Nach dem Feierabend der Abstraktion

08.05 - 27.06.10 / INTERIEUR - WERKSCHAU ANDREAS SCHULZE / SAMMLUNG FALCKENBERG / PHOENIX ART / HAMBURG

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ANDREAS SCHULZE / OHNE TITEL (BLUMEN IN DER STADT) / 1997 / 180x300 CM

Andreas Schulzes Malerei hat vermeintlich viel mit naivem Charme zu tun. Der kommt mit einer verblüffenden Nonchalance daher. Andreas Schulze ist wahrscheinlich einer der wenigen, die per amüsiertem Achselzucken malen können. Sehr einfach und sehr lässig. So ein bisschen wie die fröhliche Pubertät auf dem Weg zur Abstraktion oder auch beim angeschickerten Nachhauseweg von dort zurück. Und wer wem zuerst einen Korb gegeben hat, ist dann auch wieder längst egal. Charme hat man oder eben nicht, je nach Tagesform. Naivität muss man sich eher stets mühsam zurückerobern, wenn man kontinuierlich damit arbeiten will. Mit solchen Formulierungen gerät man leider sofort in des Teufels Küche.

Andreas Schulze war der wahrscheinlich einzig echte Neue Deutsche Welle-Maler in den Achtzigern inmitten dieser neuwilden BRD-Malerei. Deren heftige NeoExpress-Vertreter aber nicht mit wahrhaftigen Punk-Entsprechungen verwechselt werden sollten. Es gab natürlich solche Missverständnisse, wahrscheinlich nicht nur bei mir. Will man den Vergleich weiterspinnen, dann war Middendorf damals Extrabreit, Elvira Bach eventuell Nena, und Andreas Schulze könnte dementsprechend die dankbare Rolle des Charme-Prinzen Andreas Dorau gehabt haben. Falls sich jemand noch an einen bezaubernden Song wie „Fred vom Jupiter“ erinnert. Trio wäre als Infantildada auch eine passende mögliche Entsprechung gewesen. Walter Dahn und Jiri Dokupil hatten auch einige NDW-Tendenzen in petto, waren aber frühreif stilistisch zu versiert.

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ANDREAS SCHULZE / OHNE TITEL / INSTALLATIONSSANSICHT / SAMMLUNG FALCKENBERG

Seinen ultimativen Stil hat Andreas Schulze schon zu Studentenzeiten aus dem Hut gezaubert und ist ihm einfach konsequent treu geblieben. Bezaubernd abstrahierende Vereinfachungen der Alltagswelt, die weder den metaphysischen Hoch- noch Tiefbau in der bildlichen Repräsentation bemühen müssen. Ich habe ihn irrtümlich einfach nur für den weltbesten Erbsenmaler gehalten. In der Sammlung Falckenberg gab es jetzt im Frühjahr in einer umfassenden Werkschau annähernd sein Gesamtwerk zu begutachten. Mit dieser Show wird Andreas Schulze als einer der wenigen interessanten Maler der 80er Jahre neu positioniert. Wenn denn genug die Ausstellung gesehen haben.

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ANDREAS SCHULZE / OHNE TITEL / 170 x 410 CM / 2002

Auch schon vor Polkes Tod war immer offensichtlich, dass Schulze einer der wenigen Maler ist, der Polkes piefig-pfiffige sechziger Jahre-Humorigkeit fortführen können. Dessen lustige Tendenzen sind ja später schnell versiegt. War es bei Sigmar Polke die Verhohnepipelung des kriegstraumatisierten (?) Adenauer-Spießbürgertums, hat Schulze eine Entsprechung der ähnlich muffigen Wende-BRD von Kanzler Kohl in den 80ern kreiert. Die kurvigen 50er Nierentisch-Formen mutieren hier zu abstrakten Kurvenböllern, die frei schwebend oder sitzend als Abstraktionsamöben im möblierten Bildraum auch schon mal kommendes Gendesign ankündigen. Menschendarstellungen kommen nicht vor. Es sind Anmutungen von hübsch entkernten Lebensräumen a la broken home stories, deren nicht gezeigte Bewohner vielleicht ähnlich viele Handicaps und Leerstellen aufweisen, so dass man sie lieber gar nicht erst zeigen mag. Dagegen dürfen Marsriegel, Obst, Pflastersteine, Solarien, Geschirr, und jede Menge flott schattierte geometrische Grundformen seine geschmackig sphärischen Farbverläufe im Hintergrund bevölkern.

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ANDREAS SCHULZE / OHNE TITEL / 200 x 400 CM / 1985

Die radikale Simplizität dieser Bildsettings ist nach wie vor erfrischend. Schulzes befreiende Veralberung eines letztlich klerikalen Reduktionismus, nicht nur aus Amerika, hat die Stärke, dass seine essentiellen Albernheiten nicht im flachen Fahrtwasser der Parodie oder Scharade baden gehen. Schwer zu sagen, wie er das hinbekommt. Auf alle Fälle tauchen in seinen besten Bildern wieder so etwas wie bezaubernde Unschuldsmomente auf, wobei man sich auch fragt, warum das als Kriterium eigentlich so ultimativ sein soll. Unschuld kommt hier angenehmerweise sogar ohne moralische Attitüden aus.

Keithstraße 10