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Matt Goerzen

Über die Meme der Produktion

Anwesen von Barbara Streisand, Malibu, Kalifornien

Affekte sind neben den Medienstrategien, die sie provozieren, der zentrale Motor des aktuell zunehmenden Populismus. Das heutige politische Klima ist von reaktionären Vorstellungen geprägt, die in den Kommunikationskanälen von Blogs, Kommentarspalten und Bildersammlungen im Netz gären, bevor sie von einer breiteren Öffentlichkeit geteilt werden.

Jede Auseinandersetzung mit diesen digitalen Räumen läuft Gefahr, zur Normalisierung der regressiven Ideen, die in ihnen beheimatet sind, beizutragen. Der Beitrag von Matt Goerzen zeigt jedoch, dass erst die genaue Untersuchung der viralen Meme die Frage zu klären vermag, wann die Rechte die Oberherrschaft über dieses kulturelle Produktionsmittel eigentlich erlangt hat und wie die Linke ihr diese streitig machen könnte.

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BIS VOR NICHT ALLZU LANGER ZEIT wurde das Internet-Mem weithin als politisch vernachlässigbares Medienobjekt betrachtet: als ein merkwürdig iteratives ästhetisches Vehikel, das von Internetusern zumeist mit komischer – und mitunter hintergründiger – Wirkung eingesetzt wird. Doch 2016 stellte eine Vielzahl rechter User eine provokante Behauptung auf – dass sie Donald Trump per Mem in das Weiße Haus gebracht hätten.

Und wenn man durch die immer populäreren Imageboards blättert (wie die Boards /pol/ und /bmw/ auf 8chan) [1] , wo sich diese User versammeln, dann begegnet man immer wieder der Behauptung: „Die Linke kann nicht memen.“

MEME & GENE

Selbst wenn das stimmen sollte (was durchaus sein kann), so war es nicht immer der Fall. Der Begriff „Mem“ wurde in den 1970er Jahren durch den Evolutionsbiologen Richard Dawkins geprägt, der es als „Einheit der kulturellen Vererbung“ verstand, die sich „von Gehirn zu Gehirn“ fortpflanzt. [2] Damit begriff Dawkins Meme als Korrelat zu Genen – als replizierbare Bausteine, die den politischen Körper determinieren, so, wie die Gene den eigentlichen Körper determinieren; und wie bei den Genen sei der Einfluss eines Mems umso nachhaltiger, je „fitter“ es ist. Nachdem er über Jahrzehnte sein Dasein an den Rändern der Sozialwissenschaften fristete, hätte der Begriff „Mem“ selbst ein Opfer der linguistischen Evolution werden können, wäre er nicht Anfang der 2000er Jahre durch User von 4chan und ähnlichen Seiten wiederbelebt worden, um die merkwürdig iterativen, partizipatorischen Medienobjekte zu beschreiben, die ihrem Handeln zentral innewohnen. [3] In diesen webbasierten Kanälen war (und bleibt) ästhetische Produktion durch und durch anonym bei kollektivierter Autorschaft – anders als in der Kunstwelt. Versuchen von Nicht-Usern („Normies“), solche Meme zu appropriieren und damit zu verdinglichen, wird mit virulentem Widerstand begegnet. [4]

Holzschnitt, 14. Jahrhundert

In ihrem Dawkinschen Sinn sind Meme bei ihrer Produktion des Sozialen total (das heißt, das Soziale ist von Memen bestimmt und aufgebaut). Von manchen wurden sie als nicht weniger denn als Produzenten des Bewusstseins selbst verstanden [5] oder als anwendbar auf umfassendere Konzepte, wie etwa Religion. In Dawkins Fassung konnten diese „Viren des Gehirns“ mächtige Memplexe (d.h. die Vernetzungen von einander bedingenden Memen) sein, die fest in der kulturellen Textur unserer Lebenswelten verankert sind; „Gehirnparasiten“, die in der Lage waren, ihren Wirt im Laufe von Lebenszeiten und Generationen zu befallen und die Politik dieser oder jener Gesellschaft zu prägen. Dieser deterministische Aspekt der Meme wurde mit dem Wiederaufleben des Konzepts in den Nullerjahren anfänglich abgeschwächt, um die vom Internet geschaffenen partizipatorischen, verbreitbaren Medienobjekte und -gesten als Meme zu beschreiben. [6] Doch auch diesen neueren Memen wird zunehmend die Fähigkeit zugeschrieben, den Diskurs und die Sichtweisen in der harten Aufmerksamkeitsökonomie der heutigen vernetzten Medienumwelten zu lenken. [7] Auch jenseits der Reflexionen in Think Pieces werden Meme jetzt mit äußerster Ernsthaftigkeit behandelt – sei es von der Militärforschung der US-amerikanischen DARPA, von NATO-Agenten oder den ideologischen Kriegern von ISIS – und als zeitgenössische Kriegswaffen betrachtet. [8]

Der verschwörungstheoretischen Rechten zufolge besaß die Linke einstmals, nicht zuletzt dank der Frankfurter Schule, durchaus Kompetenz in dem, was sie heute „memetische Kriegsführung“ nennt. Laut diesen neuen Rechten brachte die Frankfurter Schule mehr als nur eine theoretische Kritik der kulturellen Produktion (als kapitalistisches, industrielles Unternehmen) hervor. Sie trieb vielmehr einen Prozess des „kulturellen Marxismus“ voran, bei dem die Linke die kritische Theorie einsetzte, um erfolgreich die politische Debatte des Mainstreams zu dominieren – und damit die Kontrolle über die wesentlichen Orte der normativen kulturellen Produktion zu erobern [9] (die Medien, die Universität, die Kunstwelt bzw. das, was diese zeitgenössischen Reaktionäre im Ganzen die „Kathedrale“ nennen). In dieser verschwörungstheoretischen Fassung – verschiedentlich angeboten durch neoreaktionäre Blogs, Chan-Trolle und zeitgenössische Neonazis – liegt die Gefahr durch die Linke in ihrem historischen Erfolg, die Mittel der kulturellen Produktion zu erobern – und damit auch die „Meme der Produktion“. Von der Globalisierung bis hin zum Aufstieg der politischen Korrektheit wird alles auf diesen unterstellten hegemonialen Versuch zurückgeführt. [10]

