Kollateralobjekte auf dem Weg zur Arbeit

07.02 - 22.03.09 / Simon Starling / Under the Lime / Temporäre Kunsthalle Berlin

So als Denkfutter ist die Arbeitsweise von Simon Starling prima. Materialisierte Flowchartart im halboffenen Kreisverkehr. Oder was eben passiert, wenn jemand immer zuviel Physik- bis Schiffsbaukästen geschenkt bekommen hat. Jungskunst mit dem sehr richtigen Bewusstsein, dass eben alles immer sehr im Fluss ist. Attacke Endresultat, was ja durchaus öffnende Momente hat, aber so extrem unaufgeregt, dass es auch öfters langweilig genannt wird. Wie er selbst sagt, ist das vielleicht auch nur Kunst, wenn man will oder weil er Kunst studiert hat. Mit fehlender Aufregung hat die temporäre Kunsthalle mehr Probleme. Vier Ausstellungen pro Jahr mit Namen, deren Shows man sich aus dem Effeff ausmalen kann, machen das Ganze etwas absehbar. Klar, schon unbedingt gut, dass es das gibt. Atmosphärisch legt aber der ehemalige Baugrund des Palasts der Republik nebenan in punkto kultureller Wertigkeit bislang Woche für Woche zu. Wird in zwanzig Jahren sowieso wieder aufgebaut.

In der Frieze-Review (No.121) wurde nonchalant angemerkt, einige tausend Tonnen Stahl des Palasts der Republik wurden nach Dubai zum Wolkenkratzerbau weiterverkauft, was Simon Starling sicher sehr gefallen würde. Noch mehr interessieren könnte ihn, dass auch Volkswagen Tonnen dieses Stahls für Motorblöcke des Golf VI eingekauft hat. Die fahren bereits herum.

Womit wir beim interessantesten Ausstellungsstück der Ausstellung „Under the Lime“ angekommen wären: Ein nackter Volvomotor, der charmant in der Ausstellung vor sich hin tuckert, um einen zweimeterhohen Kaktus mit angemessenem Raumklima zu versorgen. Selbiger Kaktus wiederum war zuvor vom Künstler aus der spanischen Wüste, die Schauplatz für jene bekannten Spaghettiwestern war, mit jenem Motor noch als Bestandteil eines funktionstüchtigen Volvo nach Mitteleuropa transportiert worden (Kakteenhaus / 2002). Der Volvo ohne Motor parkt vor der temporären Kunsthalle. 

Prozesse und Transformationen sind die Schlüsselworte dieser Arbeitsweise, nur kriegt man damit keine Tür auf, weil die Tür bereits schon wieder in Holzwürmer transferiert oder das Schloss längst zu einem Schlüssel umgeschmolzen wurde, für den es jetzt kein Schloss mehr gibt. Das ist natürlich viel zu bedeutungsschwanger fortgesponnen. Selten wurden bisher der Arbeitsweg eines Künstlers so produktiv gemacht. 

Betrachtet man „Plant Room“ (2008) als Skulptur, was Starling sicher nicht beabsichtigt, so wurde dieser archaische Lehmbau in Parabelform als Folgeerscheinung notwendig, um der ursprünglichen Ausstellungsidee folgend acht originale Vintage-Drucke von Karl Blossfeldt zeigen zu können. Diese jedoch benötigen entsprechend konservatorische Klimabedingungen, über welche weder die Temporäre Kunsthalle noch der ursprüngliche Ausstellungsort (Kunstraum Dornbirn) verfügten. Insofern ist das aufwendigste Bestandteil der Show gewissermaßen ein Kollateralobjekt, in dessen Wänden jetzt ein Heizungssystem zirkuliert, das für professionell Präsentationsbedingungen sorgt. Institutionskritik ist auch im Spiel. Steigt man auf Starlings Systemimmanenzen ein, ist alles folgerichtig. Tritt man zwei, drei Schritt zurück, fragt sich außerhalb solcher Verkettungsinhärenzen schnell, warum müssen es ausgerechnet Originalabzüge Blossfeldts sein? Und der Rest dieser Installation erübrigt sich schlagartig.

Es werden oft Simon Starlings narrative Qualitäten betont. So gesehen ist er ein Backstoryartist ohne kunsthistorische Referenzhuberei. Eine markante Ratlosigkeit im aktuellen Kunstgeschehen scheint sehr dankbar zu sein für seinen lapidaren Essentialismus. Seine Bedeutungsproduktion operiert gewissermaßen ausschließlich mit verschachtelten Nebensätzen.