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Vorwort

Während des diesjährigen Gallery Weekend in Berlin ließ sich erneut beobachten, wie sich die Kunstwelt strukturell immer mehr den Bedingungen der Modewelt annähert – jede Menge vip-Limousinen kamen zum Einsatz, wie um den Einbruch des Celebrity-Prinzips in den Bereich der Gegenwartskunst zu illustrieren. Die mitunter stark ausdifferenzierten und hierarchischen Einladungspolitiken ließen ebenfalls an die Sitzordnung auf einer Prêt-à-porter-Schau denken. Bezeichnend für die fließenden Übergänge zwischen den Usancen der Modewelt und denen des Kunstfelds war zudem, dass ein Ableger des exklusiven Londoner Soho Club im ehemaligen jüdischen Kaufhaus Wertheim auf der Torstraße eröffnet wurde, inklusive Spa und Schwimmbad auf dem Dach. Nur folgerichtig erschien es, dass die Eröffnung dieses neuen Clubs mit einem Empfang für Damien Hirst und Michael Joo zusammenfiel. Auf den Straßen Berlins wimmelte es folglich nur so von aufwendig gestylten Menschen, die zu den zahlreichen Eröffnungen, Dinners und Partys strebten. Auch die Boutique Apartment versuchte die Gunst der Stunde zu nutzen und hat einen Empfang für den Modedesigner Rick Owens (organisiert von Angelika Taschen) ausgerichtet, der zwar nicht persönlich erschien, dafür jedoch durch seine Möbel vertreten wurde. Was die Outfits der Eingeladenen während des offiziellen Dinners des Gallery Weekend im Bode-Museum betraf, wähnte man sich mitunter auf einer After-Fashion-Show-Party. Die jährliche Gala des Costume Institute im New Yorker Metropolitan Museum schien plötzlich nur noch einen Steinwurf entfernt.

Und trotz all dieser Beobachtungen steht die vorliegende Ausgabe von Texte zur Kunst unter dem Titel „Mode für alle“. Anders als in dem Heft, das wir im Dezember 2004 zum Thema konzipiert haben, geht es in den Beiträgen diesmal weniger darum, den Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Fashion Industry und dem Kunstfeld nachzugehen. Vielmehr steht die Frage im Zentrum, inwieweit sich die Modewelt in den letzten Jahren tatsächlich „demokratisiert“ hat, mehren sich in jüngster Zeit doch Stimmen, die eine diesbezügliche Zeitenwende proklamieren. Denn wo einst Exklusivität die Regel war, Bilder von Models das Schönheitsideal bestimmten und die Macht der Designer als unanfechtbar galt, sind es nun – nicht zuletzt in Zeiten der anhaltenden Krise – beispielsweise die viel gelesenen Fashion-Blogs, die scheinbar unabhängig von den alten Instanzen der Modekritik die neuen Trends „von der Straße“ ausrufen und in Umlauf bringen, Stylisten und Modelagenturen angeblich überflüssig machen und Looks jenseits des Diktats der großen Modehäuser bzw. -konzerne ausrufen. Diesen Stand der Dinge in historischer Perspektive kritisch auf den Prüfstand zu stellen, haben sich die Interviews und Essays in dieser Ausgabe zur Aufgabe gemacht.

Sicherlich ist Mode ein soziales Prinzip, das unmittelbar in unsere Lebenswelten eingreift. Ihre Wirkungsmacht ist in den letzten Jahren auch deshalb gestiegen, weil sie nicht nur unseren Körper zu modellieren und nach ihren Vorstellungen zu formen vermag, sondern einen Wandel der Mentalitäten bewirkt. Entsprechend hat der Soziologe Frédéric Monneyron nachgewiesen, dass es die Mode ist, die soziale Umbrüche antizipiert und nicht umgekehrt. Zugleich argumentiert er aber entgegen der aktuellen Rede von einer Demokratisierung der Mode, dass es Designer und klassischer Modezeitschriften bedarf, um den „Look der Straße“ in massenkompatible Trends zu verwandeln (siehe seinen Essay in dieser Ausgabe). Der heutigen Rolle des Couturiers geht vor diesem Hintergrund das Gespräch mit Stefano Pilati von Merlin Carpenter ebenso nach wie das Interview von Monica Titton mit dem eingangs erwähnten Rick Owens.

Grundsätzliches Anliegen dieser Ausgabe ist es, Mode als eine gouvernemental Instanz, zu begreifen, die das Leben effektiv erfasst und eine zentrale Form der Identitätsbildung darstellt – wir schaffen uns unsere Individualitäten nicht zuletzt qua unseres modischen Erscheinungsbildes (siehe die Beiträge von Mahret Kupka und Kim Gordon). In den letzten Jahren hat es in der Modetheorie die Tendenz gegeben, diesen individualisierenden Effekt der Mode großzuschreiben, wenn nicht gar, so unsere These, zu überzeichnen. Gerade die als Sperrspitze der Demokratisierung gepriesenen Mode-Blogs zeigen bei genauerer Betrachtung, dass die Autorität der Modedesigner durch sie im Gegenteil eine Bestärkung erfährt. Das Blogwesen ist ein weiteres Symptom für das Begehren der Modeindustrie, den Konsumenten und seine Lebensgewohnheiten stärker einzubinden (siehe den Essay von Monica Titton). Je mehr unter dem Banner der Demokratisierung eine neue Ära der Authentizität gefeiert wird, desto größer die Blindheit für ihre offenkundig inszenierten Aspekte. Nicht nur die Street-Style-Photography der Fashion-Blogs steht für die Anrufung eines angeblich so authentischen wie individuellen Stils. Auch die Zeitschrift Brigitte suchte zu Beginn dieses Jahres mit ihrem Modelverzicht die „wahre Schönheit“ lebendiger Frauen zu ihrem Recht gegen das Diktat der Modeindustrie zu verhelfen. Diese Beschwörung von Lebendigkeit ist jedoch um einiges perfider als das alte repressive System (siehe den Beitrag von Isabelle Graw), das in seiner Idealität Handlungsräume bot. Der Versuch der Mode, Leben abzuschöpfen, weist so immer schon einen biopolitischen Subtext auf.

ISABELLE GRAW /   MONICA TITTON