Kathedrale Notre Dame d'Amiens

Und während man argumentieren könnte, bei der Beschäftigung mit dieser reaktionären Kultur wird eine weitere Normalisierung ihrer regressiven Ideen riskiert, müssen wir uns vielleicht doch mit ihrem Vorgehen auseinandersetzen, um die memetische Maschinerie zu erforschen. [11] Sich gegen etwas verteidigen zu können – oder es sogar sich selbst zunutze zu machen –, erfordert das Verständnis seiner Wirkung. Wie sich zeigen wird, hat die neue Rechte sich Werkzeuge früherer Generationen linker kultureller Kämpfer angeeignet und sie mittels der anonymen Social Media einem neuen Schlachtfeld angepasst. Die memetische Rechte versteht die Avantgarde des 20. Jahrhunderts als memetische Kämpfer par excellence, die mediale Meisterleistungen vollbrachten, indem sie Aufmerksamkeitsstrategien und Kritik einsetzten, um den Status quo ihrer Zeit zu unterbrechen und umzulenken. Es gibt unzählige Beispiele dafür, seien es die Mitglieder der Lettristischen Internationale, die wie Trolle während der im Fernsehen übertragenen Ostermesse 1950 in Dominikanertracht die Kanzel von Notre-Dame erklommen, um den Tod Gottes zu proklamieren, oder die Québecer „Automatistes“, deren memetisches Manifest „Le Refus Global“ von 1948 die Stille Revolution in der Provinz ankündigte, bei der die katholische Kirche in der Region delegitimiert würde zugunsten eines auf ästhetischem und anarchischem Sozialismus beruhenden säkularen Wertesystems. Auch etablierte liberale Aktivität schließt sich hier an – nicht zuletzt die Förderung des abstrakten Expressionismus durch die CIA während des Kalten Krieges, um auf memetische Weise westliche kulturelle Werte zu stärken und international zu verbreiten.

Die Behauptung der neuen Rechten lautet jedoch, dass der liberale Memplex, der die normative diskursive Herrschaft übernahm, sich als unfähig erwies, seine Versprechen auf sozialen Fortschritt einzulösen. Um diese Auffassung einem weiteren Publikum zuzuführen, stieß die Rechte auf eine wirksame Strategie: Sie konnte die Obsession der liberalen Medien für das Neue ausnutzen, um auf dem Rücken von „neuen Namen“ wie „Alt-Right“ und transgressiven Memen wie „Pepe der Frosch“ im Huckepackverfahren antiliberale Ideen in den Mainstream zu tragen. Und dabei konnte sie bestehende Widerstände gegen das politische Establishment, gegen Kulturen der politischen Korrektheit und gegen die Globalisierung mobilisieren und letztlich die liberalen Medien dahingehend ködern, dass sie Inkonsistenzen offenbarten, die als Katalysatoren für ihre eigenen, alternativen Plattformen dienen könnten – oder, wie es die Rechte vielleicht nennen würde, effektiv die „Meme der Produktion“ erobern. [12]

DIE NEUE RECHTE UND DIE MEME DER PRODUKTION

Anfang der 2000er Jahre als voll entwickelte Subkultur aus dem memetischen Trubel von Online-Imageboards entstanden, ist das Trollen die Praxis, durch das Provozieren von peinlichen, oftmals kompromittierenden Reaktionen von ihren Zielscheiben zu Lulz (eine überschreitende Form des Schadenfreude-artigen Humors) zu kommen. Der schnellste Weg zu Lulz, so entdeckten die Trolle, bestand darin, politisch inkorrekte Rhetorik und/oder Subjektpositionen anzunehmen (wobei die Anonymität dieser digitalen Plattformen dies auf entscheidende Weise ermöglichte) und in externe Gemeinschaften „einzufallen“ (z. B. die Kommentarspalten zu bombardieren und Social-Media-Gruppen zu fluten). Bei dieser Aktivität erwiesen sich Internetmeme – sei es als Baits, Shibboleths oder iterative Archive, in denen die Lulz für die Nachwelt aufbewahrt werden konnten – als besonders geeignete Techne. Außerordentlich reaktionsfähig gegenüber dem Aufstieg kompetitiver Aufmerksamkeitsmedien entwickelten sich Meme wiederum aus den sperrigen Memplexen von einst zu agilen ideologischen Liefersystemen, die in der Lage waren, Massen von Gehirnen durch kleine, aber inkrementelle Einwirkungsvorgänge für neue Informationen empfänglich zu machen. [13]

