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Monica Titton

Mode in der Stadt Über Street-Style-Blogs und die Grenzen der Demokratisierung von Mode

Modeblogszene aus „The Sartorialist“, Paris, Dezember 2008 Modeblogszene aus „The Sartorialist“, Paris, Dezember 2008

Street-Style-Blogs gelten für alle, die sich modisch auf dem neuesten Stand wissen wollen als „must reads“. Sie versprechen Einblicke in das, was auf den Straßen der Metropolen dieser Welt getragen wird, wie was und womit zu kombinieren sei. Ziel ist es, über das Tragen von Designerkreationen hinaus einen eigenen Stil zu prägen, auf den es im auf verwertbare Individualität zielenden neuen Geist des Kapitalismus ankommt.

Mit ihrem Blick auf die „Straße“ gelten diese Blogs mithin als autonome Instanzen, die ständig neue, scheinbar authentische Modebilder produzieren. Doch befördern „Jak & Jil“ oder „styleclicker“ tatsächlich eine Demokratisierung der Modewelt, wie aufgrund ihrer vermeintlichen Unabhängigkeit von der globalen Modeindustrie und deren traditionellen Vermittlungsinstanzen allseits propagiert wird? Oder unterliegen die dort entworfenen Modebilder nicht ebenso Schönheits-, Körper- und Modeidealen?

Die neuen Lieblinge der Modewelt

In der Geschichte der Mode hat es immer wieder Forderungen nach mehr Partizipation und breiterer Inklusion gegeben. Die letzte große Revolution in diesem Sinne war das Aufkommen des Prêt-à-porter in den späten 50er und 60er Jahren. [1] Designer wie Pierre Cardin und André Courrèges [2] erklärten das Produktionsmodell der Haute Couture für überholt und beanspruchten, qualitativ hochwertige Mode für alle zu machen – nicht nur für die oberen Zehntausend, die sich maßgeschneiderte Unikate leisten konnten.

Zurzeit haben wir es wieder mit einer historischen Konstellation zu tun, in der das aristokratische Modell [3] der Mode infrage gestellt wird. Street-Style-Blogs werfen durch die Einbettung von Mode in einen (scheinbar) alltäglichen, urbanen Kontext und durch die Figur des Menschen von der Straße als Model erneut die These der Demokratisierung von Mode auf. Auch wenn Street-Style-Blogs zwar konkrete Veränderungen auf ästhetischer und inhaltlicher Ebene bewirkt haben, muss die demokratisierende Wirkung dieser Blogs dennoch relativiert werden.

Street-Style-Fotografen wie Yvan Rodic und sein New Yorker Kollege Scott Schuman, Autor des Blogs The Sartorialist [4], sind die neuen Stars in der Modeszene. Rodic, der Mann hinter dem berühmten Street-Style-Blog facehunter, [5] hat seinen Zugang zur Modefotografie kürzlich folgendermaßen beschrieben: „Ich habe nie verstanden, warum Moderedakteure so viel Zeit und Geld darauf verschwenden, ausdrucklose Models für ein einziges Foto-shooting durch die halbe Welt zu karren. Ihr Leben wäre wesentlich unkomplizierter, wenn sie wie ich arbeiten würden: einfach in eine aufregende Stadt fahren, dort eine stilsichere natürliche Schönheit finden, die gleich um die Ecke wohnt, die zum nächsten Spielplatz entführen, um sie dort auf die Rutsche zu setzen, die Kinder mit Süßigkeiten fortschicken und dann auf den Auslöser drücken. Fünf Minuten später ist alles erledigt, und man kann es sich irgendwo auf einer Terrasse gemütlich machen.“ [6] Die Arbeit des Fotografen wird in dieser Darstellung zur Freizeit – zu einer ausgesprochen lässigen und beiläufigen Tätigkeit. Es fällt zudem auf, dass die Stadt in diesem mystifizierenden Szenario einen wichtigen Part spielt. Entsprechend sind es zumeist Gehsteige, Straßenecken, Häuserfassaden, Hinterhöfe, Seitengassen oder Parks, die als Kulissen fungieren, vor denen er Menschen fotografiert, die ihm aufgrund ihres außergewöhnlichen Stils beim Promenieren aufgefallen sind. Die so entstandenen Fotos stellt er dann auf seinen Blog, wo Modebegeisterte aus aller Welt sie sich ansehen, kommentieren und bewerten.

