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ICH BIN KEIN PUNK Alex Israel im Gespräch mit Texte zur Kunst

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Als Künstler und Unternehmer fertigt Alex Israel künstlerische und nichtkünstlerische Arbeiten, die sich durch eine klare, kohärente, für die Zirkulation optimierte Produktion auszeichnen. Sein ironiefreier Bezug auf partizipative, virale Werbestrategien, und auf Celebrity-Kultur sowie die Repräsentation seines eigenen Profils als wesentlicher Bestandteil seiner Kunst, schließen seine Arbeiten für manche aus einem ernsthaften künstlerischen Diskurs aus. In der Tat scheint sich Israels Praxis dem Markt unendlich anzunähern. Aber die darin auch enthaltene Reflexion des neoliberalen Subjekts und seiner Kommunikationspraxis mag Betrachter/innen dazu bewegen, ihr Verständnis davon zu aktualisieren, wie heute Bedeutungsproduktion stattfindet. Hier diskutiert Alex Israel seine Position und seine jüngsten Projekte mit Caroline Busta von Texte zur Kunst.

Caroline Busta: Was meinst du, wer dein Publikum ist, und was sind derzeit die Hauptthemen deiner Arbeit?

Alex Israel: Mein Publikum ist im Wesentlichen die Kunstwelt, aber ich denke auch über andere Zielgruppen nach. Ich mache ja auch kommerzielle Produkte, Videos fürs Internet und öffentliche Kunstwerke. Jetzt arbeite ich gerade an einem Film für Teenager, „SPF-18“ (Lichtschutzfaktor 18), und habe vor, mit ihm auf Tournee durch einige amerikanische Highschools zu gehen.

Busta: Nur nebenbei: Wie kriegst du das logis­tisch gesehen hin? Wie stellst du dein Netzwerk von Schulen zusammen?

Israel: Ich stehe noch ganz am Anfang des Prozesses, aber ich werde mit Vertriebsfachleuten zusammenarbeiten. Es gibt Buchungsagenten, die darauf spezialisiert sind, Schulaulen und Sporthallen im ganzen Land zu buchen.

Busta: Du verlässt dich also auf Profis und fragst nicht bei Freunden von Freunden an, die vielleicht an einer Schule z. B. in Texas sind oder in Illinois …

Israel: Größtenteils nicht, nein, weil ich wirklich an Orte reisen will, wo ich niemanden kenne.

Busta: Interessant, wie du versuchst, diese verschiedenen Zielgruppen für dich zu gewinnen: ein Kunstpublikum, die Leute, die deine Sonnenbrillen kaufen …

Israel: … ja, Marilyn-Manson-Fans. Manson wegen des „As It Lays“-Videos auf YouTube. Ja, ganz viele verschiedene Zielgruppen.

Busta: Was haben Teenager an sich, das dich bewogen hat, sie gerade in dieses nächste Projekt mit einzubeziehen? Natürlich sind Teenager eine ganz wichtige kommerzielle Zielgruppe, aber was macht sie für dich interessant?

Israel: Na ja, zum einen sind sie halt wirklich das Publikum, das alle Kulturproduzenten außerhalb der Kunst anziehen wollen. Andererseits erinnere ich mich daran, wie es war, als ich selbst Teenager war und mich für Kunst begeisterte und mehr darüber wissen wollte. Ich möchte Teenagern das Gefühl geben, dass Kunst etwas ist, an dem sie teilhaben können.

Busta: Ich muss sagen, dass die Auswahl von Leuten, die du in deiner Serie „As It Lays“ interviewt hast, auch für mich eine besondere war, weil viele Stars aus meiner eigenen Teenagerzeit dabei waren – Marilyn Manson, Kato Kaelin, Christina Ricci. Ich habe mich gefragt: In welchem Maße dienen dir Menschen auch als Medium?

Israel: Ich glaube, manchmal sind Menschen wie Materialien, so wie Schauspieler das Material eines Regisseurs sein können. Ich habe darüber bei der Arbeit an „As It Lays“ viel nachgedacht. Es gibt ein berühmtes Zitat von Alfred Hitchcock, dass Schauspieler wie Vieh, wie Fleisch seien – was einen sehr kalten und brutalen Blick auf die Situation in Hollywood erkennen lässt. Meine Selbstporträts beziehen sich übrigens auf diesen Moment im Vorspann von „Alfred Hitchcock Presents“, wo sich Hitchcock in eine grafische Darstellung seines Profils verwandelt.

Busta: Genau, deine Selbstporträts auf gefrästen Paneelen. Ich wollte dich auch fragen, warum Malerei in deiner Praxis eine so wichtige Rolle spielt. Wie verhält sich dieses statische, analoge Medium zu so etwas wie „As It Lays“?

Israel: Ich sehe mich nicht wirklich als Maler. Ich mache alle möglichen Sachen, die Bedeutung tragen können. Es geht mir um die Übersetzung von Bedeutung in ein Objekt – im Fall der Malerei in eine plane Oberfläche, die autonom zirkulieren kann. Aber ich bin letztlich offen für alle Formen von Kommunikation – Video, Film, Skulptur, Konsumgüter, Performance, dieses Interview.