Doch wo war, während die neue Rechte aufblühen konnte, die liberale Linke? Eine Antwort könnte lauten, sie sträubte sich gegen technische Formen und Rhythmen wegen deren angenommener Komplizenschaft bei der kapitalistischen Expansion. [14] Überblickt man die vergangenen Jahrzehnte zeitgenössischer Kunstpraxis, dann sieht man, dass viele linke Kulturschaffende ihre Aufmerksamkeit statt auf Technologie eher auf relationale Ästhetik, partizipative Medien oder auf die Herausbildung sozialer Identität richteten. [15] Ähnlich aus Gründen der Moral disqualifiziert war bei der liberalen Linken – nicht aber bei der Rechten – die Verwendung von „kognitivem Hacking“, einem memetischen Angriff, um die Wahrnehmungen und die entsprechenden Verhaltensweisen menschlicher User zu manipulieren (die Dienste des Datenprofilunternehmens Cambridge Analytica sind hier ein frappantes Beispiel). [16] Eine solche Aktion wäre in den Augen der Linken vor allem eine Herabsetzung persönlicher Handlungsmacht. Nach dieser Argumentation lässt sich vielleicht nicht sagen, dass die Linke nicht memen kann , sondern dass sie es vielmehr abgelehnt hat. [17] Die zeitgenössische Rechte hingegen kennt solche Skrupel nicht. In einer diffusen Übereinstimmung zwischen Chan-Trollen und weißen Suprematisten wurde durch „neoreaktionäre Blogs“ (die sich „Ethno-Nationalismus“, „Männerrechten“, dem „Transhumanismus“ und „Rassenrealismus“ sowie anderen antiliberalen Positionen widmen) eine Art intellektuelles Gerüst geschaffen. Vervielfältigt durch reichweitenstarke Plattformen wie Reddit, Twitter und Facebook konnte die memetische Rechte so ihre Ideen mit bemerkenswerter Effizienz in den politischen Mainstream einbringen.

Ben Morea, „Black Mask“ Nr.1 (New York, 1967); Greg Hill und Kerry Wendell Thorniez (1965), „Principa Discordia“ (Loomatics Untld., 1979)

Wie bei früheren Avantgarden ist die Taktik der memetischen Rechten deswegen erfolgreich, weil sie das Vergnügen an der Transgression mit neuen formalen Erfindungen und Ablenkungen verbindet – und damit die auf Clickbaits und Neuigkeiten versessenen Nachrichtenmedien dazu verführt, sich mit ihren Inhalten zu beschäftigen. [18] Die Aktivität der memetischen Rechten verläuft auf Pfaden, die bereits von früheren Generationen von Trollen beschritten wurden. Ergänzt wird dies durch die in den Medien zu Wort kommenden rechten Experten, die „Pundits“, die die Aktivitäten der neuen Rechten zunehmend als Beweis dafür feiern, dass die Rechte der neue Punk-Rock ist, eine veritable Gegenkultur. [19]

Hier ein Wort zur „Neuigkeit“: Faschistische und rassistische Ideen sind mit Sicherheit nicht neu . Doch diese Ideen wurden wie ein lahmer Konsumartikel, der mit WiFi-Empfang und einer zeitgenössischen Politur aufgepeppt wird, durch die zeitgenössische Rechte so neu verpackt und umgelabelt, dass sie ganz besonders neuartig erscheinen. Medien-Gatekeeper wiederum haben sich auf die Meme der Rechten gestürzt und sie ihrem jeweiligen Publikum sogar erklärt (und damit ganz freiwillig einen Teil der memetischen Arbeit übernommen). Manche halten diese Aktionen für nicht mehr als die amüsante Jagd nach Lulz. Doch für andere fungieren die Meme als trojanische Pferde – als Mittel, um das sogenannte Overton-Fenster, das Diskursfenster, zu öffnen und die politischen Konversationen des Mainstreams mit Ideen zu versetzen, die über normative Kanäle nicht den Raum für Betrachtung bekämen. Dadurch erhielten aufgrund der zähen Eigenschaften der Memetik rechtsextreme Vorstellungen über Rasse, Geschlecht und nationale Grenzen Sendezeit – wobei alle Versuche der etablierten Autoritäten, sie angemessen zu fassen und zu entlarven, diese Ideen nur weiter verbreiteten und ihre memetische Wirkung in immer mehr Köpfen abladen: die „Meme der Produktion“.

LIBERALE MEME UND ABWEHRMASCHINEN

Doch was sind diese „Meme der Produktion“ genau? Was umfassen sie? Sicherlich haben Aktivisten, die innerhalb der Grenzen der liberalen öffentlichen Sphäre tätig sind, in den vergangenen Jahren Memetik zu politischen Zwecken eingesetzt; #blacklivesmatter ist ein Beispiel dafür: ein Hashtag, der sich rasant verbreitete, ein verständliches Vehikel für komplexe Ideen und eine strukturierende Koordinate für gestaltgewordenen Aktivismus. Sein Ziel ist gesellschaftlich fortschrittlich, und doch ist seine Macht begrenzt. Warum? Wie konnte eine Initiative, die versprach, das Leben zu verbessern, die Gesellschaft gerechter und sicherer zu machen, nicht memetisch dominant werden? Während manche in der Linken behaupten mögen, dass der Memplex #blm vielleicht zu revolutionär ist, um sich in der amerikanischen (und wahrscheinlich jeder europäischen) Gesellschaft durchsetzen zu können, würde eine andere Theorie lauten, dass solche Meme, die in ihrer Struktur dem 60er-Jahre-Aktivismus folgen, letztlich von Organisationsweisen abhängen, die seit Langem vom Establishment vorgegeben werden, von dem die Unterdrückung herrühre. Indem sie den bereits sanktionierten Raum für „demokratischen Protest“ und „heilsamen Widerstand“ füllten, öffneten solche Meme, so lautet dieses Argument, das Overton-Fenster nicht, und damit fehle ihnen das alternative Gerüst, das notwendig sei, um eine packende Weise des Systemwandels vorzustellen.

