REICH ABER ÖDE

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Oliver Laric, CEO, Geländewagen Shuanghuan, 2011, Courtesy of the artist

08.06 –  24.07.2011 / based in Berlin / ATELIERHAUS MONBIJOU / Kunstwerke Berlin / Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof / Neuer Berliner Kunstverein / Berlinische Galerie 

Berlin braucht leider doch keine Kunsthalle. Die dringende Notwendigkeit für eine solche frische zeitgenössische Kunstinstitution in der Hauptstadt kann auch Wowereits Wahlkampfshow based in Berlin nicht überzeugend herausarbeiten. Wie schon die Temporäre Kunsthalle mit gutem Willem kontraproduktiv in dieser Richtung gescheitert ist. Ob das luxuriöse Ausstellungsbudget von 1,6 Millionen jetzt wirklich zu Ungunsten massiv unterfinanzierter Berliner Kunstförderung geht, ist eine andere, allerdings allzu berechtigte Frage. Gewissermaßen ist ja des Bürgermeisters Portokasse mal eben eingesprungen, nachdem der Berliner Senat eine langfristige Finanzierung der Kunsthallenplanung abgelehnt hat. Trotzdem bleibt die Frage, was bei dieser Show gut anderthalb Millionen gekostet haben soll, wenn man beispielsweise bedenkt, dass jeder beteiligte Künstler fünfhundert Euro Ausstellungshonorar bekommen hat, was bei achtzig Teilnehmern circa 40000 EUR ergibt und damit lediglich 2,5 Prozent des Gesamtetats ausmacht. Immerhin geht es um einen Betrag, nach dem sich so mancher Kunstverein als mehrfaches Jahresbudget die Finger schlecken würde. Ergebnis: Eine eher unmotivierte Zwischenbiennale. Oder auch eine dieser jährlichen Senatsstipendiatenausstellungen in circa fünffacher und ungewohnt internationaler Ausführung.

Wer eine Art zweigeschossiges Kuratorenteam an den Start schickt, bzw. das junge Untergeschoss mit fünf Kuratoren-Newcomern durch fünfhundert Berliner Ateliers scheucht, darf sich über große freundliche Beliebigkeit am Ende nicht wundern. Troubleshooter waren auch noch eingeschaltet. Dem Vernehmen nach war das wichtigste Input der Profikuratoren an den Nachwuchs folgende Kalkulation: Es braucht zehn international etablierte junge, sechzig aufstrebende bereits institutionell abgefederte Namen plus zehn Wildcards. Natürlich schadet es nicht, durch die fünf Ausstellungsstationen zu schlendern. Bei achtzig Künstler/innen müssen allein nach statistischer Gesetzmäßigkeit zwangsläufig zwei bis vier Neuentdeckungen auftauchen. Der NBK hat sich fast in eine Videolounge verwandelt. Hier kann man sich nicht zum ersten Mal interessiert fragen, warum sich bildende Kunst ausgerechnet so ausgiebig einem Medium wie dem erweiterten Dokumentarfilm widmen will. Gibt es da eine Art Realismusschuld ähnlich der letzten Berlin Biennale, die sich bedingt durch leichten technischen Zugriff aber öfters allzu leichtfüßig abhandeln lässt?

