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Oops, I did it again Hans-Jürgen Hafner über Daniel Richter in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt/M.

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Einer der interessanteren Aspekte der vor Kurzem zu Ende gegangenen Ausstellung „Hello, I love you“ von Daniel Richter in der Frankfurter Schirn ist der mit ihr verbundene Nachrichtenwert. Kein deutsches Großfeuilleton zwischen WELT und taz, kaum ein nationales Kunstmagazin, das, wenn nicht mit einer in der Regel positiven Besprechung, zumindest im Interview mit dem Künstler nicht irgendwie auf sie Bezug genommen hätte, inklusive der BILD. „Hello, I love you“ war, gemessen an der sonst durchweg eher dürftigen medialen Repräsentation von Gegenwartskunst in deutschen Feuilletons, insofern ein echtes Medien-ereignis. Nun kann das Medienecho zur Schau nicht Gegenstand einer weiteren Ausstellungsbesprechung sein. Dennoch war bei der Auseinandersetzung mit ihr, vom Ausstellungsbesuch bis zur Nachbereitung, das publizistisch verbreitete „Wow“ kaum loszukriegen, das die Ausstellung im Leuchtfeuer der offenbar sehr erfolgreichen Presse- und Marketingarbeit der Schirn hervorgerufen hatte. Wenn es nach der Schirn geht, ist zwar jede Ausstellung dort per se eine kleine Sensation; dann aber erst recht „Hello, I love you“. Die Schau zeigte erstmals „ganz neue“ Bilder, für deren Realisation sich der Künstler ganze zwei Jahre lang Zeit gelassen und sich dafür sozusagen in kreative Klausur zurückgezogen hatte. Wenn das mal kein „Wow“ wert ist!

Nun sind spätestens seit Picasso Bruch und künstlerische Neuerfindung zum zentralen Topos modernen Künstlertums geworden und als zwischen Konzept und Existenz, Fremd- und Selbstbestimmung vermittelndes Device regelrecht habituell. Auch Richters künstlerische Biografie baut – neben dem offenbar unerschöpflichen Kreditrahmen einer linksalternativen „Hamburger“ Vergangenheit – auf diesem Topos auf, setzt seine Karriere doch mit einem taktisch klug inszenierten Bruch ein: der bis heute in beinah jedem Text über den Künstler beschworenen Abkehr vom frühen, ungegenständlichen Werk Anfang der Nullerjahre. Laut Kataloggrußwort des Sponsors, einem Automobilhersteller unter dem Dach der Volkswagen AG, wird daraus ein – selbstredend unhaltbares – Alleinstellungsmerkmal. „Wie kein anderer Künstler“ hätte sich Daniel Richter nämlich „mit den Möglichkeiten der Malerei auseinandergesetzt“. Nun, da hat er es glatt mal wieder getan.

Was war aber nun wirklich „dran“ an dieser Ausstellung, dass man, im Sinne des Nachrichtenwerts, unbedingt davon erfahren musste?

In einen einzelnen Ausstellungssaal regelrecht hineingepresst, bestand „Hello, I love you“ aus 22 großformatigen Gemälden, eng gehängt, mit durchweg gleicher Höhe, egal ob Hoch- oder Querformat. Ob nun panoramatischer Malerei-fries oder aus Einzelbildern gestrickte Breitseite, war es keine Frage – diese Schau wollte um jeden Preis als großer „Wurf“ daherkommen, doch stellte sich aufgrund der seriellen Ähnlichkeit der Bilder unweigerlich der Eindruck ein, hier würde vor allem „Produktion“ gezeigt. Trotz farblich-motivischem Zusammenhalt, der Ähnlichkeit eines bewusst reduziert gehaltenen, variativ durchgespielten malerisch-ikonografischen Arsenals waren dennoch zwei unterschiedliche Produktlinien auf der Basis zweier einander ergänzender Plots auszumachen.

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Dabei erinnerten gerade die aus dunkler Hintergrundmatschigkeit herausschreienden Phosphorfarben unbedingt an Richter, wie man ihn kennt: als einen der raffiniertesten Koloristen der Malerei der Nullerjahre. Die Andersartigkeit der neuen Bilder bestand vor allem in ihrer motivischen Reduktion, der großzügig auf dem Format vorgenommenen Entzerrung eines bewusst beschränkten Vokabulars und dem erklärten Willen, das Ganze einer seriellen Disziplinierung oder praktischen Quantifizierung zu unterwerfen.

Die eine, gelungen simpel auftretende Produktlinie kombiniert konturlose, organisch-biomorphe Farbflächen; diese sind gewissermaßen parataktisch zueinander arrangiert und in ein mehrfach hintermaltes und abschließend einfarbig-wolkig lasiertes Hintergrund-Finish eingebettet. Die andere, dank aus der Pornografie adaptierter Motive inhaltlich „mehr“ versprechende Linie setzt quergestreifte Hintergrund-Pattern aus stumpf in der Leinwand versickernden Lasuren gegen relativ vehement davor herausgearbeitete Figurenkonstellationen ab; hierbei werden die ebenso wie in der ersten Sorte aus großzügig aufgespachtelten Farbflächen hergeleiteten Figurenkonstellationen letztendlich zeichnerisch in den Vordergrund gerückt, mit gestisch-grobem Ölkreidestrich nach- oder überkonturiert, mit Silhouette, Anatomie, Mimik ausgestattet. Durch die kombinierte, unregelmäßig alternierende Hängung beider Linien nivellierten sich gleichwohl die unterschiedlichen Anliegen der Plots – nicht ohne die Frage aufzuwerfen, ob und wie denn nun interessantere/gelungenere Bilder von den weniger interessanten/gelungenen zu differenzieren wären.