Die Eroberung der „Meme der Produktion“ verlangt hingegen einen substanzielleren Angriff (vergleichbar den Strategien vergangener Avantgarden) auf die Strukturen, die diesen Formen von Öffentlichkeitsarbeit und der öffentlichen Sphäre selbst als Bedingungen zugrunde liegen. Dabei werden auch alternative Plattformen herausgebildet, um sich im Mainstream einzunisten, während parallel dazu die Kräfte, die sie fördern, an Macht gewinnen (wie es bei Trump und Breitbart News der Fall war). [20] Versuche von liberalen Autoritäten, wie der Kampagne von Hillary Clinton und der Anti-Defamation League, das Narrativ eines Mems wie „Pepe der Frosch“ als böse umzuwerten (und ihm dadurch eine Eindeutigkeit und Macht zuzuschreiben, die es vorher nicht besaß), signalisieren gegnerischen Beobachtern nur erhebliche Schwachstellen in der linken/liberalen Machtstruktur. Und natürlich fördern solche Lulz hervorrufende Versuche der Zensur (die wohlgemeint, aber letztlich naiv sind) nur die Ausbreitung des rechtsextremen Memplexes. [21] Linke Aufrufe, den Organisatoren der Rechten „keine Plattform“ zu bieten, werden durch die Bereitwilligkeit der liberalen Medien zunichte gemacht, relativ triviale Ereignisse (wie etwa Richard Spencers Versammlung von weniger als 100 Neoreaktionären im Herbst 2016) als große Ereignisse zu kennzeichnen, die der ungeteilten öffentlichen Aufmerksamkeit Wert seien. [22] Man kann sich nur schwer vorstellen, wie diese Ideen ohne den eigenen, unbeabsichtigt beschleunigenden Aufmerksamkeitsrausch der liberalen Medien überhaupt Teil der Mainstream-Konversationen hätten werden können – was die liberalen Medien auch in den Augen des breiteren Publikums vor allem Glaubwürdigkeit gekostet hat. [23] In einer ironischen Wendung, die der Rechten nicht entgeht, waren es Strategien wie diese, die Hillary Clinton in ihrer Dissertation über die Aktivitäten des linken Organisators Saul Alinsky untersuchte, der 1971 in seinem klassischen Text „Rules for Radicals“ schrieb, dass „es die Aufgabe des Organisators ist, das Establishment durch List und Köder dazu zu bringen, ihn öffentlich als ‚gefährlichen‘ Feind anzugreifen. Die hysterische sofortige Reaktion des Establishments [wird] nicht nur die Kompetenz [des Organisators] bestätigen, sondern automatisch gewährleisten, dass er öffentlich eingeladen wird.“

Vielleicht ist es vollkommen verständlich, warum der liberale Status quo daran gescheitert ist, sich mit dieser Anfälligkeit für das Memetische zu befassen. Sei es aus Prinzip oder aus Zufall, der Neoliberalismus hat sich historisch gesehen als außergewöhnlich gut darin erwiesen, seine schärfsten Angreifer zu vereinnahmen, sogar indem er sie bewarb. Herbert Marcuse beschreibt dies als „repressive Toleranz“, durch die die verdaulichsten Elemente einer gegnerischen Gruppe in den Status quo eingemeindet (wodurch womöglich für einen Augenblick das Overton-Fenster geöffnet wird, allerdings nur einen Spalt breit) und ihre extremistischeren Verbündeten dadurch geschwächt werden. Doch dieser Verteidigungsmechanismus mag für die gegenwärtige Aufgabe letztlich schlecht geeignet sein: Wie sich bereits herausgestellt hat, bewirkt die Einladung von aggressiven Rassisten und Xenophoben nicht nur eine Veränderung der Temperatur, sondern auch eine Veränderung des Zustands.

Die Frage, was die linke/liberale öffentliche Sphäre und das politische System, mit dem sie verbunden ist, tun müssen, um diesen Fehler zu beheben, ist nur schwer zu beantworten. Wo ein Angreifer eine Gelegenheit findet, könnte es auch ein anderer tun. Was, wenn die Linke sich dann doch dafür entscheiden würde, (effektiv) zu memen? Und wenn sie es täte, müssten dann bestimmte Werte, Normen und Mythen neu justiert werden? Würde dies progressive Ziele schwächen oder sich tatsächlich als stärkend für sie erweisen?

Diagram aus dem „#AltWoke Companion”, 2017

DIE ZURÜCKGELASSENEN MEME

Neben dem Aufstieg von neoreaktionären Blogs und libertärer Techne wie 4chan haben sich einige junge zeitgenössische, mit dem Netz aufgewachsene Künstler/innen in ihren eigenen Experimenten memetischer Techne geübt. Künstler-„Surf Clubs“ wie Nasty Nets und das Gemeinschaftsprojekt The Jogging (dessen Inhalte auf Blogs bei Tumblr durchschlugen, um dann von auf Clickbaits basierenden Nachrichtenseiten und darüber hinaus aufgegriffen zu werden) untersuchten das Potenzial autonomer kollektiver Produktion außerhalb der etablierten Kunstwelt. [24] Näher am Mainstream ausgerichtet, hat die Trendprognose-/Künstlergruppe K-Hole die Rolle eines kulturellen Gatekeepers angenommen. Die poetischen „Trend Reports“, die sie anbietet, bestimmten effektiv die Bedingungen der Vereinnahmung ihrer eigenen kulturellen Gemeinschaften durch mögliche Vermarkter. Der von K-Hole geprägte Begriff „Normcore“ war ein memetischer Erfolg, selbst wenn er bald neu gefasst wurde, um genau auf die vereinnahmende Marktlogik zu passen, die er zu stören versuchte. [25]

