Isabelle Graw

Rücksichtslos und sittenfrei – der Kulturbetrieb nach „Bel Ami“

Im Urlaub las ich „Bel Ami“ von Guy de Maupassant zum zweiten Mal. Ein phantastisches Machwerk, das den rasanten Aufstieg des Emporkömmlings Georges Duroy im Pariser Kulturbetrieb des ausgehenden 19.Jahrhundert nachzeichnet und dies auf denkbar trockene, sachliche und scheinbar unbeteiligte Weise. Wenn Maupassant auf jedes Moralisieren auch dann noch verzichtet, wenn sein Held Georges Duroy um des eigenen Fortkommen willens über Leichen geht, dann vor allem deshalb, weil er sich für den Parvenü als sozialen Typus interessiert, der im Kulturbetrieb in dem Moment zur Regel wurde, da sich festgefügte Karrieremuster und Klassenschranken auflösten. Was damals der Parvenü ist heute der vielbeschworene „Quereinsteiger“, der auf vergleichbare Weise von der gestiegenen Fluktuation in sozialen Systemen profitiert. Wie schon dem Parvenü, wird auch dem Quereinsteiger gewöhnlich Argwohn und Bewunderung entgegengebracht. So wie man ihn für seine Frische und Unvoreingenommenheit schätzt, sieht er sich doch dem Verdacht ausgesetzt, unseriös zu sein. Emporkömmlinge sind grundsätzlich doppelgesichtige Figuren: Denn so wie sie für die Möglichkeit einstehen, den einmal zugewiesenen gesellschaftlichen Platz zu verlassen und zu überschreiten, sind sie zugleich auch Wasser auf die Mühlen der zumal in einer individualisierten Gesellschaft verbreiteten Idee, dass man nur stur nach vorne blicken, sein Ziel im Auge behalten, und jede Gelegenheit opportunistisch beim Schopfe ergreifen müsse und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Das im Parvenü aufgehobene transgressive Potential ist demnach teuer erkauft: durch unsolidarisches, rücksichtloses Verhalten, das in ihm zur Norm erhoben wird. Es ist sein gutes Aussehen, das Duroys Aufstieg beflügelt, wobei sein Erfolg bei den Frauen der Pariser Gesellschaft erst in dem Moment einsetzt, da er sich überzeugend darzustellen und selbstsicher aufzutreten weiß. Das erste Geld, welches er als Liftboy verdient, wird denn auch sogleich in einen standesgemäßen bzw. dem angestrebten Stand entsprechenden Anzug investiert. Mit Hingabe hatte er zuvor in den Schaufensterauslagen studiert, welcher Statussymbole es bedarf, um den Eindruck von Eleganz und Kultiviertheit zu verströmen. In einer meiner Lieblingsszenen wird sein anfängliches Erschrecken vor dem eigenen Spiegelbild in neuer Ausstattung beschrieben. Zunächst schrickt er beim Anblick des Respekt einflößenden Mannes zusammen, der sich ihm plötzlich zeigt. Doch schnell hat er sich an sein neues Ich gewöhnt, für das er die zu einem souveränen Auftritt gehörenden Gesten vor dem Spiegel einzustudiert. Kaum ein anderer Roman hat die große Bedeutung der äußeren Erscheinung für das Erlangen von gesellschaftlicher Anerkennung des immaterielle Arbeit Leistenden derart präzise erfasst wie „Bel Ami“. Zur psychischen Triebfeder von Duroys geradezu entfesseltem sozialen Ehrgeiz könnte man die Verlusterfahrung erklären, die ihm der Bankrott seines einst in Saus und Braus lebenden Vaters bescherte. Zuvor hatte man in seiner Familie gut gelebt – und dieses Leben scheint Duroy um jeden Preis zurückhaben zu wollen. Gänzlich besitzlos fährt er nach Paris, um auf Empfehlung seines Paten ein Hotel aufzusuchen, das ihn aufgrund seiner außerordentlichen kommunikativen Fähigkeiten auch einstellt. Seine Rede ist stets ausgesucht, blumig und höflich, und sein mimetischer Drang ermöglicht es ihm sogar, mit den Gästen