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Caroline Busta

Blonde haben weniger Spass

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Hyperrealität gewann die US-Wahl und Donald Trump ist nur ein Agent ihrer Handlungsmacht, war in einigen Kommentaren zur Wahl zu lesen. Aber es ist durch Trumps eigene Worte und Handlungen, sein physisches, verbales – und jetzt juristisches –„man-spreading“ – also machohaftes Raumeinnehmen, durch das sich die surreale Verschiebung in der amerikanischen Regierungsgewalt zeigt.

In seinen Gesten gegenüber der First Lady genauso wie weiblichen Regierungschefs, seinen unsäglichen Aussagen über Frauen im Allgemeinen und der Tatsache, dass er trotzdem nicht zuletzt auch von Frauen ins Amt gewählt wurde, sieht Caroline Busta Parallelen zu Trumps Umgang mit Amerika insgesamt.

Als ich jung war“, sagte Donald Trump in einer Rede vor der CIA am Tag nach seiner Vereidigung, „haben wir ständig etwas gewonnen in diesem Land.“ Und es stimmt: Als der 45. Präsident jung war, er ist Jahrgang 1946, war dieses Land gerade siegreich aus einem Weltkrieg hervorgegangen. Sieben Jahrzehnte später könnte man meinen, dass er niemals die Adoleszenzphase durchlaufen hat, in der die Dinge ihren Glanz verlieren und sich die Eltern als fehlbar erweisen, das Fernsehen als Produzent von Fiktionen und in der klar ist, dass die Geschichte von den Siegern geschrieben wird. Für diesen Männerdarsteller war die amerikanische Nachkriegsdominanz nicht das Ergebnis großer Verluste und Zerstörungen außerhalb der USA. Für ihn liegt ein dominantes Amerika „in der Natur der Dinge“, in der ins Weiße Haus Männer gehören und Frauen in die Küche.

Aber Trump tat mehr, als seiner Wählerschaft die Erfüllung ihrer nostalgischen Fantasien zu versprechen. Er etablierte auch ein Narrativ, nach der die Welt furchteinflößend ist und die Nation schwach. Als messianischer Vater würde er nun alles wieder in Ordnung bringen. „Es soll keine Angst mehr herrschen“, tönte er von den Stufen des Weißen Hauses in seiner ersten Ansprache. Und zugleich: „Wir müssen unsere Grenzen vor den Angriffen anderer Länder schützen.“

Jetzt beschützt Donald Trump Amerika. Und er allein führt die Nation wieder in ihren Reinzustand der Nachkriegszeit zurück. Lady Liberty war zu komplex geworden. Sie hatte sich in immer neuen, oft wegweisenden kulturellen Auseinandersetzungen, von der Bürgerrechtsbewegung bis zur Aids-Epidemie, zu einer Macht globaler Soft Power entwickelt, mächtig und soft wie keine andere. Jetzt soll sie wieder auf eine Lynch-artige Mädchenversion ihrer selbst zurückgeführt werden. Auch im Umfeld politischer Sexskandale fällt einem da kaum etwas Perverseres ein: der US-Präsident (der dringend eine Psychoanalyse bräuchte), besessen davon, nicht nur Amerika wieder „great“ zu machen, sondern es auch nach dem Bild einer Kinderschönheitskönigin wie JonBenét Ramsey zu gestalten, „wieder unschuldig“ und herausgeputzt nach seinem Geschmack und ganz unter seiner Kontrolle.

Tomi Lehren, Ivanka Trump, Melania Trump

Und so stellt sich die Frage: Was ist mit den Frauen, die ihn dabei begleiten? Wer ist diese Melania, diese Ivanka, diese Tiffany, diese Kellyanne? Und wer sind die Frauen, die diesen großväterlichen Typen aus dem Gentleman’s Club in das Weiße Haus wählten? Denn es waren in der Tat Frauen; weiße Frauen aus der Mittelklasse, die in einer Art perversem Tugendbeweis ihre Stimme diesem präsidialen Frauenhasser gaben. Ganz dieser Logik entsprechend, setzt sich Milo als hetzender, schwuler „alternativer Rechter“ in der Aufmerksamkeitsökonomie durch, indem er selbst Homophobie performt und so legitimiert, was wiederum der Welle junger, zumeist ­heterosexueller Künstlerinnen entspricht, die sich ca. 2014 in den sozialen Medien politisch als Pro-Slut-Feministinnen positionierten und präsentierten (normalisiert von den sozialen Medien des Webs 2.0, ist das nicht vergleichbar damit, wie Kathy Acker 1972 in einem Stripclub am Times Square arbeitete; damals hatte eine solche Überschreitung viel mehr mit der Entstigmatisierung dieser verbreiteten, aber weitgehend rechtelosen und als unmoralisch angesehenen Form weiblicher Arbeit zu tun).