Die Beziehung zwischen Wert und Autorenstatus jedoch brachte in den genannten Fällen die bei diesen aufmerksamkeitsökonomischen Leistungen immer noch zentralen Individuen dazu, ihre eher autonomen, kollektivistischen Ambitio-nen bald zugunsten etablierter Hierarchien und Ökonomien des kulturellen Sektors aufzugeben. Ein Großteil ihres späteren galerietauglichen Werks wird heute mit dem Etikett „Post-Internet“-Kunst versehen. Ähnliche Probleme haben sich auch in der explizit linken Produktion von feministischen Memer/innen auf Instagram und bei kommunistischen Mem-Accounts auf Facebook ergeben. Ihre Synthesen aus intersektioneller Politik und traditionellen marxistischen Koordinaten mit trendigen memetischen Vehikeln haben sich in bestimmten Kreisen als sehr populär erwiesen. Buzzfeed und Vice haben sie ausführlich behandelt. Aber diese Form von Gemeinschaften ist durch ihre Abhängigkeit von Seiten belastet, bei denen der aufmerksamkeitstechnische Erfolg sich oft in buchstäbliche wirtschaftliche Profite übersetzt; Profite sowohl für die prominentesten Protagonisten/Protagonistinnen wie für die techno--kapitalistischen Plattformen. [26]

Ironischerweise verdankt die rechte memetische Produktion einen Großteil ihres Erfolgs gerade der strikten Ablehnung sowohl des auktorialen Status wie des individualisierten Eigentums. Statt zu versuchen, sich auf Gatekeeper-Positionen in bestehenden sozialen Apparaten zu bewerben oder auf den etablierten Märkten belohnt zu werden, akzeptieren sie weitgehend die Anonymität und die Pseudonymität, um das Establishment anzugreifen – und betrachten dabei sogar wiedererkennbare Vehikel wie Pepe, Richard Spencer oder Donald Trump als kollektive Plattformen, die bei der Verfolgung einer weitreichenderen Agenda hilfreich erscheinen. Derweil bilden sie allmählich die Infrastruktur für ihre eigenen Ökonomien aus (die z. B. auf Micropayment-Konten bei Patreon für populäre pseudonyme Blogger und auf Crowdfunding-Plattformen wie Wesearchr beruhen).

Facebook Campus, Menlo Park, Karlifornien, 2015

DIE MEME DER PRODUKTION EROBERN

Während die amerikanische extreme Rechte heute die Gewinne aus ihren Erfolgen in der Mainstream-Aufmerksamkeit einfährt, haben einige in der Linken – die damit oft Gefahr laufen, in ihren eigenen Diskurszirkeln zum Paria erklärt zu werden – auf diese neue memetische Ökologie nicht mit Zurückweichen geantwortet, sondern sich Notizen gemacht. Empörung als Selbstzweck ausklammernd, scheinen sie wirklich die Werkzeuge und Mechanismen verstehen und auch vereinnahmen zu wollen, die es diesen populistischen Plattformen, Pundits und politischen Vorstellungen – die Breitbarts, Mike Cernovichs, Keks und Calexits [27] – erlaubten, derartige Aufmerksamkeit und Anziehungskraft zu erlangen. Viele Post-Internet-Künstler haben, Tech-Kulturen analysierend, ein großes Interesse für dieses Territorium entwickelt und dabei oft versucht, die Mittel dieses Gefüges auf anderweitige Ziele zu richten. [28] Sobald die Werkzeuge jedoch erobert sind, wo könnten Kulturschaffende dann spannende Botschaften und politische Vorstellungen finden, die es Wert sind, memetisch verstärkt zu werden, und die in der Lage sind, einer Öffentlichkeit, die von den bestehenden linksliberalen Koordinaten nicht überzeugt ist, realisierbare progressive Alternativen anzubieten?

Auf 8chan ist bereits die anonyme Gruppe /leftypol/ entstanden. Die Interessen und das Vorgehen der rechten Seite, /pol/, an esoterischen Rassisten wie Julius Evola spiegelnd, warten sie mit ihrer eigenen Wiederentdeckung historisch vergessener Figuren wie die des egoistischen Anarchisten Max Stirner auf (von dem dort eine Zeichnung von Friedrich Engels als abwandelbares „Reaktionsbild“ ähnlich wie Pepe zirkuliert).

Näher an den diskursiven Koordinaten zeitgenössischer Kunst hat eine memetisch ambitionierte „linksakzelerationistische“ Gruppe, die sich selbst „Alt-Woke“ nennt, sich ebenfalls dieser ehrgeizigen Aufgabe verschrieben. [29] In Abkehr vom Akzelerationismus Nick Land’scher Prägung (im Sinne einer Übernahme der letztlich unmenschlichen techno-kapitalistischen Logik bis zum planetarischen Zusammenbruch) verweist Alt-Woke auf ein im engeren Sinne praktisches, dabei jedoch avantgardistisches Interesse an den politischen Möglichkeiten neuer Technologien; eine Form des „linken Akzelerationismus“, die darauf abzielt, diese mächtigen Prozesse für linke Zwecke umzulenken. Ganz avantgardistisch hat die Gruppe ihre Position in einem „Alt-Woke-Manifest“ verkündet, das öffentlich als Google Doc geteilt wird. Das Communiqué, dessen Autoren als anonyme Gruppe namens ANON identifiziert werden, [30] warnt vor den Grenzen der Identitätspolitik und spricht sich für ein linkes Engagement in „memetischer Kriegsführung“ aus.

Doch diese Ambitionen sehen sich überwältigenden Herausforderungen gegenüber: Während die Meme von Alt-Woke sich auf erprobte memetische Vehikel stützen, beziehen sie sich oft gleichzeitig auf theoretische Koordinaten, die exklusives Wissen und kulturelle Bildung erfordern, um mit Wohlwollen aufgenommen zu werden. Zugleich bleiben viele aus eher akademischen Diskurszusammenhängen gegenüber den theoretischen Mixturen der Gruppe aber zutiefst skeptisch. Und auch wenn eine Praxis, die in der Lage ist, die entschleunigende Mikropolitik und die diskursiven Blockaden zu umgehen (oder zeitweise auszuklammern), die der agonistischen Politik und der Identitätspolitik gemein sind, von manchen begrüßt werden mag, scheint die Konzentration auf diese Theorien durch Alt-Woke selbst – auch wenn sie sie angreifen – bei ihrem bereits winzigen Zielpublikum nur zu weiterer Dissonanz geführt zu haben.

