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Vorwort

Anlässlich des 20. Jubiläums von Texte zur Kunst veranstalteten wir am 11. Dezember 2010 ein international besetztes Symposium im Berliner Theater Hebbel am Ufer (HAU 1). Unter dem programmatischen Titel „Wo stehst du, Kollege?“ wurde in Vorträgen und Podiumsdiskussionen der grundlegenden Frage nach dem Verhältnis von Kunst- und Gesellschaftskritik nachgegangen. Da nicht alle, die an der rasch ausverkauften Veranstaltung interessiert waren, auch eine Karte bekommen konnten, und mehr noch weil die Tagung national wie international große Beachtung hervorgerufen hat, haben wir uns entschlossen, die an diesem Abend gehaltenen Wortbeiträge zu publizieren. In dieser Ausgabe, der ersten der dritten Dekade von Texte zur Kunst, sind daher sämtliche 17 vorgetragene Reden und Statements in für den Druck leicht veränderter Fassung versammelt. Im Ablauf gliederte sich „Wo stehst du, Kollege?“ und dem entspricht auch dieses Heft – nach den Einführungen von Isabelle Graw, André Rottmann und einer Ansprache von Diedrich Diederichsen – in drei Sektionen mit je eigenen Schwerpunkten, in denen für Texte zur Kunst wichtige theoretische Ansätze und Methoden auf ihre Aktualität hin diskutiert wurden. Als das Magazin 1990 in Köln gegründet wurde, versprachen die Methoden der Social Art History, zeitgenössische Kunst in einem erweiterten gesellschaftlichen, ökonomischen und ideologischen Rahmen betrachten zu können (zum heutigen Stand vergleiche das Panel mit Benjamin H. D. Buchloh, Andrea Fraser, Isabelle Graw und Susanne Leeb). Auch wenn dieser Ansatz für viele der regelmäßig schreibenden Autoren und Autorinnen und Redakteuren und Redakteurinnen von Texte zur Kunst nach wie vor grundlegend ist, haben sich neue Modelle der theoretisch avancierten Auseinandersetzung mit der Kunst der Gegenwart herausgebildet: In den anhaltenden Debatten um Biopolitik und immaterielle Arbeitsformen unter den Bedingungen des Postfordismus wurde die lang gehegte Annahme, dass der (nach-)avantgardistischen Kunst im Kapitalismus eine per se antagonistische Rolle zukomme, radikal in Frage gestellt (siehe hierzu die Sektion mit Beiträgen von Franco Berardi, Luc Boltanski, Sabeth Buchmann, André Rottmann und Martin Saar). Gleichzeitig ist es zu einer Revision der Kategorie des Ästhetischen gekommen, die lange Zeit aufgrund ihrer Nähe zu idealistischen Autonomievorstellungen diskreditiert schien, nun aber im Gewand einer ethisch begründeten Verteidigung der Kunsterfahrung und einer gleichsam emphatisch eingeforderten Aufmerksamkeit für formale Details zurückkehrt (siehe hierzu die Runde mit Texten von T. J. Clark, Helmut Draxler, Jutta Koether, Christoph Menke und Juliane Rebentisch). Auch wenn der Fokus damit also auf Social Art History, Biopolitik und der Kategorie der ästhetischen Erfahrung lag, muss hier entschieden betont werden, dass mit dieser thematischen Setzung keinesfalls die Bedeutung anderer Konzepte bei der Analyse gesellschaftspolitischer Zusammenhänge, allen voran gender und postcolonial studies, auch für Texte zur Kunst gering geschätzt werden soll. Ganz im Gegenteil finden sie sich im Idealfall in den Statements mitreflektiert. Da Texte zur Kunst seit 20 Jahren nicht nur für streitbare Kunstkritik steht, sondern gleichfalls für ein Programm mit Künstlereditionen, eröffneten wir einen Tag vor dem Symposium die Ausstellung „Mit deiner Kunst“. Unter dieser Überschrift, dem zweiten Teil des Titels eines Bildes von Jörg Immendorff, das im Namen des Symposiums zitiert wird, waren in der Berliner Sammlung Haubrok für drei Wochen erstmals alle bisher erschienenen 180 Editionen zu sehen. Die Präsentation, die von der Künstlerin Annette Kelm und von Matthias Mühling (Sammlungsleiter für Kunst nach 1945 am Lenbachhaus, München) kuratiert wurde, vereinte Arbeiten jener Künstler/innen, die die Zeitschrift von Beginn an unterstützt haben. Ansichten dokumentieren als Bildstrecke in der Mitte des Hefts diese Ausstellung. Für die großzügige Förderung des Symposiums wie auch unseres Magazins in seiner 20-jährigen Geschichte sei an dieser Stelle noch einmal Arend Oetker und Brigitte Oetker gedankt. Außerdem gilt unser Dank Ariane Beyn vom Berliner Künstlerprogramm des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD) für ihre Unterstützung sowie dem Theater Hebbel am Ufer (HAU) für die Ausrichtung unserer Tagung, und hier besonders Matthias Lilienthal, Christoph Gurk, Laura Hörold und Susanne Görres für ihre tatkräftige Hilfe. Annette Kelm und Matthias Mühling danken wir für die Übernahme des kuratorischen Konzepts der Ausstellung „Mit deiner Kunst”. Gleichfalls möchten wir uns bei Barbara and Axel Haubrok für ihre Gastfreundschaft bedanken. Für die fotografische Dokumentation des Symposiums wie der Ausstellung danken wir Stefan Maria Rother und Heji Shin.

SVEN BECKSTETTE / ISABELLE GRAW / ANDRÉ ROTTMANN / JENNI TISCHER

Und noch zwei Hinweise in eigener Sache: Mit KLANG KÖRPER findet sich in dieser Ausgabe erstmals eine neue Rubrik, die uns die Möglichkeit gibt, nicht nur über die Politik von Sound nachzudenken, sondern gleichfalls Musik, Theater und Performance intensiver zu behandeln sowie Probleme zu diskutieren, die in den jüngsten anglo-amerikanischen Geisteswissenschaften im Zuge einer sensual revolution virulent geworden sind, ein Feld, das von der Kunstwissenschaft hierzulande unserer Meinung nach noch nicht genügend beachtet worden ist. Zugleich möchten wir uns ganz herzlich von Claus Richter verabschieden, dessen Kolumne ENTERTAINMENT VALUES in dieser Ausgabe ein letztes Mal erscheinen wird: Wir bedanken uns sehr bei Dir für Deine, wie Du selbst am besten gesagt hast, „unterhaltsamen Risse“, die Du in unser Magazin eingeschrieben hast.