Dass das Internet und insbesondere das Web 2.0 die Mode wie nur wenige andere Bereiche kultureller Produktion erobert hat, steht mittlerweile außer Frage. Spätestens seit die amerikanische Vogue ein Fotoshooting mit den (für sie) zehn wichtigsten Fashion-Bloggern/Bloggerinnen in der diesjährigen Märzausgabe [7] organisiert hat, kann niemand mehr – nicht einmal die detachierte Anna Wintour – die Tatsache leugnen, dass sich Blogs neben den Printmedien zu einer eigenen Vermittlungsinstanz in der Mode entwickelt haben. Die Street-Style-Blogs dokumentieren, was die „hip crowd“ in New York, London, Paris, Berlin oder Helsinki trägt. Die Bilder von schönen und gut gekleideten Menschen in ihrem alltäglichen, urbanen Lebensraum sind auf dem besten Weg, zum Sinnbild einer ganzen Modedekade zu werden. Wie ist es dazu gekommen?

Street-Style-Fotografie als Genre der Modefotografie

Unter Street Style (oder Street Fashion) verstand man noch bis Mitte der 1990er Jahre eine spezifische Form von subkulturell inspirierter Alltagsmode. Die erste Street-Style-Rubrik gab es im August 1980 in der ersten Ausgabe des britischen Independent-Magazins i-D [8]. In der Rubrik „straight-up“ wurden Bilder von Punks und New-Wave-Kids in London gezeigt, die von Fotografen auf den Straßen der Metropole entdeckt worden waren. Die unter natürlichen Lichtverhältnissen, meist vor einer Häuserwand aufgenommenen Ganzkörperbilder (daher auch der Name „straight-up“) in semi-dokumentarischem Stil standen in scharfem Kontrast zur konventionellen Studiofotografie in den Hochglanzmagazinen. Die porträtierten Jugendlichen übernahmen die Rollen der Models und der Stylisten/innen – welche dadurch überflüssig wurden. Die Macher von i-D kritisierten das elitäre Selbstverständnis von traditionellen Modemagazinen und setzten den durchinszenierten Modestrecken mit „straight-up“ ein Modell entgegen, das mit allen existierenden Konventionen brach. Neben i-D waren auch andere Magazine wie The Face, Dazed & Confused und Street maßgeblich an der Herausbildung einer eigenen Street-Style-Ästhetik beteiligt. Im Laufe der letzten zehn Jahre verlor die Street-Style-Fotografie mit ihrer allmählichen Kommerzialisierung ihre ursprüngliche subversive Anti-High-Fashion-Haltung und fand als eigenes Genre auch im Mainstream des Modejournalismus Anklang. Magazine wie die britische Elle und Vogue oder das französische Jalouse begannen vor etwa zehn Jahren, Street-Style-Rubriken nach dem Vorbild von i-D zu produzieren [9]. Durch das Internet hat das Genre einen wahrhaftigen Boom erlebt. Der Erfolg von Street-Style-Blogs liegt unter anderem darin begründet, dass die Adressen der Blogs zunächst nur im Internet ausgetauscht wurden und lange Zeit als Geheimtipp unter Eingeweihten galten. Für Faszination sorgte auch die Tatsache, dass Street-Style-Blogs die Landkarte der Modemetropolen Paris, New York, Mailand und London um Städte ergänzten, die bis dahin weiße Flecken waren. Beispielsweise zeigt einer der ältesten Street-Style-Blogs (hel-looks.com [10]) seit 2005 ausgewählte Looks von den Straßen der finnischen Hauptstadt Helsinki. Die bekanntesten und erfolgreichsten Street-Style-Blogs beschränken sich aber nicht nur auf eine Stadt: Deren Autoren/Autorinnen sind ständig auf Reisen und dokumentieren die Styles unterschiedlicher Orte – von Jakarta bis Buenos Aires. Sie entsprechen damit dem Mobilitäts- und Vernetzungsimperativ, die von Boltanski und -Chiapello als ein gundlegendes Merkmal des modernen Netzwerk-Kapitalismus beschrieben wurde. Die Street-Style-Blogger/innen inszenieren sich von der Kurzvita auf ihren Blogs bis hin zu ihren biografischen Erzählungen in Interviews jedoch als romantische Flaneure und verschleiern damit, wie viel Arbeit eigentlich dahintersteckt, einen Blog erfolgreich zu betreiben. Gerade von den Street-Style-Fotografen/Fotografinnen wird gewissermaßen eine Erweiterung ihres Kompetenzprofils [11] verlangt. Sie sollen immer am Puls der Zeit sein, kein wichtiges Event verpassen und als Erste die nächsten Trends aufspüren – sie müssen gewissermaßen Fotografen/in, Stylist/in, Herausgeber/in und Trendscout in einem sein. Die grafische Gestaltung von Street-Style-Blogs ist relativ homogen: Dominierend ist ein einfaches, klar strukturiertes Layout, bei dem die Fotografien im Mittelpunkt stehen. Die begleitenden Texte beschränken sich meistens auf eine kurze Beschreibung des Outfits oder eine knappe Begründung des/der Fotografen/Fotografinnen, was ihn/sie dazu bewegt hat, das jeweilige Bild zu machen. Ein wichtiges Element von Seiten wie styleclickerm [12], Jak&Jil [13] und Stil in Berlin [14] ist die Kommentarfunktion, die es den Usern erlaubt, die Bilder zu diskutieren. Auf den populärsten Street-Style-Blogs, wie etwa dem schon erwähnten The Sartorialist, wird jedes Foto in der Regel Hunderte Male kommentiert. Die Outfits werden in diesen Kommentaren bis ins kleinste Detail analysiert und meist überschwänglich gelobt, Kritik ist eher selten. Die Beiträge der Community drehen sich hauptsächlich um die Farbe, Beschaffenheit und Textur von Schuhbändern, Saumnähten, Ärmelstulpen oder Einstecktüchern und weniger um die gesamte Erscheinung der fotografierten Person. Oftmals wird auch beschrieben, welche popkulturellen oder literarischen Assoziationen ein Kleidungsstück oder eine Farbkombination bei den Betrachtern/Betrachterinnen ausgelöst hat. So werden auf Street-Style-Blogs ständig neue Modebilder produziert und gleichzeitig dazugehörige Geschichten, Atmosphären und Rechtfertigungen hergestellt.

