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Behind the Screens Michelle Cotton über Henning Bohl in der Galerie Johann König, Berlin

Henning Bohl, „The ate rT oday“, Galerie Johann König, Berlin, 2008, Ausstellungsansicht Henning Bohl, „The ate rT oday“, Galerie Johann König, Berlin, 2008, Ausstellungsansichten

In den Ausstellungen des in Berlin lebenden Künstlers Henning Bohl werden Bilder und Objekte niemals als isolierte Einzelwerke präsentiert, sondern stets in einen installativen Zusammenhang gebracht, der die Bewegung des Betrachters im Raum ebenso choreographiert wie seine oftmals aus industriell gefertigten Materialien assemblierten Arbeiten als „Props“ einer kommenden Performance erscheinen lässt.

Der Titel von Bohls erster Einzelausstellung in der Galerie Johann König kündigte dementsprechend eine Befragung von Theater heute. Auf eine dekorative Farbpalette reduzierte Bildobjekte, die sich aus der Überlagerung, Faltung und Collage von ausgerollten Papierbahnen ergaben und gleichermaßen vielschichtige Referenzen auf die Geschichte der bildenden wie aufführenden Künste in sich vereinten, verwandelten den Raum der Galerie in einen theatralen Parcours. Welche An- und Einsichten ergaben sich aber aus diesem Blick hinter die Kulissen?

Bei Johann König sind sechs oder sieben Leinwände an den Deckenleisten angebracht. Einige der Leisten sind Teil der Galeriearchitektur, andere wurden extra installiert und teilen den Raum in zwei Hälften. Die Leinwände reichen knapp bis zur Augenhöhe. Auf den weißen Grund sind dynamische Formen in kräftigen Farben aufgebracht; an den Stellen, wo sie sich überlappen, entstehen Falten; Lufteinschlüsse werfen Blasen auf der Oberfläche. Manche der Ränder wurden so belassen, dass sie sich wie alte Plakate biegen. Die Titel bestehen aus Fragmenten der Wörter theater heute/psychology today, die in schwarzen Lettern neben jede der Leinwände geschrieben sind, wie die Fortsetzungen einer unterbrochenen SMS.

Henning Bohls Papierschnitte nehmen die Technik auf, der Henri Matisse sich in den 1940er Jahren zugewandt hatte. Als sein Gesundheitszustand sich verschlechterte, begann Matisse Bilder sowie Dessins für Textilien, Glasmalereien, Keramiken und Farblithografien aus zerschnittenem, mit Gouachefarben bemaltem Papier zu komponieren. Er sprach von der Skulpturalität der Arbeit, vom Durchschneiden des Pigments, und beschrieb den Prozess als „Zeichnen mit der Schere“.[1]_ Durch die grafische Wirkung der flachen Farben und der harten Linien eigneten sich die Papierschnitte für die Reproduktion als Drucke. Matisse benutzte Linel-Gouachen in einer Farbskala, die direkt mit den von kommerziellen Druckmaschinen verwendeten Farben korrespondierte, und so wurden die Papierschnitte oft in Schablonendrucke übertragen, das bekannteste Beispiel hierfür ist sein Buch „Jazz“ von 1947.

Bei Bohl ist das Papier siebbedruckt, wobei die unbeschichtete weiße Unterseite sich teilweise zu einem ornamentalen Relief zusammenrollt. Die durch die Kompositionen schneidenden kalligrafischen Farbsicheln und das sich auf der Oberfläche der Leinwände zusammenringelnde Papier lassen an gemalte Rollen und antike orientalische Grafik denken. Andere Motive haben eine eher heimische Anmutung; eine Linie faltet sich ineinander wie eine Luftschlange oder ein Band, Tropfen- und Tränenformen sind wie bei „Fuzzy Felt“-Spielzeug oder wie Konfetti verteilt. Auf ihrer Kartonpalette rufen Bohls Entwürfe eine Flut von Assoziationen hervor, von prähistorischer Höhlenmalerei, Wandteppichen und japanischen Emakimono-Rollen bis zu festlicher Dekoration und abstrakter Figuration.

