Ausleben Jutta Koether Besucht Bernadette Corporation

Die zahlreichen Aktivitäten des Künstlerkollektivs Bernadette Corporation, die sich von Zeitschriftenprojekten bis hin zu Videos erstrecken, lassen keine Rückschlüsse auf einen konkreten Ort zu. Im Gegenteil markiert das Label BC einen Nicht-Ort, bzw. einen „Raum der Entsubjektivierung“, hinter dem sich keine Künstlersubjektivitäten ausmachen lassen. Jutta Koether hat sich die Struktur des vorwiegend in New York arbeitenden Kollektivs genauer angesehen.Es kann bei Bernadette Corporation keinen Atelierbesuch im „eigentlichen“ Sinn geben, da es dort diese Form des Beguckens und Auscheckens und Beurteilens von Künstler und Kunstwerken überhaupt nicht gibt. Auch den Produktionsort dieses „Unternehmens“ kann man nicht festlegen. Es stimmt, dass Gespräche rund um Bernadette Corporation und deren Arbeitsplanungen auch immer wieder in einer Wohnung in Brooklyn, New York, stattgefunden haben. So gab es also nichts zu sehen, worüber man sprechen könnte. Außer man wollte anfangen, den Küchenraum dieser Wohnung zu beschreiben. Ich kann sagen, dass sie von einer extremen Geräuschkulisse gezeichnet ist, von fast allen Seiten eindringender Verkehrsstrom-Sound, angereichert von menschlichen Stimmen, oft Kids.

Worüber man hier aber sprechen kann, ist die Form der Attraktion. Eine Verführung. Eine Art kollektiver Produktionszusammenhang, der sich „Corporation“ nennt, aber die verschiedensten Elemente von Gruppenformationen und die darin vorkommenden Rituale sowohl für sich vereinnahmt als auch verdaut und wieder ausstößt. Eine Art „Theater des Geschäfts“ bestimmt die Struktur. Es gibt keine Moral im Geschäft. Aber es gibt jede Menge Kontakte, Geschäftsreisen, Gang-Strukturen, Studien — Bernadette Corporation kann man partyförmig verstehen oder organisiert, an konventionellen oder radikalen Konzepten bastelnd. BC sucht immer Gelegenheiten, sich auszubreiten, sich aber auch mysteriös / anonym hinter ihr Logo zurückzuziehen, Glamour zu produzieren und eine Wirklichkeit oder einen Horizont zu projizieren, in dem sich „Politik und Ästhetik“ zusammenfinden bei gleichzeitiger „radikaler Ablehnung von politischer Identität“.

Diese Bewegungen verursachen Neugier, eine, die bei mir zu einer indirekten Partizipation bei BC geführt hat. Als ich vor ca. drei Jahren auf die Bernadette Corporation gestoßen bin — zu dem Zeitpunkt waren BC in NY und einigen europäischen Städten schon so etwas wie ein „urban myth“ —, zögerte ich nicht, an einem Projekt teilzunehmen, das #KMade In USA#K hieß und eine Publikation war, die das Format Fashion-Zeitschrift aufgriff, aber wie alles von BC eine absichtsvolle Desintegration schon im Kern seiner Entstehung trug. Nach drei Ausgaben zeichnete sich bereits ab, dass andere Formen der Aktion und neue Koalitionen nötig waren, eine Reise und Filmarbeit fand bei den Anti-Globalisierungs-Demonstrationen in Genua im Sommer 2001 statt ... Und dann kam der 11. September, der Schock saß in allen Knochen, und damit war unter anderem auch jede Hoffnung auf eine Finanzierung der vierten Ausgabe dahin. Emotionale Erosionen taten ihr Übriges. Trotz all dem schafften es BC schließlich doch, den Film „Get Rid of Yourself“ fertig zu stellen und in eine kulturelle Umlaufbahn zu bringen.

Um herauszufinden, was BC will oder welche Geschichte sie hat, braucht man keinen Atelierbesuch zu machen. Da schaut man sich besser deren Produkte an, immer wieder ihr Logo. Auch und gerade dann, wenn es vor dem Hintergrund von Turbulenzen und Straßenschlachtstaub erscheint. Um die Details ihrer Arbeits- und Existenzprozesse zu verstehen, muss man daran teilnehmen. Es gibt auch keine künstlerischen Kollaborationen im konventionellen Sinn. Wie gesagt, ich fand es attraktiv, dass es gerade keine normalen Gruppenstrukturen in der grassroothaften oder klassisch interdisziplinären Weise gab (wie etwa bei den Kollektiven „Forcefield“ oder der „Royal Art Lodge“), sondern dass BC eher wie ein urbaner „think tank“ auf- und wieder wegtaucht, in einen Nebel hineinmorpht, dann wieder konkret wird. Sie sind glamourös und sperrig, und man weiß eigentlich auch nie, woran man da ist, denn sie treiben dauernd destabilisierende Prozesse voran, die Inversion von Absichten und Effekten, die eine Analyse des eigenen Treibens nie ausschließt. Nichts, wo man einfach reingehen will oder kann. Obwohl man sich natürlich gerne in der Küche treffen kann.

