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Vorwort

Diese Septemberausgabe von Texte zur Kunst schlägt unter dem Titel „Globalismus/Globalism“ eine Kritik am Diskurs einer „Global Art“ vor, wie er sich im Gefolge der ökonomischen Globalisierung in den letzten Jahren etabliert hat. Leitend waren für uns die Fragen: Braucht eine globale Welt eine globale Kunst, oder produziert eine globalisierte Welt eine globalisierte Kunst? Wo genau liegt der Unterschied zwischen diesen beiden Formulierungen, zwischen politischem Anspruch und ökonomischer Struktur? Wann wurde „Global Art“ zur Behauptung einer „Gegenwarts-Weltkunst“, die sich nach dem Vorbild der ökonomischen Globalisierung der Welt zusammensetzt, und welche Alternativen und andere Historiografien gibt es hierzu? Wo liegen die Potenziale und Überschüsse des Globalen, wenn wir es als politischen Horizont eines wie auch immer in sich widersprüchlichen gemeinsamen Handelns verstehen? Ist die derzeitige Beliebtheit von „Global Art“ in Titeln von Ausstellungen, Konferenzen, Förderprogrammen und ihre Implementierung in Studiengängen symptomatisch für eine gezielte (Selbst-)Überwindung des globalen Nordens? Oder indiziert diese Popularität eine Universalisierung seiner Kunstbegriffe, die weiterhin an die kolonisierende Definitionsmacht des Kapitalismus gekoppelt bleiben und damit letztlich eher von Globalisierungen handeln als von einem Globalen?

Um diesen Fragen nachzugehen, gilt es ebenso die Selbsthistorisierungen europäischer Kultur- und Kunstgeschichten infrage zu stellen wie aus kuratorischen und künstlerischen Arbeits- und Öffentlichkeitsmodellen in der Gegenwartskunst das Globale jenseits eines bloßen Hegemoniediskurses zu entwerfen. Die Suche nach einem differenzierten und multiplen Globalen, das Ungleichheiten und Gegensätze ebenso wie Akteurs-/Akteurinnenperspektiven in den Vordergrund stellt, muss Kunst und ihre Produktionsbedingungen im Hinblick auf nicht teilbare Kolonial- und Postkolonialgeschichten, ökonomische und geopolitische Abhängigkeitsverhältnisse sowie unterschiedliche kulturelle Traditionen und Rezeptionsbedingungen diskutieren. „Globalismus“ ist für uns damit in erster Linie ein Phänomen, das diesen unterschiedlichen und gegensätzlichen Perspektiven einen Rahmen gibt.

Eva Birkenstock und Johannes Paul Raether haben sich an Künstler/innen und Kuratoren/Kuratorinnen aus Neu-Delhi, Petersburg, São Paulo und Shanghai gewandt, die über ihre lokalen Produktionsbedingungen berichten, vor allem darüber, wie sich diese im Zuge der Finanzkrise seit 2007 verändert haben. Christian Kravagna entwirft in seiner Erzählung einer „transkulturellen globalen Moderne“ und seiner Kunstgeschichte des Kontakts das Globale als Horizont eines möglichen, politisch erstrittenen Kosmopolitismus. In eine ähnliche Richtung gehen Marion von Osten und Sarat Maharaj, die unter Bezug auf ihre aktuellen Forschungsinteressen die These aufstellen, dass sich in bestimmten künstlerischen Praktiken Überschüsse des Globalen einstellen, die der Globalisierung zuwiderlaufen. Solche Praxisformen kommen indes in musealen Strukturen nur langsam an, die meist eher einem ästhetisierenden Globalismus den Vorzug geben. Susanne Leeb analysiert anhand ethnologischer Museen bis heute institutionalisierte Ungleichheiten und diskutiert die Rolle, die der Gegenwartskunst in deren Neukonzeptionen derzeit zukommt – ein Beitrag, auf den Anke Bangma und Sylvester Ogbechie respondieren. Felix Fiedler wiederum nimmt sich einen in Berlin überaus präsenten Spezialfall dieses Problems vor: die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses und das in ihm geplante Humboldt-Forum.