In einem Interview verwies Bohl vor einigen Jahren auf eine Fotografie von Matisse:[2] Der Künstler sitzt vollkommen in seine Arbeit vertieft in seinem Rollstuhl, er ist in der Mitte des Ateliers positioniert, wo ein Teppich aus zerschnittenem Papier wie Herbstblätter um seine Füße ausgebreitet ist. Körperlich wie geistig ist er von seiner Arbeit umschlossen. Bohl war von diesem Bild des Künstlers, der sein eigenes Vermächtnis gestaltete, fasziniert, ein Fall von Geschichte innerhalb der Geschichte. Die Bilder der einen Geschichte lassen Matisse’ Objekte unversehrt, da sie sie farbecht und originalgetreu abbilden müssen. Die andere Reihe von Bildern zeigt die Arbeit in einem Zustand des Flusses, sie berichtet davon, was „hinter den Kulissen“ geschieht, und hier verdrängt der Künstler das Objekt aus dem Zentrum. Diese Vorstellung einer Metageschichte, von parallelen und widerstreitenden Erzählungen über das Objekt ist es, die einem in dem doppelten Aspekt dieser Ausstellung, „The ate rT oday“ (sic), in den Sinn kommt. Wenn man sich zwischen Bohls Leinwänden bewegt, enthüllen sich die Textelemente und die einzelnen grafischen Elemente Stück für Stück. Seine Objekte sind oft im Maßstab und mit der Grundstruktur von Bühnenbildern hergestellt, und so erinnert die Wahrnehmung dieser Tafelbilder an die von Teilen eines Bühnenbilds vom Parkett aus. In ihrer Position ist eine fiktive Distanz enthalten, sie adressieren den Raum, als wäre er ein Zuschauerraum. Bohl provoziert eine Sichtweise, wie man sie in Kirchen oder an Stätten des Weltkulturerbes einübt: herumwandelnd, den Kopf in den Nacken, versuchend, den Bildern zu folgen, ohne dabei mit anderen zusammenzustoßen. Durch diese physische Trennung vom Werk ändert sich der Blick, es entsteht eine Erfahrung, die der vor dem Proszenium im Theater entspricht. Die Kunst scheint buchstäblich in einem anderen Raum zu existieren.

Dass diese performative Erfahrung der Arbeit sich so natürlich ergibt, verdankt sich Bezügen, die sich von der Peripherie von Bohls Arbeit in das Zentrum ihrer Logik verschoben haben. - „The ate rT oday“ verweist nicht nur auf die aktiven Modi der Kunst- und Bedeutungsproduktion, sondern inszeniert diese Vorstellungen bewusst in einer Choreografie. Die Tränen, Punkte und kurvenförmigen Zeichen, die sich in diese Kompositionen eintragen, sind aus früheren Ausstellungen vertraut. Teils dekorativ, teils als Chiffren in einem Zeichensystem sind sie Elemente eines Repertoires, das sich unter Bezugnahme auf die stilisierten Traditionen des japanischen Kabuki-Theaters entwickelt hat. Aufgeklebt, sich überlappend, Schicht auf Schicht sind sie wie Embleme in Bohls Werk eingewoben. Wie die Masken, die Schauspielern aufgemalt werden, um deren Charakter anzuzeigen, oder wie die Verwendung von Mustern und sich wiederholenden Motiven in Bühnenbildern, um Holzmaserung, Wellen oder Kirschblüten darzustellen, sind sie Teil der Oberfläche der Arbeit. Ihre Wiederholung und die unzähligen Kombinationen haben den gleichen spielerischen Pop-Appeal wie das zu Matisse’ Füßen verteilte Papier. Bohls Assemblage von Emblemen empfiehlt sich als ein Dekorationsmuster, das auf jede Oberfläche aufgetragen und jeder Oberfläche angepasst werden könnte. In diesem Sinne bildet sie die Vielseitigkeit von Matisse’ Papierschnitten und deren verschiedenen Erscheinungsformen in der Reproduktion nach.

Diese Emblemhaftigkeit erstreckt sich auch auf Bohls Behandlung des Werks selbst. Innerhalb der Ausstellungsarchitektur sind die Bilder dekorativ wie Fahnen gehängt, sie meiden die Wände und den Boden, als wollten sie jede Assoziation mit Malerei oder Skulptur zurückweisen. In früheren Ausstellungen hatte Bohl mit seinen Assemblagen von flachen oder tafelbildartigen, Grenzen oder Unterbrechungen bildenden Anordnungen eine Vorstellung von Einschließung formuliert. Gitter, Netze und Spaliere verwiesen auf eine diskrete, fast dekorative Form der Vorschrift durch Gestaltung, auf die Art von Kontrolle, wie sie zierliche Zäune mit ihrem eher symbolischen denn praktischen Zweck ausüben. Hier nun erzeugt Bohl einen Sinn für Raum und körperliche Freiheit und ermuntert uns dazu, unseren eigenen Weg innerhalb seiner Dramaturgie ausfindig zu machen, während er uns gleichzeitig eine ehrfurchtsvolle Haltung gegenüber dem Werk einnehmen lässt und durch die Schrift einen Pfad durch die Ausstellung markiert. Alles ist in die sprachliche Folge eingeschlossen, die Leinwände hängen wie riesige leuchtende Lettern herab. Sie sind an die Wörter gebunden, in die Schrift eingebunden und nach ihr betitelt, um fast zu einem Akt der Illustration zu werden. Bohl erschafft ein Szenario, in dem ein Schauspiel des Lesens und ein Akt des Engagements mit dem Anschein einer Offenbarung beschworen werden. Die Leinwände sind bereit, eine Erzählung mitzuteilen, doch letztlich herrscht eine innere Logik. Die Bildtafeln greifen auf die Wörter über und setzen deren Einheit mit ihrem eigenen Assoziations- und Ideensystem außer Kraft.