Was die neue Produktion von Richters Bildern der letzten Jahre auf jeden Fall unterscheidet, ist ein großzügiges laissez faire der Mittel: ein nicht wenig genussvolles Sich-Gestatten, lieber lapidar und hingeworfen bleiben zu dürfen, als – wie zuvor oftmals fast zwanghaft – motivisch ausformuliert, malerisch ornamentiert und mit gestalterischem Detail förmlich zugeballert werden zu müssen. Dabei „brechen“ die neuen Arbeiten gerade als Malerei mit dem Richter’schen Repertoire nur insoweit, dass sie ein konzeptionell beschränktes Motiv-Material offensiver in Serie durchdeklinieren, als dass die Entscheidung immer wieder von Grund auf neu im Einzelbild gesucht werden müsste.

Das Ergebnis lässt sich zwar ganz gut an-, aber auch recht schnell an sich sattschauen. In der malerischen Vergröberung und konzeptionellen Serialität geht weitgehend verloren, was Richters Werk der letzten eineinhalb Jahrzehnte mit seinen eher bildweise entwickelten Problemstellungen – und einer regelrecht „klassisch“ als Bildmedium, weniger „unklassisch“ an und für sich eingesetzten Malerei – mitunter bestechend attraktiv hat erscheinen lassen. Nicht zuletzt war es ihm gelungen, das – Stichwort Luc Tuymans oder Dierk Schmidt – gerne mit massivem konzeptionellen Einsatz in trockene Tücher gebrachte Genre des Historiengemäldes mit einer schicken Dosis Popkultur, zeitgemäßer Coolness und, angesichts des mit dem Genre unweigerlich verbundenen historischen Erbes, wohltuend halbseidenem mystery auszustatten. Zu diesem Nullerjahre-Jugendstil passte, wenn durch Richters Pinsel allerhand habituell wie malerisch Angeeignetes, etwa von Albert Oehlens badness bis zum Südsee-Gothic eines Peter Doig, hindurchfloss, ohne dass es notwendig um Zitat oder Aneignung gehen musste.

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Speziell der Porno-Plot wird dagegen regelrecht schulmäßig mit dem nächstliegenden Inventar malerischer Manier-/Expressionismen von Gustav Klimt, Edvard Munch, Francis Bacon und Willem de Kooning ausgestattet, wohingegen die von Richter im für den Katalog geführten Interview mit der Kuratorin der Ausstellung, Katharina Dohm, gelegte Spur auf den deutschen Pop der 1960er Jahre – man mag an den tollen Karl Heinz Hödicke oder den irrlichternden Uwe Lausen denken – zwar hilft, den grundsätzlich ein wenig aus der Zeit gefallenen Eindruck, den die Ausstellung als Ganzes erweckte, zu moderieren, doch auch nicht mehr.

Letztlich passt die Schau in ihrem Mehr und Gröber allerdings hervorragend in eine kunstbetriebliche Gegenwart, in der man über Malerei offenbar nur mehr im pauschalen Substanzialisierungsmodus als über „die“ Malerei spricht, als wäre die nicht einmal in der Malerei selbst noch notwendige Produktionsvoraussetzung, dass Malerei halt gemalt, aber nicht zwangsläufig ein schlüssiges Bild sein muss, schon die ganze Miete. Umso besser, dass Daniel Richter dem zeitgleich wieder erstarkten Lagerdenken zwischen erfolgreich „Abstrakten“ und wieder nicht mehr ganz so erfolgreichen „Figurativen“ durch zwei aufeinander bezogene Produktlinien, die sich da irgendwie dazwischen legen, ein Schnippchen schlägt. Da war nur folgerichtig, dass die Berliner Stammgalerie des Künstlers auf ihrer Homepage so tat, als wäre die Frankfurter Institutionsschau eine eigene. Kein Wunder, bei dem Marketing. Die Kritik war derweil mit „der“ Malerei, der (Kunst-)Journalismus mit den bewährt markigen Sprüchen eines der, wie es wieder einmal hieß, bedeutendsten Maler seiner Generation beschäftigt.

„Daniel Richter: Hello, I love you“, Schirn Kunsthalle, Frankfurt/M., 9. Oktober 2015 bis 17. Januar 2016.

Hans-Jürgen Hafner arbeitet als Kunstkritiker, Autor und Ausstellungsmacher. Er ist Direktor des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf.

Anmerkungen

[1]Daniel Richter, „Hello, I love you“, 2015 (VG Bild-Kunst, Bonn 2015 / Daniel Richter, Foto: Jens Ziehe)
[2]"Daniel Richter: Hello, I love you“, Schirn Kunsthalle, Frankfurt/Main, 2015/16, Ausstellungsansicht (Foto: Norbert Miguletz)
[3]Daniel Richter, „Lob der Kleinstaaterei“, 2015 (VG Bild-Kunst, Bonn 2015 / Daniel Richter, Foto: Jens Ziehe)