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Der Ruinenwert der Bilder Nina Franz über Trevor Paglen in der Galerie Thomas Zander, Köln

92-franz-1 Voyager Golden Record, "Demonstration of licking, eating, and drinking", 1977

Show and tell im All: In den 70er Jahren schoss Carl Sagan eine Serie von analogen Abbildungen in den Weltraum, die Auskunft über die Werke und Taten der Erdbewohner geben sollten, zum Beispiel „Lecken, Essen, ­Trinken“.

Die Geste wiederholt heute der Künstler Trevor Paglen, verschiebt sie aber aus dem Bereich des Kuriosen in eine umfassende Reflexion über Bilder, die nicht (mehr) für menschliche Augen gemacht sind. Eingraviert auf funkenden Satelliten, von Drohnen als visuelle Impulse übertragen, häufig jedoch zu träge, um Drohnen selbst visuell zu erfassen: Paglens Bildern antizipieren posthumane Betrachter. Wenn es nach dem Ende des Menschen denn überhaupt noch ums Betrachten geht.

Seit Jahren fotografiert Trevor Paglen den Himmel, neuerdings schickt er die Bilder selbst ins All. Eine Ausstellung in der Kölner Galerie Thomas Zander, die diesen Herbst zu sehen war, zeigte beide Seiten seines Werks. Für „The Last Pictures“ wählte er zusammen mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen unterschiedlichster Disziplinen 100 Bilder aus, die für eine Milliarde Jahre die Erde umkreisen sollen. Als hochauflösende Nano-Ätzungen in Silizium wurden sie an der Außenhaut eines Kommunikationssatelliten befestigt. Dort könnten sie die Pyramiden von Gizeh überdauern, Krieg, Klimawandel, den Kunstbetrieb und alles andere, denn Satelliten wandern nach ihrem energetischen Ableben auf eine eigene Umlaufbahn, eine Art Friedhof für Weltraumschrott, wo sie überdauern, bis sie eines Tages von der Sonne geschluckt werden. Und mit ihnen die „Letzten Bilder“. Für zukünftige Lebensformen (die hoffentlich mit Augen ausgestattet sein werden) könnten diese Bilder dann die Höhlenmalereien des 21. Jahrhunderts sein. So etwa lautet die Prämisse des logistischen Großprojekts, für das Paglen einige Jahre als Artist in Residence am MIT verbracht hat. Es klingt nach der ganz großen Geste. Paglen, der promovierte Geograf, Sachbuchautor und Fotograf, bezeichnet seinen künstlerischen Ansatz als „postrepräsentativ“. Er beschäftigte sich bisher mit Dingen, die eigentlich unsichtbar und auf seinen Bildern noch schwerer zu fassen sind: den verborgenen Artefakten der CIA, geheimen Militärbasen und „weißen Flecken auf der Landkarte“.

Im Erdgeschoss der Galerie hängen großformatige Fotografien. Weiße Wolkenmassen vor einem Facebook-blauen Himmel, das dramatisch rote Farbspektakel einer untergehenden Abendsonne. Das Auge sucht und findet schließlich ein mückengroßes Flugobjekt inmitten des riesigen Himmels. „Untitled (Predator Drones)“ und „Untitled (Reaper Drones)“ heißen die Bilder dieser Serie, die Paglen im Jahr 2010 begonnen hat; alle hier gezeigten Bilder sind mit 2013 datiert. Fotografiert wurden sie in der Nähe von militärischen Testgeländen in New Mexico. Zwischen den Drohnen-Bildern hängen die Nachthimmel-darstellungen ähnlichen Formats, auf denen Paglen mit komplizierten fotografischen Verfahren die Spuren von in der Erdumlaufbahn kreisenden geheimen Militärsatelliten sichtbar gemacht hat. Mit „The Other Night Sky“ soll der Nachthimmel der Kunsthistoriker und Astronomen ein zeitgenössisches Update erfahren. Einige der schlimms­ten Kränkungen und wichtigsten Erkenntnisse der Menschheitsgeschichte gehen auf genaue Beobachtungen des Sternenhimmels zurück. Der fragende Blick zum Himmel ist vielleicht die ursprünglichste Form der Kontemplation, der Anfang jeder Kosmologie. Wenn wir heute nach oben schauen, was sehen wir?

Die Drohne des Typs MQ-1 Predator mag für jemanden in der pakistanisch-afghanischen Grenzregion ein bitter-vertrauter Anblick sein – für die meisten Menschen ist sie nicht mehr als ein Medienbild, mehr Teil der kollektiven Wahrnehmung als irgendeiner individuellen Erfahrung. Real gibt es sie nicht zu sehen, und das erhöht womöglich gerade ihren Zeichenwert: die eigenartige Symmetrie der nach unten abgewinkelten hinteren Tragflächen, der vorne leicht aufgeblähte Rumpf, ein Flugzeug ohne Cockpit, blicklos und dabei ausgestattet mit leistungsfähigen Sehapparaten, die das menschliche Auge weit in den Schatten stellen. Durch sie wird das Problem der Sichtbarkeit zu einer Frage der Deep Data. Der „Human in the Loop“, der Mensch, der in die Entscheidungsprozesse eingeweiht ist und den Schießbefehl gibt, kann sich hinter der nächs­ten Bergkuppe oder in einem anderen Erdteil befinden.

