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Vorwort

"The moment of antagonism where the undecidable nature of the alternatives and their resolution through power relations becomes fully visible constitutes the field of 'the political'. " (Ernesto Laclau)

Auch wenn wir bisher auf bevormundende Einleitungen und bemüht-rechtfertigende Vorworte verzichteten, haben wir uns diesmal entschlossen, Heftschwerpunkte zu erläutern und Texte zu begründen. Das wie immer absichtlich offen gehaltene Heftthema "Die Konstruktion des Politischen" fungiert eher als eine Richtungsvorgabe. Es geht uns um die Frage, wie sich der Anspruch des Politischen ganz unterschiedlich formiert.

Bestimmte Verfahren innerhalb der Kunstproduktion zu isolieren und als "politisch" zu bezeichnen, ist fragwürdig. Denn diese Abgrenzung suggeriert, daß es abseits der solchermaßen ausgegrenzten Arbeitsformen einen Bereich der "reinen "freien" (möglicherweise gar der "wahren") Kunst gäbe, daß Politik mithin störende Zutat zu einem eigentlich Autonomen sei. Nicht, daß umstandslos alles Künstlerische per se politisch wäre: grundsätzlich aber trifft es auf Verhältnisse, in denen es zum Politikum gemacht werden kann. Wie die Kunst ist auch das Politische nichts, was a priori feststünde, sondern vielmehr Produkt einer gesellschaftlichen Interessen folgenden Konstruktion.

Sowohl der den eingebauten Kolonialismus des Feminismus der 1. Welt beschreibende Text Gayatri Spivaks als auch die Interiews mit Zoe Leonard und Werner Tübke sind symptomatisch für die Konstruktion von politischen Haltungen, die einander als Gegenpole bedingen.

Die Äußerungen Tübkes und Büttners bilden eine "symptomatologische Gruppe" und zeigen deutlich, wie eine Art deutsche Geisteshaltung und Kulturkritik aus den unterschiedlichsten Ecken sich wieder nährt und herausbildet.

Das "Politische" hat in der Kritik und im Ausstellungswesen der letzen Jahre eine gewisse Konjunktur. Wenn Felix Gonzales-Torres oder Cady Noland als "politische" Künstler präsentiert werden, wenn die Frage nach der "politischen Korrektheit" zum gängigen amerikanischen Kritikerjargon gehört, wenn schließlich Bruce Nauman als "engagierter Künstler" gefeiert (und gleichzeitig neutralisiert) wird: dann ist es Zeit, nach den Interessen zu fragen, aus denen heraus Kunst und Politik in Verbindung gebracht werden. Oder aus denen heraus — wie dies im Falle der Kunst aus der DDR geschieht — alle Verbindungen zur Politik, welche früher den Reiz und die Besonderheit dieser Produktion ausmachten, gekappt werden.

Die Schwerpunkte dieses Heftes könnten also Feminismus, neuer Konservatismus und DDR-Kunst genannt werden. Im Anschluß an den Lloyd de Mause-Artikel zum Golfkrieg im letzten Heft führten wir diesmal ein Telefoninterview mit dem slowenischen Lacananier und Theoretiker Slavoj Zizek.

Mit dem Text von Nils Werber ("Lacan und die Kunst") und dem Luhmann-Interview meinen wir, eine ausdifferenzierte kunsttheoretische Diskussion zu reflektieren, in der sowohl Jacques Lacan als auch Systemtheorie zur Anwendung kommen und deren "begriffliche Fixierungen" (entgegen der Überzeugung Luhmanns) zu einem "adäquaten Verständnis von Kunst" doch immer wieder führen können.

ISABELLE GRAW / STEFAN GERMER