Demokratisierung – die Illusion von Inklusion

Heute meint Street-Style alle möglichen Formen von auf der Straße, an nicht professionellen Models fotografierter Kleidung – von legeren Freizeitklamotten über das ausgefeilte Party-Outfit bis hin zum klassischen Business-Look. Dass es zudem keine Beschränkungen auf eine Altersgruppe oder ein bestimmtes Milieu gibt, wird von den Fotografen/Fotografinnen selbst besonders betont. Die Autoren/Autorinnen von Street-Style-Blogs geben entsprechend vor, die Mode „von unten“ zu zeigen, die eben nicht von Designern/Designerinnen und Modemagazinen diktiert, sondern von den Menschen selbst erzeugt würde. Immer wieder ist davon die Rede, dass Street-Style-Blogs ein Motor der Demokratisierung von Mode seien, weil sie alltägliche Personen zu Models und zu ihren eigenen Stylisten machen. Damit stellen sie das Top-down-Distributionsmodell von modischen Innovationen in Frage und scheinen die von dem Anthropologen Ted Polhemus aufgeworfene „Bubble-up“-Hypothese [15] zu bestätigen, wonach neue Trends nicht von Designern erfunden, sondern von Trendscouts in den hippen Vierteln von Städten wie London entdeckt werden. Street-Style-Blogs werden aber vor allem aufgrund ihrer Ästhetik des Alltäglichen zu Agenten einer Demokratisierung von Mode erklärt. Mit welchen Techniken sucht man jedoch diese (vermeintliche) Alltäglichkeit in den Street-Style-Aufnahmen zu suggerieren?