Busta: Das leuchtet mir ein. Und natürlich ist Malerei die urkanonische Oberfläche für die Vermittlung von Bedeutung über räumliche Abstände hinweg und an spätere Generationen. Darf ich dich etwas zu einer anderen Kommunikations­oberfläche fragen? Wie differenzierst du zwischen demjenigen Bild von dir selbst, das du etwa auf den sozialen Medien postest, und einem, das du im Zusammenhang einer Kunstausstellung zeigst?

Israel: Ich versuche, keinen allzu großen Unterschied zwischen meiner Online-Selbstdarstellung und anderen Kontexten zu machen. Letzte Woche erst habe ich ein Video gedreht und geschnitten, in dem meine Mutter im Jewish Museum in New York zum allerersten Mal ein Bild sieht, das ich von ihr gemalt habe. Es war eine komplette Überraschung, wie so ein inszenierter Überraschungsmoment im Reality-TV. Ich habe das Video auf Instagram gepostet, als Pendant zu der ausgestellten Arbeit. Aber in keinem dieser Räume werde ich zu so einem stereotypen „Millennial“, das immer zu viel von sich preisgibt. Ich achte darauf, was ich teile und was nicht. Ich will niemandes Feed überfordern.

Busta: Es ist interessant zu sehen, wie du dich im Sommer mit deiner Ausstellung „#alexisrael“ in Oslo nicht nur verdinglicht, sondern auch exportiert hast – als ginge es nicht zuletzt darum, dich von der anderen Seite sehen zu können.

Israel: Ich finde Instagram wirklich super. Ich bin da viel. Und die Logik von Instagram in meine Ausstellung mit einzubauen, lag als Arbeitsweise einfach nahe. Außerdem macht mir der persönliche Austausch mit dem Betrachter über soziale Medien wirklich Spaß.

Busta: Ja, das wirkte wie eine sehr zeitgenössische Weise, mit Malerei umzugehen, gleich den passenden Hashtag vorauszuschicken – was ja inzwischen auch bei Hochzeiten oder kommerziellen Veranstaltungen gemacht wird –, damit die Arbeiten ein Eigenleben in der digitalen Zirkulation entwickeln. Im Gefolge der ganzen Rhetorik von der „Netzwerkmalerei“ haben wir sowieso immer diesen vermittelten Blick auf Malerei. Insofern baut „#alexisrael“ diesen Vektor der Zirkulation einfach mit in die Arbeit ein.

Israel: Genau.

Busta: Interessanterweise sind einige etablierte kritische Künstler/innen überhaupt nicht mit der Leichtigkeit einverstanden, mit der sich deine Arbeiten durch das System bewegen. Vielleicht weil ihr Ideal von Malerei das eines widerständigen Mediums ist … oder sie jedenfalls meinen, dass Widerständigkeit ein Ziel von Malerei ist und der Punkt, an dem Wert entsteht. Aber um auf der konzeptuellen Ebene zu bleiben: Wo würdest du angesichts der Tatsache, dass deine Malerei mit Blick auf ihre Zirkulation und fortlaufende Vermittlung optimiert ist, sagen, dass in deiner Praxis Handlungsmacht hergestellt wird?

Israel: Die Künstler, die du erwähnt hast, sehen Malerei als eine Form des Widerstands? Ich glaube, das kann ich einfach nicht mehr erkennen. Mir fällt nichts ein, das sich stärker dazu anböte, vom Kunstsystem absorbiert und der Warenform unterworfen zu werden, als ein gemaltes Bild, egal, wie es aussieht.

Busta: Wenn ich es richtig verstehe, geht es eher darum, dass sie nicht bereit sind, die Modalitäten ihrer – malerischen oder sonstigen – Praxis an die von dir beschriebenen Koordinaten anzupassen; als ob dadurch genuine Differenzen eingeebnet würden und insofern auf beiden Seiten kritisches Potenzial verloren ginge. In ihren Augen überwiegt das Interesse am Akt der Verweigerung, der Fragmentierung, und indem man keine Verknüpfung schafft, kann man gegen die neoliberalen Bedingungen Widerstand leisten, in denen Konflikte abgewiegelt werden … oder sogar unmöglich werden. Wie verhält sich denn dein Werk deiner Meinung nach z. B. zu ältere institutionskritischen Praktiken – solchen, die die Strukturen unbarmherzig hinterfragt haben, in denen deine Praxis zirkuliert, also die Kanäle, die du gerade absichtlich ölst?

Israel: Ich bin kein Punk. Ich kann in traditionellen Verfahren der Ablehnung – der Ablehnung der Autorität, des Markts, des Kunstobjekts, der Vergangenheit usw. – keine potenzielle Quelle von Spannung in meiner Arbeit sehen.

