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Vorwort

Frank Stella, "Madinat As-Salam I", 1973 Frank Stella, „Madinat As-Salam I“, 1973

Diese Ausgabe von Texte zur Kunst ist der „Abstraktion“ in modernen und zeitgenössischen künstlerischen Praktiken und ästhetischer Theorie gewidmet, und dabei sollen insbesondere die ökonomischen Bedingungen von Kunst im Mittelpunkt stehen. Unser Ziel ist eine Verständigung über Abstraktion jenseits der historischen Beschränkungen dieses in kunsthistorischen Sprachusancen verbreiteten Begriffs, die dadurch zustandekommen könnte, dass wir dessen Implikationen entschieden weiter fassen, als dies im Bereich (neo-)formalistischer Beschäftigungen mit ästhetischen Oberflächen, vor allem in der Malerei, üblich ist. Und statt wie sonst üblich die Reduzierung des Abstraktionsbegriffs auf selbstreflexive Formen modernistischer Medienspezifität fortzuschreiben, versuchen die Beiträge zur vorliegenden Ausgabe, Abstraktion im Kontext der sozioökonomischen Umbrüche der Moderne zu erforschen: „Alles Feste löst sich in Luft auf,“ wie zwei Kunsttheoretiker des neunzehnten Jahrhunderts es formuliert haben.

Abstrakte Kunst leugnete wegen ihres Anspruchs auf Universalität und Zeitlosigkeit oft die eigene Modernität ab. Das Ornamentale beherrschte die Kunst vieler Kulturen, und Ornamentalität gründet sich auf abstrakte Formen und Muster. War nicht Abstraktion die reine Essenz der Kunst, durch die auf einer weit grundsätzlicheren Ebene als derjenigen von ausbeuterischen, geopolitischen Verhältnissen eine echte „Weltsprache der Formen“ begründet werden sollte? Dieser im Rahmen der documenta 12 durch die allzu stark entkontextualisierende und neoformalistische Figur der „Migration der Form“ wirkungsvoll ins Leben zurückgeholte Ansatz ist sicherlich neokonservativen Inszenierungen eines vermeintlichen „Kampfes der Kulturen“ vorzuziehen. Doch werden durch ihn auch Unterscheidungen nivelliert, die es eigentlich gerade hervorzuheben gälte. Hinzu kommt, dass die Ideologie von einer Universalität der Abstraktion selbst alles andere als universell und zeitlos zu nennen ist – wie das viele zeitgenössische künstlerische Praktiken betonen, die sich explizit mit diesem Formalismuserbe auseinandersetzen (vgl. den Beitrag von Sabeth Buchmann). Vielmehr ist sie in ihrer symptomatischen Verwerfung von Geschichte durch und durch modern.

Doch ließe sich die Modernität der Abstraktion vielleicht auch klarer und positiver bestimmen? Vor allem angesichts der Zerstörung traditioneller westlicher Repräsentationsformen durch die abstrakte Kunst mit den gleichermaßen abstrakten, in der Moderne etablierten Äquivalenzsystemen zwischen Ware und Währung treten neue Genealogien zutage, die mit der allzu oft vorgebrachten Spaltung zwischen der Selbstreflexivität der Moderne und der postmodernen Aneignung der Bildwelten der Populärkultur brechen (vgl. den Beitrag von Sebastian Egenhofer). Der Marxismus hat den Kapitalismus stets als einen historischen und gesellschaftlichen Prozess analysiert –­­ den er als ebenso befreiend wie gewalttätig und zerstörerisch beschrieb –,­ durch den Menschen und Güter von feudalen Bindungen abstrahierbar werden, wobei diese Bindungen allerdings durch die abstrakte Bindung in Form des Tauschwerts ersetzt werden. Vermag uns nun formale Abstraktion in der modernen und zeitgenössischen Kunst irgendwelche neuen Einblicke in solche Prozesse zu liefern? Eignet sich abstrakte Kunst zur Vermessung unserer abstrakten Welt (vgl. den Beitrag von Sven Lütticken)?

