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Vorwort

Der Strom von Untersuchungen und Essays über die Frage, wie die neuesten Medien uns und unsere kulturelle Produktion verändern, reißt nicht ab; Reflexionen, produziert und gelesen mittels eben der Geräte und Interfaces, die wir der Kritik unterziehen. Das vorliegende Heft von Texte zur Kunst möchte unter dem Titel „Medien“ mehr adressieren als die Hardware und Software, die man objektiv „Technik“ nennt. Sind nicht – wie oft schon gefragt – auch die beiläufigen Gesten, die Art und Weise, wie wir fremde Profile imitieren, die Teilhabe an den Codes unzähliger Mikro-Gemeinschaften sowie das Verlassen derselben selbst in gewissem Sinne Techniken? Was hieße es, nicht eine Sozialgeschichte der Medien zu schreiben, sondern durch das oder mit dem Me-dienkonzept zu operieren, um zu einem Verständnis unserer sozialen Sphäre zu gelangen? Die oft kritisierte Unschärfe und Heterogenität des Titel gebenden Begriffs verweist womöglich selbst auf ein Netz von Verknüpfungen und Einflüssen innerhalb des sozialen Felds. Texte zur Kunst greift hier ein Thema auf, das für unsere deutschsprachige Leserschaft vielleicht vorbelastet ist: Über Medientheorie (selbst in revidierter Form) zu sprechen, bedeutet für viele, die aufgeladenen Debatten der 90er zu zitieren, in denen ein technologischer Determinismus den Reflexionen über die biopolitischen Kräfte des Kapitals gegenüberzustehen schien. Diese Opposition und deren Nachwirkungen werden hier zum Bezugsrahmen, um „Medien“ nicht einfach als die „digitale Welt“ und deren Technologien oder im Hinblick auf das aktuell so beliebte Thema „(Post-)Internet-Kunst“ zu lesen, sondern auch im Verhältnis zu aktuellen Politiken von Körper, Klasse und Macht.

Mit dem Begriff der „Medien“ geht postwendend auch der der „Kommunikation“ einher, und Fehl- Kommunikationen spielen stets eine Rolle. Tatsächlich entstand diese Ausgabe, von den amerikanischen Kunsthistorikern Luke Cohen und Michael Sanchez initiiert und zum Teil konzipiert, nicht zuletzt aus den Lücken, die sich auftun, wenn man den deutschen Mediendiskurs der 90er durch amerikanische Augen der 2010er Jahre neu liest – asynchron und in Übersetzung, wie so viele Inhalte heute. Verbindungen schlagen Reinhold Martin, Isabelle Graw und André Rottmann, die in ihren Beiträgen die Rezeption der Kittler’schen Medientheorie im deutschen Kunstdiskurs (und in Texte zur Kunst) sowie im englischsprachigen Denken Revue passieren lassen, vor allem rund um die amerikanische Zeitschrift Grey Room, die von Martin mitbegründet wurde und die bei der internationalen Verbreitung dieses Materials eine bedeutende Rolle gespielt hat. Wie soll man mit den Defiziten und problematischen Aspekten dieser Theorie umgehen, und was könnte sie uns heute bieten? Vielversprechend scheint ein Verständnis der Medien als „Kulturtechniken“ (wie es von Bernhard Siegert und Cornelia Vismann im Anschluss an Kittler vorangetrieben wurde). Die Medienwissenschaftlerin Ute Holl reflektiert in ihrem Beitrag über die Unterscheidung zwischen Kulturtechniken und Medienwissenschaft, einem der, wie sie schreibt, elegantesten epistemologischen Projekte des 20. Jahrhunderts. Sie kehrt die Frage um: Was gewinnen wir, wenn wir Medien statt der sozialen Operationen im engeren Sinne betrachten?

