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Suche nach Leben am systemischen Rand Drei Fragen an Saskia Sassen

Hilary Koob-Sassen, “Vista of World Organs" from the project "Models of Aggregate Endeavor” (detail), 2001-ongoing

Die großen geopolitischen Dynamiken, die unsere Welt derzeit bestimmen, verlaufen quer zu den vertrauten historischen Grenzlinien, argumentiert Saskia Sassen in ihrem neuen Buch „Expulsions: Brutality and Complexity in the Global Economy“. Die treibenden Mechanismen als solche sind nahezu unsichtbar, wirken aber mit unermesslicher und verheerender Gewalt.

Texte zur Kunst befragte die Soziologin darüber, welche Auswirkungen diese im Entstehen begriffene ökonomische Psychogeografie für unser Verständnis eines kulturellen „Außen“ haben könnte. Und welche kreativen Handlungsspielräume sich heute noch vom sogenannten systemischen Rand her erschließen lassen.

Texte zur Kunst: In Ihrem jüngsten Buch „Expulsions“ [1] untersuchen Sie die Konsequenzen eines fundamentalen sozialen Wandels: des um 1970 beginnenden Trends in der Weltwirtschaft vom Keynesianismus zur schrankenlosen Deregulierung und Privatisierung. Sie machen auf die gravierenden Folgen dieser Politik aufmerksam, durch die ganze Teile der Weltbevölkerung von der ökonomischen Infrastruktur abgeschnitten wurden. Die Assoziation mag etwas pervers erscheinen, aber im Kontext dieser Ausgabe von Texte zur Kunst interessiert uns die Frage, wie sich diese aktuelle Entwicklung mit dem klassischen Begriff der „Bohème“ vereinbaren lässt – die sich nicht zuletzt in ihrer historischen Ausprägung als Zustand der Klassenlosigkeit verstehen lässt, in dem sich ein spezifisches Bevölkerungssegment nach einschneidenden strukturellen/politischen Veränderungen wiederfindet: Besteht ein Zusammenhang zwischen dem sinkenden Marktwert des romantischen Ideals vom Künstler als Bohémien (der am Rande der Gesellschaft lebt) und dem nagenden Gefühl, dass der Verlust von Grundrechten erneut zur sehr realen Bedrohung geworden ist? Lassen sich Ihrer Einschätzung nach hier Parallelen ziehen? Erleben wir tatsächlich eine Neuordnung der Machtverhältnisse, die so radikal ist, dass an die Stelle des von der Massenkultur glorifizierten Wunschs, dem Kapitalismus den Rücken zu kehren, die Bemühung getreten ist, den totalen Ausschluss aus der Gesellschaft zu vermeiden? Werden sich in Zukunft nur noch extrem privilegierte Schichten den Luxus leisten können, „auszusteigen“?

Saskia Sassen: Ein interessanter Punkt. Im letzten Absatz meines Buchs stelle ich die Frage, ob die Räume der Vertriebenen dank ihrer außerordentlichen Vielfalt zu einem zentralen Forschungsfeld geworden sind. Die in diese Kategorie fallenden Räume erstrecken sich von denjenigen, die von der Hypothekenkrise in den USA geschaffen wurden, durch die im letzten Jahrzehnt 30 Millionen Menschen ihr Heim verloren, über Landnahmen in Entwicklungsländern, die Millionen Bauern die Existenzgrundlage entzogen, bis zur weltweiten Zerstörung der Umwelt, die den landwirtschaftlich nutzbaren Anteil der Biosphäre verringert und ganze Regionen mit nichts als toter Erde und totem Wasser zurücklässt. Wenn so viele verschiedene Räume zerstört werden, muss man sich fragen, was an ihre Stelle tritt. Mehr noch, welche verborgenen Prozesse – die sich nicht durch die üblichen Einteilungen in Ost und West, globalen Norden und Süden fassen lassen – sehen wir hier noch gar nicht? Ich argumentiere in „Expulsions“, dass man diese übergreifenden, grenzüberschreitenden Prozesse als „unterirdisch“ konzeptualisieren könnte. Und zwar nicht, weil sie wirklich unter der Erde stattfinden, sondern weil sie noch nicht theoretisch erfasst und dadurch sichtbar gemacht wurden.

