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Vorwort

Whither, Architecture? – Wohin geht es mit der Architektur? So lautet eine der zentralen Fragestellungen, die diesem Heft zugrunde liegen. Wir verorten die Architektur dabei im Kräftefeld von Kunst und Ästhetik, von Ökonomien des Markts und Konfigurationen der Macht, zwischen gesellschaftlichen Verdrängungsprozessen und gemeinschaftlichen politischen Projekten, zwischen den material gefügten Volumina der Baukörper und deren Implikation in technologische Mediatisierung. Architektur hat stets ihre Zeit und ihren Ort. Sie bezieht sich als Intervention auf historische, gebaute Gegebenheiten, greift in Bestehendes ein und definiert so je aufs Neue das Verhältnis von Gegenwart und Geschichte. Sie ist in diesem Sinn gebaute Geschichtspolitik. Indem sie das Zusammenleben einer Gesellschaft in materialer Weise vorformt, gibt sie aber auch Modelle für die Zukunft vor. Der Zeitpunkt und der konkrete Ort, an denen die vorliegende Ausgabe von Texte zur Kunst produziert worden ist – Berlin im Herbst 2013 –, können deshalb nicht ohne Einfluss auf ihren Inhalt sein. Eine Reihe von Artikeln setzt auch an anderen Orten an; die Berlin-Bezüge sind wiederum der Logik des Exemplarischen verpflichtet und sprechen damit auch über einen allgemeinen Stand der Dinge. Eine alternatives Motto wäre deshalb gewesen: Architektur heute – von Berlin aus gedacht.

Im Fokus stehen dabei einerseits Fragen des gemeinschaftlichen Zusammenlebens, die sich hier und heute in besonderer Weise auf Fragen des Eigentums hin zuspitzen. Im Zusammenspiel von Kunst und Architektur haben Besitzfragen schon immer eine zentrale Rolle gespielt. Andererseits beschäftigt uns, in welcher Weise die Untersuchung von Bauformen, im Sinne einer kritischen Ästhetik der Architektur, solchen politischen Fragestellungen gerecht werden kann.

Der Beitrag von Niklas Maak beschreibt die sprießende Baugattung der Developer-Architektur in New York und Berlin: eine architektonische Praxis, die den Imperativ einer auf die Projektform hin orientierten Ökonomie so weit verinnerlicht hat, dass sie Häuser von vornherein als Beitrag zu einer wie auch immer gearteten ökonomischen „Entwicklung“ der sie umgebenden urbanen Territorien konzipiert. Unter behauptetem Kunstbezug, der sich gestalterisch wie auch in Form von tatsächlicher räumlicher Nähe zu Museen und Galerien äußern kann, sollen, so das Kalkül, diese Developments attraktiver werden.

Es haben sich in den letzten Jahren aber auch neue Formen der privaten Bauherrschaft entwickelt, die den ökonomischen Auswirkungen der Immobilienspekulation durch eigene Initiative begegnen. Baugruppen erfreuen sich zunehmender Beliebtheit; sie verweigern sich dem Immobilienmarkt nicht, sondern fügen ihm durch die offensive Kommunitarisierung des Bauens, Wohnens und Besitzens eine neue Form hinzu und hebeln somit den neuerlich ausgeübten Druck zum Eigentum zumindest teilweise aus. In einem Gespräch mit vier Bewohnerinnen und Bewohnern des gemeinschaftlich geplanten und bewohnten Gebäudes in der Berliner Ritterstraße 50 stellt Hila Peleg das Modell vor. Untereinander und auch für den Stadtraum stellt sich dabei durchgehend die Frage: Wie zusammen leben?

Während Dieter Detzners Plädoyer für den Erhalt des Berliner Marx-Engels-Forums Stellung zur aktuellen Architekturpolitik der Stadt bezieht, trägt Carson Chans Text unter anderem zu einer differenzierteren historischen Perspektive auch auf die Architektur Berlins bei, indem er eine Verbindung zur Lehre Oswald Mathias Ungers’ herstellt, der in West-Berlin wirkte. Ungers verließ seinen Lehrstuhl an der Technischen Universität in den späten 1960ern, als er mit seiner Architektur für die Großsiedlung Märkisches Viertel in die Kritik vor allem der Studierenden geriet. Er nahm eine Professur an der Cornell University an, wo seine Seminare neben denen von Colin Rowe zu einem der wichtigsten Ausbildungsorte für eine Generation von Architektinnen und Architekten wurden, deren Arbeit heute großen Einfluss ausübt. So arbeitete dort auch Rem Koolhaas und nahm an Ungers’ Westberliner Sommerschulen 1976/77 teil, die nun rückblickend als zwei Urszenen unserer zeitgenössischen Architektur erscheinen, in denen bis heute nicht eingelöste Vorschläge und Versprechen für die Stadt und das Bauen formuliert wurden: das Stadtarchipel und die Urban Villa.