Die Titel der einzelnen Arbeiten, der Text rund um die Deckenleisten der Galerie sowie der Ausstellungstitel selbst beziehen sich auf zwei Zeitschriften, Theater heute und Psychologie heute. Diese Namen beschreiben die Spezialisierung auf eine Nische sowie einen gemeinsamen Zugang zur Dekonstruktion ihres jeweiligen Gebiets. Zweifellos zieht Bohl Parallelen zu seiner eigenen selbstreflexiven Praxis. Spezialistenprobleme der Kunstgeschichte und -produktion sind die Hauptthemen in Bohls eigener Arbeit, durch die Verbindung und das Wortspiel mit diesen Zeitschriften bildet er jedoch eine Dualität aus ihren Sachgebieten Theater und Psychologie. Während es bei ersterem in einem fundamentalen Sinn um die Schaffung einer Fiktion geht, hat die letztere es mit deren Zerstörung zu tun. Wie um die Ausstellung einzurahmen, hängen mehrere Titel von Psychologie heute an der Wand, und Bohl zitiert direkt die Bilder (eine Reihe inszenierter Porträts von einer Freundin von ihm, Sabine Reitmaier). Die Themen von „The ate rT oday“ – das inszenierte Bild oder die inszenierte Erfahrung, die Idee, visuelle Medien mit einer Erzählung zu konfrontieren, der Akt des Schreibens bzw. Lesens einer Erzählung sowie die Doppelrolle des Objekts innerhalb dieser Ereignisse – sind in diesen Porträts verankert. Der narrative Gehalt des Blicks der Modelle, ihres Ausdrucks und ihrer Pose werden von Bohls Gerüst getragen; die Zeitschriften werden somit zu Schauspielern, die eine Übersetzung der Ideen von ihrer Textgestalt in ein physisches Drama leisten. Hier ereignet sich Ähnliches wie in der Fotografie von Matisse. Wie Matisse befinden sich die Zeitschriften innerhalb einer bestehenden Assemblage grafischer Zeichen, die aus dem bisherigen Werk des Künstlers (in diesem Falle Bohls) vertraut sind. Die Zeitschriften erscheinen als direkte Zitate. Bewusst offenbart Bohl das wesentliche Quellenmaterial für die Ausstellung und inszeniert einen Bericht von „hinter den Kulissen“ seines kreativen Prozesses. Die Modelle nehmen konzentrierte Posen ein, sie blicken in das Kameraobjektiv oder halten einen Finger an ihre Lippen oder stützen ihr Gesicht auf die Hände, als beabsichtigten sie eine Art stummer, telepathischer Kommunikation. Innerhalb des von Bohl geschaffenen Rahmens setzen diese Zeitschriften sowohl die Konstruktion von Erzählung wie deren Auflösung in Szene; sowohl die Inszenierung eines Bildes wie den Akt der Deutung seines Gehalts. Sie sind zugleich Symbole für das Theater wie für die Psychologie. Bohl führt ein Spiel-im-Spiel auf, das sich auf das Leben eines Bildes in seiner Konstruktion und seiner Dekonstruktion bezieht.

(Übersetzung: Robert Schlicht)

Henning Bohl, „The ate rT oday“, Galerie Johann König, -Berlin, 14. Oktober bis 15. November 2008.

Anmerkungen:

[1]Henri Matisse zit. nach Dominique Fourcade, „Something Else“, in: Henri Matisse – Paper Cut-Outs, Ausst.-Kat., St. Louis Art Museum and Detroit Institute of Arts, 1977, S. 49.
[2]Henning Bohl im Gespräch mit Kathleen Rahn. Interview, abgedruckt in: Henning Bohl – The Studio, Ausst.-Kat., Kunstverein Braunschweig, Düsseldorf 2005, S. 46 u. 48.