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Clemens Krümmel

Poltische Kunst!

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Ich hatte so meine Schwierigkeiten mit dem Fragezeichen in „Politische Kunst?“. Eine so formulierte Frage reizt zur gespreizten Selbstdarstellung, und so fühlte ich mich versucht, eine patzige und/oder neunmalkluge Antwort zu schicken – etwa die, politische Kunst sei diejenige, die von Interesse für die Polizei ist. Oder natürlich eine Antwort, die viel Rancièrebadiouagambenžižek, viel Aus- und Unterhandlung, -lotung, -haltung, viel Intervention, Partizipation und auch Verortung drin hat. Wo man sich an der witzigen Doppeldeutigkeit des deutschen Wortes „gemein“ etymologisch laben kann. Die Frage, wenn sie eine ist, ist schon sehr catchy formuliert. Und wenn man nicht mit „ja bitte“, „nein danke“ oder „weiß nicht“ antwortet, kann sie ausformuliert mindestens zweierlei bedeuten: a) „Gibt es (heute, morgen) so etwas wie eine politische Kunst?“ oder b) „Wie in aller Welt soll (heute, morgen) eine politische Kunst aussehen oder sonst wie in Erscheinung treten?“ Frage b) klingt schon sehr nach Verbraucherumfrage (Haben Sie Ihre politische Kunst lieber live, auf Vinyl, als cd oder per Download?), aber das bin ich ja, ein Konsument. Leider bin ich auch einer der Vertreter/innen der lahmen Auffassung, dass die allermeisten Formen von Kunst nur Kunst und auch nur irgendwie politisch sein können, wenn sie von Leuten wahrgenommen und auf ästhetischer, begrifflicher, heuristischer, amouröser oder wiederum künstlerischer Ebene ausprobiert, anverwandelt, uminterpretiert oder verworfen werden (können). Dass sie, gähn, auch wenn sie aufklärerisch, gewitzt, compassionate, cool, gebildet, aufderrichtigenseitedeszauns sind, nur in dem Maße politisch werden können, wie sie eine Gemeinschaft mit Bedeutungen hantieren lassen, die nur mit Hilfe von Stimmabgabe, Repräsentation und Beharrungskraft nicht oder sehr viel schwerer entstehen könnten. Selbst Spekulationen darüber, ob eine nicht wahrgenommene Kunst politisch ist oder sein kann, mögen ihre Berechtigung haben, vor allem, weil sie auf das Problem der Dimension und der Reichweite politischen Handelns im künstlerischen Feld verweisen. Niemand lässt sich gern von einer prädikatlosen Frage auf das Glatteis begrifflicher oder namentlicher Konkretisierung zerren. Meine sehr beschränkte Vorstellung von einer mich interessierenden politischen Kunst basiert, ehrlich gesagt, auf einer relativ gut sortierten Abwehr gegen Das Universelle (außer in significant moments wie hier). Aber ich kann sie auch nicht sinnvoll mit einer Namensliste zum Kopfnicken oder -schütteln beschreiben. Vieles davon verbindet sich wenig überraschend mit dem Kellerterrarium des geschätzten Familienunternehmens Texte zur Kunst. Seit ein paar Jahren beschäftige ich mich stärker mit historischen Entwürfen künstlerischer Arbeit, vor allem aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Genauer, mit der auch durch Postoperaismus und Theorien „immaterieller Arbeit“ noch nicht ansatzweise ausgeschöpften industriellen Differenzierung der Tätigkeitsfelder von Künstlern und Künstlerinnen und anderen Bildproduzenten und -produzentinnen. Ach ja? Eine subjektive Zugangsweise zum Thema, kaum repräsentativ. Man kann sich mal William James Linton (1812–1897) anschauen.

So erfrischend hit lists und shit lists sein können, sie wechseln natürlich fast täglich und machen es mir schwer, in ausreichendem Maß zu differenzieren, geschweige denn, dass sie speziell hier zu brauchbaren Aussagen führen würden. Das Absprechen politischer Relevanz macht mich jedenfalls fast immer sauer, wenn es mit ausreichender Penetranz vorgetragen wird. Weil es mich als Rezipienten für blöd verkauft. Josephine Meckseper, Minerva Cuevas, Renzo Martens, Deimantas Narkevicius und John Bock sind in diesem Sinne natürlich eminent politisch, vor allem im gleichen Raum. Klar sind Loraine Leeson, Stephen Willats, Allan Sekula oder Luis Camnitzer Künstler/innen mit langem shelf life und möglicherweise begrenztem Haltbarkeitsdatum. Es macht mehr Spaß, Begriffe zu relativieren als Leute. Gleichsetzungen von „politischer Kunst“ mit „kritischer Kunst“ oder mit „aktivistischer Kunst“ nerven. Oder mit den Akademisierungs-Schwundstufen von „Kontextkunst“ oder künstlerischer Recherche, die einem gerade in letzter Zeit immer wieder höchst selbstgefällig (wie neulich noch in der Süddeutschen) vorfiletiert werden – Sie wissen schon: Leseecken. Oder mit der unter Umständen nobel motivierten Draufhaltevideo-Spielhallenware, a picture from life’s other side, ja sicher, aber über zwei Stunden und in einer Artbaselkoje, wenn doch die Häppchen drängen? Politisch relevant ist sie für mich dennoch in hohem Maße. Lieber eine Kunst mit fadenscheinigem politischem Anspruch als eine ohne jeden? Immer zumindest, soweit sie die knappe Lebenszeit meiner Freunde und Freundinnen und meiner selbst belegt, insofern sie für das, was ich meine community nennen könnte, einen diskursiven Stellenwert besitzt oder auch nur eine brauchbare Leucht- oder Heulboje im öligen Gewässer des Politischen abgibt (einer meiner wirklich persistentesten Typos ist, statt „politisch“ immer wieder „poltisch“ zu tippen). Sicher rede ich in meinem alltäglichen Umfeld dauernd über das Dumpfe und das Stressschweißige bestimmter sich politisch verstehender Künstler/innen, verteidige (überflüssigerweise) ambivalente Leute gegen ihre Subsumierung unter eine „künstlerische Position“, bin ich (wie meist vorgesehen) genervt über einen Hang zur frei schwebenden Allegorie, zur Verselbstverständlichung politischer Ansprüche, zum wahrnehmungs-, bildungs- und damit auch demokratiepessimistisch unterfütterten Onelinertum, das sich aus den historischen new museums nach dem Mauerfall einen Weg in die Kunstproduktionen gebahnt hat. Aber wie dumpf ist das denn? Ich habe mich noch nie so viel für politische Fragen interessiert wie in den letzten Jahren, noch nie so viele Debatten verfolgt (allerdings muss ich zugeben: richtig viel ist das immer noch nicht). Das, was für gewöhnlich viel Positives verspricht, das (Selbst-)Ermächtigende, das Aufklärerische, das solidarische Gemeinschaft Stiftende, das Historizität Beanspruchende, Macht und Rollen Hinterfragende kann bekanntermaßen jederzeit ins Dämonische kippen. Zurzeit experimentiere ich persönlich ganz allgemein mit dem hybriden Arschhochkriegen, erste Erfolge sind schon erahn-bar. Meine community ist da schon weiter.