Der Hang der Abstraktion zum Verkehrsschild (I)

Wer sich für reduziert abstrakte Positionen interessiert, wird in den letzten Wochen in Berlin außerordentlich gut bedient. Zum Beispiel mit Ernst Wilhelm Nay, Peter Halley, Amy Silman, Karl Georg Pfahler, Imi Knoebel, Rebecca Morris und Sergej Jensen. All diese Positionen haben zumindest eine vage Gemeinsamkeit: eine latente Sehnsucht der Abstraktion in Richtung Verkehrsschild. Das derlei Positionen jetzt gerade soviel Aufmerksamkeit geschenkt wird, könnte man auch als Pausen- oder Krisenspielung interpretieren. Der Kunstmarkt im Standbymodus lässt sich wohl am besten mit solchen Gütern bewerkstelligen. Es ist, was es ist, und sieht manchmal sehr gut aus. Ohne große Hintergedanken. Bzw. waren da mal ja sehr große am Start, nur dass diese bedingt durch kompletten Utopieverlust überhaupt nicht mehr verfügbar sind. Das wirft zumindest bei einigen der genannten Namen Fragen auf. Ohne idealistischen oder ideologisches Sendungsbewusstsein kann vergleichbar formaler Essentialismus nur mit radikaler Leere und/oder Bedeutungsverweigerung argumentieren. Oder noch weiter mit weniger als nichts auftrumpfen. Das muss dann immer Schönheit sein.

[ Aus abgelegten Dokumenten:

Das Abstrakte als überraschende Momente der Wiederauferstehung zu zelebrieren scheint erst mal besonders schwierig zu bewältigen. Ein interessantes Gesicht zu malen, nachdem erst mal bestimmte Figurationstabus und Vorbehalte aufgeweicht worden waren, ist dagegen vergleichsweise ein vermeintliches Kinderspiel. Natürlich nur bedingt. Aber noch mal ein monochromes Bild zu malen, das wirklich irritiertes Stirnrunzeln hervorruft, scheint kaum machbar. Das grundsätzliche Problem hier mag an linearen modernistischen Optimierungsutopien und entscheidenden Wesenszügen eines finalen Reduktionismus liegen. Aus der Ferne erscheinen bestimmte Avantgardebewegungen von herrlich naiven Glaubenskraft betrieben mit echtem analytischen Forschergeist. War erst mal eine bestimmte formale Fragestellung herauskristallisiert - wobei diese Arbeitsgrundlage, dass es sich überhaupt um formale Fragestellungen handeln muss / kann, ein echter Quantensprung war - wurden innerhalb weniger Jahre Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts jeweils bestimmte Lösungen für essentielle Bildformulierungen ultimativ ins diskursive Gefecht geworfen. Diese oder jene Rätsels Lösung ( Bild nur aus Farbe, Bilder nur aus einer Farbe, Bewegungsdarstellungen, polyfokale Darstellungsformate ...) waren all diese von einem Glauben befeuert, der an generelle einbahnstraßenartige Verbesserungen glaubte. Glauben klingt hier noch viel zu wankelmütig. Überzeugung zu beischlafartig. Das Wort Zweifel existierte phasenweise schlichtweg nicht mehr in bestimmten Wortschätzen. Der Weg zum ultimativ letzten Bild erscheint im nachhinein immer mehr wie simples Computerspiel, wo es linear darum ging von einem Level zum nächsten, zum Pudels Kern vorzustoßen. Der war so simpel wie möglich imaginiert. Mancherlei Zwischenresultate waren demnach aufgebrochene Türen, durch die man mutmaßlich nur ein einziges Mal durchschritten haben muss. Ohne sich auch noch mal umzudrehen.

Die heutige Lage stellt sich leider so dar, dass man vielleicht durch einige interessante bis dato zuvor verschlossene Türen eindringen konnte, aber die Türen oder auch deren Rahmen blieben / bleiben einfach an einem kleben, kommen mit einem mit oder man schleppt sie anfangs vielleicht unmerklich weiter mit sich rum, auch wenn man sie passiert hat. Und im Laufe der ausformulierten Postmoderne oder wieder auch der zweiten Moderne spürt man bestimmte solche unmerklich mitgeschleppten Türen zunehmend deutlicher. Natürlich muss nicht jeder alle dieser Öffnungsphantasien gewichtig weiterhin aus- und herumtragen. Jeder, der das erste Mal ein Tor schießt, muss wahrscheinlich denken, er habe hiermit auch das Tor erfunden oder sogar den Ball. Bei Befreiungsamnesien nachfolgender Generationen ist so ein typisches bedenkliches Wissen um Greenberg-Positionen möglicherweise genauso überflüssig wie ein latent schlechtes Gewissen deutsch zu sein? ]

08.05.- 09.08.2009 / E.W.Nay und die Farbe - Bilder der 60er Jahre / Haus am Waldsee, Berlin

