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Alexandra Pirici

Performance Als beschwörung Artist Statement

Alexandra Pirici, “Co-natural,” New Museum, New York, 2018

Alexandra Pirici, “Co-natural,” New Museum, New York, 2018

In ihrem Buch „Friction. An Ethnography of Global Connections“ [1] beschreibt Anna Tsing einen Zyklus von Euphorie und Enttäuschung rund um die „Entdeckung“ von (wie sich herausstellte: nicht existenten) Goldreserven in den Wäldern von Kalimantan, Indonesien. Ihre Schilderung folgt dem Verlauf der Ereignisse und stellt dabei die performative Beschwörungsmacht des Kapitals heraus, die Fiktionen und Dramen, die an den tatsächlichen Verhältnissen vor Ort vorbei in Umlauf gebracht wurden. Diese dienten dazu, Inves-toren für das Vorhaben von Bre-X zu gewinnen, einer kleinen Goldschürffirma aus Kanada, die behauptete, das Vorkommen entdeckt zu haben.

Performance meint hier zugleich wirtschaftliche und dramatische Performance. Die ,Ökonomie der Erscheinungen‘, die ich beschreibe, beruht auf der Relevanz dieses Wortspiels. Das bewusste Herstellen eines Spektakels ist ein notwendiges Hilfsmittel, um Investitionen zu sammeln. Nicht nur Bre-X und andere betrügerische Bergbauprojekte sind auf Spektakel angewiesen. Spektakel sind integraler Bestandteil bei der Suche nach Finanzkapital. Start-up-Firmen müssen ihre Träume dramatisieren, um das Kapital anzuziehen, das sie benötigen, um zu agieren und zu expandieren. Weniger bekannte Rohstoffunternehmen müssen die Ertragserwartungen ihrer Funde übertreiben, um Investoren anzuziehen und so schließlich vielleicht tatsächlich etwas zu erschließen. Das zählt zu den Anforderungen für Investment-orientiertes Unternehmertum. […] In spekulativen Unternehmungen muss der Profit zuerst imaginiert werden, bevor er extrahiert werden kann. Die Möglichkeit ökonomischer Performance muss wie ein Geist heraufbeschworen werden, um ein Publikum potentieller Investoren anzuziehen. Je spektakulärer die Beschwörung, umso eher kommt es zu einem Investitionsrausch. […] Und es sind heutzutage nicht nur Unternehmen, die auf dieses Beschwörungsgeschäft angewiesen sind. Länder, Regionen und Städte müssen ihr Potential dramatisieren, um Unternehmen und Investoren anzuziehen. Dramatische Performance ist die Voraussetzung für wirtschaftliche Performance.“ [2]

Dieser Vorgang, in dem Profitmöglichkeiten in einem performativen, beinahe magischen Akt beschworen werden, wird auch von dem Anthropologen Arjun Appadurai mit den Finanzmärkten sowie mit vormodernen Ritualen und religiösen Aufführungen in Beziehung gesetzt, die ihre eigene Legitimität rückwirkend bewerkstelligen. Sie bringen die Welt hervor, auf der sie beruhen.

Auch die gegenwärtige Welt der sich beschleunigenden Informationsströme weist poröse Grenzen zwischen Realität und Fiktion auf. Das Imaginäre spielt darin eine zunehmend größere Rolle. Aber das, was aus der Vorstellung beschworen werden muss, bevor es Gestalt annehmen kann, muss nicht vorstellbar sein, weil es bereits existiert – wie das Beispiel von China Miévilles fiktionaler Sprache Ariekene zeigt, die sich allmählich metaphorisch verwandelt. Was wir uns vorstellen, was wir beschwören und schließlich möglich machen, muss nicht auf die Idee exklusiven persönlichen Gewinns beschränkt sein.

Performative Praktiken können damit ein Beschwören ganz anderer Art ermöglichen. Statt der monolithischen Sehnsucht nach endlosem Profit (auf Kosten der endlosen Verluste von anderen) können sie auch ganz andere Resultate mit sich bringen. Sie können ein relationales Reales hervorbringen, ein Reales, das aus Verbindungen und Überlappungen besteht, aus Schichten und Knoten, ein Reales, das langsam Gestalt annehmen kann und vielleicht zu faireren Bedingungen führt. Diese Beschwörung könnte auch die, die beschwören, neu oder re-konstruieren: in einen transhistorischen Körper, verteilt über Medien, Raum und Zeit – eine auf den neuesten Stand gebrachte Vorstellung eines Gemeinsamen als relationaler Fragmentierung und nicht als vereinfachender, anachronistischer Einheit. Auch früher schon wurden andere Realitäten beschworen. Sie können Vorstellungen an die Stelle unserer sterbenden Welt setzen, einer Welt, die von maximierender Extraktion besessen ist.

