Isabelle Graw

Nach dem Wochenende

Ist der Boom vorbei, wird das mit ihm Assoziierte und im Zuge der vielbeschworenen „Krise“ in Verruf Geratene paradoxer Weise wieder legitim. So z.B. die zu Boomzeiten in den Medien omnipräsenten Hit- oder Top Ten-Listen, in denen persönliche Vorlieben eine unheilvolle Allianz mit Markthierarchien eingingen. Die zunehmende Popularität von Listen in Zeitschriften und Tageszeitungen seit den 1990er Jahren verdankte sich der Sehnsucht nach Orientierung in einem als schwer überschaubar empfundenen Feld ebenso wie dem Verlangen nach einem Kanon-Ersatz, das seit der Kanon-Kritik der 1970er Jahre nur noch ausgeprägter wurde. Wenn es keinen offiziellen Kanon mehr gibt, nimmt die Sehnsucht nach feststehenden Werten naturgemäß zu. Das Problem am verstärkten Hitlistenaufkommen war jedoch, dass sich diese aufgrund ihrer Tendenz, brutal und arbiträr zu evaluieren, der Logik des Marktes, der ja ebenfalls ausgesprochen harsch ein- und aussortiert, mimetisch anschmiegten. Und zudem wurde das Teuerste stets für das Beste gehalten. In dem Moment jedoch, wo alle Welt die Marktwerte anzweifelt, wo bestehende Rangordnungen aufgelöst und Plätze frei, respektive neu vergeben werden, gewinnt zumal die persönliche Hitliste – etwa in Form eines mündlich ausgesprochenen Bekenntnisses zu seinen „Lieblingen“ – an Bedeutung. Denn woran sollten sich die Marktakteur/innen sonst halten, wenn nicht an die von ihnen ausgesprochenen Werturteile, die von ihren persönlichen Präferenzen ebenso zeugen wie sie einen allgemeinen Konsens widerspiegeln?

Sitzgruppen anlässlich des Dinners am Galleryweekend 2009 in der Neuen Nationalgalerie

Während des Berliner Gallery Weekends konnte man es entsprechend immer wieder und zwar von allen Seiten hören – dass die Jack Goldstein-Ausstellung in der Galerie Daniel Buchholz die Beste sei. Auch ich würde diese Ausstellung uneingeschränkt zu meiner Lieblingsausstellung küren und dies nicht zuletzt deshalb, weil sie kennerhaft kuratiert war und bisher kaum gezeigte Filme, Platten und wertvolles Archivmaterial präsentierte. Es handelte sich um eine Museumsausstellung en miniature. Noch die Kinosituation, die hier konstruiert worden war, ließ in mir nicht die bei diesen Gelegenheiten sonst üblichen klaustrophobischen Gefühle aufkommen. Gerne nahm ich Platz, um mir alle Filme anzusehen. Die Sorgfalt, mit der auch auf der Ebene der Präsentation von Katalogen und Schriften vorgegangen war, mutete beinahe altertümlich an. Prompt änderte sich das Rezeptionsverhalten. Selten habe ich es erlebt, dass sich ein Vernissagenpublikum so lange in den Galerieräumen aufhält und die Arbeiten derart ausführlich studiert. Einige schienen regelrecht versunken im ausgebreiteten Material zu schwelgen, ihm mit einer kontemplativen Haltung zu begegnen, die im starken Kontrast zum generalisierten „attention deficit syndrom“ bei solchen Eröffnungswochenenden steht. Von einer solch konzentrierten Atmosphäre konnte naturgemäß beim Galeriendinner am darauffolgenden Abend in der Nationalgalerie keine Rede sein. Man trat ein und fand sich in einer informellen Networking-Hölle wieder. Die Angst, an den falschen Tisch gesetzt zu werden ist nichts im Vergleich zu dem Stress, den diese „lockere Atmosphäre“ ohne Tischordnung auslösen kann. Jede Menge Vintage-Möbel waren zu losen Sitzformationen zusammengestellt worden und eine Bekannte bemerkte treffend, dass man sich wie bei „Starbucks“ am Hackeschen Markt vorkommen würde, eine Mischung aus „Starbucks“ und Kippenbergers „The Happy End Of Kafkas America“, wie ergänzend hinzuzufügen wäre. Da sich niemand hinsetzten musste, rannten alle kopflos herum, um wie besinnungslos Kontakte zu knüpfen oder zu pflegen. Strukturen – etwa die durch ein gesetztes Essen vorgegebenen – mögen zwar konservativ sein, haben jedoch doch den Vorteil, dass sie einen zumindest dazu zwingen, sich auf seinen Sitznachbarn einzulassen, mit dem man sich über einen längeren Zeitraum hinweg unterhalten muss. Davon konnte bei diesem Anlass keine Rede sein – alles stob in unterschiedliche Richtungen auseinander, hektisch dem Networking-Imperativ genügend. Passend zu dieser unkonzentrierten Bahnhofsatmosphäre mit „flying food“ vermochte man die offiziellen Reden und Ansagen aufgrund der schlechten Akustik nicht zu verstehen. Udo Kittelmanns Worten, der als „Besitzer“ der Nationalgalerie eingeführt wurde (!), entnahm ich nur, dass er zum Kunstkauf („buy art!“) aufforderte, was angesichts der Sammler-Minorität im Raum ein wenig deplaziert wirkte. Ich beschloss, aus der Not eine Tugend zu machen, um mit ein paar Freund/innen an einem Tisch Platz zu nehmen und dort stur sitzen zu bleiben. Meine Networking-Verweigerung hatte aber neben der ideologischen Ablehnung dieses Konzepts noch einen ganz profanen Grund – ich trug hohe, extrem unbequeme Schuhe. Es wurde dann noch sehr nett an unserem Tisch.