Dahingegen ist die Attraktivität der memetischen Rechten immanent. Sie zieht Anhänger durch den Köder einfacher Überschreitung an, durch wenig mehr als die Identifikation mit ihrem appropriierten Maskottchen Pepe, die Comicverkörperung eines missverstandenen (männlichen) Außenseiters, der von jenen, die nicht willens sind, seine Ambivalenz zu sehen, nun zum Hasssymbol erklärt wird. Die Zustimmung zu Pepe bedeutet für diese Gruppe Freiheit von genau dem, was heute von der politischen Gegnerschaft, von der Linken geboten wird: Freiheit von moralischer Last. Die theoretischen Artikulationen darüber, warum sich dies so „befreiend“ anfühlen mag, können später kommen – wenn überhaupt. [31] Und auch wenn die aufkommende rechte Sphäre der Reaktion voller eigener bitterer Grabenkämpfe und parteiinterner Unstimmigkeiten ist, werden diese Differenzen beiseite gestellt, sobald es darum geht, Spaß haben zu können: ein Establishment, das getrollt werden kann – mit Lulz als Belohnung.

Während die zähen Narrative von linken Bewegungen wie Anonymous und Occupy im Gedächtnis verblassen, lohnt es sich zu fragen, um welche Vorstellungswelt herum sich neue aufrührerische Meme der Produktion entwickeln könnten. Einen (selbst vielleicht problematischen) technischen Horizont im Blick, findet man etwa ein Projekt wie FairCoin, ein Kryptowährungs-Anlagefonds mit dem Ziel ökonomischer Umverteilung. Während FairCoin bereits internationalistische linke Initiativen wie die YPG finanziert – die kurdischen konföderalistischen Anarchisten, die für den Aufbau einer egalitären Gesellschaft inmitten des vom Krieg zerrissenen Nahen Ostens kämpfen –, muss er in der aufmerksamkeitsschwachen westlichen Öffentlichkeit um Unterstützung ringen, auch wenn es großes Potenzial hätte, an memetische politische Vorstellungen anzuschließen. [32]

Während die Rechte sich heute in einer für Angriffe empfänglichen Position konsolidiert, hat die Linke jetzt immerhin damit begonnen, sich zur Übernahme der Techne durchzuringen, die von ihrem Gegner als so wirkungsvoll bewiesen wurde. Wird sich, angetrieben durch die strategische Ignoranz von Plattformen, die zum Vergessen, und von Memplexen, die zur Erinnerung geschaffen sind, ein Weg finden lassen, der Falle der Autorschaft, der Performance des Selbst, des Marktwerts in der Aufmerksamkeitsökonomie und der Pflege der persönlichen Marke zu entkommen – und so die Freiheit finden lassen, um zu spielen, zu memen und vielleicht sogar zu trollen?