Alexandra Pirici, „Aggregate,“ Neuer Berliner Kunstverein, 2017

Alexandra Pirici, „Aggregate,“ Neuer Berliner Kunstverein, 2017

Die Kunstwelt hat sich etwa zur gleichen Zeit auf die zweite „performative Wende“ eingelassen, in der ihre Rolle bei der Dramatisierung der Potenziale wirtschaftlicher Performance unterschiedlicher Orte und Kontexte gewachsen ist. Selbst Länder und Städte, die mit grundlegenden Krisen zu kämpfen haben, setzen auf das Versprechen von Kunstevents. Meistens ist das aber eine übernommene Erfolgsgeschichte und kein klarsichtiges, nachhaltiges, selbstorganisiertes und langfristiges Vorhaben. Performative Arbeiten sind tatsächlich zunehmend stärker präsent. Allerdings macht ein Blick auf die Statistiken klar, dass die Rolle, die Performance als Medium in Formaten der visuellen Künste im Vergleich zu anderen Medien und auch im Vergleich zu deren Marktzirkulation einnimmt, bei Weitem keine so große ist, es sich nicht um den umfassenden Trend handelt, den Anhänger/innen und Kritiker/innen darin sehen wollen. In einer doppelten und jeweils unproduktiven Attacke bejammern manche den Ausverkauf“ von performativen Praktiken an das Monster der visuellen Künste (problematische Ökonomien, Grenzen und Anachronismen in der Welt der Performancekunst lassen sie dabei unter den Tisch fallen). Andere versuchen, aus dem Spektakelpotenzial des Mediums in der Aufmerksamkeitsökonomie das Maximum für Kunstevents herauszuholen. In den visuellen Künsten tauchen so zwei Arten performativer Praktiken auf und lassen dabei den Kontext und seine Dynamiken unverändert: Die eine nimmt das performative Ereignis als spektakulären Anstoß für die Wertentwicklung von dazugehörigen Gegenständen, die im Zusammenhang entstehen oder darin vorkommen, und die anschließend anstelle der immateriellen“ Performanceaktion auf den Kunstmärkten zirkulieren; die zweite versteht performative Arbeiten einfach als Ereignisse, die in den visuellen Künsten unter dem Status quo des Felds präsentiert werden, ohne adäquate Honorare für Künstler und Performer, aber im Zeichen der Akkumulierung kulturellen Kapitals. Was die deregulierte Finanzwirklichkeit eines Investments ohne absehbare Erträge verbirgt. Unnötig eigens zu betonen, dass ein dritter Weg möglich ist und möglich sein muss.

Live-Präsenz und Live-Arbeiten in öffentlichen und Ausstellungsräumen haben immer noch großes Potenzial, je nach konkretem Anlass: für unterschiedliche Aufmerksamkeitsregimes und unterschiedliche Temporalitäten, für diversere, flexiblere Präsentationsformen, für das Sichtbarmachen von Arbeit, für die Umgestaltung institutioneller Praktiken oder von Museumskollektionen und für die Idee des „Sammelns“ insgesamt, für die Produktion des öffentlichen Raums als eines Raums der Verhandlung und für das Offenhalten von Repräsentation.

Aber der Körper als performativer Handlungsträger ist nur als eine Reduktion dessen vorstellbar, was, biologisch gesprochen, menschlich und lebendig ist, und man übersieht dabei die historischen wie auch die gegenwärtigen Manifestationen einer immer noch zunehmenden Komplexität von Handlungsmacht. Das politische, soziale und ökonomische Terrain bleibt schwierig, die Situation ist ungünstig, und solange Wert auf Exklusivität und Aneignungsspielen beruht, kann jederzeit etwas, was an einem Tag radikal erscheint, am nächsten Tag zu einer Markenbildungspraxis oder einer Norm werden. Man muss deswegen nach durchlässigen, unauffälligen Umwegen oder Auswegen suchen, nach Bündnissen: zwischen dem Analogen und dem Digitalen, dem Lebendigen und dem Nicht-lebendigen, zwischen Objekten und Subjekten, Individuen und größeren Zusammenhängen. Finanzielle, ökonomische Performance versteht sich inzwischen perfekt auf die Verwendung von dramatischer Performance und hat sich diese angeeignet. Um ihr anderes Potenzial zu verwirklichen, um neue Narrative vorstellbar und einen Raum möglich zu machen für eine verbundene, komplizierte und komplexe Realität mit dem Ziel fairerer Verhältnisse, braucht Performance jede Hilfe. Sie muss also weiterhin auf der Hut sein, sie muss sich entziehen und gleichzeitig bereit sein, neue Handlungsmächte in sich aufzunehmen. Der Rahmen ihrer Repräsentation darf nicht leicht zu schließen sein, ihr Format darf nicht leicht zu fixieren sein. Sie muss immer einen Schritt voraus sein. Sie muss bereit sein, zu reagieren und sich auf neue Situationen einzustellen.

Übersetzung: Bert Rebhandl

Anmerkungen

[1]Anna Tsing, Friction. An Ethnography of Global Connections, Princeton/NJ 2008.
[2]Ebd., S. 272