Karen Khuarana

Mit Einem Fuss Im Atelier Ein Besuch bei dem Berliner Schuhlabel "Trippen"

Schuh Trippen

Im Unterschied zum Künstleratelier ist das Atelier des Modedesigners schon von Beginn an in den kapitalistischen Kreislauf eingebunden und von daher per se nicht als Ort des Rückzugs oder "Schutzraum" angelegt. Doch trotz der scheinbaren Einheit von Kreativität, Produktion und Verkauf, sind in den letzten Jahren eine Reihe junger Mode-Startup-Unternehmen aufgetaucht, die auf ein eher traditionelles Atelierkonzept zurückgreifen wie ein Besuch bei dem Berliner Schuhlabel "Trippen" aufzeigt.

Der "Trippen"-Schuh folgt immer einem Konzept, das verschiedene Themen generiert und diese Themen zu Schuhen werden lässt. Das Konzept, das die Verbindung von Funktionalität mit komplexem Design zum Grundsatz erklärt, führt zu den hybriden Schuhen, die Clogs mit moderner Turnschuhtechnologie re-interpretieren, Casual Wear mit High heel-Ästhetik oder Bauhausfunktionalität mit kubistischen Formen verkleiden. "Trippen"-Schuhe zeigen in mal puristischer, mal verspielterer Form, dass Ergonomie und das Hochhalten von sozialer wie ökologischer Verträglichkeit nicht ins Wohlfühl-Ökoschuh-Design kippen muss.

Die Themen einer Kollektion sind in den fertigen Schuhen mal deutlicher, mal auch nur noch als Spuren erkennbar. Ihre neueste Kollektion verfeinert beispielsweise die Idee der "Trippen Cups": das Barfuß-Laufen mit Schuhen. Die neuen sogenannten "Elks² bestehen aus weichem Elchleder, unter das am Ballen- wie am Fersenteil jeweils eine Gummisohle genäht wurde. Sie rekurrieren damit auf Typen der Federung, wie sie bei Sportschuhen zu finden sind, lassen aber zugleich eine zweite durchgehende Sohle im Innenteil der Schuhe verschwinden. Der Fuß läuft so quasi barfuß auf einer Innensohle aus dickem Leder, das durch Hitze an seine Form via Modell angepasst wurde. Das robuste Garn, das die unterschiedlichen Elemente miteinander vernäht, verweist seinerseits wiederum auf einen Handarbeitsaspekt und folgt Trippens Prinzip, mechanische Befestigung jeglichen Klebetechniken vorzuziehen. Die verschiedenen gestalterischen Themen (Barfußlaufen mit Schuhen, Turnschuhdesign) und die funktionalen Prinzipien (Mechanik, Ergonomie) werden hier nicht einfach addiert, sondern ineinander gefügt, verschieben sich gegenseitig, bis sie zu einem Schuh führen, der ­ wenn alles gut geht ­ einem gleichsam hybriden wie funktionalem Design folgt.

Das Grundkonzept, ergonomische Formen mit abstrakten Design-Themen zu verbinden, lässt sich auf die Ansprüche der zwei Designer hinter Trippen projizieren. Der gelernte Maßschuhmacher Michael Oehler und die Modedesignerin Angela Spieth haben vor zehn Jahren mit ihrem Schuhlabel Trippen begonnen, weil sie von der Modeindustrie und der bezahlten Handarbeit genug hatten, zu viele ihrer Ideen fielen dort unter den Tisch. Sie trafen sich in einer Design-Transfer-Galerie und nach Jahren des losen Kontaktes gaben sie sich vier Wochen Zeit für ein gemeinsames Konzept, fuhren herum und fanden in einer alten Leistenfabrik Holzsohlen aus den 70ern, mit denen sie in der damaligen Kreuzberger Werkstatt von Michael Oehler herumexperimentierten. Ihre erste kleine Kollektion benannten sie nach den Schuhuntersetzern, die man im 13. Jahrhundert zum Schutz unter seine Schuhe schnallte: "Trippen". Ihre Schuhe landeten zunächst in der Galerie, wo sie von Claudia Skoda und Wolfgang Joop aufgelesen wurden. Mittlerweile produzieren sie in Gartenhallen in Italien und einer eigenen Schuhfabrik in Zehdenick, vertreiben die Schuhe in über vierzig Ländern und haben mit drei Läden in Berlin ihre eigene Präsentationsfläche.