An dieser Stelle lohnt es sich zu fragen, ob die Räume der Vertriebenen heute nicht genau den Platz einnehmen, den früher die Bohème innehatte. Diese Möglichkeit sowie auch den Schluss, dass die Hoffnungslosigkeit in diesen Räumen ein derartiges Ausmaß angenommen hat, dass nicht einmal mehr eine Bohème entstehen kann, hatte ich bisher noch gar nicht ins Auge gefasst. Als jemand, der versucht, die materiellen Praktiken der historischen Bohème aufzudecken – in der es ja ebenso viele Möglichkeiten wie Einschränkungen gab –, halte ich die heutige Wiederholung oder Ausdehnung ihrer konkreten Merkmale für problematisch, auch wenn immer wieder pflegeleichte Versionen des „Bohème-Daseins“ angeboten werden. Die historische Bohème ging aus dem Zusammentreffen mehrerer Umstände hervor: eine dicht besiedelte Stadt mit einem breiten Spektrum verschiedener Einkommens- und Gesellschaftsschichten; ein riesiger eingespielter, zum Teil staatlich regulierter Kunst- und Kulturapparat; und ein buntes Gemisch von Immigranten, deren Familien in den Heimatländern oft der Ober- oder Bürgerschicht angehörten. All dies schuf die Voraussetzungen dafür, dass Armut in einer Stadt wie Paris zumindest teilweise als Abenteuer, als Futter für den romantischen Geist empfunden werden konnte. In den Räumen der Vertriebenen heutiger Prägung herrscht ein unvorstellbares Elend, das sich schwer romantisieren lässt. Was kann in solchen Räumen entstehen? Vielleicht eine schonungslos kritische Kunst?

Was wir heute sehen, sind Inszenierungen der Bohème sozusagen innerhalb des Systems, begleitet von den unvermeidlichen Spannungen, die das eskalierende Einkommensgefälle hervorruft. Die hässlichen Industrie- und Gewerbezonen einer Stadt, in denen noch immer Künstler, Handwerker und Arbeiter hausen, bekommen vom Immobilienmarkt das Etikett „Bohème-Viertel“ verpasst und werden dadurch wie von Zauberhand plötzlich attraktiv. Das klingt so viel besser, als dass sie „gentrifiziert“ seien: Der Name „Bohème“ wäscht eine Gegend rein, und die Preise steigen. Richard Lloyd beschreibt diesen Prozess in seinem Buch „Neo-Bohemia: Art and Commerce in the Postindustrial City“ (Routledge, 2006). Wie zu erwarten, wird die Romantisierungskampagne teils von jenen betrieben, die gar nicht dazugehören. Die Exotisierung dessen, was unleugbar hässlich, arm, industriell war, macht es zum abenteuerlichen Ort außerhalb des Mainstreams: Bohème als Aura. Aura ist Macht, das wussten schon Vertreter der historischen Bohème zu ihrem Vorteil zu nutzen. Aber die heutige Situation lässt sich damit nicht vergleichen. Künstler sind nach wie vor eingeladen, einem heruntergekommenen Stadtteil einen schicken Ruf zu verleihen, aber wenn der Imagewandel einmal vollzogen ist, müssen die meisten sich ein anderes Quartier suchen. Wie Lloyd anmerkt, sind die meisten Künstler, die in den von ihm untersuchten Gegenden wohnen, als Grafiker und Designer für Hightechfirmen, Online-Werbeagenturen und dergleichen tätig.

