegst, drängen sich dir beim Betrachten und Zuhören Fragen auf. Ein allgemeines Empfinden von Dunkelheit und Feuchtigkeit herrscht vor. Die Lichter sind gedämpft, es gibt Wände, die melonenfarben sind. Die vorrangigen Eindrücke bestehen darin, dass es Licht, Farbe, Papier, Stoffe und Formen gibt. Du bist an erster Stelle auf die Wahrnehmung bewegter Bilder eingestellt, doch es sind die Systeme der Anordnung und Verbindung von Bildschirmen und Raum, die deine Aufmerksamkeit in Beschlag nehmen. Dir fällt ein gekrümmter Raum mit vielen Bildschirmen auf, die unterschiedliche Intensitäten von Grün, Menschen, Details und Strategien zeigen, aus deren Zusammenwirken sich die Übertragung einer Sportveranstaltung ergibt. Die andere Anordnung, an die du dich erinnerst, umfasste ebenfalls mehrere Bildschirme, die in einer Reihe von Pulten im Durchgang der Halle angebracht waren. Deine Aufmerksamkeit wurde von einem mit Nachdruck gehaltenen Monolog über illegale Haft angezogen.

Fragen ergeben sich, während du diese Räume durchquerst: Was kann uns erreichen/berühren? Können wir fühlen und denken? Müssen wir angebunden und gefesselt werden, um zu fühlen? Was ist „wir“, „uns“, „ich“ oder „du“ noch? Was hat irgendeine dieser Beobachtungen für eine Bedeutung? Inwiefern sind diese Prozesse, Verhältnisse oder Dinge in diesen Räumen von Belang? Was überhaupt kann von Belang sein, abgesehen von dem, was zu tun ist? Welche Grundlage des Verstehens gibt es über den kleinsten gemeinsamen Nenner hinaus, d. h., dass wir lebendig sind?

Nach dem Aufwachen tastest du nach den Papieren, die beweisen, dass du in Kassel bist. Dich beschleicht ein schaudernder Anflug von leichter Irritation, während du die Bilder auf den Seiten anschaust, die du durchblätterst. Warum dieser Eindruck? Was hast du erhofft? Deine Gedanken schweifen zurück zu dem Wort „Unterschied“, und während du dich fragst, wie irgendetwas länger als einen Moment dauern kann, denkst du an die folgenden Worte:

„Alles Neue verliert sich in anderem Neuen. Jede Illusion, original zu sein, schwindet. Die Seele wird betrübt und wendet in Gedanken, zwar mit Schmerz, jedoch mit sonderbarem, der mit tiefem Mitleid und Ironie versetzt ist, jenen Millionen federbewehrter Geschöpfe sich zu, jenen zahllosen Agenten des Geistes, deren jeder zu seiner Stunde sich als freier Schöpfer, als erste bewegende Ursache, als Besitzer einer unumstößlichen Gewißheit, als einziger unverwechselbarer Quell vorkam, und er, der seine Tage so mit Mühsal zugebracht und die besten Stunden darauf verwandt hatte, in Ewigkeit eine Unterschiedener zu bleiben, ist nun durch die Vielzahl zunichte geworden und von der immerwachsenden Schar ihm Gleicher verschlungen.“ [2]

Nachdem du in deine eingebettet militarisierte Metropole zurückgekehrt bist, stößt du in einer Museumsbibliothek auf eine Zeitschrift von einem anderen Ort und aus einer anderen Zeit. Diese Beschreibung erregt deine Aufmerksamkeit, und dich überkommt eine leichte Freude des Wiedererkennens, doch du ermahnst dich, dass diese Gefühle begrenzt sind und als veraltet gelten. „Man kann nicht sagen, was die nächste Kasseler documenta bringen wird. Der Gedanke daran ist viel zu grausam, und wenn man danach ginge, was auf der diesjährigen documenta …“ [3]

RENÉE GREEN

(Übersetzung: Robert Schlicht)

Anmerkungen

[1]„Why Reply?“ ist der Titel eines Textes, der während des Workshops der französischen Zeitschrift Multitudes beim Magazines Project der documenta 12 in vorläufiger Fassung vorgetragen wurde. Der Workshop fand vom 26. bis 28. Juni in Kassel statt. Unter den Vortragenden waren Maurizio Lazzarato, Yann Moulier Boutang, Éric Alliez, Giovanni Zapperi, Brian Holmes und Societé Realiste. Es wurde eine „Gegen-documenta“-Seite eingerichtet, auf der der Text eingestellt werden wird: http://multitudes-icones.samizdat.net/.
[2]Paul Valery, „Remerciement à l’Académie française“, in: Paul Valery, Œuvres, Paris 1971, Bd. 1, S. 731; zitiert nach: Walter Benjamin, „Paul Valery“, in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. II.1, S. 386–390, hier: S. 387.
[3]Serge Durant, „The Third Kassel documenta“, in: Signals (London), Bd. 1, Nr. 2, September 1964, S. 7.