Ihre Präsentationsräume erinnern dabei an verschiedene Ausstellungskonzepte: Das Interieur-Design ihrer Läden geht jeweils mit gleichen Elementen (weiße Wandregale und Terrakottafliesen) auf die vorhandenen Räume ein. In ihrem neuesten Laden in der Schönhauser Allee in Berlin beansprucht jeder Schuh ein eigenes Regalfenster, in dem er einzeln beleuchtet seine Silhouette erkennen lässt. Jeder Schuh wird dadurch zugleich wie ein Einzelexponat herausgehoben und doch in dieser Gasse aus kleinen Regalfenstern in eine Serie eingeschrieben. Auf ihrer Webseite, einem anderen Präsentationsraum, (http://www.trippen-shoes.com) schwebt jeder Schuh ohne Model im weißen Raum mit Namenshinweis und kleinem Konzepttext. Auch wenn die Präsentationsräume an Galerien erinnern, adressieren Trippen dennoch nicht das Kunstsystem. Sie haben kein Manifest, nur Prinzipien, die sich einzeln schon lange in Kunstkontexten finden lassen und die in ihrer Komposition zu einer eigenen Trippen-Identität führen.

Der spezifische Umgang mit künstlerischer Praxis und strukturellen Anforderungen, der Trippen zwischen Kunst, Handwerk und Industrie positioniert, lässt sich auch in den Entwurfs- und Produktionsprozessen der Trippen Schuhe wiederfinden. Seit drei Jahren sind Angela Spieth und Michael Oehler Mieter in den Kiefholzateliers, einer ehemaligen Fabrik aus den dreißiger Jahren in der Nähe des Görlitzer Parks. Im Haus nebenan sind andere Berliner Modemacher, Fotostudios, Webdesignfirmen und leer stehende Räume. Kontakte zu den anderen gibt es nach Auskunft von Michael Oehler allerdings nicht: "Wir sind komplett isoliert." Die Isolation von der "Außenwelt" hält sich dennoch in Grenzen. Achtzig Leute, davon dreißig Part-Timer arbeiten bei Trippen und helfen den beiden Designern, die Produktion, den Verkauf und den Vertrieb der Schuhe zu gestalten. Dementsprechend pflegen die drei verschiedenen Trippen-Räume regen Austausch über die üblichen Kommunikationsmedien. Vom langgezogenen Großraumbüro - rechts die Computerarbeitsplätze, links Freiraum - werden die Produktion und die Verkäufe organisiert. Anfangs war dort das Atelier der beiden Designer, in das für jede Kollektion Material zur Themenfindung hinein getragen wurde. Die beiden Designer "isolieren" sich mit diesem Material aber nur noch zwei Monate im Jahr und kümmern sich in der restlichen Zeit eigens um die Fertigung und den Vertrieb. Mit der Beschleunigung des Entwurfsprozesses erschien ihnen die ursprüngliche Raumaufteilung ungerecht, so dass sie ihr Atelier in einen kleineren, weniger lichtdurchfluteten Raum verlegten. Nun gelangt man vom Büro aus durch das Lager, in das jedes Paar Schuhe zur Ansicht geliefert wird, über die Dachterrasse in ihr Atelier voll von Mock-ups, herumliegenden Zeichnungen, Lederstücken, Holzsohlen, verschiedenen Nähmaschinen.

