LOB DER SCHWÄCHE. Helena Huneke über Seth Price in der Galerie Capitain Petzel und in der Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin

Seth Price, „Die Nuller Jahre“, Galerie Capitain Petzel, Berlin, 2010, Ausstellungsansicht

Seth Price reflektiert in seinen beiden aktuellen Ausstellungen in Berlin seine Entwicklung der letzten zehn Jahre vom experimentellen Filmemacher zum Vollzeitkünstler und zurück.

So glich die Ausstellung bei Capitain Petzel einem Zurschaustellen von „Künstler-Produktion“. Idee und Technik werden so oft variiert bis die Wände voll sind. Kunst als Massenproduktion, auf deren unterschiedliches Oberflächendesign das Geschmacksurteil des Käufers fallen kann. Was soll man erwarten, von einer zweiteiligen Präsentation, deren erster Teil in dem Glaspalast eines ehemaligen Autohauses an der „Wild-West-Allee“  stattfand und die am nächsten Tag an einem der behaglichsten Orte für „It“- Künstler, der Galerie Bortolozzi, weitergeführt wurde. Die selbst offenbarenden Reflektionen sozusagen im geschützten Innenraum und im ehemaligen Showroom eine Serie verführerischer Objekte. Die in Mode gekommene Form der Doppelausstellung bietet sich an, um ein dialogisches Gegenüber herzustellen. Hier wurden Videoaufnahmen aus der Kunststoff verarbeitenden Industrie gezeigt, dort die künstlerischen Ergebnisse.

Price hat mit dem Vakuumtiefziehen ein relativ günstiges Verfahren zur industriellen Fertigung kleiner Serien gefunden, das gleichzeitig markentauglich ist. Eine dünne Kunststofftafel wird über eine Form gezogen, die als Abdruck erhalten bleibt. (In der Verpackungsindustrie wird dieses Verfahren zum Herstellen größerer und kleinerer Schalungen verwendet.) Die Herangehensweise wirkt erst einmal pragmatisch.

Die Kunststofftableaus haben eine matte Farbigkeit und teilweise Einsprengsel, die an den Gebrauch von Laminat im Design der 80er Jahren denken lassen. Die Methode, Gegenstände oder Objekte abzudrücken, ist wiederum so einfach wie eine Frottage. Dass unter diesen festen Häuten gelegentlich die Hanfseile hervorlugten, die doch schon ihren Dienst als Stempel für das Tiefziehverfahren getan haben, berührt einen fast peinlich. Dieser Blick hinter den Vorhang bricht mit dem Pathos, den die Seile auf der Oberfläche abgedrückt als Zeichen von Gefangenschaft und Gebundenheit haben.

Dass der großangelegte Versuch, über eine Dekade künstlerischer Praxis zu resümieren ohne Ironie oder andere Methoden der Selbstentfremdung auskommt, mag der US-amerikanischen Kultur geschuldet sein, beeindruckte mich aber dennoch. Ein sehr langes Video, das auf einem „artist talk“ basiert und der ausliegende, von Price geschriebene Pressetext, schienen das Bemühen wiederzugeben, sich innerhalb der Vermittlung der Arbeiten offen zu halten. Die Forderung, seine Arbeiten chronologisch und folgerichtig zu präsentieren, wird von Künstler/innen oft als unangenehm empfunden, denn das „Werk“ wird durch die Erklärungsversuche nivelliert und die Entscheidungen für eine bestimmte Form sollen allesamt „bewusst“ getroffen sein, um sie dem Rezipienten nachvollziehbar zu machen.

Indem sich Seth Price auf diese Ebene einlässt, schwächt er seine Position und bedient ganz die Forderung nach Logik in der Arbeit. Genau das unangenehm Berührende, das entsteht, wenn eine kleine Gedankenfolge im Prozess der Entwicklung als einzigartig hervorgehoben wird und sich so als weiterreichende Erfindung präsentiert, kommt zur Geltung, wenn in dem Video von Price erklärt wird, dass die Form des Diavortrags das Ergebnis von Überlegungen ist, Film weder als performatives noch als cineastisches Medium nutzen zu wollen.

