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Vorwort

Monographie: die wissenschaftliche Darstellung, die einem einzelnen Gegenstand gewidmet ist, Einzeldarstellung

monographisch: nur ein Problem oder eine Persönlichkeit darstellend.

Als die ersten monographischen Texte bei uns eintrafen, fragten wir uns besorgt, ob soviel enthusiastisches Material nicht gegen die grundsätzlich analytische, distanzierte Haltung verstößt, mit der man in dieser Zeitschrift rechnet. Wir hatten die Autorlnnen aufgefordert, monographisch über Künstlerlnnen zu schreiben. Ihnen war freigestellt, diese Gelegenheit — die im Genre der Kunstzeitschrift die Regel ist, bei uns aber bewußt kurzgehalten wird — gemäß unserem Themenschwerpunkt als Anlaß zu betrachten, sich zum Genre der Monographie zu äußern. Zusätzlich erwogen wir lange, einen methodischen Text in Auftrag zu geben, der sich direkt des Monographischen, in historisierender oder dekonstruierender Form annehmen würde. Schließlich wollten wir die Konvention des monographischen Textes nicht affirmieren, sondern auf ihre Konstitutionsbedingungen hinweisen, das heißt: Monographien in antimonographischer Absicht provozieren.

Bald konnten wir jedoch bemerken, daß eigentlich jeder Text, der auf dem Redaktionsschreibtisch landete, sein Zustandekommen bereits befragt hatte, Die Naivität der monographischen Methoden stand ebenso zur Disposition wie der Status der behandelten Künstler und die Beweggründe, die zu den einzelnen Texten geführt hatten. Die methodologische Reflexion war also immer schon ein mehr oder weniger weitreichender Aspekt der vorliegenden Beiträge. Mit Ausnahme der allgemeineren Uberlegungen zur Unvermeidbarkeit und ökonomischen Bedeutung des Leben-Werk-Zusammenhangs von Joshua Decter blieb die Kritik des Genres genreimmanent. So dachten die Autorlnnen darüber nach, wie ihre Faszination zustande gekommen war (Archer über Emin, Holert über Barney, Graw über Genzken). Michael Leja verständigte sich selbst über die ideologischen und methodischen Fallen, in die man mit dem monographischen Verfahren stolpern kann, und setzte damit zu einer Revision seiner zurückliegenden Publikationen über Jackson Pollock an. Andere nutzten die Gelegenheit für ein uneingeschränktes Bekenntnis zu ihren Vorlieben, ließen vor unseren Augen ein Künstlerindividuum entstehen, wie um zu beweisen, daß das Subjekt weder auf der Produktions- noch auf der Rezeptionsseite zu umgehen ist. Künstlensche Arbeit kann als singuläre, irreduzible begriffen werden neben ihrer Definition als soziale Praxis.

Mehrere Gruppen von Künstlerlnnen kommen für eine monographische Auseinandersetzung in Betracht: bereits kanonisierte Meisterfiguren wie Pollock oder solche, die eher von Liebhabern im Privaten geschätzt werden wie Krasner oder Guston; durchgesetzte Helden derjüngeren Kritiker-generation wie Kelley oder aber junge, bislang nur vereinzelt gehypte, denen sich die Kritik erst seit kurzem oder allenfalls unschlüssig zuwendet, wie Hohn, van Lamsweerde, Flanagan, Emin, Barney.

Das Gespräch zu Gerhard Richter kreist nicht zuletzt um das Problem, mit welchen Mitteln sich der Künstler selbst an der Herstellung seines (Euvres, seiner Monographie beteiligt. Bei Richter kann man das sehr genau verfolgen. Sein Werk zieht die unterschiedlichsten Methoden und Interessen an: Konzentration auf Rezeptionsgeschichte, Fixierung auf einzelne Werkabschnitte, Einbettung in die (soziale) Geschichte von Wahrnehmung. Wie über Richter geredet werden kann, welche Ansätze am produktivsten sind, wird in der Richterrunde diskutiert. Mögliche Wege zu Richter kommen sich dort in die Quere.

Anhand dieser Ausgabe wird es sich vielleicht verfolgen lassen, was ein monographischer Text, die immer auch mystifizierende Beschäftigung mit dem Leben und Werk eines einzelnen Künstlers überhaupt bewirken kann. Dafür ist natürlich die gewählte Schreibweise und Rhetorik entscheidend. Macht der Text seine Begeisterung als eine subjektive deutlich, oder versucht er, die Relevanz von Allgemeingültigkeit zu stiften?

Wie sind die politischen Auswirkungen der vorliegenden Beiträge einzuschätzen? Schließlich werden mit jeder Nennung eines Künstlernamen Tatsachen geschaffen, Realitäten gesetzt. Zwar wähnen wir uns in relativer Sicherheit, denn am Ende waren es ja die Autorlnnen, die sich ihre Künstlerlnnen ausgesucht hatten. Andererseits mußten ihre Texte die redaktionelle Schleuse passieren. Deshalb wird sich niemand gehindert sehen, von uns Rechenschaft darüber zu verlangen, warum der eine Künstler im Heft besprochen ist, der andere aber nicht. Jede Ein- oder Ausgrenzung ist ein Politikum. Was nicht heißt, daß nicht auch radikale Kontingenz im Spiel war.

ISABELLE GRAW / TOM HOLERT / SABINE WILMES