BC hat mit künstlerischer Produktion zu tun, geht aber auch weit darüber hinaus. BC ist immer auch auch ihr Gegenteil — eine „Firma“ hier und eine Sphäre dort, eine Sphäre, die sich in Versuchsanordnungen formiert, die zeitgenössische Formen von künstlerisch-politischer Sozialität auslebt. Verlust und Versagen nimmt BC auf diese Weise ebenso auf sich wie die Firma natürlich auch Triumph und Freude spürt, an Filmen und dunklen Clownerien, becketthaft. BC ist in einem gewissen Maß frei. Eine Freiheit, die stirbt, wenn man sie nicht gebraucht. Das hat mich zu einer Art dringlicher temporärer Teilnahme bewogen. BC-Werden. Schreiben. Sich aufgeben. Sich gebrauchen. Keine einzelne Entscheidung, sondern die Summe von Erlebnissen, Diskussionen. Es ist eine Performance. Oder die Farce einer Performance, die bildnerische und andere Produkte zur Folge hat. Oder Verluste derselben. Jedenfalls kann ich sagen: Es gibt da eine Attraktion. Leute, die bereit sind, alle Erwartungen zu negieren, während sie sich auch manchmal in eine seltsame Wolke von tautologischer Affirmation hüllen. Eine hinreichende Unbestimmtheit liegt hier vor.

Ich fühle mich von BC aufgefordert, aus dem verengenden, eigenen kleinen psychologischen Raum auszubrechen. Die theoretisch gedachten, transitorischen Lebensräumlichkeiten wollen praktisch gelebt werden. Faire des coups. Modelle von Boheme, Widerstand, kulturellem Aktivismus. Denkzelle, Selbsthilfe, Selbstverwirklichung, Zerlegung von Subjektivität, Wellen von Theorie, von Stilausflügen. Wechseln innerhalb einer experimentellen kollektiven Struktur, post-Factory, post-situationistisch, post-Workshop, immer auch gerne mal wieder selbstzersetzend mit Elementen von Familie, Clans, Anbindungen und strategische Partnerschaften mit anderen Gruppen und Zusammenhängen, lokal und international (USA, Frankreich, Italien, Deutschland etc.).

BC hat auch romantisches Potenzial, denn irgendwie ist es wie dieser ideale Ort, den man angeblich in sich tragen kann ... jedenfalls für Momente, aber er materialisiert sich dann auch eher wieder in Form einer Matte, die sich ausrollen lässt, um neue Momente herzustellen, in denen sich die Kunst mit einem Leben aufladen lässt, das sie vom Dekorativen unterscheidet. BC bietet mir an, eine Art „Jetzt“ zu halluzinieren, und fordert mich auf, phänomenologische Wachheit an den Tag zu legen. Und stetig die Zweifel und den Müll in etwas Goldenes zu verwandeln. Universeller Glimmer. Zur Premiere der nun fertig gestellten Version von „Get Rid Of Yourself“ in Paris, haben wir uns alle ein letztes Mal getroffen. Bernadette Van-Huy, die Namensgeberin von BC, ist inzwischen nach Paris gezogen, wo auch Antek Walczak lebt. John Kelsey ist weiterhin in New York lokalisierbar. Bevor Bernadette die Stadt verließ, lag auf einer der Kisten, über ein paar Bücher drapiert, ihr goldenes Hemd, mit einem großen goldenen runden metallenen Ornament auf der Mitte der Brust. Dekor, Waffe, fuzzy Spiegel von Begehren. Weiterhin mag ich doch sehr, was da los ist. So kam es also, dass ich ein Teil von BC werden wollte. Und dieses Werden lebt sich in Schreiben und Diskutieren aus, und all das hat sich zu einem neuen Ausdrucksvehikel entwickelt. Einem weiteren potenziell extrem chic sich gebärdenden, aber unfasslichen. Zurzeit wird also an einem Produkt-Werden gearbeitet, ein Unterfangen, das „new novel“ heißt und ein kollektiv erstellter Text werden soll, der Roman in und zu der Zeit. BC ist weiterhin in verschiedenen Städten / Staaten aktiv.