ENTHÜLLUNGSMALEREI?

11.01 – 08.05.2011 / DIERK SCHMIDT / IMAGE LEAKS – ZUR BILDPOLITIK DER RESSOURCE / FRANKFURTER KUNSTVEREIN

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Dierk Schmidt, Ausstellungsansicht „Image Leaks“, Frankfurter Kunstverein, Foto: Norbert Miguletz, 2011, © VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Courtesy the artist and Galerie Ursula Walbröl, Düsseldorf

Eine aktualisierte Version des Historienbildes ist ein zentrales Anliegen von Dierk Schmidt. Oder anders gesagt eine tagespolitische Verbindung mit der Kunst liegt ihm am Herzen. In der Ausstellung „Image Leaks. Zur Bildpolitik der Ressource“ im Frankfurter Kunstverein waren überblicksartig seine stets thematisch orientierten Arbeiten von den neunziger Jahren bis heute zu sehen. Vielleicht sagt man besser inhaltlich motiviert. Thematisch geht wohl mehr Richtung Content-Flachbrettbohrerei. Inhaltlich kommt eigentlich schon fast ohne jede Oberflächen aus, womit man annähernd schon bei Schmidts Vorliebe für transparente Malgründe angekommen ist. Da wird es schon kompliziert und bleibt es auch. Bevorzugt arbeitet Dierk Schmidt auf Plastikfolie, was bei möglicher Kundschaft leichtes Augenrunzeln verursacht.

Für einen Maler interessiert sich Dierk Schmidt eher weniger für das ausschließlich visuelle Potential seiner inhaltlich motivierten Bildzyklen. Auch in dem Katalogtext von Holger Kube Ventura geht es in keiner Zeile um formale oder stilistische Fragen von Dierk Schmidts Malerei. Nicht, dass da schlecht gemalt würde. Es ginge wahrscheinlich relativ problemlos noch viel besser. Aber womöglich stünde zuviel meisterliches Malereikönnen seinem politischen Grundverständnis als formalistisches Symptom im Wege. Das nur als Vermutung über ein mögliches verbreitetes Missverständnis. Bleibt die Frage, wohinter man sich besser verstecken kann? Technik oder Haltung? Seine Bilder sind eindeutig Mittel zum Zweck. Der Zweck der Bilder besteht aus einer Art Hinweischarakter über bestimmte ausgesuchte gesellschaftspolitische Um- und Missstände wie beispielsweise Flüchtlingspolitik. Der Mitteilungscharakter seiner aufwendigen Recherchen wird nicht unbedingt direkt in den Bildern virulent. Die Auslagerung von Wissenswertem oder Diskussionsstartern in ausliegendes und begleitendes Textmaterial folgt in gewisser Weise der klassischen konzeptuellen Aufteilung in materialisierter Kunst als Statthalter oder Rätselköder. Das relevantem Kontextwissen dahinter oder drumherum findet somit oft nicht direkt auf der Bühne der unmittelbaren Kunst statt. Das Wissenswerte eignet sich natürlich nicht immer unbedingt für das Bildhafte. Da stellt sich dann auch die Methodenfrage. Hier vertraut der Künstler mitunter auf die ominöse Kraft des sogenannten Beipackzettels. Damit befindet er sich natürlich in vertrauter, illustrer Gesellschaft, auch wenn unter Malern diese Art von Outsourcing nicht sonderlich verbreitet ist.

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Dierk Schmidt, „Autoverwertung“, 1999-2004, Aus der Serie: „What You Buy Is Your Problem“, Öl, Acryl, Girlande auf Folie, © VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Dass bestimmte Sachverhalte und Themenkomplexe zuvor auch in anderen Medien entsprechend divers erörtert wurden, macht (s)eine gemalte mediale Verhandlungsebene nicht zwangsläufig obsolet, wenn man nur an die annähernd gleichgeschaltete Themenwahl der Tagespresse jeden Morgen denkt. Ob Schmidts thematische Agenda und der inhaltliche Umgang sich wirklich entscheidend von diesem Medienkanon absetzt, ist schon wieder eine andere Frage. Wahrscheinlich ist die Absicht hier mehr featureartig im Sinne von vertiefend und korrigierend zu wirken. Natürlich kann Malerei nicht mit der tagespolitischen Tickerhysterie mithalten. Dementsprechend, weil jede Schwäche gegenüberliegend eine potentielle Stärke in sich birgt, setzt dieser Ansatz hier konträr mehr auf eine antizyklische Entschleunigung.

