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Eva von Redecker

Rosa Gitterstäbe Über "Living Dolls" von Natasha Walter und "Die eindimensionale Frau" von Nina Power

Farbskala

„Falsch“ sind nach Marcuse diejenigen Bedürfnisse, deren Erfüllung Unfreiheit verewigt. Wie ergiebig ein solcher Ausgangspunkt für Gesellschaftskritik nach wie vor sein kann, beweisen gleich zwei Neuerscheinungen. Beide Bücher machen sich Sorgen um die Revolution der Geschlechterverhältnisse und rufen Lösungsansätze des radikalen Feminismus erneut in Erinnerung. Da man in Deutschland nach populär verständlichen, philosophisch versierten und vehement feministischen Zeitdiagnosen lange suchen muss, sind die – zumal sehr guten – Übersetzungen aus dem angelsächsischen Sprachraum ein Lichtblick.

Nina Power, die an der Roehampton University in London Philosophie lehrt, steigt in ihr Buch „Die eindimensionale Frau“ debattenintern über eine Abrechnung mit feministischen Positionen ein, die neoliberale Logiken reproduzieren, und schlägt vor, die condition feminine nicht als Nachhall eines archaischen Sexismus, sondern als Inbegriff unserer gegenwärtigen Arbeitswelt zu verstehen. In eine andere Richtung argumentiert die Journalistin und Menschenrechtlerin Natasha Walter, die lange die allwöchentliche feministische Kolumne im Guardian geschrieben hat. Hatte sie in „The New Feminism“ (1999) noch dafür geworben, die feministischen Kämpfe ums politisierte Private einfach zu beenden und sich darauf zu konzentrieren, die Glasdecke zu durchbrechen, die Frauen von der Teilhabe an ökonomischer und institutioneller Macht trennt, vermarktet sie ihr neues Buch „Living Dolls“ nun als Ergebnis des eigenen bösen Erwachens. In einem Querschnitt durch den geschlechterpolitischen Alltag in England versucht Walter einen durchgängigen Verblendungszusammenhang aufzuzeigen, der von Puppenmöbeln über Poledance und Pornografie bis zur Partnersuche reichte und der stets als „freie Wahl“ deklariere, was doch bloß die Niederlage von Frauen gegenüber sexistischen Rollenbildern sei. Die Aspirationen junger Mädchen drohten neuerdings bereits in der rosa Etage des Spielwarenhandels steckenzubleiben. Während Power, deren aktivistisches Engagement man auf ihrem Blog Infinite Thought mitverfolgen kann, vermutlich nahelegen würde, schlichtweg das Kaufhaus abzufackeln, hofft Walter, mit eindringlicher Kritik Umstrukturierungen anstoßen zu können.

Den archimedischen Punkt bildet dabei der zweite Teil von Walters „Living Dolls“, der dem „neuen Determinismus“ gewidmet ist. Hier findet sich ein konziser Überblick über naturwissenschaftliche und sozialpsychologische Forschung zur Geschlechterdifferenz. Die angeführten Studien widerlegen, entgegen ihrer medialen Repräsentation und manchen feministischen Vorbehalten, durchweg die Naturalisierung von geschlechtsbedingten Differenzen, sei es hinsichtlich Aggressionspotenzial, Redegewandtheit oder der Rotation dreidimensionaler Objekte im Raum. Walter gibt zudem einen fundierten Überblick über den Stand aktueller Forschung zu impliziten Vorurteilen und der selbsterfüllenden Wirksamkeit negativer Stereotype. Der sogenannte stereotype threat stellt sich z.B. ein, wenn Frauen in Testsituationen eingangs nach ihrem Geschlecht gefragt werden – sie schneiden dann schlechter ab als in Vergleichssituationen ohne die entsprechende Vergegenwärtigung –, aber er lässt sich komplett ausbügeln, wenn man am Anfang verkündet, dass bei diesen Aufgaben noch nie ein geschlechtsspezifischer Leistungsunterschied festgestellt wurde. Ebendieser Effekt lässt sich wiederum am eigenen Leib (bzw. Vorurteilshaushalt) genießen, wenn man Walters Demontage aller stereotypverdächtigen Phänomene liest: fundierter Wissenschaftsjournalismus als perfekte performative Politik, die einen zudem mit allen Argumenten versorgt, die man braucht, wenn man sich das nächste Mal in einem Mars-und-Venus-Gespräch wiederfindet.

