Edition Wolfgang Tillmans

Wolfgang Tillmans

in flight astro (ii) (2010)

Seit ihrer Erfindung sieht sich die Fotografie – deren gegenwärtige Ästhetik der in London und Berlin lebende Künstler Wolfgang Tillmans mit seinen in klassischen Genres, subkulturellen Codes und malerischen Registern operierenden Arbeiten in den letzten zwei Dekaden entscheidend geprägt hat – mit der Frage nach den Grenzen der Sichtbarkeit konfrontiert. Nicht immer war in der Frühzeit des Mediums beispielsweise zu ergründen, ob die fotografische Platte in astronomischen Aufnahmen tatsächlich Sternengebilde zeigte oder sich lediglich Salze und Schlieren in kontingenten Formationen auf der Silberschicht niederschlugen. Längst schon ist klar, dass Fotografie mehr ist als die rein mechanische Aufzeichnung des Sichtbaren. Wie Tillmans Bilder und elaborierte Ausstellungen der jüngsten Zeit subtil zeigen, gilt es heute, eine ästhetische Zone der Unbestimmbarkeit in der Fotografie zu denken und zu besetzen, in der Intention und Technologie, Figuration und Monochromie, Bildinformation und Rauschen ineinanderfallen können. An der für sein Werk grundlegenden Schnittstelle zwischen einer so intuitiven wie präzisen Dokumentation alltäglicher Ereignisse und einer konzeptuell geschulten Reflexion der Fotografie selbst setzt Tillmans auch mit seiner Edition für „Texte zur Kunst“ an. Die aus einem Flugzeug aufgenommene Fotografie des Sternbildes Kassiopeia „in flight astro (ii)“, 2010, entstand in einer vom Mond beschienenen Nacht über dem wolkenbedeckten Atlantik. Sie knüpft sowohl an frühere Flugzeugbilder des Künstlers an, wie die bekannte Serie zur Concorde, als auch an Sternenaufnahmen aus dessen Jugend sowie an spätere mit der Astronomie befasste Werke wie „Total Solar Eclipse Grid“ und „Venus Transit“. In den Lichtpunkten, die sich über die Bildfläche von „in flight astro (ii)“ verteilen und eine Nähe zu einer langen malerischen Tradition von Adam Elsheimer bis Ross Bleckner suggerieren, wird die digitale Aufhellung dunkler Bildpartien zum Gestaltungsmittel einer Fotografie. Es ist nicht länger entscheidbar, bei welchen Fixpunkten es sich um aus der Unsichtbarkeit geborgene Himmelskörper handelt und welche sich einem Datenüberschuss im Prozess der Bildbearbeitung verdanken. Tillmans’ „in flight astro (ii)“ ist in der Spannung von Abstraktion und Gegenständlichkeit eine Entrücktheit und Eleganz eigen, die sich der Realität zu entziehen scheint und gleichzeitig ein technisch determiniertes Abbild des Optisch-Unbewussten mit den heutigen Mitteln der Fotografie ist.