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Vorwort

Mode hat Konjunktur. Auch in der Kunstwelt mehren sich zunehmend die Anzeichen für diese Tendenzen. Häufig wird dabei jedoch der Modebereich mit dem Kunstbetrieb gleichgesetzt. Wenn man aber den Modedesigner als ‚kreativen’ Künstler darstellt – und der Mode somit einen ‚künstlerischen’ Wert zuschreibt -, schleicht sich durch die Hintertür ein ganz traditioneller Kunstbegriff ein. Eine ähnliche Funktion des Imagetransfers wiederum erfüllt der Komplex Mode in jener Fraktion der zeitgenössischen Kunst, die derzeit in den Medien und auf den Kunstmessen die größte Präsenz hat. Dort taucht die Mode entweder als Referenz auf (wie in den Zeichnungen Karen Kilimniks), oder sie ist Gegenstand der künstlerischen Arbeit und bestimmt auch weitgehend deren formale Gestalt (wie bei den Arbeiten von Vanessa Beecroft). Mode fungiert hier als das ‚Kunstfremde’, das in die Kunst hereingeholt wird und Legitimationsgrundlagen schafft. In den Fotos Wolfgang Tillmans hingegen ist Mode nur ein Faktor von vielen (Stefan Germer). Tillmans’ Werk steht exemplarisch auch dafür, wie die von KünstlerInnen entwickelten Ästhetiken auf die Modefotografie zurückwirken (Josephine Pryde).

Die Codes der Modewelt verleigen den Kunstwerken den Anschein von Zugänglichkeit und Relevanz. Diese Form der Wertschätzung lässt sich mit dem Status von Mode erklären: Schließlich handelt es sich um einen Industriezweig, um Massenproduktion und –konsumption, während der Kunstmarkt relatov überschaubare Tauschgeschäfte umfasst. Die Grenzen zwischen Kunst- und Mode-welt sind insofern keinesfalls fließend, wie so oft behauptet wird. Im Gegenteil muß jede Auseinandersetzung mit Mode das für den Bereich Spezifische in den Blick nehmen.

Während sich die Aufmerksamkeit der KulturtheoretikerInnen in den letzten Jahren vorrangig auf Konsum richtete, gilt unser Interesse der Produktion von Mode: nicht den ModedesingerInnen, die dem Klischee zufolge schnelle Skizzen aufs Papier werfen, sondern der in der Regel verdeckten Arbeit, die von WerbetexterInnen, ArtdirektorInnen, NäherInnen und Angestellten der Textilindustrie geleistet wird (Andrew Ross, Dorit Margreiter).

Auch auf der Ebene von neueren feministischen Theorien wurde Mode meistens in Hinblick auf das sie konsumierende Individuum analysiert. Diese Perspektive muß jedoch durch die der Mode eingeschriebenen gesellschaftlichen Funktionen ergänzt werden: Schließlich gehört Mode zu den Orten an denen sich Klassenunterschiede manifestieren und an denen weiterhin Klassenkämpfe ausgetragen werden (Isabelle Graw). Auch wenn sich an Mode durchaus berechtigte Hoffnungen auf soziale Mobilität knüpfen, zementiert sie im Endeffekt die ungleichen gesellschaftlichen Besitzverhältnisse. Der Schwerpunkt dieser Nummer liegt demzufolge nicht auf Mode als identitätsstiftenden Faktor, sondern auf Mode als Ausdruck von gesellschaftlichen Machtbeziehungen.

STEFAN GERMER/ ISABELLE GRAW/ ASTRID WEGE