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Vorwort

Es gibt durchaus nicht-ästhetische Gründe, sich mit Kunst beschäftigen. Soziologen, Juristen und hin und wieder ein Kunstkritiker und Künstler versuchen, der Versuchung des Ästhetischen zu entgehen. Ihr Kunstinteresse schließt Faktoren wie Geschmack oder Form nicht aus, wählt sie jedoch zum Untersuchungsgegenstand und diszipliniert sie mit den Mitteln der Rationalisierung. Kann es aber Kommunikation über Kunst geben, die frei von ästhetischen Momenten wäre? Die Frage muß verneint werden. Schon Francis Hutcheson wußte von der möglichen Schönheit einer Theorie. Auch die Rationalität des nicht-ästhetischen Diskurses kann ästhetische Qualitäten entfalten. Weil jeder Sprachgebrauch, unliterarisch wie er auch sei, sich bestimmter Formen bedient, die seine ästhetische Wahrnehmung möglich machen. 'Kulturelle' Äußerungen im weitesten Sinne enthalten immer auch die Aufforderung zur rhetorischen oder formalen Lektüre.

Nun ist es wenig sinnvoll, das Ästhetische zu verabsolutieren, anthropologisch-zivilisatorische Unumgänglichkeit zu konstatieren. Damit würde man die Ästhetik und ihre Erfüllungsgehilfen wie Kunst, Literatur, Musik als privilegierte und kritische Kanäle aus den Augen verlieren.

Statt von Ästhetik soll hier deshalb versuchshalber von Ästhetizismus die Rede sein — für manche eine abwertende, für andere eine neutrale Kategorie. Uns scheint sie zur Beschreibung von Vorkommnissen in solchen Zusammenhängen besonders geeignet, die ihre 'ästhetischen' Anteile erfolgreich minimiert zu haben glauben. Denis Hollier schildert etwa am Beispiel des Politkünstlers Krzysztof Wodiczko, wie eine im Ansatz sozialanklägerische Arbeit unter der Hand halluzinatorische Traumszenarios produziert. Wird durch diesen ästhetischen 'Effekt' die aufklärerische 'Wirkung' unterlaufen?

Die feine, aber bedeutsame Differenz von Effekt und Wirkung könnte eine Debatte um den Ästhetizismus-Begriff strukturieren. Wirkungslosigkeit ist die erklärte Position des Ästhetizisten. Andererseits sind ihm die ästhetischen Effekte, die er erzeugt, natürlich besonders wichtig. Die Kritik am Ästhetizismus tendiert wiederum dazu, Metaphysik zu treiben. Denn wer entscheidet, was wesentlich (inhaltlich, politisch, sozial) und was vernachlässigbar (formal, genussreich) ist? Zum Beispiel: Kann eine bestimmte künstlerische Praxis, die sich als politisch oder interventionistisch versteht, von ihren offenen oder verdeckten Formalismen und Erbaulichkeiten geläutert oder entkräftet werden? Man sollte eher davon ausgehen, daß sich das Ästhetische in jedem Fall seinen Weg bahnt, und sei es durch das Schlupfloch der radikalen Negation seiner selbst.

Ein traditioneller Gegenbegriff zum Ästhetizismus ist Engagement. Man könnte auch Namen nennen, unhistorisches Spekulieren vermeiden: Jean-Paul Sartre etwa, um den das InterView mit Walter van Rossum kreist, und Maurice Blanchot. Sie waren Opponenten, die im Frankreich der vierziger und fünfziger Jahre die Konzepte Verantwortung und VerantwortungsIosigkeit, Engagement und Degagement gegeneinander ausgespielt haben. Verpflichtete sich Sartre auf eine Literatur der politisch-humanitären Wirkung, ging es Blanchot um ein immanent-engagiertes, aber gesellschaftlich folgenloses Verhältnis des Schreibenden zur Literatur. Doch sind diese Positionen damit nicht ausreichend charakterisiert. Sartre war sich sehr wohl des Problems bewußt, das darin bestand, in Literatur zunächst ein künstlerisches Medium und nicht das natürliche Transportmittel gesellschaftlicher Moral und Veränderung zu erkennen. Das politisch-soziale Projekt mußte erst in die autonome Selbstbezüglichkeit integriert werden, zu der die moderne Kunst sich weitgehend bekennt. Der „negativen Theologie" (Walter Benjamin) reiner Kunst antwortete Sartre mit einer Infragestellung von Autoreferentialität.

Einen linken Asthetizisten wird es nie geben. Aber das Feld darf nicht konservativen Theoretikern überlassen werden, die fordernd von der „Realpräsenz" der Kunst sprechen und „ästhetische Strukturen" jeder praktischen Zwecksetzung vorziehen. Ästhetizismus muß entmoralisiert werden, ohne daß es darum ginge, seine Rehabilitierung einzuleiten. Begriffspaare wie Ästhetizismus/Aktivismus erhalten Beschreibungsfunktion.

Auch in einer Situation wie der jetzigen. Wenn radikal auf die Beschäftigung mit Ästhetischem verzichtet würde und die ausschließende Option politische Praxis hieße, büßte man eine entscheidende Analyse-Kompetenz ein. Als Gegenbeispiel sei der Text von Roberto Ohrt empfohlen, der nicht von der „Ästhetik des Staates“ (Karl Heinz Bohrer) handelt, sondern von der Ästhetik der Macht.

Ein letztes Wort zum Ästhetizismus in eigener Sache: Die angekündigten drastischen Layout-Veränderungen haben wir auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Christian Philipp Müller hat in dieser Nummer kleinere Eingriffe in die Typographie vorgenommen, die uns einen merkwürdigen Mehr-Genuß beschaffen. Ist das verwerflich?

ISABELLE GRAW / TOM HOLERT