Kein Leipziger Einerlei

Zur Neugründung erst einmal eine Gruppenausstellung, so lautet das ungeschriebene Gesetz auf dem Parkett des Kunstmarktes. Was allerdings die Berliner Galerie von Alexander Koch, Nikolaus Oberhuber und Joyclyn Wolff gerade bei ihrem Debüt präsentiert, geht weit über die übliche Eröffnungsschau hinaus. Während der Betrieb in den Räumen an der Brunnenstraße noch dem Leben auf einer Baustelle gleicht, scheint die inhaltliche Ausrichtung von Koch Oberhuber Wolff dagegen bis ins kleinste Detail ausgefeilt zu sein. Denn anstatt schlicht die Hauskünstler/innen vorzustellen, beginnen die drei Betreiber selbstbewusst und ambitioniert gleich mit einer ganzen Ausstellungstrilogie, die noch dazu einem politisch-philosophischen Thema folgt.

Das Konzept von „Antirepresantationalism“, so die Überschrift der Reihe, bezieht sich auf die Reflexionen des US-amerikanischen Pragmatikers Richard Rortys. Rorty zufolge sollte das menschliche Streben nach Wahrheit und Objektivität eingetauscht werden durch die Fähigkeit zur Empathie und das leidenschaftliche Eintreten für sozialen Fortschritt. Im Vordergrund sollten deshalb nicht so sehr Fragen nach der adäquaten Repräsentation von Realität stehen, sondern vielmehr der gemeinschaftliche Sinn für Solidarität gestärkt werden, wie der Pressetext die theoretischen Grundlagen erklärt. Der jetzt zu sehende, erste Teil mit dem Titel „Politics of Rediscription“ geht dabei dem Problem nach, wie sehr unsere Sicht auf die Vergangenheit von der Wahl der Perspektive abhängt; bei den nachfolgenden Ausstellungen soll dann das Konzept des Realismus hinterfragt („Trouble with Realism“) sowie Rortys Begriff der Einfühlung konkretisiert werden („Issues of Empathy“).

So wichtig und notwendig derartige Überlegungen zur gesellschaftlichen Relevanz von Kunst generell sind, die eigentliche Überraschung liegt in der geographischen Schwerpunktsetzung der Schau. Sie konzentriert sich nämlich ganz auf den Kunststandort Leipzig. Bei „Politics of Rediscription“ sind auf den drei Etagen der Galerie vierzehn Künstler/innen versammelt, die zumeist an der dortigen Hochschule studiert haben. Von figurativer Malerei, für die die sächsische Stadt seit dem Erfolg von Neo Rauch vor allem in den USA bekannt ist, findet sich jedoch keine Spur. Stattdessen arbeiten die ausgewählten Absolvent/innen in den Medien Installation, Fotografie und Buchkunst, hauptsächlich jedoch mit bewegten Bildern in Form von Videos und Filmen.

Ramon Haze, "Der Schrank, The Cabinet of Ramon Haze", 1979-2009, courtesy KOCH OBERHUBER WOLFF

Vom ersten Stockwerk der Galerie blickt man auf die Überreste eines zweigeschossigen Hauses, das vielleicht vor dem jetzigen, von Arno Brandlhuber entworfenen Neubau aus Glas und Beton hier gestanden haben mag: Die Tapeten kleben noch an den Wänden, auf Höhe der oberen Etage stehen sogar noch zwei Schränke mit aufgeklappten Türen auf einem schmalen Bodenrest. In ihnen liegen etliche Pissoirs, Bälle in Glaskuben sowie ein Satz eckiger Vasen. Bei diesen zum Abriss freigegebenen Innenräumen handelt es sich mitnichten um die Architektur des Vorgängergebäudes, sondern um die Installation „Der Schrank“ (1997-2009) von Ramon Haze, einem fiktiven Charakter, den Holmer Feldmann und Andreas Grahl geschaffen haben. In einer fernen Zukunft arbeitet Haze als Kunstdetektiv und rekonstruiert anhand von Fundstücken die untergegangene Kulturepoche des 20. Jahrhunderts, die er in den Schränken aufbewahrt. Da anscheinend wenig Material aus unserer Gegenwart erhalten geblieben ist, stellt Haze haarsträubende Theorien auf: Marcel Duchamp muss sein Urinal aus Leipzig bezogen haben. Ein gewisser Andreas Baader war ein wichtiger Künstler der Zeit, der viel mit Salpeter experimentiert hat. Constantin Brancusi ging es in erster Linie um das Stapeln von Gegenständen: Mit der Figur des Ramon Haze legen Feldmann und Grahl offen, dass sich Geschichtsschreibung zwar als wissenschaftliches Unternehmen begreift. Ihre Ergebnisse hängen jedoch immer von der zufälligen und lückenhaften Überlieferung ab. Ein in sich logisches Konstrukt, das auf Relikten der Realität basiert, kann absurde Blüten treiben.