Mit Begriffen wie „Postfordismus“ und „immaterielle Arbeit“ wird die Privilegierung sozialer Skills im Verhältnis zum Aufstieg der „Dienstleistungsgesellschaft“ oder der „creative industries“ theoretisch gefasst, was den beträchtlichen Wandel der Produktionsbedingungen seit jener Zeit anzeigt, als die entscheidenden Texte der ästhetischen Moderne – bis zu den Spätwerken von Adorno und Greenberg – veröffentlicht wurden. Was lässt sich über die Rolle der Abstraktion in dem Bereich aussagen, den Hal Foster einmal die zeitgenössische „politische Ökonomie der elektronischen Medien und des Designs“ genannt hat? Für Greenberg stellte der Niedergang der abstrakten Kunst hin zum „guten Design“ eine allgegenwärtige Bedrohung dar, und das deutet darauf hin, dass seine Darstellung der autonomen Verlaufsbahn der Selbstkritik in der Moderne letzten Endes nur die ideologisch gefärbte Fehldeutung eines weit umfassenderen ökonomisch-kulturellen Imperativs gewesen sein mag; heute gereichen die wachsende Bedeutung des Designs und die Frage nach einer „Displayisierung“ der Kunst seit den 1960er Jahren zu Zeichen der Notwendigkeit einer begrifflichen Neufassung des Verhältnisses zwischen Kunst und allgemeineren Vorstellungen von sozioökonomischer und theoretischer Abstraktheit (vgl. den Beitrag von Ina Blom).

Der heute stattfindende Kunstmarkt-„Boom“ und die dazu gehörigen Dauerberichte über neu erzielte Rekordsummen, die anscheinend nichts mehr mit bis dahin gültigen Wertbildungskriterien zu tun haben, sind Indikatoren eines neuen Abstraktionsniveaus, und so kommt auch der Kunstkritik eine gänzlich neue Aufgabe zu: sie hat sich die Frage nach der derzeitigen Bedeutung des Abstraktionsbegriffs zu stellen (vgl. den Beitrag von Isabelle Graw). Wie lässt sich – angesichts der Tatsache, dass zeitgenössische Kunst als Vermögenswert gut in wohl durchmischte Wertpapier-Portfolios passt – die Verbindungslinie zwischen reflexiven künstlerischen Verfahren und dem gesteigerten Abstraktionsniveau im Bereich der Finanzspekulation ziehen, der sich zunehmend von klassischen Vorstellungen industrieller Produktionsmittel in kapitalistischen Gesellschaften ablöst (vgl. den Beitrag von Melanie Gilligan)? Dabei soll auch berücksichtigt werden, dass eine Vielzahl von Künstler/innen in ihrer Praxis mit Elementen modernistischer Abstraktion umgehen, indem sie diagrammatische Idiome und Formen der „Bildstatistik“ zur Enträtselung zeitgenössischer globaler Politökonomien einsetzen (vgl. den Beitrag von Alice Creischer und Andreas Siekmann).

Durch die Untersuchung von Abstraktion als sichtbarer Form und als verborgener Gesellschaftsstruktur in der Kunstproduktion wie auch in der zunehmend „kulturalisierten“ allgemeinen Ökonomie unternimmt die vorliegende Ausgabe von Texte zur Kunst den Versuch, überkommene kunsthistorische und kunstkritische Parameter hinter sich zu lassen, indem sie – anstelle von deren Verwerfung – die Spezifika moderner und zeitgenössischer Produktion, Distribution und Rezeption erforscht und sich zunutze macht. In Anlehnung an Gerhard Richters und Konrad Luegs „Leben mit Pop“ stellen wir die Frage, was es bedeutet, mit Abstraktion, ja eigentlich in der Abstraktion zu leben.

Seit März 2006 macht Texte zur Kunst nun schon sämtliche Beiträge zum Hauptteil durch eine englischsprachige Sektion auch einer nichtdeutschsprachigen Leser/innenschaft zugänglich. Wie schon in vorangegangenen Ausgaben werden zudem ursprünglich auf Englisch verfasste Rezensionen nicht nur auf deutsch abgedruckt, sondern finden sich ebenfalls in der „English Section“.

STEFANIE KLEEFELD / SVEN LÜTTICKEN / ANDRÉ ROTTMANN

(Übersetzung: Clemens Krümmel)