Dem Wechselspiel von Kunst und Architektur widmet sich auf unmittelbare Weise das Interview, das Axel Wieder mit der New Yorker Architektin Annabelle Selldorf geführt hat, die etwa die Galerien David Zwirner oder Hauser & Wirth in Chelsea oder die Ausstellungsarchitektur für Massimiliano Gionis Encyclopedic Palace auf der diesjährigen Venedig-Biennale entworfen hat. Im Gespräch befragt Wieder sie zur Funktion ihrer hochwertig-reduzierten Looks – dies auch in Bezug auf die Rolle von Kunst- und Kulturbauten als Bildwerte im gegenwärtigen Kapitalismus.

Hal Foster hat diese fatale Gemengelage zuletzt auf den Begriff des Art-Architecture-Complex gebracht. Schon zu Beginn der 90er Jahre hatte Rosalind Krauss die Rolle solcher Museen im Zeitalter des Spätkapitalismus analysiert und kritisiert. In Auseinandersetzung mit Krauss entwickelt nun Beatriz Colomina ein Plädoyer für eine differenzierte Neukalibrierung der Begriffe Raum, Ästhetik, Architektur und Ausstellung. In einer kleinen Geschichte des Architekturpavillons von Mies bis zur Storefront for Art and Architecture argumentiert sie, dass es seit der Moderne immer wieder erfolgreiche Versuche gegeben hat, Ausstellungsräumlichkeit unabhängig vom Bezug auf konkrete Kunstwerke zu generieren, ohne dabei in eine ästhetisierende Feier von Raumerfahrung an sich zu verfallen.

Felicity Scott steuert schlussendlich eine Perspektive bei, in der die ästhetische Dimension strategisch ausgeklammert wird. Ihr Text zur 1976 in Vancouver stattfindenden, von der UNO veranstalteten Habitat-Konferenz analysiert statt Formfragen die enge Verschränkung, in der mit medialen Technologien und gouvernementalen Dispositiven unmittelbar auf architektonische Produktion zugegriffen wurde. Architektur bedeutet hier eine Dimension, in der Form, wenn überhaupt, dahingehend wirksam wird, dass sie der Artikulation von Macht dient. Die Konferenz markierte den Punkt, an dem ursprünglich emanzipatorische Medienkonzepte à la McLuhan sowie Modelle selbstorganisierten Bauens sich als umstandslos kompatibel mit administrativen Apparaten und deren Architektur erwiesen. Habitat führte auch weltweit das Format des audiovisuellen, also filmischen (Architektur-)Statements ein, mithin die Grundlage noch für jene Clips, mit denen heute Development-Architektur beworben wird.

Für dieses Heft hatten wir auch ein Interview mit Hans Kollhoff, einem weiteren Ungers-Schüler, vorgesehen, der durch seine inzwischen von einer selbst erklärten Wende zum architektonischen Konservatismus geprägten Haltung erheblichen Einfluss auf die sich formierende bauliche Gestalt des heutigen Berlin ausübt. Nach einem kontrovers, aber sachlich und freundlich geführten Gespräch bestand Herr Kollhoff auf einem Redigat, in dem die Positionen unserer Auffassung nach nicht mehr im Austausch miteinander standen. Leider konnte hierüber keine Einigung erzielt werden.

Dieses Heft zeichnet sich zudem durch eine Abweichung vom üblichen Bebilderungsmodus in Texte zur Kunst aus. Wir haben für diese Ausgabe mit dem Modefotografen Markus Jans zusammengearbeitet, der dem Hauptteil eine durchgehende und unabhängigere Bildsprache gegeben hat. Ein erstmaliger Versuch, über den wir sehr glücklich sind. Ob dieses Prinzip einer übergeordneten visuellen Signatur wiederholt werden wird, wird situativ zu entscheiden sein.

PHILIPP EKARDT / ISABELLE GRAW / WILFRIED KUEHN / HANNA MAGAUER