in ihrer Sprache zu sprechen, obgleich er über keinerlei Fremdsprachenkenntisse verfügt. Dass kommunikative Kompetenzen in das Zentrum der gesellschaftlichen Produktion aufgerückt sind, deutet sich hier bereits an. Es sind vor allem wohlhabende Damen, die einen Gefallen an ihm finden und ihm für seine Liebesdienste regelmäßig Geld zustecken, das er unmittelbar in seine Ausstattung investiert. Erst die zufällige Begegnung mit einem alten Freund trägt ihm einen Job in einer Tageszeitung ein – zunächst als Mädchen für alles. Maupassant lässt interessanter Weise keinen Zweifel daran, dass Erfolg und Leistung zumal im publizistischen Bereich durchaus entkoppelt sein können. Man könnte sagen, dass in „Bel Ami“ eine Vorahnung vom Ende der Leistungsgesellschaft aufscheint. Denn der Aufstieg Duroys vom Liftboy zum angesehenen Journalisten mit großbürgerlichem Lebensstil ist nicht etwa auf seinen Schreibstil, seine originellen Ideen oder seine mutigen, gewagten Thesen zurückzuführen. Seinen Weg nach oben hat er sich vielmehr – so wie es traditionell erfolgreichen Frauen unterstellt wurde - buchstäblich erschlafen. In dieser Umkehrung der üblichen Geschlechterverhältnisse liegt eine weitere, beinahe feministische Pointe dieses Romans. Die Frauen lieben ihren „Bel Ami“, ihren „schönen Freund“, wie sie ihn zärtlich nennen. Nicht nur versorgen sie ihn mit den nötigen Informationen über das politische Geschehen, mehr noch diktieren sie ihm auch seine Texte in die Feder. Im Gegenzug versteht es Duroy, bei Bedarf einen höchst romantisch leidenschaftlich klingenden Liebesdiskurs abzurufen – vor jeder neuen Eroberung fällt er auf die Knie, um mit Liebesschwüren nur so um sich zu werfen. Gefühle sind in „Bel Ami“ stets beides – gespielt und tief weil seinem tief verwurzelten sozialen Ehrgeiz geschuldet. Man könnte sagen, dass sich die „Ökonomie der Romantik“ (Eva Illouz) in „Bel Ami“ in ihrer Zuspitzung zeigt. Aus all diesen Gründen zusammengenommen hat dieser Roman bis heute nicht an Aktualität eingebüßt. Selbst der Hang des Neureichen zur Krönung seines Erfolges durch Kunstkäufe ist hier festgehalten. Es gibt eine Figur – den durch korrupte Börsengeschäfte zu Reichtum gekommene Verleger Walther – der ein vielbewundertes Bild, dass er in seinem eigenen Palast öffentlich zugänglich macht. Auf diese Weise nötigt er seinem Umfeld Bewunderung ab. Diese Sehnsucht nach dem „eigenen Museum“ war auch im Zuge des letzten Kunstbooms besonders ausgeprägt. Hat sich demnach seit „Bel Ami“ nichts geändert? Wäre der Kunstbetrieb nur so, wie in Bel Ami geschildert, dann wäre es tatsächlich nicht auszuhalten in ihm. Zum Glück gibt es immer noch einzelne Enklaven, in denen ein Minimum an ethischen Prinzipien aufrechterhalten wird. Dennoch fühlt man sich beim Lesen von Bel Ami unweigerlich an die aktuellen Bedingungen des eigenen Milieus erinnert. Denn auch hier gibt es kaum noch Kritik in einem starken Sinne – eher schon opportunistische Hofberichterstattung, wie sie Bel Ami betrieb. Wer sich gegen den Strom stellt, muss auch heute wieder mit Ausgrenzung und Sanktionen rechnen. Auch die in Bel Ami ausführlich geschilderte Praxis des „Insidertradings“ ist im Kunstbetrieb gang und gäbe. Und was die Liebe betrifft, so formieren sich Paare auch im Hinblick auf Status, Geld oder symbolisches Kapital zu „Power Couples.“ Wer „Bel Ami“ liest, wird den zyklischen Verlauf der Geschichte förmlich spüren, was die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen einmal mehr beweist.