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Josephine Pryde

Das Individuum

Für einen Beitrag zu einem Jubiläumsheft sollte ich mir also etwas über „den Kanon“ überlegen. Unweigerlich erforderte das einen Rückblick, und ich blickte zurück, pflichtbewusst und automatisch, fast ohne richtig nachzudenken. Es verging ein Moment in reflektierender Stille in meinem Kopf. Es war finster da drin. Aus dem Nebel begannen sich zwei Worte klarer als andere herauszukristallisieren. Ich blinzelte und sah genauer hin. Diese Worte hatten eine Form, sie sahen fast menschlich aus, sie schwankten ein bisschen, während sie sich durch den Nebel vorankämpften. Es ging nicht mehr anders: Ich erkannte sie. Die Worte waren „das Individuum“, das wie ein hartnäckiges Gespenst auf mich zustolperte. Ich dachte eine Weile nach und entschloss mich dann, darüber zu schreiben. Die Idee schien offensichtlich, auch wenn sie aus dem Nebel kam.

Ich kann weder sagen und würde auch gar nicht sagen wollen, dass „das Individuum“ als etwas Kanonisches stehen kann. Noch kann ich sagen, dass es irgendetwas Antikanonisches hätte, „das Individuum“ in diesem Beitrag zu diskutieren. Es ist mehr ein Motiv, ein Refrain, eine beständige Präsenz als eine Idee, ein Ärgernis, eine Irritation, ein Freund, eine Provokation, eine Schimäre. Ich denke, ich kann sagen, dass etwas mit dem Namen „das Individuum“ über Jahre hinweg verlässlich Argumente kanalisiert hat. Die Schwierigkeiten, die es gemacht hat! Die Status quo, die es bewahrt hat! Ich habe hier ein so breites Thema aufgemacht, dass ich garantiert ohne Antworten bleiben werde.

Dies ist eine Figur, die, je nach den Umständen, auf verschiedenen Ebenen des Bewusstseins heraufbeschworen werden konnte. Manchmal ist es nicht mehr als eine verwirrende Quelle für private Ängste – warum muss ich ein Individuum sein? Bitte, kann nicht noch jemand auf diesem Planeten genau so sein wie ich? Nicht als narzisstische Bestätigung, sondern als Erlösung aus der Singularität, eine Barriere gegen die Isolation, in der ich mich vorfinde, weil ich besonders bin und es niemanden gibt wie mich.

Dann eine offensichtlichere Art des Antagonismus, ein geteilter Antagonismus, nämlich das Individuum als Hassfigur für die New Wave, für die Kritiker der Marktökonomie, als Schuldiger für den Konsumismus, als Tölpel. Auch dieses Individuum habe ich kennenlernen dürfen. Das verblendete. Dasjenige, das nach dem kam, welches gegen die Hippiegruppierungen aufbegehrte. Es war vielleicht nicht das Individuum per se, das zuerst in meinen Gedanken für diesen Jubiläumsbeitrag auftauchte, sondern eher diese hartnäckige „Verwechslung von individueller Freiheit und Individualität mit dem Individualismus, der die kapitalistische Gesellschaft antreibt“ [1].

Ich lese Barthes’ „Der Tod des Autors“. An der Kunsthochschule, mit angepissten Kunststudenten. Du hast das Werk nicht selbst geschrieben. Das Werk stammt nicht nur von dir. Kunst, Text. Die Landschaft verändert sich, Karriere nimmt Gestalt an, Individuen, die im theoretischen Sinn nicht ausschließliche Autoren ihrer Werke sind, nehmen doch die Preise dafür entgegen, als wären sie es. Das ist doch ein Witz!

Verschiedene Leute haben das auf verschiedene Weise verstanden. Michael Craig-Martin, Künstler, Lehrer, einstmals „Father of Britain“ für die YBA-Generation, offeriert im Rückblick eine passende Verbindung zwischen Einzelnen und Vielen; eine Sichtweise, die sich bewusst ist, dass eine Marke ohne Gemeinschaftssinn potenziell Schaden nimmt: „Jede/r Künstler/in war in hohem Maß individuell und hat eine Reihe von gelungenen Arbeiten gezeigt“, aber Damien Hirst „schuf für sich und diese sehr unterschiedlichen Künstler/innen einen klar ausnehmbaren Kontext; die Einsicht, dass sie Teil von etwas Größerem waren, dass eine gemeinsame Sache ihre Individualitäten überstieg“. [2]

So kommen wir vielleicht aus der falschen Richtung doch zu der gefürchteten Fähigkeit des „das Individuum“ Genannten, in der Kunst eine Praxis zu inspirieren, die man „kollektiv“ nennt. Die Suche nach nicht individuell aufgesplitteten Arbeitsweisen durchzieht die Geschichte weit über die 25 Jahre des Bestehens dieses Magazins hinaus. Gegenwärtig verkaufe ich meine Arbeiten über eine Galerie, die ein Künstlerkollektiv ist, dessen Name auch der Name der Galerie ist. Diese Künstlerin (Name im Singular, Aktivität im Kollektiv) verkauft Kunst über eine andere Galerie, in der ich ebenfalls ausstelle. Gruppen können sich auch aus anderen Gründen als dem der Versammlung einzelner Künstler/innen formen, etwa um in der Kunstsphäre als Organisation oder Schule oder andere Institution aufzutreten. Kritik am Individuum wird zur Grundlage für Gruppen­formationen mit unterschiedlichsten Agenden. Indes wird Kooperation zum Schlüsselbegriff einer Zeit, die sich durch zunehmend gewaltsame soziale, ökonomische und andere Auseinander­dividierungen definiert. Eine flexible, kooperative Arbeiterschaft wurde von eben jenen Ideologien formiert, die zu ihrer Zerstörung entschlossen sind.

Die Kräfte der Celebrity-Kultur hievt die Dinger, die wir Individuen nennen, in Positionen von Prominenz und, so unterstellt man, Einfluss. Der Glaube, dass das Individuum, wenn es derart anerkannt ist, Formen von Protest kanalisieren kann oder als Katalysator für massenpolitischen Wandel über die Beschränkungen der eigenen Subjektivität hinaus fungieren mag, lässt sich in so einem Szenario nicht so leicht loswerden. Die kostbare Flüchtigkeit des Kollektiven wird nur allzu leicht verdunkelt.

Das Individuum liefert uns ein Subjekt, es ist das, was die Leser/innen besetzt halten, ihr Körper.

Es kanalisiert Kanons, aber lässt sich von ihnen nicht beschränken.

Seine eigene Normativität ist die Zurückweisung der Normativität, die in der Kritik heimisch ist.

Es ist eine Zumutung, es trägt Mode, es möchte besonders sein.

But it’s a creep.

Es inspiriert die Träume von einem wandelbaren Kollektiv, und es geht über seine Grenzen hinaus und löst sich in seiner Umarmung auf.

Es hält nie so lange still, dass man es feiern könnte, und doch wird fortlaufend zelebriert.

Ein Rätsel, ein Geist, ein Verschwinden.

Ob man für oder gegen einen Kanon ist, darum geht es nicht.

Wie sich der Kanon formt –

Er formt und formt sich neu um Individuen.

Während ohne Individuation kaum mit antikanonischem Verhalten zu rechnen ist.

Übersetzung: Bert Rebhandl

Anmerkungen

[1]Kristin Ross, „The Emergence of Social Space: Rimbaud and the Paris Commune“, London 1988, S. 101.
[2]„On Being an Artist“, Michael Craig-Martin, London 2015, S. 216 (aus dem Kapitel „On the student Damien Hirst“).