Constant Nieuwenhuys, "Espace en destruction", 1972

Texte zur Kunst: In Ihrem Buch sprechen Sie von „globalen Städten“, die Sie in der gegenwärtigen Phase des beschleunigten Kapitalismus als Schlüsselorte der Intervention, als Möglichkeitsräume sehen. Können Sie das genauer erläutern? Könnte dies einem heutigen Trend im Kreativsektor entsprechen, innerhalb des Mainstreams zu arbeiten, ihn kulturell und politisch auszuschlachten, anstatt im Niemandsland der Peripherie Subkulturen aufzupäppeln?

Saskia Sassen: Da haben Sie ein hochinteressantes Thema angeschnitten. Ehe ich mich einem so stark befrachteten Begriff wie „Stadt“ zuwende, muss ich erst den nötigen Abstand gewinnen. Und da würde ich sagen, dass die Stadt, speziell die globale, ein zwar komplexes, aber nichtsdestoweniger unvollkommenes System darstellt. Diese Mischung aus Komplexität und Unvollkommenheit verleiht der Stadt die Fähigkeit, andere Systeme, die vielleicht mehr Struktur und Macht besitzen, dafür aber geschlossen sind – einen multinationalen Konzern zum Beispiel, eine Staatsregierung, einen Businesspark, eine geschlossene Wohnanlage –, zu überdauern. Ein Kernargument meiner Analyse lautet, dass die Städte jene Orte sind, wo die Machtlosen Geschichte, Politik und Kultur machen können. Das wird ihnen in einem Businesspark kaum gelingen, dazu braucht es die anarchische, chaotische, dynamische Energie der Stadt. Eine Stadt hat mehr zu bieten als reine Bevölkerungsdichte: Auch in einem Business-park können sich Menschen drängen. Das ist die positive Seite der globalen Stadt. Sie ist groß und reich an talentierten Menschen und überraschenden Möglichkeiten, die sich in unerwartete Richtungen entwickeln. Man denke etwa daran, wie IT-Leute zur Entwicklung von Finanzsoftware in Weltmetropolen zusammengezogen wurden und wie diese Migration wiederum den Anstoß zu neuen kulturellen Praktiken gab, zu neuen Digital- und Videotechniken, zu neuen Formen der diskursiven Kunst- und Filmarbeit. Andererseits ist die globale Stadt auch der Ort, wo der Markt die Kunst annektieren und in gewissem Sinne strangulieren kann, wenngleich es den meisten Künstlern gelingt, durch den Verkauf ihrer Arbeiten und durch Einkünfte aus diversen Nebenjobs zu überleben. Auch hier gilt: Diese Prozesse mögen sich deren Aura zunutze machen, von der historischen Bohème unterscheiden sie sich aber grundlegend.

Lebbeus Woods, “Lower Manhattan”, 1999

Texte zur Kunst: Sie sprechen von diffusen Orten der Macht, der Unterdrückung nicht durch eine konkret fassbare Partei, sondern durch ein „komplexes System aus Personen, Netzen und Maschinen ohne klares Zentrum“. Wie können wir in dieser Situation eine eigenständige Position beziehen? Oder ist das Streben des Subjekts nach „Autonomie“ – das heißt, über die Unabhängigkeit hinaus, nach Freiheit und Handlungsmächtigkeit – heutzutage nicht mehr das notwendige Ziel?

Saskia Sassen: Eine Gefahr, der wir uns stellen müssen, sind die neu entstandenen Ausbeutungsmechanismen. Sicher, dahinter stehen mächtige Persönlichkeiten und Konzerne, aber all das ist verfilzt mit einem weitverzweigten Gewirr von Rechts- und Rechnungssystemen, von technischen Kapazitäten und verdeckten Machtinteressen. Das zu stoppen und zu entflechten ist enorm schwierig. Einfach die „Superreichen“ auszuschalten, damit hat es sich nicht getan. Ein solcher Schritt allein, argumentiere ich, wird die soziale und ökonomische Ungleichheit nicht beseitigen. Die Aufgabe, ein Mindestmaß an Umverteilung durchzusetzen, ist unverhältnismäßig schwerer geworden, weil die Vermögenskonzentration, die wir heute haben, nicht allein durch Geldgier zustande kam. Da hat es schon, sagen wir, systemische Hilfe gebraucht. Ich meine damit zum Beispiel die schwer durchschaubaren Machenschaften im Rechts- und Buchhaltungswesen, durch die sich die großen Konzerne der Notwendigkeit entheben, einen proportionalen Anteil ihrer Gewinne an den Fiskus abzugeben.