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Dierk Schmidt, Ausstellungsansicht „Image Leaks“ (Detail), 2011, Mehrteilige Installation, Größe variabel, Frankfurter Kunstverein, Foto: Norbert Miguletz, 2011, © VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Courtesy the artist and Galerie Ursula Walbröl, Düsseldorf

Ein Beispiel hierfür war die neueste Arbeit der Ausstellung zur Katastrophe auf der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ im April 2010, bei der vermutlich knapp 1 Mill. Tonnen Öl unkontrolliert ins Meer austraten, ohne dass man je die unausweichlich immensen Umweltzerstörungen wirklich zu Gesicht bekommen hätte. Ja, hatte ich schon fast wieder vergessen. Man bekommt hier nun eine Art thematische Mahnwache präsentiert. Die Umsetzung war hier eher ungewohnt ortspezifisch und installativ angereichert. Eine Vielzahl der quadratischen Plexi-Verblendungen in der Kassetten-Lichtdecke im Kunstverein wurden als Bildträger benutzt, ergaben also eine Art illuminiertes Deckengemälde. Vereinzelte bemalte Deckenelemente lagen auch wie herabgefallen auf dem Fußboden. Weiter war der Ausstellungsraum mit fünf gediegenen Liegen möbliert, wie man sie aus gehobenen Sonnenstudios oder von Floridas Stränden kennt. “... und rufen durch ihre geschwungene S-Form gleichzeitig den Verlauf von Aktienindex-Kurven auf.“ Hauptmotiv bildete eine Vielzahl spielerisch anverwandelter BP-Logos. Die künstlerischen Eingriffe schwankten zwischen Veralberung, subversiver Appropriation oder unflätigem Umgang mit BP´s Corporate Identity. An der Stirnwand zeigte ein großes Querformat auf Leinwand Anmutungen der verseuchten Meeresoberfläche, wiederum vom selben quadratischen  Bildraster zerteilt wie die beschriebene Raumdecke. Hier war anscheinend die Ortsspezifik der Kassettendecke sehr ausschlaggebend.

Außer dem offensichtlichen Logo-Bashing ist von der erklärten Absicht, das abgelegte Thema neu kontrovers aufzumischen, durch reine Bildbetrachtung nicht wirklich viel mitzunehmen / abzugreifen. Möglicherweise verbietet auch eine bestimmte aufklärerische und emanzipative Haltung spektakuläre Motive von selbst. Für eine Art gemaltem direktem Bildjournalismus verzichtet Schmidts Bildpolitik auf eingängige klassische Inszenierungstechniken. Insofern handelt es sich hier eher um Tiefenjournalismus à la Lettre oder Le Monde diplomatique. Ölverschmiert verendete Seevögel wären natürlich etwas zu naheliegend plakativ. Die zum Thema interessanten Informationen finden sich eher im Text des Kataloghefts. Zum Beispiel, dass BP sich signifikante Schlüsselwörter bei mehreren Suchmaschinen sicherte, um entsprechende Suchanfragen auf ihr genehme Webseiten weiterleiten zu können. Oder wenn von erfolgreichen chemischen Bekämpfungsmitteln die Rede ist, die die ungeheuren Mengen freigesetzten Rohöls einfach pulverisiert unter der Wasseroberfläche drücken. „Nur Unterwasserkameras können die riesigen Ölschwaden entdecken, die eine Höhe von hundert Metern und Ausdehnung von bis zu achtzig Quadratkilometern erreichen.“ So etwas würde ich gern gemalt sehen.

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Dierk Schmidt, „‚Ich weiß was... was Du nicht weißt...‘, When Opinion Becomes an Occasion for Calculation” (Detail), 2001/2006, Arbeit in mehreren Teilen und einem ausgelegten Text, © VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Courtesy the artist

Wie gesagt liegt primär seinen Arbeiten ein striktes politisches Anliegen zugrunde, wie man es aus den inzwischen leicht moralinsauren frühen neunziger Jahren kennt. Dass er sich sehr treu geblieben ist, kann man angesichts der Ausstellung im Rückblick mit Sicherheit sagen. Zwangsarbeiterentschädigung, Altwagenrücknahme, Siemens-Kultursponsoring und mehr sind alles thematische Dauerbrenner innerhalb einer typischen linkspolitischen Agenda. Dem gesamten Ansatz liegt eine fast rührige Überzeugung zugrunde, dass es den Themen entsprechend etwas unbedingt Richtiges und Notwendiges mitzuteilen gäbe. Hier operiert eine Sprecherposition mit vermeintlichen Wahrheitsmomenten. Natürlich es gibt so unendlich viel Halbwissen, Informationslücken und lancierte Desinformationen, von denen ich und alle wissen sollten. Aber warum sollte der Informationsschmäh ausgerechnet hier plötzlich aufhören? Die reine unverfälschte Information ist ein Widerspruch in sich. Ambivalenzfrei, könnte man auch sagen, war eines der prototypischen Merkmale dieser hermetischen politischen Korrektheit jener frühen neunziger Jahre. Wie man etwas vermeintlich allzu Bekanntes oder festgefahren Wahrgenommenes auch polarisierend politisieren kann, haben in der Folge dann besser Christoph Schlingensief, Rene Pollesch und Santiago Sierra zumindest erfrischend durchgespielt. Vor solcherlei Tanz auf unsicherem Terrain ist man bei Dierk Schmidt absolut sicher. Sein respektables Insistieren aus der beschriebenen Bildermacherposition wiederum liefert auch zwangsläufig Projektionen für Qualitäten. Für eine bestimmte Zielgruppe hat das bei Dierk Schmidt im Laufe der Jahre für einige Alleinstellungsmerkmale gesorgt. Immerhin probiert da einer konsequent eine Art von politischer Malerei durchzuziehen. In allzu gut eingespielten Kreise heißt so etwas auch Echonicken. Da will natürlich keiner weiter stören.

Alle Zitate: Holger Kube Ventura, Image Leaks - Zur Bildpolitik der Ressource, Publikation zur Ausstellung