Das Setting der Bilder hebt sich tatsächlich stark von den üblichen Fotostrecken in Modemagazinen ab. Die Protagonisten/Protagonistinnen erscheinen wie ganz „normale“ Menschen, die den Street-Style-Fotografen/Fotografinnen auf ihren Streifzügen durch die Stadt begegnet sind. Der alltägliche Chic steht im Mittelpunkt, Perfektion soll keine Rolle spielen, noch kleine Makel werden sichtbar in Szene gesetzt. Auch dass die Leute gerade ihren alltäglichen Erledigungen nachgehen, leistet dem Eindruck von Authentizität Vorschub: Brennende Zigaretten, Kaffeepappbecher, unter den Arm geklemmte Tageszeitungen, Fahrräder oder Einkaufstaschen kommen mit aufs Bild, gewissermaßen als weitere Beweise für die Wahrhaftigkeit der dargestellten Personen. Die Mode erscheint wie ein fundamentaler Bestandteil ihres Lebens, sie scheint zum Alltag genauso dazuzugehören wie die Morgenzeitung und der im Stehen getrunkene Kaffee. Sie passiert en passant und wird als selbstverständliches Attribut eines kosmopolitischen Menschen inszeniert. Die Bilder behaupten so eine große Nähe zur Lebenswelt der Leserschaft. Zudem wird beim Publikum der Eindruck erweckt, als müsse man sich nur zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort in den richtigen Klamotten aufhalten, um auch von einem Street-Style-Fotografen in der Masse entdeckt zu werden.

Die Art der Darstellung in den Fotografien, die suggeriert, dass es sich bei den in ihnen gezeigten Outfits und Personen um eine persönliche, subjektive Auswahl handelt, lenkt jedoch von der offenkundigen Tatsache ab, dass sie entgegen ihrem eigenen Anspruch weder alltägliche Looks noch ausschließlich anonyme Menschen präsentieren. Scott Schuman etwa hat vor seiner zweiten Karriere als Blogger jahrelang in der Modebranche gearbeitet. Kein Wunder also, dass viele der von ihm porträtierten Personen in diesem Business tätig sind – was sich zum Teil aus Schumans Bildbeschreibungen, zum Teil aus den Kommentaren der Leser/innen erschließen lässt – und daher besonders viel Wert auf ihre Erscheinung legen (müssen). Die propagierte Authentizität der Fotos entpuppt sich somit als Konstruktion, und der Unterschied zwischen Models und „normalen Menschen“ verschwimmt; aber nicht weil auf Street-Style-Blogs neue Kriterien für Schönheit und Modebewusstsein gebildet werden, sondern weil hier Personen fotografiert werden, welche die bestehenden Kriterien besonders gut und überzeugend inkorporiert haben.

An der Aufhebung des Mythos, dass Mode-Blogs inklusiv seien, wird jedoch auch schon im Netz gearbeitet. So zeichnet beispielsweise die von dem online-Magazin Refinery 29 veröffentlichte Infografik „Our Step-by-step Guide to getting shot by The Sartorialist“ [16] den hypothetischen Wahrnehmungsprozess von Schuman nach. Männer haben laut dieser Anleitung gute Chancen, von ihm fotografiert zu werden, wenn sie „old, rich and european“ sind. Kommt als Accessoire noch eine Zigarette und ein locker drapierter Kaschmirschal hinzu, haben sie ihren Auftritt bei The Sartorialist schon so gut wie in der Tasche. Für Frauen hingegen ist der einfachste Weg in den begehrten Blog, entweder Kate Lanphear oder Giovanna Battaglia zu sein, zwei junge, bildhübsche Moderedakteurinnen. Um von Schuman bemerkt zu werden, ist es für Frauen im Übrigen immer von Vorteil, „model-pretty“ zu wirken und sich vorzugsweise in einer Stadt zu befinden, in der gerade Fashion Week ist.