Etwas wirklich „Neues“ zieht Prices Forschung mit der Figur des Erfinders Thomas Edison an die Oberfläche. Patenturkunden flattern über den Bildschirm und es sieht so aus, als halte Edison sämtliche Rechte an Techniken, die die Grundlagen unseres Informationszeitalters bilden. Dass er auch an der Entwicklung von Telefon und Filmprojektor Anteil hatte, war mir neu. Fast skurril mutet Edisons Versuch an, auf jeden einzelnen Frame eines Films seinen Rechtsanspruch geltend zu machen. Edisons Prozesse waren legendär und brachten ihn und seine Firma fast an den Rand des Ruins. Copyright könnte auch als Thema der Arbeiten, mit denen Price begann, als er erste Angebote für Ausstellungen bekam, begriffen werden. Der leicht antiquierte Begriff „Skulpturen“, mit denen er ausdrücklich seine relativ flachen Wandarbeiten bezeichnet, macht es leicht, einen Rechtsschutz zu beanspruchen.

Schon während der Eingangsexkurse über Kunst als Film und Film als Kunst setzt in dem Video die Diashow ein. Und ganz selbstverständlich wird klar, warum die Avantgardeform Film verschmäht wurde. Wenn Film als Kunstform auch deshalb populär wurde, weil die Mittel zur Herstellung durch Super8 oder später Betamax  breit verfügbar wurden, dann ist das Internet auf dieser Achse sicher ein Mittel mit dem heute besser über Wahrnehmung gearbeitet werden kann. Das Thema der Dias sind Kunstwerke alte Meister neben naiven Autodidakten, aus dem Internet, geeint in Ihrer Entkoppelung vom Kontext, was nicht zu letzt auch heißt, das ein Werk nur unter Einbeziehung bestimmter Rahmenbedingungen wie Farbigkeit oder Beleuchtung existiert. Durch die Entgrenzung der Rahmenbedingungen in der Auflösung des Computerbildschirms erscheint die Arbeit von Price als Dekonstruktion der Kunstgeschichte. Das Eingangs gezeigte Portrait eines jungen Mannes im Stil des 18. Jahrhunderts ist rot angelaufen, das Muster einer folkloristisch anmutenden Malerei überschneidet sich mit den viel zu grob aufgelösten Pixeln, eine surrealistische Studie nimmt beängstigende Ausmaße an. Qualität und Quantität des im Internet verfügbaren Wissens sind zu einem Tool für „Bad Painting“ geworden.

Der Diavortrag wird mehrmals durchbrochen von Filmmaterial, den schon erwähnten Aufnahmen aus einer Kunststoff-Werkstatt, geografischen Karten und Animationen. Gelegentlich dienen die so gefundenen Formen als Ideengeber für plastische Arbeiten, die wiederum in den realen Räumen der Galerie Bortolozzi zu finden sind. Aus der analogen Form des Diavortrags wird ein Multimedia-Spektakel. Gleich zu Beginn des Videos läuft ein Sketch aus den Anfangstagen der Cinematografie. Immer wieder kitzelt ein kleines Mädchen einen grimmig Zeitung lesenden Mann mit einem Federkiel. Dieser versucht unter großen Anstrengungen ein Insekt zu verscheuchen. Das Mädchen lacht in die Kamera, es lacht mit dem Betrachter, der zum Verbündeten wird. Der Sketch ist so eine Skizze über den Versuch, ein großes Publikum zu einen.

Ein wenig bedient Price dann doch die metaphysische Trickkiste, als er über den Begriff des Unheimlichen als Problem von Nähe und Betroffenheit innerhalb der Identitätsdebatte um fiktive Persönlichkeiten redet. Zuerst wird der Diskurs von zwei Seiltänzern unterlegt, die sich in luftiger Höhe gefährlich nahe kommen. Gänzlich betroffen aber werden die Betrachter/innen von einer mathematisch generierten Grafik, die stark an eine immer wieder vorwärts rollende Welle erinnert und die Zuschauer mit einem Gefühl von Seekrankheit zurücklässt. Wurde vielleicht vorher nur dem Connaisseur durch die verzerrten Farben bei dem Diavortrag schlecht, so darf sich jetzt jeder, einer durch die Mittel des 3-D Kinos hervorgerufenen Seekrankheit hingeben.