Im Hamburger Bahnhof ist die Präsentation demgegenüber luftig museal. Die viel- und kleinteilige Wandinszenierung der Galerie im Regierungsviertel schaut am besten aus. Angeblich bestückt mit sehr vielen nicht abgeholten Ausstellungstücken in ihrem ursprünglichen Standort Forgotten Bar. Die Einbindung wichtiger Berliner Projekträume gehört zu den taktisch-freundlichen Konzessionsmaßnahmen angesichts des beträchtlichen Unmuts innerhalb der Berliner Kunstszene bezüglich dieser Ausstellung. Der freie Eintritt sowie ein günstiger Katalogpreis von sieben Euro gehören auch dazu. Weiter mit den Exponaten: Dominik Sittig hat seine informell-krustige Alien-Blechkuchen-Malerei mit wohlgestalteten Ankündigungsplakaten seiner Vorträge wie „Geist und Angst“ kontextualisiert. Solch retrograde Positionen - oder sagt man mittlerweile submodern? -  findet man sonst eher nur noch in der eingebetteten authentischen Autocenter-Show im Monbijoupark. Falls es einen gemeinsamen Nenner innerhalb dieser Auswahl geben sollte, hätte er mit installativen Momenten zu tun, wahlweise poetisch, referentiell oder kontextuell chiffriert. Trendscouts haben es hier nicht leicht. Einige Arbeiten wirken auch wie aus dem Fundus abwegiger Kurzgeschichten, wenn einer der Künstler (Fiete Stolte) seine Tagesdauer in 21 Stunden umdefiniert und die Woche dementsprechend nun acht Tage hat. Oder Nina Canell bei fünf Sammlern zwölfmal im Jahr unerwartet kurzfristig den Strom abstellt. Ansonsten im Hamburger Bahnhof eher möbliarartige Artefakte und Inszenierungen wie spezielle Espressotassen mit Danton Zitaten kurz vor dessen Hinrichtung (Tobias Kaspar), und großzügige Bodenregale für deren Halterungen jede Menge kunsthandwerkliche Skulpturen auf Regalhöhe ruppig zurechtgestutzt wurden (Nina Beier). Ein perfekt gedeckter Esstisch mit eindeutig zu vielen Servietten (Maria Loboda) enthüllt seine subversive, machtkritische Tendenz im Titel: „Thats how every empire falls“. Es ist aber noch verzwickter: die Serviettenringe in unterschiedlichen Farben stehen für eine verborgene Botschaft in einem Geheimcode namens Baconian Cipher. Ist Referenzschnitzeljagd nicht schon länger aus dem Studienplan gestrichen worden? Wahrscheinlich noch nicht in der Kuratorenausbildung. Monochrome starkfarbige Leinwände von Simon Dybbroe Møller behangen mit kontrastierend bunten Netzen sind von dekorativer Belanglosigkeit gekennzeichnet. Wurde der Bildinhalt noch rechtzeitig weggefischt oder ist hier Rosalind Krauss’ Grid als beliebtes Moderne-Motiv auf der Flucht ins Dreidimensionale?

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Anne Neukamp, Oui, 2011, 200 x 150 cm, Öl, Eitempera, Leinen, Photo: Ludovic Jecker, Courtesy of the artist

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Juliane Solmsdorf, Ohne Titel, 2011, Nylon, wood, Courtesy the artist (jeweils)

In den Kunstwerken wird man empfangen von einem Straightedge-Tanzvideo aus Vancouver per monumentaler Slowmotion-Doppelprojektion (Jeremy Shaw). Könnte gedacht sein als Tribut an Berlin als globale Clubmetropole. Interessant, dass diese gefilmten Rave-Horden eher bedrohlich wirken wie auch ein weiterer Film über die Fuck-Parade (Matthias Fritsch / Monbijoupark) zeigt. Ich tanze jetzt nur noch unterm Teppich. Die Tendenz zur frischen Ethnologie ist auch einer der wenigen typischen Aspekte dieser Show. Weiter oben ist interessante Malerei mit und über verschwindende Oberflächen von Anne Neukamp zu sehen. Wenn direkt daneben jedoch eine Containerkiste mit abgeschlagenem Putz platziert ist, auf dem mal Graffiti zu sehen war, gerät die Platzierung allzu thematisch. Im nächsten Stock, sehr unscheinbar gehängt, ist ein Reststück eines Rolladens (Kitty Kraus) kaum an trister Kargheit zu überbieten. Hier wird die Kunst, weil sie eben möglichst wenig mit Kunst am Hut haben will, wieder erstaunlich interessant. Die eigenartigen Nylonbilder zwischen elliptischem Konstruktivismus und bizarr-banaler Körpermaterialität von Juliane Solmsdorf finden viele zu Recht schon länger gut. Ihre Installation „Lustgarten“ aus entkernten Stahlrohrsitzgelegenheiten passt gut zu einer Stadt wahlweise ohne Himmel, Frühling oder S-Bahn.