Busta: Aber ich glaube, es lohnt sich, sich näher mit dieser negativen Reaktion auf deine Arbeit auseinanderzusetzen – weil sie auf einen Unterschied verweist: den Unterschied zwischen, sagen wir, einer etablierten Vorstellung von einem Underground- oder Boheme-Raum des Widerstands oder vielleicht besser der kanonischen Strategie der Institutionenkritik einerseits, bei der der/die Künstler/in versucht, die Macht der Institution an ihren Rändern zu relativieren, und andererseits dem, was sich mit der Vernetzung durch das Web und seine scheinbare Transparenz ergeben hat: der Möglichkeit der Selbstveröffentlichung, einer Strategie, bei der es darum geht, einfach „man selbst“ zu sein, den Mainstream zu akzeptieren oder sich sogar in ihn einzufügen, innerhalb seiner Kanäle zu handeln.

Israel: Ich habe auch nicht das Gefühl, dass es ein „Außen“ noch gibt. Ich versuche, unsere heutigen Kommunikationsformen und -techniken einzusetzen, so gut ich kann. Ich sehe keinen Wert darin, ein kritisches Verständnis von Malerei oder Hollywood oder der Unterhaltungskultur zu vermitteln, weil ich glaube, dass wir mittlerweile alle wissen, wie diese Dinge funktionieren. Wir können uns bei Snapchat einloggen und unseren Lieblings-Celebrities dabei zuschauen, wie sie den ganzen Tag darüber reden, was gerade am Set passiert. Wir wissen, dass Reality-TV Fake ist, dass Kim Kardashian in fast jedem Bild gephotoshoppt ist; wir stehen sogar auf Auto-Tune als reines Stilmittel. Es ist nicht meine Aufgabe, auf diese Industrien mit dem Finger zu zeigen, aufzudecken, wie sie uns manipulieren, sie zu kritisieren oder gegen sie anzukämpfen. Ich finde es interessant, wie wir uns gegen alle bessere Einsicht immer weiter unterhalten lassen, unsere Skepsis ausschalten, followen, taggen, posten, pingen, kommentieren usw. Was fesselt unsere Aufmerksamkeit so sehr? Was ist die Quelle dieses magischen Magnetismus, und wie kann ich sie für meine Kunst anzapfen? Da liegt für mein Verständnis so etwas wie Handlungsmacht.

Busta: O.K., aber wenn sie da liegt, worin besteht dann deiner Ansicht nach das Risiko? Ich frage das, weil wir uns in dieser Ausgabe damit befassen, was es für das zeitgenössische Individuum bedeuten oder wie es sich anfühlen könnte zu scheitern.

Israel: Vielleicht liegt ein echtes Risiko darin, in der Kunst einen anderen Weg zu beschreiten als den akzeptierten romantischen Weg der Gegnerschaft, an der so viele Leute sich festklammern? Man mag meinen, dass ich ein Überläufer bin, aber offensichtlich gibt es an meiner Arbeit Aspekte, an denen sich manche Leute schwer stören …

Busta: Stimmt. Kritisiert wird an deiner Arbeit oft, dass sie so genau auf das Marktbegehren abgestimmt und mit Blick auf ihre Zirkulation optimiert ist, dass sie von der Ware nicht zu unterscheiden ist. Andererseits hat sie immer noch etwas an sich, das sich diesem Status verweigert. Vielleicht deshalb, weil das, was du machst, so ausgeprägt banal ist und zugleich eine Schönheit hat – eine Schönheit, die heutige ästhetische Formen reflektiert, und das vielleicht auch auf die Art eines „Malers des modernen Lebens“. Es ist also ein dynamisches Für und Wider. Lass mich dich fragen: Glaubst du, dass Erfolg für einen Künstler unter Umständen eine Bedrohung darstellen kann?

Israel: Ja, wenn man Erfolg hat, indem man versucht, sich historisch „korrekt“ im Rahmen bestimmter traditioneller Modelle zu bewegen, und sich gegen die Mechanik der Gegenwart sperrt; das ist einfach nur konservativ. Unsere Zeit verlangt nach mehrgliedrigen Praktiken, die makellose Kommunikation nicht zuletzt über das Internet zum Einsatz bringen und (insbesondere angesichts der politischen Tendenzen der letzten Zeit) ein Publikum jenseits des liberal-urbanen Kunstpublikums zu erreichen versuchen.

Busta: Das ist etwas, das zeitgenössische Kunst definitionsgemäß tut – unsere heutigen Verhältnisse und Zielgruppen anzunehmen und sogar zu verfremden. Aus diesem Blickwinkel, der vage an Baudelaire erinnert, können wir uns Scheitern vielleicht als einen Zustand vorstellen, in dem man der Angst vor der Auseinandersetzung mit den Realitäten von heute nachgibt; als eine Entscheidung, stur Umstände zu rekonstruieren, die so nicht mehr existieren, und dann zu versuchen, mit diesen Mitteln Erfolg zu haben.

Israel: Ganz genau. Vorwärts!

Übersetzung: Gerrit Jackson

Anmerkungen

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