Ernst Wilhelm Nays Spätwerk Ende der sechziger Jahre im Hinblick auf sein Hauptwerk ist durchaus bemerkenswert. Mehr aber eher nicht. Problem ist hier, dass sein abstraktes  Hauptwerk sehr repräsentativ war bezüglich eines selbst verursacht schwächelnden Kulturklimas im Nachkriegsdeutschland Adenauers. Er und andere westdeutschen Zeitgenossen konnte gegen die heiligen internationalen Standards nicht wirklich anstinken. D.h. nicht dass er in seinem Wirkungskreis außerordentlich wichtig gewesen wäre. Der deutsche Weg der Abstraktion – das riecht schon nach Regionalexpress - wäre ohne ihn ein anderer geworden. Allerdings seine typische per Pinselstrich-durchfurchten Maloberflächen aus den 50ern gespickt mit diesen impertinenten augenartigen Gebilden erinnert immer sehr auch an zweitklassige deutsche Fußballkultur. Blutgrätsche und so, um etwas dramatischer zu werden. Die Arbeit nach innen hin erscheint hier immer zu sehr an Knochen orientiert anstelle auch einer möglichen körperlosen Innerlichkeit nachzugehen.

All das fehlt in seinem Spätwerk. Anscheinend hat er die Palette weggeschmissen und die meisten Farbtöpfe auch. Die Bilder sind in radikaler Anstreicherlogistik gemacht. Meisten zwei bis vier klare Primartöne. Mischen war anscheinend dann verboten. Der simple deckende Farbauftrag vermeidet Pinselgesten. Die dabei entstandenen Formengebilden sind gekennzeichnet von spitzen Winkeln und eher grafisch gestauchten Rundungen. Eine untypische Kombination zugespitzt konstruktivistischer Anleihen und bauschigem Kurveneinsatz, der eher durch die Entstehungszeit der sechziger Jahre stimuliert zu sein scheint. Die Moderne hat in sich genug Irritationen produziert, hier schwingt aber eine zersetzende Komponente in mangelnder Stringenz mit herum. Jedes Wohnzimmer freut sich nach wie vor auf solche Bilder. Auffällig ist die Binnenspannung, die zwischen seinen positiv-negativen Bildräumlichkeiten zustande kommt. Also eher die Bildspannung an der Wand lang. Vorder- und Hintergrundfragen sind nicht existent. Der leidige Vergleich mit den Scherenschnitten von Matisse erübrigt sich, weil Nay nicht annähernd die Präzision von Matisse´ Farb- und Flächenauswuchtungen erreicht.

01.05.- 15.07.2009 / Eric Fischl / Jablonka Galerie, Berlin

Eric Fischl ist einer der achtziger Jahre Maler, bei dem es sich meistens lohnt hinzuschauen. Jedenfalls wenn man mal einen seiner dicken Kataloge durchblättert. So häufig ergibt sich die Gelegenheit in Deutschland nicht, seine Originalbilder zu sehen. Bei Jablonka gibt es leider eher nur ein Beispiel effiziente Einfallslosigkeit zu sehen, mit einer Serie über Stierkämpfer. Da les ich lieber Hemingway. Wenn man schon unbedingt Blut malen will, ist das dunkle Fell der Stiere ein denkbar schlechter Hintergrund für erkennbar eloquentes Blutgespritze. Was Eric Fischl als eine Art malender Updike über mentale Schieflagen der amerikanischen Suburbs auszeichnete, fehlt hier vollkommen. Das Drama des offensichtlichen Kampfes Mensch gegen Tier hat wenig Unterschwelliges zu bieten. Höchstens wenn der Torero dem sterbenden Stier die Hand auflegt. Nichts gegen sportive Motive, aber dann doch lieber Formel1-Boxenstopps oder Karnickelrennen.

Eric Fischl, Corrida in Ronda No.1, 2008

30.04.- 06.06.2009 / Wir verbessern Ihre Arbeit / Institutio Divorciado / Sandra Bürgel, Berlin

Und warum kommt einem die folgende Ausstellungsidee doch leicht blöde vor? Unter dem Titel „Wir verbessern ihre Arbeit“ haben Institutio Divorciado eine geschmackvolle Namensliste zusammengestellt. Die Künstler wurden eingeladen unter der Bedingung, dass die eingereichten Kunstwerke von den Ausrichtern nach deren Gutdünken bearbeitet oder verändert werden dürften. Ihr Eingriff beschränkte sich auf eine monochrome Übermalung aller Ausstellungsstücke mit jeweils einem unterschiedlichen hübschen Farbton aus dem gedeckten Ostereifarbspektrum. Ikonoklasmus um der guten Sache willen? Endlich hat monochrome Malerei mal wieder einen Bestimmungszweck. Der gute Zweck wäre also dem Zwangsindividualismus, kleinbürgerlicher Kunstattitüden den Spiegel vorzuhalten? Klingt nach niedlichem Naivmarxismus der 90er Jahre. Also der und der Künstler in lindgrün optimiert, ist da ein Subcode versteckt, und ein Schritt weiter sind die Farbigkeiten schon wieder piepegal. Mutig oder bemühte Aufmerksamkeitshascherei? Man sollte im Prinzip jede Bemühung massiv unterstützen, die gängige Ausstellungsformate aufzulockern versucht. Nur Pech, wenn letztlich eine blöde und eine langweilige Show zugleich dabei herauskommt.

Poster zur Ausstellung  „Wir verbessern Ihre Arbeit" (Ausschnitt) - Exponate vor der Verbesserung