Aber ausgerechnet auf die erste Hälfte von Walters eigenem Buch scheint sich dieser souveräne Vorurteilsabbau nicht recht zu übertragen. Man könnte meinen, dass Walter ihren egalitären Thesen nicht traut, wenn es um Sexualität geht. Männern (um die es sonst leider selten geht) droht in ihrer Welt die Gefahr einer Pornosucht, Frauen dagegen reagieren ausnahmslos entsetzt auf explizites Material und fragen nach den Arbeitsbedingungen der weiblichen Darstellerinnen. Und dort, wo Walters Feldarbeit unter modernen Mädchen tatsächlich erfrischende Indifferenz zutage fördert – im Gespräch mit einem taffen Girlie-Trio, das sich über die Sentimentalität der meisten Typen beklagt, die die One-Night-Stands verkompliziere –, kramt sie mit einem geradezu greifbaren Horror Vacui das Ideal der romantischen monogamen Zweier­beziehung hervor (als hätten nicht gerade feministische Analysen die darin waltende strukturelle Gewalt erwiesen). Hier leiden dann auch die soziologischen Referenzen, wie etwa in folgendem Statistikfragment: „9,2 Prozent der Frauen unter 25 geben an, in den letzten 5 Jahren mehr als 10 verschiedene Geschlechtspartner gehabt zu haben.“ Mir ist wirklich schleierhaft, warum man seine feministische Empörung daran verschwenden soll, dass anscheinend eine von zehn Frauen alle halbe Jahre mit jemand anderem schläft.

Und dabei hatte Walter einen doch ansonsten gerade davon überzeugt, dass vieles von dem, was medial als sexuelle Befreiung firmiert, alternativlose Normierung erzwingt. Die Wichtigkeit ihres eigentlichen Anliegens kann man gar nicht überschätzen. Doch die Frage bleibt, wie sich in einer sexualisierten Gesellschaft Sexismus wirksam kritisieren lässt. Vielleicht lassen sich zumindest zwei Kriterien formulieren, die eine solche Kritik erfüllen müsste: Sie darf erstens nicht in die Grabenkämpfe der sex wars zurückfallen und muss zweitens in der Lage sein, die Verschränkung sexistischer Unterdrückung mit anderen gesellschaftlichen Machtformationen aufzuzeigen. Man sollte meinen, letzterer Intersektionalitätsappell sei längst eine Selbstverständlichkeit, doch Walter beschränkt ihre Analyse unverblümt und explizit auf die weiße, britische, heterosexuelle Erfahrungswelt. Um das erste Kriterium immerhin bemüht Walter sich. Dennoch ist sie nicht dagegen gefeit, in ein Muster zurückzufallen, in dem Sexualität zum Angriffspunkt wird und nicht ihre sexistische Ausprägung. Das Problem ist doch nicht, dass unsere Gesellschaft übererotisiert ist (wenn dem denn überhaupt so ist), sondern dass im Zuge der sexuellen Revolution erotische Vorstellungen omnipräsent und identitätsstiftend wurden, die ihren sexistischen, patriarchalen Kern noch längst nicht überwunden haben. Walter scheint stellenweise die Hoffnung zu haben, dass Einhegung das Problem bannen könnte. Es sind vereinzelte Momente, die aber umso verräterischer sind, wenn sie nostalgisch reflektiert, wie viel weniger ein viktorianisches Mädchen von den rohen Fakten der Sexualität auch nur ahnte, oder wenn sie mit unverhohlenem Bedauern konstatiert, dass man das Internet ja nun leider nicht wieder abschalten könne. Hier scheint eher gutbürgerliches Unbehagen an einer trashigen und prolligen Massenkultur im Spiel zu sein als fundierte feministische Analyse.

