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Vorwort

Mit der vorliegenden 80. Ausgabe feiert Texte zur Kunst sein 20-jähriges Bestehen. Das entsprechend „große“ Thema unseres Jubiläumsheftes offenbart sich allerdings nicht sofort auf dem Cover. Erst allmählich treten die Worte „Politische Kunst?“ aus den goldenen Streifen hervor. Schon dieser optische Effekt, mehr noch das Fragezeichen im Titel, verdeutlicht die unzähligen, kaum auf einen Nenner zu bringenden Bedeutungsschichten dieses Begriffspaars. Denn politische Kunst scheint heute allgegenwärtig zu sein. Neben Kunstvereinen haben sich mit Biennalen und anderen Großausstellungen inzwischen Orte etabliert, an denen vornehmlich politische Kunst zu sehen ist. Als feststehende Kategorie lässt sie sich jedoch nicht fassen. Es kann allerdings gelten: Eine bestimmte Form von Engagement und eine feste Positionierung politischer Kunst müssen im Rahmen ihrer Differenzierung unbedingt berücksichtigt werden. Doch was ist überhaupt das Politische an politischer Kunst, und in welchem Verhältnis stehen Kunst und Politik? Und wie verhalten sich Anspruch, Rezeption und Wirkung politischer Kunst zueinander (vergleiche hierzu die Statements von Claire Bishop, Tania Bruguera, Diedrich Diederichsen, Hans Haacke, Tom Holert, Clemens Krümmel und Otto Karl Werckmeister)?

Kunsthistorisch gesehen, handelt es sich bei der Idee einer politischen Kunst um ein Phänomen, das dem Autonomie-Primat der Moderne entgegen-steht. In Abgrenzung zum Akademismus der Zeit suchten Künstler/innen im 19. Jahrhundert nach eigenen Ausdrucksformen und Themen jenseits funktionaler Vereinnahmungen. Zwar fanden diese Versuche zumeist auf individueller Basis statt und erstreckten sich nur auf das Feld der Kunst selbst. Trotzdem empfanden die Avantgarden ihre Brüche mit den Darstellungskonventionen als ähnlich radikalen Schritt wie Umwälzungen in der Gesellschaft, weshalb sie für ihr Tun gleichfalls einen politischen Anspruch reklamierten. Dieser Punkt hat sich im postmodernen anything goes auf den ersten Blick zwar erübrigt, doch vielleicht bietet gerade das Beharren auf dem autonomen Status des Kunstwerks aktuell eine Möglichkeit, Dissenz zum Ausdruck zu bringen und Eigenständigkeit auch bei gesellschaftspolitischen Fragen zu bewahren (siehe den Beitrag von Helmut Draxler).

Bei politischer Kunst handelt es sich längst um eine internationale Erscheinung. Vielfach verbirgt sich hinter der Förderung politisch-kritischer Kunst eine genaue Erwartungshaltung vonseiten der Politik. Die Biennale in São Paulo etwa, immerhin die zweitälteste ihrer Art, wurde während des Kalten Krieges von den usa ins Leben gerufen, um westliche Kunst in Brasilien zu präsentieren. Und noch immer steht sie im Spannungsfeld der Politik, was sich in diesem Jahr besonders deutlich anhand der Arbeit des argentinischen Künstlers Roberto Jacoby ablesen ließ, die verhängt werden musste, weil sie Plakate des aktuellen Wahlkampfs enthielt (siehe hierzu den Beitrag von Simon Sheikh). Auch Regime von zweifelhaftem demokratischem Ruf laden sich seit einigen Jahren politische Künstler/innen aus dem Westen ein, um Prozesse von Meinungsfreiheit zu suggerieren. Dieses Problem fordert von Künstler/innen, sich intensiver mit den jeweiligen Ausstellungskontexten auseinanderzusetzen und über die Instrumentalisierung ihrer Arbeiten nachzudenken (siehe hierzu die Gesprächsrunde mit Alice Creischer, Hans-Christian Dany, Tim Eitel und Constanze Ruhm).

Bestimmte Formen und Strategien scheinen besonders mit politischer Kunst assoziiert zu werden. Neben der Collage, deren Tradition etwa von John Heartfield bis Martha Rosler reicht, sind es vor allem institutionskritische Praktiken, die als äußeres Zeichen politischer Kunst gelten. Aber auch der Realismus ist ein Merkmal des Politischen. Der Begriff hat sich spätestens seit den 1960er Jahren von seinem malerischen Hintergrund gelöst. Konzepte der Repräsentation von Wirklichkeit spielen zwar nach wie vor auch in der Malerei eine zentrale Rolle (siehe den Beitrag von Sven Beckstette), dennoch gelten die Medien Fotografie und Film heute als eigentlicher Verhandlungsort. Vor allem in letzter Zeit lässt sich im Ausstellungsbetrieb ein vermehrtes Interesse an der Frage beobachten, wie Kunst und Realität zueinander in Beziehung stehen. Theoretisch unterfüttert wird dieser Diskurs häufig mit den Schriften der französischen Philosophen J-acques Rancière und Alain Badiou. Ihre unterschiedlichen Ansätze lassen sich allerdings nur teilweise für die zeitgenössische Kunsttheorie heranziehen (siehe hierzu den Essay von Maria Muhle).

Erst durch die kritische Reflexion und Hinterfragung jener Faktoren, die politische Kunst bestimmen, wie etwa ihre Begrifflichkeiten und ihre Bedingungen, ihre Geschichte und ihre Mittel, entsteht die Chance, neu über die Relation von Kunst und Politik nachzudenken. Politische Kunst? – Politische Kunst!

SVEN BECKSTETTE / HELMUT DRAXLER / ISABELLE GRAW / JENNI TISCHER