Gerade die derzeit so beliebte Gleichsetzung von Globaler mit Gegenwartskunst, wie im Begriff des „Global Contemporary“ (Hans Belting/Andrea Buddensieg/Peter Weibel), den Michaela Ott in ihrem Beitrag problematisiert, verdeutlicht die Notwendigkeit, Unvereinbarkeiten und Widersprüche in den Vordergrund zu stellen, statt ein „wir“ zu konstruieren, das sich als Projektion des globalen Nordens seit 1989 immer mehr verfestigt. Ein solches Ausbauen und Sichtbarmachen spezifischer Differenzen kann, wie es Maurizio Lazzarato und Sarah Rifky in ihrem E-Mail-Austausch mit Kerstin Stakemeier diskutieren, eben nicht zuvorderst aus den Vorgaben des globalisierten und finanzialisierten Kapitals abgeleitet werden, sondern muss zuallererst die eigene Rolle innerhalb seiner erfahrbar machen, um auch jenseits von ihm Handlungsfelder zu eröffnen. Die „Finanzialisierung“ des Kapitals, die in den letzten Jahren von marxistischen Autoren/Autorinnen, wie z.B. Christian Marrazzi, aber eben auch Maurizio Lazzarato, diskutiert wurde, schlägt ein Verständnis der derzeitigen Krise des Kapitals als eines sich verstetigenden Zustands vor, in dem „reale“ und Finanzökonomie untrennbar miteinander identifiziert sind. Auch in der Kunst setzt sich die Globalität nicht zuletzt als Effekt und Ausdruck einer Verstrickung finanzialisierter Ausdrucks- und Produktionsbedingungen durch. So stellte eine Diskussionsrunde in der Zeitschrift Nka: Journal of Contemporary African Art zu Afrikanischer Kunst in Museen fest: Kunst sei umso globaler, je näher sie den längst nicht mehr nur westlichen Finanzzentren komme. Und Chika Okeke-Agulu kritisiert den westlichen Globalismus in dem von James Elkins herausgegebenen Sammelband „Is Art History Global?“ treffend, wenn er schreibt: „Globalism is the pressing issue of art history only if we mean Western art history, which, like other knowledge industries, must align itself with the discursive and operative logic of political and economic globalization unleashed by post-industrial Western democracies and free-market economies.“

Statt also „Global Art“ als neue Kategorie verdeckter europäischer und westlicher Selbstbeschreibung anzunehmen, möchten wir mit diesen Diskussionen um ein herrschafts- und kapitalismuskritisch differenziertes und pluralisiertes „Globales“ die Möglichkeit in den Blick nehmen, die Narrative der Kunst als transnationale entangled histories zu schreiben und Austauschbeziehungen zwischen Akteuren/Akteurinnen verschiedener Weltregionen in den Mittelpunkt zu stellen. Eine solche Perspektive affiziert auch die Aufmerksamkeit auf die transnationalen Auswirkungen kapitalistischer Krisen im Nord-Westen und fortgesetzter politischer Umbruchsszenarien im „Nahen Osten“. In Anbetracht dieser anhaltenden und sich verstetigenden globalen Vielheit der Krisen muss auch die Frage nach der Rolle der Kunst und der Künstler/innen jenseits regionalistischer Vor(ur-)teilsstrukturen diskutiert werden. Statt also in der weltumspannenden Geste einer Global Art neue Dominanzmuster zu etablieren, stellt die Rede vom Globalen in der Kunst nicht nur Herausforderungen an das Wissen um die Ferne, sondern ebenso an die eigene Praxis als Globalität der Nähe.

Susanne Leeb, Oona Lochner, Johannes Paul Raether, Kerstin Stakemeier

Redaktionelle Notiz: Die vorliegende Ausgabe von Texte zur Kunst wurde von Susanne Leeb, Oona Lochner, Johannes Paul Raether und Kerstin Stakemeier konzipiert. Betreut und produziert hat sie das neue Redaktionsteam – Philipp Ekardt (Chefredaktion) und Hanna Magauer (Redaktion).