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Ryan McLaughlin, Sour Duck Collage, 2010, Oil on linen on board, 50 x 57 cm, Courtesy of the artist & Lüttgenmeijer, Berlin

Im Monbijoupark herrscht dagegen bedrängte Klausur-Stimmung. Eher zu viele kleine Räume mit diesem und jenem Gedöns aus der jungen Gemüsepfanne. Kajsa Dahlberg hatte die Idee, alle Kommentare, die je in die verschiedenen Exemplare von Virginia Woolfs Erzählung „Ein Zimmer für sich“ in Berliner Bibliotheken hineingekritzelt wurden, in einer Fake-Reclam-Neuauflage zu publizieren. Mariechen Danz betreibt vielversprechend obskure Körperbaustellen mit syntaktischem Überbau in Richtung Gesamtkunst, so eine Art BauernPowerpoint-Mischung zwischen Matt Mullican und Matthew Barney. Am besten gefallen hat mir Ryan McLaughlin mit kleinen intimen Post-Guston Malereien, besonders in Kombination mit seinen eigenartigen Textilobjekten, die schwer beschreibbar – meistens ein Qualitätsindiz, am ehesten vielleicht  neu-sachlich-gothic wirken. Das monströse Gerüst im Monbjioupark wurde angeblich installiert aus Sorge, weil sonst womöglich niemand das Gebäude gefunden hätte. Ähnlich abwegige Überlegung, wie die eskapistische Platzierung der chinesischen Geländewagen (Oliver Laric), verboten im EU-Markt wegen Produktpiraterie, dort oben auf der neugeschaffenen Aussichtsplattform. Kann man aber auch als Kommentar zur halbseidenen deutschen Kulturpolitik gegenüber China verstehen. Trotzdem danke für den schönen Ausblick, wobei sich hier unangenehm wieder das ersehnte Stadtmarketing von Herrn Wowereit aufdrängt.

Auch wenn ich dem allgemeinen Aufschrei angesichts Wowereits Formel 'Stadtmarketing durch zeitgenössische Kunst' nicht folgen konnte, weil Kunst eben vor einigen Jahrhunderten zu Repräsentationszwecken erfunden wurde, hat der offene Brief von Haben und Brauchen doch viel entscheidend richtiges über die prekären Defizite in der Berliner Kunstförderung mit erstaunlicher Präsenz thematisiert. Die Senatsverwaltung sah sich sogar zu einem dieser typisch Kurzschluss-Entgegenkommen genötigt, wenn Haben und Brauchen innerhalb von zwei Wochen einen entsprechenden Kunstplan vorgelegt hätte, was wiederum innerhalb dieses knappen Zeitfensters in seriöser Ausarbeitung unmöglich machbar war und dementsprechend abgelehnt wurde. Stattdessen wurde jetzt beschlossen, die in den letzten Monaten überlastete Haben und Brauchen-Gruppierung mittels mehrerer Arbeitsgruppen  zu vergrößern, um von dort aus bis September einen langfristigen Strukturplan zur verbesserten Berliner Kunstförderung auszuarbeiten. Was nach mühseligem Tagesgeschäft im Dunkeln klingt, sollte aber nicht unterschätzt werden, wenn genügend mit von der Partie sind.

Insgesamt als Resümee über based in Berlin, würde nicht nur der Bund der Steuerzahler konstatieren, bleibt ein skandalöses Ärgernis, was für Unsummen hier für eine allerhöchstens mittelprächtige Krümelshow verpulvert wurden. Ganz zu schweigen, von der Albernheit, hierfür die drei vermeintlich weltwichtigsten Kuratoren zu engagieren. Man hätte hier einiges an Kuratorenhonorar sparen können, wenn man stattdessen Hans-Ulrich Obrist dreimal zum Kurator ernannt hätte. Er publiziert ja auch gern Kuratorenratgeber, in denen er selbst mindestens zwölfmal interviewt wird. Falls man die Ausstellung doch als repräsentativen Querschnitt ernst nehmen wollte, hat es den Anschein, in dieser allzu lang gehypten Stadt passiert kunstmäßig gerade nicht viel Relevantes. Mal sehen, was die nächste Berlin-Biennale bringt. Hiermit endet diese kolumnenartige Berichterstattung meinerseits.

 

 

28.06.2011