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Vorwort

Für Kunst heute steht die Kategorie „Raum" nicht nur aufgrund ihrer Relevanz für politische Debatten im Zentrum des Interesses, Mit der Reflexion auf die gesellschaftlichen Räume, an denen Kunst teilhat, ist zumeist auch eine Reflexion auf den konkreten Ausstellungsraum verbunden. Von diesem doppelten Interesse an den sichtbaren und unsichtbaren Räumen der Kunst zeugt nicht nur, dass Kunst auch dort, wo sie sich als Malerei versteht, weitgehend installativ geworden ist, sondern auch, dass diese, wie zuletzt auf der Documenta 1 1 , von politischen Diskussionen um Postkolonialismus, Flüchtlingspolitiken, Urbanismus und Globalisierung perspektiviert wird. Raumtheoretiker wie Michel Foucault, Marc Augé und Henri Lefebvre werden gerade in der Kunstwelt wieder viel gelesen oder zummdest häufig zitiert, die Phänomenologie ist aufgrund ihrer Fülle an raumbezogenen Theoremen erneut in den Blick gerückt, und in der akademischen Kunstgeschichte ist aus einem sich abzeichnenden Interesse an Raumfragen eine Diskussion zu Problemen der Perspektive entstanden.

Diese Ausgabe von Texte zur Kunst ist aus einem Diskussionszusammenhang hervorgegangen, bei dem sich unter dem Namen „Raumgruppe" Theoretiker/innen verschiedenster Herkunft zusammengefunden haben, um die Tauglichkeit historischer und neuerer Raumtheorien bei der Applikation auf aktuelle Problemstellungen am Schnittpunkt von Kunst und Politik zu überprüfen — in ihrer eigenen Forschungsarbeit, aber auch in einer wissenschaftshistorischen Perspektive. Die gemeinsame Arbeit der Raumgruppe spiegelt sich vor allem in der Rubrik „Rotation" in der die Mitglieder „Klassiker" zum Thema im Blick auf ihren aktuellen Gebrauchswert rezensieren.

Der thematische Hauptteil beginnt mit einer im engeren Sinne raumpolitischen Frage: Die Kulturwissenschaftlerin Eva Horn fragt nach der Logik der Grenze. Dass diese das Moment ihrer eigenen Destabilisierung konstitutiv in sich birgt, rückt das Problem der Grenzverletzung ins Zentrum einer Politik, die sich nach wie vor über Grenzsetzungen definiert. Grenzverläufe sind auch durch den viel diskutierten „Empire"-Begriff in Negri/Hardts gleichnamigem Buch zu einem wichtigen Gegenstand geworden. Die Rechtshistorikerin Cornelia Vismann untersucht in ihrem Text, inwieweit sich von der Territonalpolitik des Imperium Romanum aus Licht auf imperiale Strategien in der postnationalen Konstellation werfen lässt.

Die wichtige Rolle, die der Psychologie und mithin dem Verhältnis von Raum und Subjektivität für die Ästhetik zeitgenössischer Architektur und Kunst zukommt, ist angesichts der Vielzahl architektonisch und künstlerisch inszenierter Erlebnisräume offensichtlich. In einem Interview erläutert der Architekturtheoretiker Anthony Vidler die modernen Wurzeln der künstlerischen Sensibilität für das „UnHeimliche" (so die Übersetzung des Ausdrucks „uncanny" in der gerade erschienenen deutschen Ausgabe von Vidlers Standardwerk „The Architectural Uncanny"). Einen demgegenüber radikal „antipsychologischen" Ansatz vertritt Kazuyo Sejima in ihrer diagrammatisch organisierten Entwurfspraxis. Martin Prinzhorn diskutiert in seinem Beitrag die deflationistische Strategie der Architektin.

Die diesjährige Documenta bildet einen wichtigen Schwerpunkt dieser Ausgabe, denn in der Kasseler Großausstellung bot sich den Besucher/innen nicht nur eine Fülle von Bezugspunkten zu den unterschiedlichsten kunstbezogenen und kulturpolitischen Fragen, die zuvor im Rahmen der „Plattformen" separat diskutiert wurden. Darüber hinaus gab auch die „Raumpolitik" bei der Platzierung der einzelnen Beiträge innerhalb der Ausstellungsarchitektur an den unterschiedlichen Standorten Anlass zu zahlreichen Diskussionen. Was architekturnahe künstlerische Ansätze auf der Documenta betraf, so war (neben dem kubanischen Architekten Carlos Garaicoa) der für Constant eingerichtete Raum im Kulturbahnhof sicherlich eine der interessantesten Entdeckungen. Wir drucken deshalb ein Gespräch, das Benjamin H. D. Buchloh vor einigen Jahren mit ihm geführt hat und in dem die extreme Vielfalt der kunsthistorischen Bezugslinien erkennbar wird, die sich an Constants Praxis knüpfen.

Den Auftakt einer Reihe von Statements zur Documenta, in denen von den einzelnen Autor/innen jeweils besonders auf unser „Raum"-Thema bezogene Aspekte hervorgehoben und diskutiert werden, bildet das Documenta-Tagebuch von Renée Green, in dem sie ihre eigenen Erfahrungen im Vorfeld und bei der Documenta-Ausstellung zu einem Resumée zusammengestellt hat. Weit über raumbezogene Aspekte hinaus nimmt sich auch unsere Rubrik „Shortcuts" diesmal dieser Ausstellung in zwölf sehr unterschiedlichen Beiträgen an. Auf unserer Website finden Sie außerdem zwei weitere Interviews. Beatrice von Bismarck hat im Anschluss an einen Documenta-Besuch mit Stephen Prina, intermedial arbeitender Künstler, und mit der Kunsttheoretikerin Miwon Kwon über Grenzkonflikte in Gruppenausstellungen und Probleme der Ortsspezifik gesprochen. Schließlich beschäftigen sich auch einige der Besprechungen in den übrigen Rubriken dieser Ausgabe mit Teilbereichen unseres „Raum" -Themas.

In dieser Ausgabe bieten wir Ihnen zum ersten Mal — und fortan in unregelmäßigen Abständen — eine Sonderedition an, die uns diesmal von Richard Prince zur Verfügung gestellt wurde. Details zu den Editionen finden Sie auf den Seiten 128-133.

CLEMENS KRÜMMEL, JULIANE REBENTISCH, BEATE SÖNTGEN