92-franz-2 Trevor Paglen, „Untitled (Predator Drone)“, 2013

Diese geografischen Asymmetrien machen den Zweifel an der Validität eines Kamerabildes nicht zuletzt zu einer politischen Frage. In der Sammlung der „Last Pictures“, die im zweiten Teil der Ausstellung zu sehen ist, findet sich auch ein Bild vom Umriss einer Predator-Drohne vor einem bewölkten pakistanischen Himmel. Der Fotograf Noor Behram hat es Paglen zur Verfügung gestellt. In seiner Heimatregion Nord-Waziristan dokumentiert er die Auswirkungen von amerikanischen Drohnenattacken. Die Bilder, die er vor allem im Internet zeigt, haben es schwer, an die Öffentlichkeit zu dringen. Sie sind gewissermaßen die asymmetrischen Spiegelungen der hochdotierten Fotos in der Kölner Galerie. Es stellt sich ein Zweifel ein: Sind Paglens „Suchbilder mit Drohne“ mehr als ein Bildwitz tagespolitischen Inhalts? Ein Klischee des Naturschönen verbindet sich in ihnen mit der unschönen Zeitungsmeldung. Dadurch gelingt es, sich von beidem zugleich zu distanzieren. Aber Paglen verweist beharrlich auf die Zusammenhänge, die sich der Abbildung entziehen, und stellt diesen Effekt dadurch gleich mit aus.

Mit den 100 Schwarz-Weiß-Bildern, die im Obergeschoss der Galerie auf einer Slide-Projektion durchlaufen und die seit einem Jahr auf der EchoStar XVI die Erde umkreisen, stellt sich Paglen selbst die Frage, ob das Projekt der bildhaften Repräsentation nicht von jeher schon „imperialistisch“, asymmetrisch, paternalistisch ausfallen muss. Die Bildersammlung beginnt mit Paul Klees Gemälde „Angelus Novus“ von 1920. Es ist der „Engel der Geschichte“, über den Walter Benjamin schrieb, er habe sein Antlitz der Vergangenheit zugewendet, während ein Sturm ihn unaufhaltsam auf die Zukunft zutreibt. Zu sehen ist derweil nicht das Gemälde, sondern dessen Rückseite. Dort findet man Hinweise über die Provenienz der Leinwand, die sich, nach einer Geschichte von Flucht und Rettung, im Israel Museum in Jerusalem befindet. Den Auftakt bildet also eine Rückschau auf die traurigsten Begebenheiten in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, eher leise und ironisch als pompös. Es wird klar, dass es hier um etwas anderes geht als um einen Universalbegriff des Menschen, der in ­irgendeiner Space-Age-Fantasie vor nichtmenschlich-extraterrestrischen Augen den Humanismus abfeiert.

Die Auswahl der Fotografien reicht von Naturkatastrophen, mikroskopischen Aufnahmen von Viren, kybernetischen Diagrammen, mathematischen Problemen zu Darstellungen von Technik, Architektur, Mensch-Tier-Beziehungen, Kindern am Strand, Planeten, Wiesen, Waffen. Es findet sich ein Nachbau von Benthams Panoptikum neben dem Bild einer Grenzanlage, der unvermeidliche Atompilz neben Opfern von Agent Orange. Die meisten Bilder sind leicht zu entschlüsseln, für ein paar lohnt sich ein Blick in die Bildlegenden des Katalogs, die viele kleine, wohlrecherchierte Anekdoten über die Menschheit im 21. Jahrhundert enthalten. Sie sind unterschiedlichsten Quellen entnommen, manche sind ikonisch, andere banal oder komisch. Eine Abbildung der Tätigkeiten „Lecken, Essen, Trinken“, die als Versuch verstanden werden könnte, einem kulturfremden Wesen etwas über die Menschen zu erzählen, erweist sich als historische Referenz an einen Vorgänger: Sie stammt aus den Voyager Golden Records, die in den 1970er Jahren von dem amerikanischen Wissenschaftsstar Carl Sagan ins All geschossen wurden und ebenfalls etwa 100 analog gespeicherte Bilder enthielten. Von Sagans Traum einer interstellaren Zeitkapsel, die der Zukunft ein freundliches, zugewandtes Bild der Erdbewohner malt, will sich Paglen schon dadurch absetzen, dass die Menschheit in seinen Bildern nicht sehr gut wegkommt.

So wie auch Paglens Bilder von Drohnen und geheimen Satelliten etwas räumlich weit Entferntes heranholen, nicht so sehr um das Abgebildete sichtbar zu machen, sondern um auf die darin verwickelten Beziehungen aufmerksam zu machen und auf die Fraglichkeit des Bildes selbst; so nutzt Paglen die zeitliche Entfernung von Milliarden Jahren, um auf Zusammenhänge zu verweisen, für die das Bild eher einen Kumulationspunkt darstellt. Der Kommunikationssatellit, der für die nächsten Jahre Fernsehbilder an die Erde senden wird, um danach sein Nachleben als reiner Bildträger anzutreten, ist ein ebensolcher Knotenpunkt. Er gehört der Firma EchoStar, deren Tochterunternehmen Hughes Network Systems auch das amerikanische Militär zu seinen Kunden zählt: Per Breitband-Satellitenkommunikation werden die Drohnen-Feeds von Waziristan ins All und von da in die Kontrollstationen in Nevada gefunkt. Paglens Bilder gehen zum Himmel, aber keine außerirdische Intelligenz bewahrt sie dort vor ihrer irdischen Immanenz.

„Trevor Paglen“, Galerie Thomas Zander, Köln, 6. September bis 2. November 2013.