Seth Price,  „Die Nuller Jahre“, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, 2010, Ausstellungsansicht

Ebenso typische US-amerikanische Features, wie Demokratie im Internet, verarbeitet die 2008 bei Leopard Press erschienene Buchpublikation von Price „How to disapear in America“. Im Stil einer pragmatischen Handlungsanweisung geschrieben, beginnt das Ganze relativ gut gelaunt mit dem Zerstören von Automotoren. Allerdings der eigenen Autos, was einen interessanten Unterschied zur europäischen Diskussion um brennende Autos, zum Beispiel in Texten der Goldenen Zitronen, macht. Die zögern nämlich schon, weil es sich um das Auto eines Freundes handeln könnte. Je weiter in dem Buch die Möglichkeiten, dem Überwachungsstaat zu entkommen, aufgezählt werden, desto aussichtloser scheint das Unternehmen. Ein verschwörungstheoretisches Zittern beginnt. Spätestens, wenn immer öfter als Gründe für das Verschwinden wollen, Domestic Violence oder Stalking beiläufig auftauchen, beginnt sich ein Bild von Freiheit zu entwickeln, das nur in Form existenzieller Einsamkeit möglich ist. Die Schlussszenen, in denen der Autor mit einem real existierenden Aussteiger am Rand der Wüste kommuniziert, sind versöhnlich. Eine „Skulptur“ bei Bortolozzi zeigt eine wie an den Nagel gehängte Bomerjacke in Gold.

Der Hype, den die jungen politischen Künstler aus den USA in Europa erleben, ist auch in dem Missverständnis begründet, die Differenzen zwischen den beiden Kulturen nicht genau genug unter die Lupe zu nehmen. Wird Offenheit und das Bemühen um Eindeutigkeit hier vielleicht als Verdienst angerechnet, dem Schlamassel der Subjektivitätsbehauptungen von verschiedenen, teilweise gespielten „Künstleridentitäten“ zu entkommen, dann stehen diese Tugenden in den USA in einer Tradition, in der ein Miteinander unter Gleichen Priorität hat. Dass innerhalb der pragmatischen Philosophie auch eine Zeichentheorie entstand, könnte die Distanz erklären, die ein „politischer“ Künstler seinem Werk gegenüber hat. Auch darf nicht vergessen werden,  dass auf der anderen Seite, junge Maler, oder „romantische“ Künstler aus Europa in den USA Bewunderung genießen, die auf ähnlichen Missverständnissen beruht. Ein Schlüsselwort ist der Begriff  „Uncanny“, der zwar mit dem Unheimlichen übersetzt wird, aber auch eine spezielle Auffassung vom „Unbewussten“ zeigt. Für den Markt ist das Import/Export Verfahren sicher gut, mehr „gemischte“ Ausstellungen wären spannend.

Price schafft es, Widersprüche hervorzubringen, die produktiv sind. Er lässt das, was über seine Intention  hinausgeht, bestehen. Die gradlinige Entwicklung „von-bis“ erfährt Rückkopplungen und Schleifen. Besonders irritiert (und gefreut) hat mich, dass in der Ausstellung bei Capitain Petzel, die man für eine „gereinigte“ Kunst-Produktion halten könnte, auch frühere Filme von Price gezeigt werden. Das war zwar bei der Eröffnung nicht zu erkennen, ist also eventuell eine relativ späte Entscheidung, zeigt aber auf jeden Fall, dass sich Price innerhalb seines Künstlerkostüms einiges gestattet. Wenn man vorher vom experimentellen Filmemacher redete, ist davon sicher ein experimenteller Künstler übrig geblieben.

Seth Price, „Die Nuller Jahre“, Galerie Capitain Petzel, 15. Januar bis 27. Februar 2010 und Isabella Bortolozzi, 16. Januar bis 20. Februar 2010. Filme von Seth Price sind an den Samstagen im Januar und Februar um 16:00  in der Galerie Capitain Petzel zu sehen. Das spontan ausgesuchte Programm wird zuvor per Email angekündigt.

Seth Price, „Die Nuller Jahre“, Galerie Capitain Petzel, Berlin, 2010, Ausstellungsansicht