Wie Milo und die lonelygirls aus der Kunstwelt soll die Entscheidung dieser Pro-Trump-Frauen als ein provozierender Akt unabhängigen Denkens verstanden werden. Sie stimmten für den Kandidaten, der vom liberalen Programm des #ImWithHer als unmöglich abgetan wurde, wie, als wollten sie vor allem keine „Feministinnen“ sein (was, wie ihnen die Rechte glaubhaft gemacht hat, auf Verwundbarkeit, einem Opferstatus beruht), sondern „starke Frauen“. Und als solche standen sie solidarisch mit den konservativen Männern in ihrem Leben; Männern, die sich offenbar unfrei fühlten, eingeschränkt durch ein linksliberales Regime. Hier stellt sich immer deutlicher die Frage: Was ging mit dem Feminismus so gründlich schief, dass die Frauen der weißen Mittelklasse den Eindruck gewinnen konnte, dass er gegen sie gerichtet war? Welche Emanzipation hat dort bis jetzt nicht stattgefunden? #freemelania?

Und wie sollen wir in diesem Zusammenhang Trumps eigene #womenwhowork verstehen? Diese sauberen Frauen in Seide und Merinowolle und soften Pastelltönen, die den Eindruck erwecken, als wären sie den ganzen Tag nur von Ledersesseln, Autos mit Fahrern und weißen Tischtüchern umgeben; rein gehalten und geschützt vor jeder alltäglichen Materialität, vor Regen, U-Bahn-Dreck und Blut – Faktoren, die alle arbeitenden Frauen, die ich kenne, bedenken, wenn sie überlegen, was sie anziehen. Zu den zarten Farben kommt das Olaplex®-Blond (so viel Blond) und die üppigen Latisse®-Wimpern, mit denen sie die kaum sichtbaren Pupillen ihrer heftig kohllinierten Augen verdecken. Und das Schweigen. Melanias bedeutsame Worte bei einer Kundgebung in Melbourne, Florida, im Februar 2017 waren das Vaterunser, gefolgt von einigen Plattitüden, mit denen sie ihren Mann anmoderierte. Dem gegenüber steht eine Riege Männer, bei denen man das Gefühl bekommen kann, ihre Gesichter verfaulen vor aller Augen. Ihre Anzüge passen nicht, ihre Körper sind aufgedunsen; sie sehen aus, als bekämen sie Gicht. „Ich diene nach dem Belieben des @POTUS. Seine Botschaft ist meine Botschaft. Seine Ziele sind meine Ziele“ [2] , tweetete Trumps Beraterin, Kellyanne Conway, am Valentinstag an ihre 1,08 Mio. Follower. Auch für Tomi Lahren, Fernsehkommentatorin und Kopf der Botschaft #idontneedfeminism, gilt das. Wie ein Twitterbot in Gestalt von Daddys „Jungen-Mädchen“ aus dem roten (republikanischen) Amerika klingt Tomi kaum wie ihre Altersgenossen, die Nur-so-zum-Spaß-alternativ-rechten Millenials, sondern zusammengebastelt aus den konservativen Werten ihrer Eltern und direkt aus der Studentinnenverbindung gepflückt. Die junge blonde Frau, mit der die Rechte Clicks fischt, ist „natürlich“ nicht nur für die weißen Frauen, die Trump wählten, eine „Inspiration“, sondern auch für die Männer in deren Leben.

Kellyanne Conway and Donald Trump, Trump Tower, New York

Wohin bringt uns diese Entwicklung, bei der ein nicht kleiner Prozentsatz von Frauen willentlich Medien werden – also nicht länger eigenständig und für sich selbst sprechen, sondern vor allem als Kanäle für die Männer, die durch sie sprechen, fungieren? An einen Ort, an dem gesunde, tolerante Grenzen – der Körper, der Landesgrenzen, der Gewalten – dringend (wieder) etabliert werden müssen, bevor sich die hier zeigende toxische Codependenz fest installiert.

Übersetzung: Bert Rebhandel, Anke Dyes

Anmerkungen

[1]White House Oval Office, January 28, 2017
[2]Kellyanne Conway (@KellyannePolls) via Twitter, February 14, 2017.