Übersetzung: Robert Schlicht

Anmerkungen

[1]8chan.net ist ein Imageboard, das 2014 populär wurde, als eine Reihe von Usern 4chan wegen wegen Zensurbedenken verließen. /pol/ (oder: politisch inkorrekt) ist von Diskussionen über Rasse, Immigration, Gender, „Meme Magic“ und politische Philosophien wie Anarcho-Kapitalismus und Faschismus geprägt. /bmw/ (Bureau of Memetic Warfare, Amt für memetische Kriegsführung) wird von einer kleineren Gruppe von Usern genutzt, um die Anwendung von Memen für den politischen Aktivismus und die psychologische Kriegsführung zu diskutieren.
[2]Richard Dawkins, Das egoistische Gen, Berlin/Heidelberg/New York 1978.
[3]„ [Dawkins] Membegriff [wurde] in akademischen Kreisen unaufhörlich diskutiert, verlacht oder gänzlich abgelehnt“, schreibt Limor Shifman in: „Meme. Kunst, Kultur und Politik im digitalen Zeitalter“, Frankfurt/M. 2014, S. 9.
[4]Als etwa im Jahr 2014 sowohl Nicki Minaj als auch Katy Perry auf ihren Instagram-Accounts Pepes posteten, antworteten die User von 4chan damit, dass sie eine Flut von „poo poo pee pee Pepe“-Memes schufen, um die Figur mit Assoziationen zu versehen, die jedes weitere Aufgreifen von ihr unattraktiv bis unhaltbar machen würde.
[5]In: „Philosophie des menschlichen Bewusstseins“ (Hamburg 1994) schreibt der US-amerikanische Philosoph Daniel Dennett: „Das Bewusstsein ist also ein ungeheurer Komplex von Mem-Effekten im Gehirn.“ (S. 277).
[6]Stattdessen haben Theoretiker des Internet -Mems die einzigartigen formalen Eigenschaften und die partizipatorischen sozialen Verhaltensweisen betont, die ihre Produktion ausmachen: „ [D]ie Darstellung von Menschen als aktiv Handelnden [ist, im Gegensatz zu determinierten Subjekten] grundlegend für das Verständnis von Internetmemen, insbesondere wenn deren Bedeutung im Verlauf der memetischen Verbreitung deutlich verändert wird.“ (Shifman, a. a. O., S. 19).
[7]Einflussexperten haben herausgefunden, dass die Realisierung neuer Meme (in der Sprache der Chans: „Force-meming“) ungemein schwierig ist, dass Meme jedoch, sobald sie akzeptiert worden sind, mit neuen Themen in neuen Narrativen verknüpft werden können – und in diesem Sinne als trojanische Pferde fungieren.
[8]Vgl. etwa das Forschungsprojekt „Social Media in Strategic Communications“ der DARPA sowie den Artikel „Memetic Warfare“ von Jeff Giesea in der NATO-Zeitschrift Defence Strategic Communications (Bd. 1, Winter 2015), http://www.stratcomcoe.org/academic-journal-defence-strategic-communications-vol1. Es ist außerdem zu beachten, dass diese Artikel auf Seiten wie 4chan und 8chan weit verbreitet sind.
[9]Vgl. Ben Alpers, „The Frankfurt School, Right-Wing Conspiracy Theories, and American Conservatism“, in: Society for U.S. Intellectual History , 25. Juli 2011, http://s-usih.org/2011/07/frankfurt-school-right-wing-conspiracy.html.
[10]Rechte Pundits zitieren mit Vorliebe Andrew Breitbarts Diktum, dass „Politik der Kultur nachgelagert ist“. Vgl. etwa http://iasc-culture.org/THR/channels/Infernal_Machine/2017/02/politics-is-downstream-from-culture-part-1-right-turn-to-narrative/; und für den Zusammenhang mit der Frankfurter Schule: http://iasc-culture.org/THR/channels/Infernal_Machine/2017/04/politics-is-downstream-from-culture-part-2-cultural-marxism-or-from-hegel-to-obama/.
[11]Das soll nicht die sicher weise Entscheidung, ein bestimmtes Gedankengut ruhen zu lassen, bestreiten. Doch bereits während des Verfassens dieses Textes sind die möglichen Folgen seines Inhalts bereits hinfällig; zumindest in den USA senden die liberalen Medien diese Inhalte jetzt täglich. Die kritischen Fragen sind nun: Wie wurden die Medien so effektiv manipuliert? Und was passiert als nächstes?
[12]Die Abwandlung des „Fake-News“-Narrativs steht hierfür beispielhaft. Anfänglich ein liberales Mem, um faktisch falsche Clickbait-Artikel zu verurteilen, haben Anti-Establishment-Pundits – einschließlich Donald Trump selbst – das Mem in eine neue Erzählung eingebettet und es auf das Establishment der liberalen Medien selbst angewendet.
[13]Ein nützliches Konzept aus der Kommunikationstheorie ist hier die „Shannon-Entropie“. Sie beschreibt, dass die Rate der Kommunikation davon abhängt, wie vertraut der Empfänger mit den Komponenten dessen, was übertragen wird, ist. Dieser Begriff wird insbesondere dazu verwendet, um zu beschreiben, wie die Aufnahme völlig neuer Information vom Empfänger einen höheren Energieaufwand verlangt und somit die Kommunikation erschwert. Die iterative Funktion von Memen senkt die Aufnahmeschwelle, indem sie auf Grundlage bereits internalisierter und verarbeiteter Verständnisse neue Bedeutung aufbaut und somit weniger Energie für die Aufnahme jedes thematischen oder narrativen Punktes erfordert. Damit können Meme einfacher kognitive „Sicherheits“-Mechanismen umgehen, die dafür vorgesehen sind, Vorstellungen zurückzuweisen, die bereits internalisierte „geschützte Überzeugungen“ infrage stellen.
[14]Die überzeugendsten Formulierungen einer neoreaktionären Politik kamen bemerkenswerterweise von Insidern des Silicon Valley. So ist etwa Peter Thiel einer der wichtigsten Finanziers von Urbit, dem Tech-Start-up von Curtis Yarvin aka Mencius Moldbug (der weithin als der intellektuelle Vater der Neoreaktion angesehen wird). Und Balaji Srinivasan, ein Partner im Venture-Capital-Unternehmen Andreessen-Horowitz, hat sich öffentlich für den Ausstieg des Silicon Valleys aus den Vereinigten Staaten eingesetzt und sich für eine politische Restrukturierung ausgesprochen, die Moldbugs Vision eines „Patchworks“ von unternehmerischen Mikronationen ähnelt.
[15]Diese Wendung lässt sich vielleicht mit dem Verfall der kalifornischen Ideologie verknüpfen – die gegenkulturelle Überzeugung, dass Netzwerktechnologien notwendigerweise eine Restrukturierung ökonomischer und sozialer Beziehungen im Sinne einer stärkeren Dezentralisierung und größeren Gleichheit bewirken würden. Vgl. Richard Barbrook/Andy Cameron, „The California Ideology“, Mute , Bd. 1, Nr. 3, 1995. http://www.metamute.org/editorial/articles/californian-ideology.
