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Tom Holert

Ein Virtuose der Miniatur Die Kunstkritiken James Schuylers

James Schuyler (Porträt von Darragh Park) James Schuyler (Porträt von Darragh Park)

James Schuyler war Autor von Gedichten, Romanen und Kunstkritiken. Diese zeichnen sich neben ihrer spezifischen Kürze vor allem durch die Genauigkeit ihrer Gegenstandsbeschreibung aus.

Fünfzehn Zeilen, zwanzig Zeilen, sechzehn Zeilen, vierzehn Zeilen. Manchmal auch etwas mehr, dreißig vielleicht. Oder gar fünfzig. Aber letztlich doch lieber fünfzehn. Die Sätze, analog zu den editorischen Restriktionen, knapp - epigrammatisch, elliptisch, entschieden: "The effect of the show is inferior to the works that compose it." "More color is used than before, but this is in costume and props." Gern durch Semikolon getrennte parataktische Einheiten, feinstes Wortspray mit hoher Beschreibungspotenz und bisweilen prekären Dichtegraden: "formulating a chaos into total movement of restless detail and cloud-like battle with a tranquility at center like a shaft of light that breaks through a banked storm." Wo wenig Platz ist, muss man zusammenrücken.

James Schuyler (1923-1991) hat diese Kunst der Stauchung beherrscht.

Er war ein Virtuose poetischer Kompressionen, ein Dichter und Romancier, und als solcher befreundet mit anderen Dichtern der New York School, mit John Ashbery, Frank O'Hara, Ron Padgett oder Barbara Guest. Und er war Redakteur bei ARTnews, von 1957 bis 1962, in einer Zeit, als diese Zeitschrift noch den Kurs der amerikanischen Kunstkritik festlegte.

Schuyler schrieb - neben vereinzelten Features - unzählige Ausstellungsbesprechungen für den Review-Teil, stenografisch-pointierte Texte, weil es so sein musste: Die "Notiz" war das gängige Format der Ausstellungsbesprechung (heute ist das bekanntlich anders). Dabei nutzte er die gegebene Kürze selten für Zwecke des apodiktischen Urteils. Lieber kultivierte er sein intimistisches Interesse am (malerischen) Gestus, an der Faktur, an Farbwerten und an mystischen Qualitäten wie der "rightness of painting".

Die meisten Künstler, über die sich Schuyler damals äußerte, sind heute vergessen: Don Bachardy, Ludwig Sander, Ilya Bolotowsky, Gustave Singier, Philippe Hosiasson, Alfred Rogoway oder Cleve Grey. Aber er konnte ihnen allen fast immer etwas abgewinnen, eine taktile Nuance, ein Kräuseln der Wahrnehmung, "a doughty little Skater against white", "a jerky movement across the surface", "a fingernail-on-blackboard tension". Bisweilen drehte er seine detaillistischen Beobachtungen ins Ironische: "… he has gone in for drips, thin washes, drawings in oil. There is still some sexual symbolizing - though it has lost the zip of the first on-canvas discovery - to remind one that while private parts may look like roses and clams, skyscrapers and mushrooms, and vice-versa, interest matters." Das Interesse an Privatsachen …

Wayne Koestenbaum bezeichnet Schuyler als "bedeutenden Apostel der fremdartigen, geringfügigeren Freuden". In der Tat kündet Schuylers kleine Kunstliteratur von einem Ort, an dem sich Dichtung und Kunstkritik eher gegenseitig bedingen als ausschließen, Argument und Empfindung in eins fallen. Vielleicht konnte sich Schuyler oft so kurz fassen, weil er sich eher auf der Seite von Satie als von Wagner wähnte, wie er in der Besprechung einer Ausstellung von Isabel Bishop andeutet: "A few notes signify like a whole Wagnerian scene - once the premise is accepted."

James Schuyler, Selected Art Writings, hrsg. v. Simon Pettet, Santa Rosa: Black Sparrow Press, 1998.