Entspricht diese räumliche und zeitliche Verlagerung einer anderen Art von Entwurfsprozess? "Wir sind über die Jahre immer schneller geworden. Gleichzeitig aber auch komplexer. Im Vergleich zu anderen ist das natürlich merkwürdig. Nimm zum Beispiel Camper, die haben ein 20köpfiges Design Team. Camper machen aber nicht mehr Design als wir, sondern weniger." Trippen haben sich einen klassischen - wenn heute auch nicht mehr konventionellen - Entwurfsprozess bewahrt. Ohne 3D-Modelling via Computer zeichnen sie auf Papier, kleben Krepppapier über eine Fußform, mit dem dann die dreidimensionale Form auf die Stoffe übertragen werden kann. Die Schnitte werden herausgelöst und auf eine Sohle genäht. So machen sie vier bis fünf Mock-ups pro Tag und suchen am Ende der Woche ein Paar heraus, das dann zum Prototypen weiterentwickelt wird.

Die Schnelligkeit des Entwurfes lässt sich auch auf ihre konzeptuelle Ausrichtung zurückführen. Der Funktionalitätsaspekt des Konzeptes gibt einen Rahmen vor, der durch die Themen der einzelnen Kollektionen schmaler wird. Die Themen haben keine homogene Form, sie entsprechen gefundenem Material wie "Haarfrisuren", "Origami", "Taschen"² oder Vorstellungen wie "Schnelligkeit", "Schutz", "Barfußlaufen mit Schuhen". Durch sie wird der Entwurfsprozess einerseits künstlerisch geöffnet, andererseits funktionieren sie als Restriktionen, die die Designer vor klare Aufgaben stellen, zu denen sie Lösungen suchen. Die Themen markieren mithin nicht nur den Spielraum innerhalb von funktionalem Design, sondern funktionieren gleichzeitig als Beschleunigung durch selbstgewählte Restriktion. Dass die Schuhe trotz schnellerem Entwurfsprozess immer komplexer geworden sind, hat sicher auch damit zu tun, dass Trippen ihre alten Kollektionen nie abwählen, immer wieder alte Themen und Elemente aufgreifen und mit Neuentwicklungen zusammennähen.

Die Themen, die mittlerweile in Tableaus organisiert werden, sind zum Teil durchaus saisonal geprägt von den Richtungen, die die Mode gerade einschlägt. Doch es scheint Trippen dabei weniger um ein simples Marktkalkül zu gehen. Sie versuchen nicht den neuen Trend zu inkorporieren, sondern ihn spielerisch zu interpretieren. Natürlich ist das nah an dem normalen Umgang, den die Modeindustrie pflegt: Den Versuch eine Richtung zu erkennen, die eigens verarbeitet wird, könnte man auch als das allgemeine Prinzip von Mode im Sinne von Trend beschreiben. Die Verarbeitung bei Trippen sieht aber meist tatsächlich nicht aus wie die Mode selbst, sondern wie eine Lesart ihrer. Durch die Übersetzung in ihr funktionales Design werden die Schuhe zu einer Art Gegenstück oder Lektüre des modischen Themenmaterials. Das befreit die Designer dennoch nicht davon, gleichzeitig Mitspieler zu sein und eine Position im Markt zu suchen oder aufzufangen. Auch wenn es natürlich oft eine eher spezielle, vielleicht sogar lustig-absurde Marktposition ist, um die es dabei geht ­ wie etwa die Anwärterschaft auf den nächsten Japan-Boom: "Wir haben das schon mal so erfahren, da war es eine ähnliche Situation, wie jetzt, dass alle Sportschuhe getragen haben und lange Zeit nichts Neues kam. So ein Japan-Boom dauert aber meist nur ein, zwei Jahre, weil die Japaner in der kurzen Phase, in der sie frei sind, zwischen Schule und Beruf ganz viel ausprobieren und interessanterweise alle das Gleiche. Nach zwei Jahren sind die aber wieder weg. So funktioniert das, glaube ich. Wir haben Anfang der Neunziger die Camper mit ihrem Pelotas-Vorgänger in Japan abgelöst, dann kamen die Pelotas und danach die Nike Schuhe. Und jetzt könnte, es sein - aber wir machen die Schuhe nicht deshalb." Vielleicht lösen Trippen mit ihrer Sommerkollektion tatsächlich einen erneuten Japan-Boom aus. Aber auch dann werden Trippen weiterhin ein Experiment bleiben, eines das zur Zeit gut funktioniert.