Indem sie Medientheorie nicht nur auf „das Soziale“, sondern auch auf den darin beschlossenen Körper bezieht, stellt Karin Harrasser eine medienhistorische Betrachtung des Tastsinns an – der Gemeinsinn bei Aristoteles –, den sie als entscheidenden Ausgangspunkt für heutige Gesellschafts- und Körpertechnologien fasst. Wie sie feststellt, ließe sich auch eine Geschichte der Kunst im Hinblick auf den Tastsinn schreiben, auf dessen andauernde Neuinterpretation und Verhandlung des „Innen“ und „Außen“. Der Körper muss androgyn sein und sein Inneres leer, bemerkt entsprechend Klaus Theweleit im zweiten Band seines legendären „Buchs der Könige“ in seiner Interpretation des interpersonellen Habitus von Andy Warhol: eine emblematische Figur für die maximale Funktionalität in der postindustriellen Gegenwart. Ein Auszug aus Theweleits Werk wird hier 20 Jahre nach Entstehen und erstmals in Begleitung der englischen Übersetzung sowie einer Einleitung von Michael Sanchez abgedruckt. Deutlich wird nicht zuletzt, wie vorausschauend es über die anstehenden unendlichen medialen Reproduktionen des Selbst sprach.

Die gegenwärtige digitale Ästhetik in der zeitgenössischen Kunstproduktion betrachtet Kerstin Stakemeier in ihrem Beitrag. In der Vervielfachung leerer Zentren und allgegenwärtiger Mimikry des zeitgenössischen Kapitals diagnostiziert sie eine Divergenz zwischen Kunstproduktion und deren kritisch-historischer Wertung. Sie fordert, eine gebrochenere Materialität, wie auch immer diese zu definieren wäre, anzuerkennen oder zumindest nach ihr zu fahnden. Vielleicht ist es, wie Hannah Black vermutet, tatsächlich möglich, die Sphären globalen Kapitals – darunter auch die Plattformen sozialer Medien – für politische Ziele zu besetzen. Beziehungsweise, wie die in London und Berlin lebende Künstlerin und Autorin präzisiert: Der bloße Widerstand gegenüber diesen ist so lange bedeutungslos, bis andere Formen der staatlichen und kommerziellen Kontrolle – geäußert in rassistischer und sexistischer Gewalt – überwunden sind.

Harry Burke spricht indessen über dasjenige Potenzial digitaler Räume, Sprache (poetische, alltägliche) nicht nur von der Zeile, sondern auch von der Seite abzulösen. Hier habe sie sich nur zeitweise niedergelassen. Er gibt Einblick in aktuelle Manifestationen von Dichtung, Sprache und Kunst, die sich vor allem online und in oftmals nicht druckbarer Form entwickeln. Und warum sollte „Däumelinchen“ (wie Michel Serres den „Digital Native“ getauft hat) ihr Denken auf diese Form beschränken? Ihr Gerät, ihren Kopf, in ihren Händen haltend, hat Däumelinchen ein neues Bewusstsein für ihren Körper als Interface gewonnen, ist gar besessen von ihm ebenso wie von der Bedeutung seiner physischen Teile: So schreibt die Musikerin Alina Astrova. Der Körper als Medium der Identität sei auf immer intensivere oder vielleicht abstrakte, nostalgische Weise zum entfremdeten Stellvertreter des Selbst geworden. Aber auch andere Menschen können zum Stellvertreter, zum proxy missbraucht werden – wie die Arbeit des umstrittenen US-amerikanischen Schriftstellers Peter Sotos auf ziemlich grausame Weise klarmacht. Im Gespräch über seine Arbeit befragt Luke Cohen ihn zu den Grenzen der Darstellbarkeit, vor allem, aber nicht nur in den sogenannten Massenmedien, und zu deren Unzulänglichkeit der Repräsentation.

Enthauptetes Leben, Malerei als menschliches Medium: Jutta Koether tritt im vorliegenden Heft schließlich als experimentelle Deuterin unserer heutigen Medien, Währungen und Protokolle, neu entstehenden wie historischen auf, die seit Langem das Selbst vom Anderen und das Signal vom Rauschen trennen.

Caroline Busta, Hanna Magauer

Übersetzung: Robert Schlicht