Diese Versuche, ein Muster in der Auswahl ihrer Protagonisten/Protagonistinnen zu finden, können aber auch als ein Indikator für die Relevanz von Street-Style-Blogs als Vermittlungsinstanzen in der Mode und als Hinweis auf den Effekt der Kanonisierung des Street-Styles gelesen werden. Street-Style-Blogs sind ähnlich wie Fotostrecken in Modezeitschriften zu Referenzpunkten geworden – sie werden von Leuten konsultiert, die sich über die aktuellen angesagten Looks informieren möchten. Sie funktionieren möglicherweise noch viel besser als herkömmliche Bildstrecken, weil sie eine scheinbare Nähe zur Lebenswelt der Konsumenten/Konsumentinnen besitzen. Mode wird auf den Bildern in ihrer beiläufigen, konsumfertigen Fassung gezeigt. Street-Style-Blogs sind, wenn man so will, die Fertigprodukte der Modefotografie: Sie zeigen Mode an „realen Menschen“ in „alltäglichen“ Situationen. Die Abstraktion der Mode von der Realität, wie sie in professionellen Foto-shootings vollzogen wird, verleiht ihr den Charakter einer Fiktion. Roland Barthes bemerkte dazu: „In der Modefotografie wird die Welt gewöhnlich zum Dekor, Hintergrund, Schauplatz, kurz: zum Theater.“ [17] In den Street-Style-Blogs hingegen ist das Szenario ein realer Ort, die Stadt ist nicht nur Kulisse, sondern gleichzeitig auch Protagonistin der Fotos. Ob Mailand, Sao Paulo, Paris, Melbourne oder London: Die Stadt wird als ein wichtiger Faktor verstanden, der zur Herausbildung eines spezifischen Stils beiträgt. So schreibt Yvan Rodic in seinem kürzlich publizierten Bildband „Facehunter“: „Für uns ist die Großstadt kein Asphaltdschungel mehr. Sie ist vielmehr zu einer guten Freundin geworden, mit der wir gerne abhängen.“ [18]

Die Betonung von geografisch begründeten Unterschieden wird insbesondere in den Kommentaren der User-Community fortgeschrieben, oft mit Rückgriff auf alte Modeklischees. So werden etwa ein gestreiftes Top und rot geschminkte Lippen nach wie vor mit „Pariser Chic“ assoziiert. Das Paradoxe ist jedoch, dass dies auch dann geschieht, wenn das Foto nicht in Paris, sondern in Stockholm geschossen wurde. Es findet also einerseits die Konstruktion und Perpetuierung von regionalen bzw. nationalen Stilidentitäten statt, gleichzeitig aber auch die Betonung einer jegliche geografische Grenzen und soziale Differenzen transzendierenden Idee von Stil.

Zum Verhältnis von Stil und Mode

Zudem ist auffällig, dass auf Street-Style-Blogs von „Mode“ eigentlich kaum die Rede ist, sondern immer nur von „Stil“. Einen persönlichen, unverwechselbaren Stil zu besitzen, der sich an der eigenen Kleiderwahl, aber auch an der Frisur und der Körperhaltung ablesen lässt, ist in der mode-affinen, globalen Hip Crowd eine nahezu überlebenswichtige Kompetenz geworden. Social-Media-Plattformen wie facebook, myspace und twitter sind die Bühnen für die moderne Selbstinszenierung, an der Betonung von Individualität und Einzigartigkeit wird hier tagtäglich gearbeitet. Street-Style-Blogs dokumentieren das Streben nach Individualität, indem sie die Beachtung von Details, Nuancen und Feinheiten in der Kleiderwahl zelebrieren, die verraten, ob eine Person Stil hat oder nicht.

Worin besteht nun eigentlich der Unterschied zwischen Mode und Stil? Der Soziologe René König verstand unter Stil eine mit dem Vergehen der Zeit gefestigte Konstante der Mode. Er schrieb 1967: „Wir möchten sogar behaupten, daß alle Stile einmal als Mode begonnen haben, sich dann aber nach mehr oder weniger umfangreichen Versuchen zu einer Dauerform entwickelt oder – wie man auch sagen kann – ‚kristallisiert‘ haben.“ [19] König weist darauf hin, dass Stil gewissermaßen eine stabile Form ist, die aus der Mode heraus entsteht und von einzelnen Trends unabhängig ist. Dick Hebdige hingegen führte in der Studie „Subculture: The Meaning of Style“ [20] ein neues, semiotisches Verständnis von Stil in den Modediskurs ein. Im Zuge seiner Untersuchung jugendlicher Subkulturen der britischen Arbeiterklasse zeigte er, dass diese ihre Kleidung, ihren Musikgeschmack und ihre Freizeitbeschäftigungen – also ihren Stil – zu Trägern von neuer Bedeutung machen. Mixing, Sampling und Bricolage nannte Hebdige die Techniken, mithilfe derer Mods, Teddyboys, Skinheads, Punks und Rastafaris vorhandenen kulturellen Praktiken und Symbolen neuen Sinn verleihen. Stil wird von ihm als ein der Mode übergeordnetes, die gesamte Persönlichkeit strukturierendes Programm verstanden. Genau jene Subkulturen, die Hebdige in seinem Buch beschrieben hat, waren dann auch – wie schon zu Beginn erwähnt – Inspirationsquelle der ersten Street-Style-Bilder in der i-D.