Mit dem Einfluss der Kunstgeschichte auf die künstlerische Praxis befasst sich Tina Schulz in ihren Arbeiten. Die nicht filmisch dokumentierte Performance „Wall Floor Positions“ (1968) von Bruce Nauman stellt sie in dem gleichnamigen Video mittels Fotos nach, die sie nacheinander aufgenommen und damit animiert hat. Bei „42 Fragen an Franz Erhard Walther“ (2005) tritt sie in einen imaginären Dialog mit Walther, der gerade auf breiter Front wiederentdeckt wird: Die Zeitschriften Spike und Kaleidoscope widmen ihm aktuell Porträts; auf dem ART FORUM war er kürzlich bei einem Künstlergespräch zu hören. Auf der Basis des „Ersten Werksatzes“ (1963-69) konfrontiert Schulz den Künstler mit ihren Überlegungen zum Verhältnis von Kunstwerk, Raum und Betrachter, die sie auf ein Diptychon gedruckt hat. Das gefundene Foto eines Graupapageis verwandelt sie schließlich in eine Allegorie auf das Dilemma der heutigen Künstlergeneration. Bleibt ihr nur übrig, die Errungenschaften der historischen Avantgarden wie der sprachbegabte Vogel einfach nachzuplappern oder wo kann es noch Spielraum für eigene Setzungen geben, wenn alles schon einmal gesagt wurde?

Tina Schulz, "o.T. (Graupapagei), 2004, courtesy KOCH OBERHUBER WOLFF

Wie mit Architektur systematisch die Geschichte einer Region überschrieben wird, zeigt Clemens von Wedemeyer in seinen zwei Videos, in denen er den Wandel des Nachwende-Leipzigs von der Peripherie her betrachtet: Bei „Die Siedlung“ (2003) begeht er das Neubaugebiet Grünau, das auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne der Sowjetarmee entsteht. Jetzt sollen in der schmucken Wohnanlage die Bewohner/innen der nahe gelegenen Plattenbauten untergebracht werden, die nach und nach verschwinden. Aus Mietern sollen Eigentümer werden, die für ihren Besitz fortan selbst verantwortlich sind. Der erste Entwurf der Anlage, im Bauhausstil konzipiert, kam bei den potentiellen Hausbesitzern gar nicht gut an, wie ein Makler erklärt. Die Utopie sozialen Bauens scheint in der tristen Spitzdach-Siedlung ein weiteres Mal zu scheitern.

Hinter die Dinge zu sehen, mit eigenen Bildern den gewohnten Vorstellungen entgegenzutreten, dieses Vorgehen durchzieht wie ein Leitmotiv die Ausstellung, die mit ihrem anderen Fokus auf Leipzig ja selbst einen neuen Blick auf die jüngste Kunstgeschichte eröffnet. So gesehen, lässt sie sich auch als ein Kommentar auf die Diskussionen an der dortigen Hochschule für Grafik und Buchkunst verstehen, die nach dem Abgang von Neo Rauch um ihre zukünftige Ausrichtung ringt. Konzeptuelle und gesellschaftlich orientierte Kunst aus Leipzig? Nach dem Besuch von „Politics of Rediscription“ ist klar, dass es sich hierbei nicht um einen Widerspruch handeln muss.