[16]Dieser Begriff stammt von Rand Waltzman, dem ehemaligen Leiter des Programms SMISC (Social Media in Strategic Communication) der DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency). Vgl. http://time.com/4064698/social-media-propaganda/. So gibt es etwa zunehmende Indizien dafür, dass Unternehmen wie Cambridge Analytica Datenprofiltechniken eingesetzt haben, um sowohl während der Präsidentschaftswahl in den USA 2016 als auch bei der Brexit-Kampagne auf mechanistische Weise bestimmte Persönlichkeitstypen zu einem bestimmten Wahlverhalten zu bewegen. Vgl. etwa Carole Cadwalladr, „The great British Brexit robbery: how our democracy was hijacked“, in: The Guardian , 7. Mai 2017.
[17]Mit dem Übergang zur Postmoderne haben sich linke und liberale Kulturschaffende offenbar weitgehend von den modernen, technischen, formalen Entwicklungen entfernt und sich hin zur Kritik, zur Befragung von Identität und relationalistischem Affekt und einer agonistischen Politik bewegt.
[18]So hat etwa die neue Rechte vorhandene popkulturelle Tropen wie die „rote Pille“ abgewandelt – ein Begriff aus dem Film „Matrix“, wo der Held vor die Wahl zwischen einer roten Pille (die die Welt so zeigt, wie sie wirklich ist, hier angepriesen als das, was die neue Rechte bietet) und einer blauen Pille (die die Rückkehr in glückseliges Unwissen erlaubt, also das, was sie als linke liberale Position fassen) gestellt wird. Viele Medienunternehmen sehen sich veranlasst, diese rhetorischen Entwicklungen zu erklären und so die memetische Wirkung über ein neues Publikum auszubreiten.
[19]Etwa Paul Joseph Watson von Infowars: https://youtu.be/avb8cwOgVQ8.
[20]Dazu gehören neue Medienplattformen wie Breitbart und Wesearchr und auch Social-Media-Alternativen wie Gab.ai.
[21]Medientheoretiker nennen dies den „Streisand-Effekt“, benannt nach einem Ereignis Barbra Streisand betreffend, als sie versuchte, Fotos von ihrem Haus, die lediglich wenige Menschen gesehen hatten, aus dem Internet zu entfernen, woraufhin die Nachricht über diesen Versuch Tausende von Augen auf diese Bilder lenkte.
[22]Whitney Phillips’ „This Is Why We Can’t Have Nice Things“, Cambridge/Mass. 2015, bietet einen gründlichen Überblick über dieses symbiotische Verhältnis zwischen Trollen und den liberalen Medien.
[23]Die Rechte bewies zusätzlich ihr memetisches Können, indem sie das „Fake News“-Mem der liberalen Medien benutzte und zu diesen zurücklenkte. Einer Umfrage von Gallup im September 2016 zufolge befand sich das Vertrauen in die Mainstream-Medien in Amerika auf einem Allzeittief bei lediglich 32 %. Bei rechten und republikanischen Teilnehmern der Umfrage lag dieser Wert bei nur 14 %. Vgl. Art Swift, „Americans’ Trust in Mass Media Sinks to New Low“, Gallup , 14. September 2016, http://www.gallup.com/poll/195542/americans-trust-mass-media-sinks-new-low.aspx.
[24]Insbesondere The Jogging wurde durch den Produktionsstil von 4chan inspiriert, wie der Mitbegründer Brad Troemel in seinem Essay „What Relational Aesthetics Can Learn From 4chan“ darstellt, http://artfcity.com/2010/09/09/img-mgmt-what-relational-aesthetics-can-learn-from-4chan/.
[25]„Normcore“ wurde von K-Hole zuerst in „Youth Mode: A Report on Freedom“ als eine Strategie aufgeworfen, um „sich in Gleichheit einzuklinken“ als eine Möglichkeit, zeitweise an verschiedenen Gemeinschaften teilzunehmen. In seiner appropriierten Version beschrieb der Begriff bald einen Kleidungsstil – und erschien häufig im Zusammenhang mit Modenschauen und Kleidungskollektionen von GAP. Natürlich ist das bloße Eintreten selbst noch nicht politisch und verfällt beinahe zwangsläufig dem liberal-progressiven Stil schleichender normativer Politik, doch es präsentiert die Möglichkeit der Umwertung durch die Besetzung von Orten der kulturellen Produktion.
[26]Tatsächlich lassen sich viele dieser „Memer“ selbst zu Ausstellungen in kommerziellen Kunstgalerien verleiten. Einige sind auch dazu übergegangen, vermarktbaren Inhalt für Werbezwecke auszustellen. Ihre Aktivitäten führen oft zu höchst angespannten Auseinandersetzungen: über den Wert, für die Produktion von Inhalten bezahlt zu werden – und über die Frage: von wem? –, sowie über die Hierarchien, die diese Ökonomie zwischen den Inhalteproduzenten herstellt.
[27]Kek ist eine ägyptische froschköpfige Gottheit, die die Anons mit Pepe dem Frosch assoziieren. Sie versuchen ihn zu einem „Hyperemblem“ zu machen, indem sie numerologische „Mem-Magie“ verwenden, und, ob ironisch affirmiert oder nicht, er hat sich als machtvoller gemeinschaftlicher Spielrahmen erwiesen. Calexit ist die memetische Forderung nach politischer Autonomie Kaliforniens – und des Silicon Valley – von den Vereinigten Staaten, wie es in den Texten von Neoreaktionären wie Mencius Moldbug beschrieben ist.
[28]Ich denke hier an eine Reihe von Troll-Auseinandersetzungen, die ich in meiner Masterarbeit „Critical Trolling“ dokumentiere und die vielleicht am bündigsten in Simon Dennys und Daniel Kellers Détournement eines Ted Talk versinnbildlicht werden; eine künstlerische Kritik genau der techno-kapitalistischen Regime zu inszenieren, die sie aufführen.
[29]Der Begriff „Woke“ ist ein linguistisches Mem, das aus Schwarzen politischen Communities stammt, um politisch „wache“ Menschen zu beschreiben. Wie das Manifest erläutert, ist seine ironische Übernahme ein Angriff gegen all jene, die das Aufgreifen des Begriffs durch nicht Schwarze Gemeinschaften als problematisch sehen würden.
[30]Alt-Woke Manifesto, 2017, http://tripleampersand.org/alt-woke-manifesto/.
[31]Die memetische Rechte bietet ihren Teilnehmern verschiedene „rote Pillen“, Informationsausbrüche, die etablierte liberale Narrative zerstören und die Eingeweihten zu immer umfassenderen Beschäftigungen mit der neoreaktionären Theorie und dem historischen Revisionismus führen.
[32]Journalistische Berichte von westlichen Linken wie „PissPigGrandad“, die sich mit diesen anarchistischen Kämpfern verbinden, haben das Overton-Fenster bereits auf interessante Weise nach links geöffnet, doch sie müssen noch immer die Einbindung in bleibende memetische Formen finden.