Der einzig erkennbare Motor des modernen Street-Styles ist die ins Äußerste gesteigerte Individualität, die sich in einer obsessiven modischen Detailverliebtheit äußert. Es gilt den richtigen Mix von Farben, Mustern, Materialien und Labels zu kreieren, es gilt zu wissen, wie man Vintage-Klamotten mit Designerteilen und günstigen Teilen von Modeketten wie H & M kombiniert. Das ist der rote Faden, der sich durch die Mode auf Street-Style-Blogs zieht und Königs Definition von Stil als sedimentierter, von modischem Tagesgeschehen abstrahierender Ästhetik plausibel macht. Besonders an der Peripherie der Outfits sind Details entscheidend – seien es unerwartete, an den Füßen oder Handgelenken hervorblitzende Farben in einem ansonsten monochromatischen Look oder abgewetzte Stellen am Kragen eines Sakkos. Man wird auf solchen Bildern selten wirklich schrille, provokante oder extreme Outfits finden, genauso wenig wie dessen Gegenteil, also schlichte Alltagskleidung, wie sie tatsächlich von der breiten Masse auf der Straße getragen wird. Vielmehr sind es ungeahnte Kombinationen und bewusste Stilbrüche, die bei Street-Style-Fotografen besonders beliebt sind. Gängige, von der Modeindustrie diktierte Schönheitsideale werden hier allerdings größtenteils reproduziert, gerade auch im Hinblick auf Körperbilder. Es gibt zum Beispiel kaum Fotos von übergewichtigen oder körperlich behinderten Personen – die Mehrheit der abgebildeten Menschen entspricht mit ihrem Aussehen stereotypen Vorstellungen von Schönheit. Das Ziel der modebewussten Kosmopoliten/Kosmopolitinnen ist es scheinbar nach wie vor, aufzufallen, aber erst auf den zweiten Blick. „Style“ zu haben, ihn zu zeigen und dafür anerkannt zu werden, ist der Zustand, den es zu erreichen gilt. Wer Stil hat, ist in seiner Einzigartigkeit und Individualität etwas Besonderes und hebt sich von der uniformierten, „unstylishen“ Masse ab. Die absolute Konsekration des eigenen Stils ist es, ein Bild von sich auf einem bekannten Street-Style-Blog zu finden. Insbesondere in der Modeszene kommt dies einem Ritterschlag gleich. [21]

Street-Style-Blogs als Dokumente modischer Pluralisierung

Street-Style-Blogs haben eine Macht entfaltet, die auch in der Vermittlung von Mode ihre Spuren hinterlässt. So hat der Hype um die Mode-Blogs beispielsweise dazu geführt, dass Modezeitschriften ihre Webauftritte verbessert und erweitert haben, weil sie die Zentralität dieses Mediums für die Verbreitung der Mode erkannt haben und Blogs infolgedessen auch als Konkurrenz wahrnehmen. Um ihre Definitionsmacht in der Mode zu erhalten, verfolgen renommierte Modezeitschriften die Strategie, mit bekannten Street-Style-Bloggern/Bloggerinnen zu kollaborieren, sowohl im Print- als auch im Onlinebereich. Scott Schuman etwa fotografiert für GQ und style.com (dem Webauftritt der amerikanischen Vogue) seine Freundin, die französische Bloggerin Garance Doré, betreibt nun neben ihrem eigenen Blog [22] eine Rubrik in der Onlineversion der französischen Vogue.