Es kann gut sein, dass sich vor unseren Augen eine neue Form des Kapitalismus abzeichnet: brutal und elementar in seinen Zielsetzungen, dabei aber in komplexe Systeme eingebettet. Die Stichworte lauten brutal und elementar. Wir können uns den neuen Ausbeutungsmechanismen widersetzen, aber nicht unter deren Bedingungen. Zuallererst müssen wir aus der systemischen Logik heraustreten. Das verlangt nicht unbedingt, dass wir alle Brücken zum Mainstream abbrechen. Ein gutes Beispiel ist die städtische Landwirtschaft: Sie operiert außerhalb der Lebensmittelindustrie und kann dennoch neben und mit ihr koexistieren, auch wenn sie im Moment noch weit davon entfernt ist, den Bedarf einer ganzen Stadt zu decken.

Frachthafen Singapur

Die Frage, die Sie hier ansprechen, lautet: Inwieweit können die Räume der Vertriebenen wiederum als Ausgangspunkt des Kampfes dienen? In meinem Buch verwende ich den Ausdruck „systemischer Rand“ (systemic edge), ein konzeptuelles Konstrukt, das nichts mit geografischen Grenzen zu tun hat. Der Ausschluss des Subjekts aus den diversen Grundsystemen – biosphärisch, ökonomisch, sozial – erreicht an diesem Rand eine derartige Intensität, dass er sich mit normalen wissenschaftlichen und bürokratischen Mitteln gar nicht mehr fassen lässt. Er wird unsichtbar, ungreifbar für gewohnte Wege des Sehens und der Sinnproduktion. Hier stellt sich die Frage, ob nicht auch die historische Bohème ein solcher systemischer Rand war. Wenn ja, könnte sie uns verstehen helfen, wie gewisse Lebensweisen in Randzonen gedeihen. Künstler, scheint mir, finden sich dort besser zurecht als Buchhalter oder Anwälte.

Zumindest einzelne Aspekte dessen, was ich „Räume der Vertreibung“ (spaces of expulsion) nenne, könnten als neue Form der Bohème funktionieren. Ich meine damit nicht die von mir früher kritisierte bohèmistische Aura, sondern Zonen realer Not, in denen sich trotz allem einzelne Ausgestoßene als Produzenten profilieren können. Das reicht natürlich keineswegs aus, um die von der Logik der Vertreibung angerichteten Verwüs-tungen in irgendeiner Form auszugleichen – Millionen ohne Existenzgrundlage, Flüchtlinge, die nie wieder nach Hause zurückkehren werden, weite Landstriche mit toter Erde und totem Wasser. Dessen ungeachtet könnte auch unter diesen Bedingungen theoretisch eine echte Bohème entstehen.

Was in den Räumen der Vertreibung akut zutage tritt, findet in abgemilderter (und daher oft nicht wahrgenommener) Form auch innerhalb des Systems statt, ein Symptom des systemischen Zerfalls. Ich habe meine Studie am systemischen Rand angesiedelt, weil es mir darum ging, diese Zone der wissenschaftlichen Forschung besser zugänglich zu machen, eine Zone, in der so extreme Zustände herrschen, dass sie unserem Instrumentarium der Repräsentation kaum feste Anhaltspunkte bietet.

Übersetzung: Bernhard Geyer

Anmerkungen

[1]Saskia Sassen, Expulsions: Brutality and Complexity in the Global Economy, Cambridge/MA: Belknap/Harvard University Press, 2014 (erscheint 2015 auf deutsch im S. Fischer Verlag).