Nina Powers, obgleich akademischeres, Buch kennt derartige Berührungsängste nicht. Der schmale Band gleicht in seiner Wucht einem Kinotrailer. Mitreißend, fragmentarisch, mit informativen talking heads (obwohl es ein paar Badiou-Zitate weniger auch getan hätten). Powers Sprache ist bildgewaltig und strotzt nur so vor Bonmots, Pointen und Seitenhieben – sie erweist sich definitiv als erstklassige Stichwortgeberin. Zugleich ist ihre „eindimensionale Frau“ das, was man im Englischen einen rant nennt: ein artikulierter Wutausbruch, der sich zunächst an den neoliberalen und imperialistischen Abwegen feministischer Rhetorik entzündet, um sich dann schnell auf seine Kernanliegen zu konzentrieren: die durchdringenden Auswirkungen der Arbeits- auf die Lebenswelt. Die scheinbar glänzenden Karriereaussichten junger ehrgeiziger Frauen ergäben sich aus der allgemeinen „Feminisierung der Arbeit“. Diese Abstellung der Erwerbstätigkeiten auf Prekarität und Flexibilität umwirbt ihre Adressatinnen zynisch gerade ob leidiger essenzialisierter Geschlechtseigenschaften. Individuelles Optimierungsbestreben in diesem System, so führt Power in einigen Schlaglichtern auf die Alltagskultur zwischen TV, Modemagazinen und weiblicher Selbstverletzung vor Augen, verführt die Subjekte zu einer Selbstkommodifizierung, die über die von Walter beklagte Selbst-Verdinglichung weit hinausgeht. Als wandelnde Lebensläufe, mit zu Assets verkommenen Körperteilen, jeder Subjektivität bar, sind ihre einzig verbliebenen Bedürfnisse reibungslos marktverträglich: „Ich glaube, es gibt eine ziemlich reale Erwartung, dass eine Frau, immer wenn man sie fragt, was sie will, ,Schokolade‘ sagt.“

Dass es aber ausgerechnet Frauen sind, die hier angesprochen werden, und dass Weiblichkeit auf diese Weise medial als karriere- und konsumkompatibel zelebriert wird, kann Power mit ihrer sozialistischen Verve freilich nur verzeichnen, nicht erklären. Dennoch erweist sich gerade beim Blick auf Pornografie von Vorteil, dass sie diese nicht sexualitätsintern skandalisieren muss. Sie erklärt die Sexindustrie vielmehr eiskalt zum Paradigma kapitalistischer Produktion, zur aufschlussreichen Scharnierstelle zwischen Ökonomie und Ideologie. Das Problem sei gar nicht, so Power, dass Sex pornografisiert, sondern dass Porno durchkapitalisiert sei, und zwar auf der Höhe der Brutalität derzeitiger Produktionsbedingungen – ein „pneumatischer Calvinismus“. In einer überraschenden Skizze (eine Genealogie, wie Power reklamiert, ist es dann doch nicht ganz) stellt Power ihrerseits diesem Betrieb seine eigene Geschichte in Form von „Vintage Pornography“ gegenüber. Sie lässt eine Repräsentation von Lust auferstehen, die Komik nicht ausschloss, in der eine endlose Vielzahl von Formen und Kombinationen erprobt und das Scheitern weitaus mehr gefeiert wurde als der money shot. Man mag sich wundern, wie es um feministische Sexualpolitik bestellt ist, wenn die anscheinend einzig verfügbare Utopie von Sexfilmen der 30er Jahre geliefert wird, aber funktionieren tut diese Intervention allemal.