Der Einfluss von Street-Style-Blogs auf die Entstehung von Innovationen in der Mode ist jedoch meines Erachtens – und dies entgegen den Selbstverlautbarungen der Akteure/Akteurinnen – nicht eindeutig festzumachen. Eher unwahrscheinlich erscheint, dass die Trends von morgen schon heute auf Street-Style-Blogs veröffentlicht werden. Dem Soziologen Frédéric Monneyron zufolge bedarf es immer noch der „Mediationsleistung“ von Designern/Designerinnen, damit die Neuheiten von der Straße in massenfähige Modelle umgewandelt werden können [23]. Angesichts des stetigen Wachstums von sogenannten Fast-Fashion-Ketten wie H & M, Zara, Mango, Topshop und Target ist es ohnehin zu einer massiven Beschleunigung des Wandels in der Mode gekommen, so dass die Rekonstruktion des Ursprungs von bestimmten Trends zunehmend obsolet erscheint. Mit ihren extrem kurzen Produktionszyklen können Fast-Fashion-Ketten die Läden monatlich (statt viertel- oder halbjährlich wie die Prêt-à-porter-Labels) mit neuer Ware versorgen und so binnen kürzester Zeit auf neue Trends reagieren. Ob diese Trends nun zuerst auf einem Street-Style-Blog, an einer Celebrity oder auf einem Laufsteg in Paris entstanden sind, ist nicht mehr eindeutig auszumachen.

Am Ende sind Street-Style-Blogs ein weiterer Beleg dafür, dass die Mode der Gegenwart ihrem Inhalt nach pluralistisch ist, was eine Benennung von verbindlichen Tendenzen schwer macht. Mit den Worten des Philosophen Gilles Lipovetsky gesprochen: „Fashion’s new configuration is open, uncompartmentalized, and nondirective.” [24] Dennoch sind es Street-Style-Fotografen/Fotografinnen, die entscheidend dazu beitragen, dass die Aufmerksamkeit der Modeöffentlichkeit auf diese Vielfalt von persönlichen Stilen gelenkt wird. Sie erinnern uns aber auch daran, dass Exklusivität das zentrale Merkmal der Mode ist und bleibt. Schließlich lebt sie von ihrer Fähigkeit zu distinguieren.

Anmerkungen

[1]Frédéric Monneyron, La Frivolité essentielle, Presses Universitaires de France, Paris 2001, S. 24.
[2]James Laver, Histoire de la mode et du costume. Nouvelle édition, Paris/London 2003.
[3]Roland Barthes, Die Sprache der Mode, Frankfurt/M. 1985, S. 297.
[4]http://thesartorialist.blogspot.com.
[5]http://facehunter.blogspot.com.
[6]Yvan Rodic, Facehunter. Die Straße als Catwalk, München/London/New York 2010, S. 172.
[7]US-Vogue, Heft 3, 2010.
[8]Agnès Rocamora/Alistair O’Neill, „Fashion and the Street. Images of the Street in the Fashion Media“, in: Eugénie Shinkle (Hg.), Fashion as Photograph – Viewing and Reviewing Images of Fashion, London/New York 2008, S. 185–199.
[9]Ebd., S. 188.
[10]http://www.hel-looks.com.
[11]Isabelle Graw, Der große Preis. Kunst zwischen Markt und Celebrity Kultur, Köln 2008, S. 109.
[12]http://www.styleclicker.net.
[13]http://jakandjil.com.
[14]http://stilinberlin.blogspot.com.
[15]Ted Polhemus, Street-Style: from sidewalk to catwalk, Paris/London 1994.
[16]http://www.refinery29.com/get-shot-by-sartorialist.php.
[17]Barthes, Die Sprache der Mode, a.a.O., S. 311.
[18]Rodic, Facehunte, a.a.O., S. 274.
[19]Réne König, Kleider und Leute. Zur Soziologie der Mode, Frankfurt/M. 1967, S. 18.
[20]Dick Hebdige, Subculture: The Meaning of Style, New York/London 1979.
[21]UK-Vogue, Heft 9, 2009: Mr. Big Shot.
[22]http://www.garancedore.fr/.
[23]Frédéric Monneyron, Sociologia della moda, Bari 2008, S. 87.
[24]Gilles Lipovetsky, The Empire of Fashion. Dressing Modern Democracy, Princeton/Oxford 1994, S. 119.