Und, zugegeben, Powers utopischer Horizont ist erheblich weiter als das Kuriositätenkabinett archivierter Erotika. Am Ende des Büchleins, wenn man es schon fast nicht mehr erwartete und begann, die gehässigen Bemerkungen gegenüber shoppenden Karrieristinnen auf ihre etwaige Misogynität hin zu prüfen, schlägt die Darstellung einen Haken. Mit abermaligem sicherem Griff in den Fundus der Bewegung lässt Power das gegenwärtig geläufige Maß feministischer Forderungen (ein paar mehr Frauen in den Aufsichtsrat; etwas weniger Anmache auf der Straße …) kläglich aussehen gegenüber lustvollen Verheißungen einer radikal gewandelten und dennoch kinderreichen (Anti-)Familienstruktur, profundem weiblichem Selbstvertrauen und einer Erotik jenseits ihrer feinsäuberlich in Zielgruppen und Vorlieben aufgespaltenen pornografischen Verwaltung. Woher die vorher porträtierten, restlos kommodifizierten Subjekte die entsprechende Bedürfnisstruktur nehmen sollen, bleibt offen. Aber man würde zu gern den ganzen Film sehen.

Der Haken an beiden Analysen durchgängiger Ideologie ist, dass es kaum noch einen Ausweg aus dem rosa Käfig zu geben scheint. Power muss darauf setzen, dass ein kommender Sozialismus so zuverlässig egalitär wäre, dass er auch den verinnerlichten Sexismus mit abschaffte; Walter versucht das Problem zu lösen, indem sie unvermittelt Ausnahmen zulässt – vereinzelte Mädchen, die unter dem Modewahn ihrer Altersgenossinnen leiden; junge Frauen, die sich weigern, unter den gegebenen Bedingungen überhaupt eine Beziehung einzugehen; besorgte Mütter. Dabei porträtiert sie den Gegner – die „Pinkification“, die Puppen, die das Leben junger Frauen übernehmen – als so mächtig, dass der kurze Appell an Formen klassischer Lobbygruppenarbeit im Nachwort des Buches dagegen allzu blass erscheint. Was, wenn es kein „Jenseits von Pink“ geben sollte, was, wenn sich herausstellte, dass die genuinen Wahlmöglichkeiten weder in der sozialistischen Zukunft noch in einer bürgerlichen Vergangenheit sicher sind?

In einer Lektürepause beim Herbstspaziergang durch einen Park am Stadtrand von Cambridge, mit der Absicht, Walters Puppenkabinett ein wenig zu entkommen, lief ich ausgerechnet in eine Szene, die wie aus ihrem Buch geschnitten schien: Eine Gruppe von Frauen, die sich eingeheizt von einer Trainerin tatsächlich so bewegten, als bestünden sie aus Flummi-Material. Sie untermalten ihre Fitnessübungen nicht nur mit aufdringlicher Diskomusik, die durch den ganzen Park dröhnte, sondern waren noch dazu uniformiert: schwarze Leggings, knallpinke T-Shirts und passende puschelige Pulswärmer. Ich war kurz davor, mich jeder These über die Weltverschwörung der bunnies anzuschließen – bis ich den Aufdruck auf den Trikots bemerkte: „Strong is the new skinny“.

Es sind solche Politiken der Resignifizierung, die den ambivalenzverdrossenen Analysen von Natasha Walter und Nina Power entgehen müssen. Wir brauchen ihre Ungeduld, aber auch einen Blick dafür, welche Freiheiten und Transformationen sich den Brüchen zwischen unterschiedlichen Rosaschattierungen abgewinnen lassen. Nicht alle Rosatöne stützen das Gefängnis. Vielleicht hat, Power zum Trotz, die feministische Revolution doch schon ein wenig begonnen und ist, kontra Walter, noch nicht völlig verloren.

Natasha Walter, Living Dolls. Warum junge Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen, Frankfurt/M.: Krüger, 2011.

Nina Power, Die eindimensionale Frau, Berlin: Merve, 2011.